130 Jahre sind seit seinen Bluttaten im Londoner East End vergangen, doch der berühmteste Serienmörder der Geschichte bewegt die Öffentlichkeit nach wie vor. Zahlreiche Jack-the-Ripper-Touren versuchen sich Touristen abzujagen, sogar ein Ripper-Museum existiert. Ungezählt sind die Mutmaßungen über die Identität des nie überführten Mörders, die Liste der Verdächtigen verlängert sich bis in die Gegenwart hinein.

Gewiss hat der Hype um Jack the Ripper im Zeitalter des Massentourismus einen Höhepunkt erreicht, aber seine Wurzeln reichen zurück bis zum Ereignis selbst. Bereits 1888 lösten die Ripper-Morde einen Medienrummel aus, der in seiner Intensität selbst für Londoner Verhältnisse bis dahin unbekannt war. Literatur und Kunst nahmen sich des Stoffes an, gefolgt von Film und Fernsehen. Aber nicht nur Künstler, auch professionelle Fahnder ließen sich inspirieren: Die Ermittler versuchten erstmals, einem Unbekannten mit kriminologischem Profiling auf die Schliche zu kommen.

So breit die Beachtung ist, so spezifisch sind die Umstände im Fall Jack the Ripper. London, die Weltmetropole des britischen Empire mit ihren dramatischen sozialen Verwerfungen am Ausgang des 19. Jahrhunderts, gibt eine faszinierende Bühne ab für das grausige Geschehen. Andere Länder haben ihre eigenen Serienmörder mit eigenen Geschichten und Mythen. So hat sich in Deutschland um Fritz Haarmann, den "Schlächter von Hannover", der 1925 wegen Mordes an 24 Jugendlichen zum Tode verurteilt wurde, eine Folklore ganz eigener Art entwickelt. Der launig-grausige Gassenhauer über den Mörder mit dem Hackebeilchen klingt manchem noch heute in den Ohren.

Auf den ersten Blick mögen Serienmörder als ein exklusiv modernes Phänomen erscheinen. Allerdings hat die amerikanische Historikerin Joy Wiltenburg die Ursprünge des neuzeitlichen "Sensationalismus" bereits in den Flugschriften des 16. und 17. Jahrhunderts verortet. So berichtet eine "erschröckliche unerhörte neue Zeitung", gedruckt in Augsburg 1585, vom Mord des Blasius Endres an seiner schwangeren Frau, seinen drei Kindern, zwei Mägden und einem Knecht. Verbrechen faszinierten offenkundig bereits die Menschen vor einigen Hundert Jahren, entsprechende Druckerzeugnisse fanden guten Absatz.

Freilich stechen bei ihrer Lektüre auch gravierende Unterschiede ins Auge: Wie im Fall Endres wurde damals mit Vorliebe über Massenmorde innerhalb der Familie berichtet, die den Zeitgenossen offenkundig als besonders grausam und unerhört erschienen. Und nicht zufällig waren es oft religiöse Kategorien, mittels derer die Menschen das Unerhörte zu begreifen suchten, etwa indem sie den Täter dämonisierten und als vom Teufel angetrieben verstehen wollten.

Die modernen Serienmorde schrieben sich dagegen auf ganz andere Art in ihre jeweilige Epoche ein. Die Ripper-Morde, so analysierte Judith Walkowitz 1992, prägten das Bild Londons als sittlich verkommener und vor allem für Frauen gefährlicher Ort. Der Fall Haarmann wiederum machte die bedrohlichen Abgründe unterhalb der respektablen Bürgerlichkeit der Weimarer Republik sichtbar und profilierte den "Lustmord" als neuen Tattypus, dessen Motive in der Übersteigerung des männlichen Sexualtriebs gesucht wurden.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2018.

Der Serienmörder und die massenmediale Berichterstattung über ihn – das ist nur eine Facette im großen historischen Panorama des Verbrechens. Aber schon dieses Phänomen verdeutlicht: Erscheinungsformen und Wahrnehmungen von Kriminalität haben eine Geschichte, sie sind dem Wandel unterworfen. Was als "kriminell" verstanden wurde und mit welchen Strafen ein "Krimineller" zu rechnen hatte, darüber gibt es zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedliche Ansichten. Zunehmend hat sich die Geschichtswissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten für dieses Thema interessiert. Nicht nur, weil auch Historiker von Kriminalgeschichten fasziniert sind (das sicher auch!), sondern vor allem, weil sich Verbrechen und Strafen hervorragend als Sonden eignen: Sie geben Auskunft über menschliche Verhaltensweisen und ihre moralisch-rechtliche Beurteilung, über soziale Probleme, politische Zustände und kulturelle Mentalitäten.

