Margarethe Gottfried war von liebreizender Gestalt. Dazu kamen ihre offenkundige Leidensfähigkeit und nahezu grenzenlose Aufopferungsbereitschaft. Die Menschen nannten sie den "Engel von Bremen" – unter diesem Beinamen erlangte sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Stadt. Man brachte ihr Respekt entgegen, aber auch Mitleid, denn das Schicksal schien es nicht gut mit der gottesfürchtigen jungen Frau zu meinen. Systematisch traf das Unglück ihren Familien- und Freundeskreis. Voller Hingabe widmete sie sich der Pflege ihrer Lieben, die jedoch, einer nach dem anderen, erkrankten und verstarben. Mutter, Vater, Kinder, Bruder, Ehemänner, Liebhaber, Freunde und Bekannte – es war wie ein Fluch.

Margarethe Gottfried, von allen liebevoll Gesche genannt, wurde 1785 als Tochter des Frauenschneiders Johannes Timm und der Wollnäherin Margarethe Timm geboren. Sie hatte einen Zwillingsbruder, Johann. Zeitgenossen zufolge war sie ein besonders hübsches blondes Mädchen von regelrecht "ätherischer Erscheinung". Man sagte, sie sei warmherzig und sensibel. Margarethe spielte gern Theater und brillierte sogar in einigen kleinen Stücken in der Umgebung. Von dem wenigen Geld, das sie besaß, nahm sie heimlich Tanz- und Französischstunden. Ihr großer Wunsch war es, Schauspielerin zu werden. Sämtliche Heiratsanträge wies sie daher ab. Im Alter von 21 Jahren verheiratete ihr Vater sie dann gegen ihren Willen mit dem Sattlermeister Johann Gerhard Miltenberg, wovon sich die Familie einen finanziellen und gesellschaftlichen Aufstieg erhoffte.

Mit der gutbürgerlichen Partie entkam Gesche den ärmlichen Verhältnissen ihres Milieus, aber die Ehe war nicht glücklich. Miltenberg besaß zwar ein gewisses Vermögen und machte seiner Angetrauten kostspielige Geschenke, führte jedoch ansonsten ein eher verschwenderisches Leben in Kneipen und Bordellen. Auf diese Weise brachte er langsam, aber sicher das gesamte elterliche Erbe durch. Nach sieben Jahren Ehe und drei gemeinsamen Kindern starb er – augenscheinlich an den Folgen seines "liederlichen" Lebens. Als mittellose Witwe und Alleinerziehende sah sich Gesche genötigt, wieder mit ihren Eltern unter einem Dach zu leben.

Zwei Jahre nach ihrem Einzug brach das Unheil über die Familie herein. Im Mai 1815 verstarben ganz unerwartet und unmittelbar hintereinander die Mutter und die beiden Töchter. Keinen Monat später verschied ihr Vater, und im September erlag ihr Sohn den Folgen dieser unerklärlichen Krankheit, welche die ganze Sippe heimzusuchen schien. Symptome und Verlauf waren bei allen "Infizierten" die gleichen: Es begann mit starken Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und blutigen Durchfällen, die nicht zu stoppen waren, und endete in einem qualvollen Tod. Ein Jahr darauf ereilte das Leiden ihren Zwillingsbruder Johann, auch er starb. Innerhalb kürzester Zeit war Gesches Familie komplett ausgelöscht – nur sie blieb verschont.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2018.

Schon im folgenden Jahr heiratete sie erneut – den zu dieser Zeit bereits gesundheitlich angeschlagenen Weinhändler Michael Christoph Gottfried, mit dem sie jahrelang ein Verhältnis gehabt haben soll. Er starb kurz darauf, und die Witwe trug nicht nur seinen Namen, sondern auch ein stattliches Erbe davon. Allerdings zehrte ihr inzwischen aufwendig gewordener Lebensstil auch dieses Vermögen schnell auf.

Nun zweifach verwitwet, verlobte sie sich sechs Jahre später erneut: mit dem Modehändler Paul Thomas Zimmermann. Man ahnt es bereits: Monate später erkrankte auch dieser, wurde bettlägerig und starb. Zur Hochzeit kam es nicht, doch Gesche Gottfried erbte abermals.

In den darauffolgenden Jahren setzte sich die Serie von Todesfällen im engeren Bekanntenkreis fort, und langsam wuchs das Misstrauen in der Stadt. Gerüchte machten die Runde: Irgendetwas schien beim "Engel von Bremen" nicht mit rechten Dingen zuzugehen.