Am 22. Juni 1924 betritt Fritz Haarmann die Wache am Hauptbahnhof Hannover. Er übergibt den Polizisten einen Jugendlichen, der eigentlich unter öffentlicher Fürsorge im Heim lebt. Ein Herumtreiber sei das, sagt Haarmann. Als die Beamten den Jungen befragen, kommt heraus, dass er Haarmann schon länger kennt, mehrmals bei ihm gewesen ist und auch in seiner Wohnung in der Altstadt übernachtet hat. Sie hätten zudem Geschlechtsverkehr gehabt, sagt der Jugendliche, wobei Haarmann ihn mit einem Messer bedroht habe.

Gerüchte über Fritz Haarmann kursieren zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze Weile in Hannover – ausgerissene Jugendliche wissen, dass man bei ihm übernachten kann. Haarmann betreibt einen regen Schwarzmarkthandel mit Kleidern und Lebensmitteln, der zumindest seinen Nachbarn in der Altstadt bekannt ist, denn sie kaufen gelegentlich etwas bei ihm. Auch die Polizei hat Haarmann als Kleinkriminellen registriert. Dass er als Jugendlicher Sittlichkeitsvergehen begangen hat, ist in den Akten ebenso vermerkt, scheint aber in Vergessenheit geraten zu sein. Erst durch seinen Besuch auf der Wache kommen die Beamten der Serie von blutigen Verbrechen auf die Spur, die bis heute mit dem Namen Haarmann verbunden ist und in zahlreichen Filmen, Romanen, Sachbüchern, Theaterstücken, Kunstwerken und sogar in einem Gassenhauer verewigt wurde.

Die Morde Haarmanns sind der vielleicht bekannteste Kriminalfall der deutschen Geschichte, der zugleich typisch ist für das 20. Jahrhundert. Weniger mit Blick auf die Häufigkeit solcher Gewalt- und Sexualverbrechen, sondern hinsichtlich der Aufmerksamkeit, die ihnen geschenkt wurde und wird. Ähnliche Bekanntheit erlangten vor allem Amokläufer oder Terroristen. Tatsächlich wollte Haarmann durch seine Taten berühmt werden: Er wünschte sich, dass seine Hinrichtung gefilmt werde, ins Kino komme und die Geschichte auf der ganzen Welt verbreitet werde. Dass ein Täter wie er und seine Verbrechen durch eigenes Zutun und starkes Medieninteresse so ins Rampenlicht gerückt wurden, bedeutet aber auch, dass Teile der Geschichte im Dunkeln blieben: Fritz Haarmann war kein unbeschriebenes Blatt, sondern der Polizei und seinem Umfeld schon lange als Sexualtäter bekannt.

Weit vor 1924 hatte Fritz Haarmann begonnen, Kinder und männliche Jugendliche zu missbrauchen. Bereits 1896 wurde in Hannover das erste Strafverfahren gegen ihn eröffnet. Er war damals 17 Jahre alt; man beschuldigte ihn, Kinder zu sexuellen Handlungen gezwungen zu haben. Haarmann wurde eine "krankhafte Störung der Geistestätigkeit" bescheinigt, das Verfahren wurde deshalb eingestellt und der Angeklagte in einer Heilanstalt untergebracht. Von dort floh er, setzte sich ins Ausland ab, kam wieder nach Deutschland, wurde zur Armee beordert, entlassen und kehrte am Ende zurück nach Hannover. Seinen Unterhalt bestritt Haarmann mit kleinen Diebstählen, Einbrüchen und Hehlereien. Mehrfach wurde er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, auch wegen sogenannter Sittlichkeitsdelikte. Den Ersten Weltkrieg verbrachte er hinter Gittern.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2018.

1918 verdächtigte man ihn, mit dem Verschwinden eines 17-Jährigen in Verbindung zu stehen – doch die Polizei ging der Sache nur zögernd nach. Die Eltern des Verschwundenen hatten zwar einen Verdacht: "Dieser Haarmann, der der Polizei bekannt ist, soll junge Leute an sich locken und mehrere von diesen jungen Leuten sollen seitdem spurlos verschwunden sein." Eine öffentliche Suche nach ihrem Sohn wünschte die Familie jedoch nicht, weil auf diesem Wege seine vermeintliche Homosexualität bekannt geworden wäre. Die Eltern fürchteten, im Freundeskreis bloßgestellt zu werden.

Homosexualität stand auch in der Weimarer Republik unter Strafe, weshalb man den jungen Männern später eine Mitschuld an Haarmanns grausigen Taten zuschreiben sollte. Er selbst verachtete seine Opfer und lachte über sie: "Och, das waren nur Puppenjungens", sagte er nach seiner Verhaftung.

Haarmann spähte sie vor allem am Hauptbahnhof Hannover aus. Meist sprach er männliche Jugendliche an, die allein unterwegs waren, nahm sie mit nach Hause oder vermittelte sie an andere Männer. Es gab eine Reihe von Komplizen, die von Haarmanns Treiben wussten und ihm halfen: Der wichtigste war Hans Grans, der wesentlich jünger war und ein kompliziertes, vielleicht auch sexuelles Verhältnis zu ihm hatte. Angeblich schickte Grans nicht nur Jungen zu Haarmann, sondern verkaufte später unter der Hand auch deren Kleidung.