Dabei müssen wir uns jedoch über die begrenzte Reichweite dieser historischen Sonde im Klaren sein. "Kriminalität" im engeren Sinn gibt es nur dort, wo Mindestformen eines öffentlichen Strafrechts überhaupt definieren, was ein "Verbrechen" ist. Im Mittelalter existierte ein solches Strafrecht lediglich in Ansätzen. Es gab keine Amtsträger und keine "Polizisten", die gegen Gesetzesübertreter ermittelten, und es gab kein Gericht, vor dessen Schranken die Wahrheit ans Tageslicht kommen sollte. Richter und Schöffen beschränkten sich bis ins späte Mittelalter eher auf eine Art Schiedsrichterrolle: Sie überwachten die Einhaltung des formalistischen Verfahrens, bei dem Ankläger und Verteidiger vor Gericht um Sieg und Niederlage stritten. Die damals gebräuchlichen Beweismittel erscheinen uns heute ausgesprochen fremd: Zum Einsatz kamen neben Gottesurteilen vor allem Eide und Eideshelfer, also Leumundszeugen, die den guten Ruf eines Prozessbeteiligten beschworen; Wahrheitszeugen, die etwas über den Tathergang zu erzählen hatten, gab es nicht.

Folter und Inquisition

Weil diese Beweismittel zunehmend auch den Zeitgenossen problematisch erschienen, entwickelte sich – zunächst im Schoß der Kirche – ein neues Verfahren: der Inquisitionsprozess. Er wurde vom entstehenden frühmodernen Staat übernommen und stellte jahrhundertelang das Normalverfahren für schwere Straftaten dar. Nun ermittelte der Richter – in Personalunion auch Staatsanwalt – wirklich von Amts wegen, auch ohne dass ein privater Ankläger auftrat; und nun ging es tatsächlich um den Beweis der materiellen Wahrheit. Von modernen Ermittlungsmethoden war man freilich noch weit entfernt; was zählte, waren höchstens Augenzeugenberichte. Am liebsten aber verurteilte man auf der Grundlage eines Geständnisses, der Königin des Beweises. Diese Fixierung öffnete die Türen für ein Beweismittel, das uns heute mindestens so fremd anmutet wie Gottesurteile: die Tortur. In der Frühen Neuzeit war die Folter als Zwangsmittel im Inquisitionsprozess anerkannt. Dabei versuchten die Gerichte die Quadratur des Kreises, indem sie die Zufügung körperlicher Pein zuließen, ihre Dosierung aber an ein kompliziertes System von Regeln knüpften – festgelegt etwa in der ersten großen strafrechtlichen Gesetzeskodifikation, der Constitutio Criminalis Carolina von 1532.

Jahrhundertelang war die Carolina in Deutschland das Maß aller Dinge, obwohl sie in vielen Territorien nur eingeschränkte Geltung erlangte und viele Tatbestände ungeregelt ließ; diese wurden dann nach und nach zum Gegenstand der zahllosen lokalen, regionalen und territorialen "Policey-Ordnungen". Teilweise blieb die Carolina sogar über den Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806 hinaus ein wichtiger Bezugspunkt. Endgültig ersetzt wurde sie erst durch das Reichsstrafgesetzbuch von 1871, dessen Regelungen wiederum bis in das gegenwärtig geltende Strafgesetzbuch ausstrahlen.

Diese scheinbare Trägheit der Gesetzgebung darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, wie sehr sich die Auffassungen über die Existenz und die Schwere von Verbrechen veränderten. Prozesse der Kriminalisierung und Entkriminalisierung durchziehen die gesamte Neuzeit. So tauchen bestimmte Verbrechen erst an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit auf – etwa die Tötung neugeborener Kinder, die erst seit den Zeiten der Carolina als Kapitalverbrechen gilt; in den folgenden Jahrhunderten wurden viele junge ledige Frauen mitleidlos als "Kindsmörderinnen" hingerichtet. Seit der Aufklärung begann man diese Täterinnen allmählich auch als Opfer moralischer Stigmatisierung und sozialer Ausgrenzung wahrzunehmen und ihre Handlungen als Verzweiflungstaten aus Angst vor einem rigiden Ehrenkodex zu verstehen. Eine langsame Milderung der Strafen war die Folge.

