Die Erforschung der Kriminalität und ihrer Ursachen hat eine lange Geschichte. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchten viele Praktiker, auch die Hintergründe von Verbrechen zu erhellen: Polizisten und Strafanstaltsbeamte, Richter und Rechtsprofessoren, Geistliche und Mediziner stellten sich die Frage, warum Menschen zu Tätern werden. Dem weiten Spektrum der Beteiligten entspricht die Vielfalt der Erklärungsansätze.

Während die sogenannten Moralstatistiker Kriminalität als ein Kollektivphänomen begriffen und Schwankungen in der Eigentumskriminalität auf soziale Ursachen zurückführten, bevorzugte die Mehrheit der kriminologisch interessierten Praktiker in dieser Zeit eine biografische Herangehensweise, die erklären sollte, wie und warum Rechtsbrecher vom Pfad der bürgerlichen Tugend abgewichen waren. Sie konzentrierten sich damit auf das moralische Versagen von Kriminellen – nicht etwa auf Defekte ihrer Persönlichkeit.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wandelten sich die kriminologischen Debatten grundlegend, weil sich einerseits die Nachfrage nach Forschung und andererseits auch das Angebot durch neue Theorien veränderte. Den entscheidenden Impuls für neues Denken und Handeln gab das Aufkommen einer Strafrechtsreform-Bewegung, angeführt von dem Strafrechtsprofessor Franz von Liszt. Dieser vertrat die Auffassung, dass der Zweck der Strafe nicht in Vergeltung liege, sondern darin, den Täter von künftigen Verbrechen abzuhalten. Die Vergeltungsstrafe solle durch die "Schutzstrafe" ersetzt werden. Daher forderte Liszt, dass die Strafe sich nicht mehr nach der Schwere des Verbrechens, sondern nach der Gefährlichkeit des Täters richten solle. Mit diesem Eintreten für individualisierte, präventive Sanktionen erwachte das Interesse der Reformer an der Person des Straftäters und an den Ursachen kriminellen Verhaltens. Von kriminologischer Forschung erwartete man nun, dass sie zwei Fragen beantwortete, die bei der Reform des Strafrechts eine zentrale Rolle spielen sollten: Wie kann man die Gefährlichkeit eines Straftäters prognostizieren? Und wie kann man verhindern, dass er weitere Verbrechen begeht?

Die provokantesten Antworten gab der italienische Psychiater Cesare Lombroso in seinem Buch L’uomo delinquente ("Der verbrecherische Mensch") aus dem Jahre 1876. Darin vertrat er die These, der "verbrecherische Mensch" repräsentiere einen separaten anthropologischen Typus. Auf der Basis von Post-mortem-Untersuchungen von "Verbrecherschädeln" sowie anthropometrischen Messungen und psychologischen Beobachtungen behauptete Lombroso, dass der verbrecherische Mensch durch bestimmte Merkmale charakterisiert sei, etwa durch einen kleineren Schädel (mit bestimmten Charakteristika aus der Tierwelt), einen größeren Körper, henkelähnliche Ohren, Unempfindlichkeit gegen Schmerzen oder eine hohe Sehkraft. In den ersten Auflagen seines Buches interpretierte Lombroso diese Merkmale als Zeichen eines evolutionsgeschichtlichen Rückschlags ("Atavismus") und zog daraus den Schluss, dass der geborene Verbrecher "in seiner Person die wilden Instinkte der primitiven Menschheit und der niederen Tiere reproduziert".

Die starke Ausstrahlung von Lombrosos Thesen auf die Diskurse zu Kriminalität und Strafrecht nicht nur in Europa im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert hat mehrere Ursachen. Seine Theorie beanspruchte umfassende Geltung; während etwa der "moralische Schwachsinn" als eine seltene Diagnose betrachtet wurde, behauptete Lombroso, dass die Mehrheit der Straftäter geborene Verbrecher seien. Außerdem investierte er enorme Energie in die Verbreitung seiner Theorie: Lombroso schrieb eine Flut von Aufsätzen und publizierte sein Buch in fünf Auflagen. Die ständige Überarbeitung konfrontierte seine Kritiker immer wieder mit Modifikationen seiner Argumente, sodass die Auseinandersetzung nie endete.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2018.

Zugleich war das Interesse unter deutschen Gefängnisärzten und Psychiatern, sich mit Lombrosos Thesen zu beschäftigen und selbst zu kriminologischen Themen zu forschen, außerordentlich lebhaft. Dies lag nicht nur daran, dass Lombroso eine biologische Theorie vertrat, die gerade unter Medizinern Reaktionen hervorrufen musste. Zwei Entwicklungen in der Psychiatrie spielten ebenfalls eine Rolle.

Zum einen versuchte die deutsche Psychiatrie im späten 19. Jahrhundert, ihre Kompetenz über Geisteskrankheiten hinaus auf geistige Abnormitäten auszudehnen, die im Grenzbereich zwischen Krankheit und Gesundheit angesiedelt waren. In der Sprache der Zeit wurden solche Abnormitäten als "geistige Minderwertigkeiten" oder "Psychopathie" bezeichnet; heute würde man von "Persönlichkeitsstörungen" sprechen. Da geistige Abnormitäten vielfach mit Devianz und Delinquenz assoziiert wurden, führte die psychiatrische Eroberung dieses Grenzgebiets auch zu einem verstärkten Interesse an kriminologischer Forschung.

Zum anderen wollten einige ambitionierte Psychiater die Rolle ihres Fachgebietes in der Strafjustiz erweitern. Dieses Ziel fand einen frühen Ausdruck in dem Buch Die Abschaffung des Strafmaßes von Emil Kraepelin aus dem Jahr 1880. Der Autor war Professor für Psychiatrie in Heidelberg und einer der prominentesten deutschen Psychiater. Kraepelin forderte die Abschaffung fester Strafmaße zugunsten individualisierter Behandlung und eine Reorganisation des Strafrechts nach dem Muster psychiatrischer Kliniken. Die traditionell antagonistische Beziehung zwischen Strafjustiz und Psychiatrie sollte in eine symbiotische umgewandelt werden, in der die Psychiater maßgeblich über die Behandlung von Straftätern bestimmen würden. Zwar blieben die meisten Berufskollegen hinter Kraepelins radikalen Forderungen zurück, aber viele teilten seinen Ehrgeiz, der Psychiatrie in der Strafjustiz größeres Gewicht zu verleihen.