Kaum ein Monat vergeht ohne Schreckensmeldungen über einen Amoklauf in einer Schule oder auf einem öffentlichen Platz. Das Muster der Reaktionen scheint dabei ebenso gleichförmig wie der Ablauf der Taten: Empörung, Fassungslosigkeit, Unverständnis, Ohnmacht. Den ersten Schlagzeilen folgen stets eine minutiöse Rekonstruktion, ein detailliertes Porträt des Täters und eine aufgeregt-hilflose politische Debatte, die im Wesentlichen ohne Konsequenzen bleibt. So wirkt es, als sei die rasende Schießwut ein zeitloses Phänomen, das sich immer und überall auf dieselbe Weise vollzieht. Zugleich sind Amokläufe als Medienereignisse fest in der Moderne verankert, ja sie scheinen ein Signum unserer Zeit zu sein. Wie passt das zusammen?

Erschließt sich die Antwort aus der Geschichte des Amoklaufs? Diese beginnt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, als überall auf der Welt "amoktaugliche" Waffen wie Revolver oder selbstladende Pistolen auf den Markt kommen. Sie stammen aus industrieller Massenproduktion und sind zu erschwinglichen Preisen zu kaufen. Zeitgleich mit der Verbreitung dieser Waffen ist für Deutschland die erste "Schulschießerei" überliefert: Der Saarbrücker Gymnasiast Julius Becker feuerte 1871 mit einem Taschenrevolver auf zwei seiner Mitschüler und verletzte sie schwer. Vor Gericht gab er zu Protokoll, durch ihre Hänseleien beschämt und zur Tat gereizt worden zu sein.

Für die nächsten 40 Jahre verzeichnet die historische Überlieferung im deutschen Kaiserreich keine weiteren Amokläufe. Bis zum Jahr 1913: Am 20. Juni ermordete Heinz Jacob Schmidt in der Bremer Sankt-Marien-Schule fünf Mädchen und verletzte weitere Schüler und Lehrer zum Teil schwer. Der arbeitslose Lehrer hatte im Schulgebäude wahllos um sich geschossen, ehe er von Passanten überwältigt wurde.

Im September desselben Jahres folgte eine vergleichbare Tat in Mühlhausen an der Enz: Der Stuttgarter Volksschullehrer Ernst Wagner steckte mehrere Häuser in Brand und schoss blindwütig auf die flüchtenden Bewohner – neun Menschen starben. Zuvor hatte er seine Ehefrau und seine vier Kinder getötet. Ebenso wie der Schüler Julius Becker 40 Jahre zuvor gab auch Ernst Wagner an, durch den Hohn seiner Mitmenschen zur Tat getrieben worden zu sein.

Die deutsche und internationale Presse berichtete über die Bluttaten, aber sie besaß noch keinen spezifischen Begriff für dieses Phänomen. Zwar hatten westliche Forscher "Amokläufe" bereits seit dem 16. Jahrhundert im Kontext der fernöstlichen malaiischen Kultur beschrieben, und die englische Presse benutzte das Wort mit Blick auf public shootings erstmals um die Wende zum 20. Jahrhundert. Doch öffentliche Verbreitung fand der Begriff deutlich später: Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde "Amok" zum gebräuchlichen Terminus für "schwere zielgerichtete Gewalt an Schulen", seit 1973 findet sich ein Eintrag im Duden.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2018.

Bildet dies lediglich einen veränderten Sprachgebrauch ab, oder existierte das Phänomen des Amoklaufes in früheren Jahrhunderten nicht? Die Begriffsgeschichte belegt, dass Sprachwandel die Veränderung der Lebenswelt anzeigt. Wie also sind die Schießereien des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts in Relation zu den uns bekannten Amokläufen zu verstehen?

Der Bremer Schütze Heinz Jacob Schmidt war mit mehreren Revolvern und Browningpistolen bewaffnet. Im frühen 20. Jahrhundert war der Besitz solcher Waffen normal: Der Handel unterlag keiner Regulierung, jeder konnte sich in Waffengeschäften oder per Versandhandel Revolver und Pistolen beschaffen. Bei jugendlichen Käufern war die seit 1903 in der Lütticher Fabrique National produzierte "Browning 1900"-Pistole sehr beliebt. Aus dem einfachen Zugang resultierte eine enorme Verbreitung von Handfeuerwaffen, die auch im Alltag Verwendung fanden: Auf Reisen, in der Gaststätte, auf der Kirmes, in der Schule oder am Arbeitsplatz, zur Selbstverteidigung, für sportlichen Wettkampf oder fürs Renommieren – fast immer trugen Männer und Frauen zu Beginn des Jahrhunderts ihre Waffen bei sich. Einzig in der Kirche und bei Gericht war der Revolver in der Hosentasche strikt untersagt.