Die eindrucksvollste Kriminalisierung freilich betrifft den "Tatbestand" der Hexerei. Schon Zauberei, die Zufügung von Schäden mit magischen Mitteln, halten wir heute für Aberglauben, während frühere Epochen von realen Erscheinungen ausgingen. Im 15. Jahrhundert festigte sich die Vorstellung, dass es Hexen und Hexer gebe, die ihren Schadenszauber auf der Grundlage eines Dämonenpaktes verüben und eine geheime Sekte von Teufelsanhängern bilden, die sich nachts beim Hexensabbat zu antireligiösen Zeremonien versammelt. Vom späten 16. Jahrhundert an fielen viele Tausend Menschen der gerichtlichen Verfolgung dieser angeblichen Hexerei zum Opfer. Eine Sekte von Zauberern und Teufelsanhängern hat es nach heutigem Erkenntnisstand nie gegeben – ist es deshalb überhaupt legitim, Hexerei als Kriminaldelikt zu bezeichnen? Muss man sie nicht aus der Erörterung "normaler" Verbrechen wie Totschlag oder Diebstahl ausklammern? Im Gegenteil: Gerade weil die Hexerei ein fiktives Verbrechen war, zeigt sich an ihrem Beispiel umso deutlicher, wie variabel das Verständnis von Kriminalität in der Geschichte war. In mehrfacher Hinsicht, so lehrt uns die moderne Kriminologie, geht es bei der Statuierung von Straftaten um Konstruktion und Zuschreibung: Eine Handlung muss vom Gesetz als kriminell definiert werden; eine kriminelle Handlung muss konkreten Personen zugerechnet werden; und nicht zuletzt muss sie jeweils in ihrer kriminellen Qualität bewertet werden.

Dass es sich bei der Hexerei um einen kollektiven Wahn handelt, ist zwar ungewöhnlich, aber kein Einzelfall. Ähnlich gelagert ist die Angst vor jüdischen Ritualmördern, vor brunnenvergiftenden Bettlerbanden oder vor Mordbrennern im Auftrag des Sultans oder des französischen Königs – alles frühneuzeitliche Erscheinungen, deren reale Existenz heute mit guten Gründen bezweifelt wird.

Der Konstruktionscharakter von Kriminalität wird auch auf weniger spektakulären Gebieten deutlich, insbesondere bei Sitten- und Sexualdelikten. Sehr lange wurden im christlichen Abendland alle Formen von Sexualität kriminalisiert, die nicht der menschlichen Fortpflanzung dienten. Unter das Etikett der "Sodomie" (abgeleitet vom alttestamentlichen Sündenpfuhl Sodom) fiel neben anderen als "widernatürlich" angesehenen Praktiken auch die gleichgeschlechtliche Sexualität. Während die Hexerei in der Aufklärung entkriminalisiert wurde, blieb gleichgeschlechtliche Sexualität ein Verbrechen; Paragraf 175 des Reichsstrafgesetzbuches von 1871 stellte auch einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Eine verschärfte Fassung im Geist des Nationalsozialismus von 1935, nach der Zehntausende Männer verurteilt und zum Teil in Konzentrationslager deportiert wurden, blieb in der Bundesrepublik noch jahrzehntelang in Kraft. Erst 1994 wurde der Paragraf 175 endgültig gestrichen.

Andere Formen sexueller Devianz wurden nachsichtiger behandelt: So tolerierte man die gewerbliche Prostitution bis ins 16. Jahrhundert hinein, sofern sie in von der Obrigkeit betriebenen Frauenhäusern ausgeübt wurde – getreu der augustinischen Theorie, nach der die Prostitution das "kleinere Übel" war, ohne das die männliche Triebhaftigkeit sich an ehrbaren Frauen (oder, schlimmer noch, am eigenen Geschlecht) austoben würde. Erst mit der Schließung der Frauenhäuser im Zuge von Reformation und Konfessionalisierung wurde die Prostitution vollends kriminalisiert – jedenfalls der Theorie nach. Tatsächlich fanden sich stets zahlreiche Ausweichmöglichkeiten, und eine konsequente Strafverfolgung wurde vielerorts auch gar nicht angestrebt. Hafenstädte wie London oder Amsterdam entwickelten sich schon in der Frühen Neuzeit zu Zentren käuflicher Liebe. Dieses hier aufscheinende Machtungleichgewicht zwischen den Geschlechtern lässt sich auch bei der Sanktionierung anderer Sitten- und Sexualdelikte beobachten. Bei vor- oder außerehelicher "Unzucht" etwa drohten den Frauen häufig harte, ausgrenzende Strafen, während die Männer meist milder sanktioniert wurden.

