Beginnen wir mit einem Mann, den es wirklich gegeben hat: Ted Bundy war ein Massenmörder, der in den USA zwischen 1974 und 1978 mindestens 28 Frauen umgebracht hat. Gleich vier Filme beschäftigen sich mit ihm: The Deliberate Stranger, The Stranger Beside Me, The Riverman und The Capture of the Green River Killer. Der VW Käfer, in dem er umherfuhr, Frauen mitnahm und ermordete, steht heute im Museum. Bundy ist um vieles berühmter als all seine Opfer zusammen.

Es wird gesagt, für einen armen Jungen gebe es zwei Wege, berühmt zu werden: als Fußballspieler oder Popstar. Aber man muss sagen: Es gibt einen dritten Weg. Der arme Junge kann sein Ziel auch als Serienkiller erreichen.

Nachdem man Bundy gefasst und eingesperrt hatte, nahmen etliche Frauen Briefkontakt mit ihm auf; kluge, unbescholtene, sensible Frauen, die ihn retten und verstehen wollten. Als er dann hingerichtet wurde, waren die meisten dieser Brieffreundinnen tieftraurig, einige litten unter Depressionen. Sie waren dem Mann verfallen, hatten Erfüllung in der Deutung seiner Taten gefunden, vor allem in der Hoffnung, seinen Dämon zum eigenen Genuss zu zähmen. Die meisten hatten von einem Leben mit ihm geträumt.

In den Jahren seiner Haft empfing Bundy gelegentlich Wissenschaftler, Kriminalisten, Journalisten – es gefiel ihm, dass sie das Rätsel seiner Grausamkeit, seinen "Fall" verstehen wollten. Er sei ein Soziopath, sagten die Wissenschaftler, ein Mann mit einer schweren narzisstischen Störung. Bundy selbst sah die Sache auf provozierende Weise gelassen, er begriff seinen charakterlichen Mangel als unschätzbaren Vorteil: "Ich bin wohl in der beneidenswerten Lage, dass ich nicht mit Schuldgefühlen zu kämpfen habe." Er fand die Schuld nie bei sich selbst, es waren immer andere verantwortlich für seine Taten – der böse Großvater, das Fernsehprogramm, die Pornografie oder der entsetzte Gesichtsausdruck seiner Opfer, der ihn zur Tat "eingeladen" habe. Eine Charakterdisposition, die typisch ist für einen Serienkiller und um die sein Publikum ihn möglicherweise beneidet.

Bundy war ein früher Star unter den Mördern. Er sah gut aus, und er hatte die Gabe, sein Äußeres andauernd zu verändern. Er zog die Menschen in seinen Bann. Viele Serienmörder in der Literatur und im Film sind nach seinem Vorbild entstanden.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2018.

Das Kino tat später das Seine, um unsere Unempfindlichkeit für die Opfer zu steigern. Spätestens mit Jonathan Demmes Thriller Das Schweigen der Lämmer wurden wir als Zuschauer zu Komplizen des Falschen, wechselten die Seite und hielten zum Mörder. Demme lässt den Menschenfresser Hannibal Lecter demonstrativ davonkommen, ja man sieht, durch die Namen des Filmabspanns hindurch, eher beiläufig, wie Lecter aus dem Bild schlendert, einem Mann hinterher, den er sich zum Abendessen genehmigen wird. Anthony Hopkins hat den Serienmörder ins Geniale gehoben; sein Hannibal Lecter gehört zum Hochadel der Popkultur.

Warum uns der gewissenlos und vermeintlich grundlos mordende Mensch so sehr fasziniert, darüber gibt es viele Theorien. Eine lautet: Der Mörder imponiert uns als der entschlossene Egoist, der wir nicht zu sein wagen – eine Bestie, die ihre Machtlust, ihre Dominanzfantasien, ihre Gier nach Kontrolle auf eine pathologische Spitze treibt.