Individuum 13 muss qualvoll gestorben sein. Ist er beim Angriff auf die feindliche Infanterie vom Pferd gestürzt und dann durch einen Schwerthieb in den Bauch niedergestreckt worden? Die schwere Stichverletzung an seiner Lendenwirbelsäule jedenfalls ist auch fast vier Jahrhunderte nach seinem Tod deutlich zu erkennen. Vermutlich hat die Klinge sein Gedärm zerfetzt, und er ist langsam verblutet. Allerdings begann das Leiden dieses Soldaten, der nicht älter wurde als 25 oder 30 Jahre, nicht erst in jener Schlacht, die ihm den Tod bringen sollte. Schon in seiner Jugend hatte er sich den rechten Oberschenkel gebrochen. Anschließend waren die Knochen schief zusammengewachsen, sodass sein rechtes Bein gut acht Zentimeter kürzer war als das linke. Durch jahrelanges Hinken war das rechte Hüftgelenk völlig verschlissen; er hat starke Schmerzen aushalten müssen. Ganz bestimmt war er ein Kavallerist; die langen Fußmärsche der Infanterie hätte er nicht durchgestanden.

Das Skelett des unbekannten Söldners wurde mit den sterblichen Überresten von 46 weiteren Soldaten im Herbst 2011 in einem Massengrab zwischen Leipzig und Naumburg gefunden, nahe dem Ort Lützen. Alle waren gefallen in der Schlacht zwischen kaiserlichen und schwedischen Truppen, die sich am 16. November 1632 hier zugetragen hatte. Ohne Waffen und vermutlich nackt, geplündert von der Soldateska oder der Lützener Bevölkerung, waren die Toten einige Tage nach der Schlacht eingesammelt und neben der Via Regia, einer mittelalterlichen, über Weißenfels und Leipzig führenden Handelsstraße, in eine Grube gelegt worden.

Es spricht viel für eine vernichtende Niederlage der kaiserlichen Truppen an jenem nebligen Morgen. Hier, auf den weiten Feldern vor der kleinen kursächsischen Stadt Lützen, treffen die beiden größten Strategen ihrer Epoche zum ersten und einzigen Mal im Kampf aufeinander. Albrecht von Wallenstein, Generalissimus Seiner Majestät des Kaisers, hat den Oberbefehl über die kaiserlich-katholischen Truppen; Schwedens König Gustav II. Adolf führt das protestantisch-schwedische Heer. Wallenstein ist in der deutlich schwächeren Position. Er hat bereits begonnen, Teile seines Heeres ins Winterquartier zu schicken. Erst am Vortag hat er Feldmarschall Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim mit 2300 Elite-Kavalleristen und 2700 Fußsoldaten gen Halle ziehen lassen. Als der Schwedenkönig erfährt, dass die kaiserliche Armee stark geschwächt ist, entschließt er sich zu einem schnellen Angriff. Mit seinen 19.000 Soldaten will er Wallenstein, der kaum mehr als 12.000 Männer unter Waffen hat, in einem Überraschungsangriff vernichtend schlagen.

Wallenstein wiederum ist durch Boten über die heranrückende schwedische Streitmacht informiert worden. Er entscheidet sich, über Nacht in Lützen zu bleiben und seine Armee dort auf die unausweichliche Schlacht vorzubereiten. Eilig depeschiert er Pappenheim zurück: "Der Feindt marchirt hereinwarths, der Herr lasse alles stehen undt liegen undt incaminire sich herzu mitt allem volck undt stücken [Kanonen] auf das er morgen frue bey uns sich befünden kann." Nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt kampieren die beiden Heere in jener Nacht, die der Schlacht vorangeht – einem der größten, blutigsten, verlustreichsten und mit mehr als sechs Stunden Dauer längsten Waffengänge des Dreißigjährigen Krieges.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist es vor allem die am besten erforschte Schlacht dieses brutalen Krieges. Fünf Jahre lang, von 2006 bis 2011, wurde der Kampfplatz systematisch untersucht. Initiator des internationalen Forschungsprojekts "Schlachtfeldarchäologie Lützen" war der Historiker Maik Reichel, geboren im nahe gelegenen Weißenfels und heute Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt. Schon als kleiner Junge stand er gebannt vor dem großen Diorama der Schlacht im Museum des Lützener Schlosses. Von jeher habe ihn die Frage umgetrieben, "was mit all diesen Toten geworden ist", erzählt Reichel. "Die müssen doch alle noch da liegen, da draußen auf den Feldern."

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/17.

Der Fund des Massengrabs im August 2011 war eine kleine archäologische Sensation, die Bergung ein Kraftakt. Als 55 Tonnen schwerer Erdblock mit sechs mal sieben Meter Grundfläche, eingepfercht in ein Gerüst aus Stahl und Holz und aus logistischen Gründen zersägt in zwei Teile, wurde die Grabstätte mit den Überresten der 47 Soldaten aus dem Boden geschält und dann zur Untersuchung ins Labor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle transportiert. Dort begab sich ein Team aus Anthropologen und Archäologen daran, für jeden der 47 einen individuellen Steckbrief seines Lebens und Sterbens zu erstellen und die Namenlosen nicht nur mit Ordnungsnummern zu versehen – Individuum 1 bis 47 –, sondern ihnen auch einen Teil ihrer Identität zurückzugeben.

Skelette sind biohistorische Urkunden, die detaillierte Informationen über die Verstorbenen bergen. Die Gefallenen waren zwischen 15 und 50 Jahre alt, als sie starben. Das Lützener Grab zeugt von ihren tödlichen Verletzungen, aber auch davon, wie sie gelebt hatten, von Krankheiten und Ernährungsgewohnheiten. Bei etlichen wiesen degenerierte Schultergelenke und Ermüdungsbrüche auf lange, strapaziöse Fußmärsche mit schwerem Gepäck hin. Einige litten an Syphilis in fortgeschrittenem Stadium. Der Anteil der Kohlenstoff- und Stickstoffisotope in den Rippenknochen wiederum gibt Aufschluss über die Ernährung. Zur Grundversorgung standen offenbar Brot und Bier, Milchprodukte, Eier und Fleisch auf dem Speiseplan. Querrillen in den Zähnen sind Zeichen für krankheits- oder hungerbedingte Wachstumsstörungen während der Kindheit.

Im brandenburgischen Wittstock, wo im Frühjahr 2007 Bauarbeiter ein Massengrab mit 125 Skeletten aus der späteren Schlacht vom 4. Oktober 1636 entdeckten, gelang es der Potsdamer Rechtsmedizinerin Hilja Hoevenberg sogar, einem der Toten wieder ein Antlitz zu geben. Anhand des Schädels modellierte sie das Gesicht eines vermutlich aus Schottland stammenden Söldners. Der Mann war regelrecht hingeschlachtet worden. Nachdem ihn ein Schuss in den rechten Oberarm getroffen hatte, durchdrang im Nahkampf ein schwerer Hieb den Schädelknochen an der rechten Schläfe. Schon am Boden liegend, erhielt er einen tödlichen Dolchstich in die Kehle und danach noch einen Tritt auf das Gesicht, worauf sein Unterkiefer in drei Teile zerbarst.