Diebe und Räuber

Doch gibt es nicht auch Tatbestände, die immer schon kriminell waren und es bleiben? Wie steht es mit Mord und Totschlag? Tatsächlich vollzog sich auf kaum einem Feld ein so starker Wandel in der rechtlichen Beurteilung und Sanktionierung wie bei der Gewaltkriminalität. Zwar wurde vorsätzlicher Mord stets als schweres Verbrechen betrachtet. Aber schon bei gewaltsamen Raubüberfällen sah die Sache anders aus, denn bis zum Verbot der Fehde gegen Ende des Mittelalters konnten diese als legitime Austragungsformen eines rechtlich geregelten Konfliktes gelten. Und bis weit in die Neuzeit hinein wurden Gewalttaten im Affekt, selbst solche mit Todesfolge, nicht unbedingt mit schweren Leib- und Lebensstrafen geahndet; sie konnten durch eine Geldzahlung an die Familie des Getöteten oder an die Obrigkeit aus der Welt geschafft werden. Schwere Gewalt ohne Todesfolge blieb die gesamte Frühe Neuzeit hindurch ein vergleichsweise gering bestraftes Vergehen, das nicht unbedingt vor Kriminalgerichten verhandelt wurde. So führt auch die Carolina von 1532 derartige Delikte nicht auf.

Diese strafrechtliche Bewertung, die einen starken Kontrast zur Gegenwart markiert, deutet auf ganz andere soziale Funktionen von Gewalt hin. In unendlichen Variationen erzählen uns die Aussagen in den Gerichtsakten von den männlich dominierten Ritualen der Gewalt auf den Straßen, in den Wirtshäusern und in den Nachbarschaften frühneuzeitlicher Städte und Dörfer. Sie machen deutlich, wie eruptiv und affektgeladen diese Auseinandersetzungen waren, vor allem aber, dass es für die Beteiligten darum ging, ihre Ehre zu verteidigen. Selbst wenn das Gesetz diese Gewalt zunehmend kriminalisierte, blieb sie aus Sicht der Akteure subjektiv gerechtfertigt, jedenfalls entschuldbar. So erscheinen Gewalttaten für einige Jahrhunderte in vielen Kriminalquellen als das zahlenmäßig häufigste Delikt, bevor sie im 18. Jahrhundert durch Eigentumsdelikte überholt werden.

Waren die Menschen damals also gewalttätiger als heute? Und können wir in den Quellen mithin die Spur jenes Zivilisationsprozesses aufnehmen, an dessen Ende eine gewaltarme Gegenwart steht? Tatsächlich haben etliche Historiker diese Hypothese verfolgt und sich dabei sogar des Mittels der Quantifizierung bedient: Sie argumentierten mit der sogenannten Tötungsrate, der Anzahl der jährlich überlieferten Todesfälle je 100.000 Einwohner, und zeichneten eindrucksvolle Kurven, nach denen die Gewalt seit dem Mittelalter auf einen Bruchteil ihres damaligen Wertes gesunken sei. Berühmt ist etwa der Wert von 110 für das Universitätsstädtchen Oxford in den 1340er Jahren, während die Tötungsraten in westlichen Industrieländern Mitte des 20. Jahrhunderts auf unter 1 abgesunken sind.

Der Bestsellerautor Steven Pinker sprach 2011 vom Rückgang der Gewalt, den er mit leichter Hand vom Neolithikum bis heute nachzeichnete, als der "bedeutsamsten und am wenigsten gewürdigten Entwicklung in der Geschichte unserer Spezies". Allerdings haben viele Historiker Einspruch gegen dieses suggestive Bild erhoben. Die Quellengrundlage, auf der es beruht, ist dünn. Kriminalstatistiken wurden erst nach 1750 gefertigt, alle Angaben für die Jahrhunderte davor beruhen auf zum Teil abenteuerlicher Zahlenakrobatik. Näher besehen, überwiegen im regionalen Vergleich eher die Unterschiede als klare Entwicklungen in der Zeit. Auch für die Gegenwart lässt sich kein eindeutiger Trend in Richtung einer Abnahme der Tötungsgewalt erkennen.

Ebenso ist die Skepsis der Historiker gegenüber anderen Großtheorien heute eher gewachsen. Das gilt etwa für die violence to theft-These, nach der die frühere Dominanz der Gewaltkriminalität im Zeitalter des Kapitalismus durch eine Vorherrschaft der Eigentumskriminalität abgelöst worden sei. Zwar bilden die Vergehen gegen das Eigentum in den meisten modernen Kriminalstatistiken tatsächlich die größte Deliktgruppe, aber eine deutlich gegenläufige Entwicklung der Gewalt lässt sich historisch eben kaum nachweisen. Im Übrigen wurde der heimliche Diebstahl bereits im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit geradezu als Inbegriff des Verbrechens betrachtet, denn in der vormodernen Knappheitsgesellschaft waren materielle Besitztümer besonders wichtig. Nicht umsonst fungierte "Dieb" oder "Diebin" als gängigstes Schimpfwort.

Diebe und Räuber bildeten denn auch den harten Kern jener Verbrecher, die vom Scharfrichter vom Leben zum Tode befördert wurden – meist durch die besonders schimpfliche Galgenstrafe. Hinrichtungen oder schwere Leibesstrafen wie das Abschneiden der Ohren oder die Brandmarkung stehen bis heute sinnbildlich für das vormoderne "Theater des Schreckens", das auf Vergeltung und Abschreckung zielte. Allerdings lässt das Spektakel auf dem Schafott nur einen vergleichsweise kleinen Ausschnitt der vormodernen Strafwirklichkeit sichtbar werden. Bisweilen ließen die Obrigkeiten erstaunliche Milde gegen Ersttäter walten; Gewalthandlungen und andere Delikte wurden ohnehin meist nicht peinlich bestraft. Wesentlich häufiger als Leib- und Lebensstrafen wurde im Heiligen Römischen Reich – jenem territorialen Flickenteppich, auf dem die nächste Grenze nie weit entfernt war – der Stadt- oder Landesverweis verhängt; eine schnelle und kostengünstige, allerdings nur vordergründig effektive Sanktion. Schon die Zeitgenossen kritisierten, dass sich damit benachbarte Obrigkeiten ihre Problemfälle gegenseitig über die Grenze schoben.

Etwa seit 1600 bahnte sich eine Neuerung an: In England und den Niederlanden wurden die ersten Zucht- und Arbeitshäuser eingerichtet. Statt körperlicher Strafen oder Verweisungen sollten die Delinquenten hier durch schwere Arbeit bestraft und "gebessert" werden. Was zunächst als eine bloße Erweiterung des Spektrums möglicher Strafen erschien, leitete im Zeitalter der Aufklärung einen Paradigmenwandel ein: Die Einsperrung etablierte sich als bevorzugte Sanktion gegen Straftäter aller Art.

Die Todesstrafe verschwand nach 1800 aus der Öffentlichkeit, abgeschafft wurde sie allerdings nur in einer Minderheit von Staaten – den Anfang machte immerhin schon 1786 der spätere Kaiser Leopold als Großherzog der Toskana. Generell ging mit der Durchsetzung der Gefängnisstrafe nur bedingt eine Humanisierung des Strafvollzugs einher. Zum einen werden bis heute immer wieder menschenunwürdige Haftbedingungen angeprangert, zum anderen – und damit zusammenhängend – figurieren die Gefängnisse nicht zu Unrecht als "Schulen des Verbrechens". Strafanstalten als Orte der Reproduktion eines kriminellen Milieus – eine bittere Pointe der Kriminalitätsgeschichte.

Die Entwicklung der Kriminologie

Dieses kriminelle Milieu lässt sich historisch bis an den Beginn der Neuzeit zurückverfolgen. Um 1500 tauchen in den Quellen profilierte "Jauner" auf, wie Falschspieler und Betrüger im Rotwelsch, der Sprache der Subkultur, genannt wurden. Sie präparierten Würfel und Spielkarten oder bedienten sich anderer Tricks, um naive Zeitgenossen übers Ohr zu hauen – etwa indem sie für die angeblich im Fegefeuer sitzenden Seelen Verwandter Geld einsammelten. Zum Inbegriff des Kriminellen schlechthin aber wurden die Anführer der großen Räuberbanden der Frühen Neuzeit: Lips Tullian im Sachsen des frühen 18. Jahrhunderts oder der "Schinderhannes" Johannes Bückler im Hunsrück während der französischen Besatzungszeit um 1800, dem Helmut Käutner und Curd Jürgens vor 60 Jahren ein filmisches Denkmal setzten.

Die historische Forschung hat allerdings auch hier heftig am Lack alter Mythen gekratzt: Wo man früher militärische Kommandostrukturen erkannte und stolze Räuberhauptleute am Werk sah, erscheint das Bandenwesen heute eher als locker gefügtes Netzwerk. Und wo mancher Räuber, wie gerade der Schinderhannes, zu einem zweiten Robin Hood verklärt wurde, der den Reichen raubt, um den Armen zu geben, zeichnen neuere Studien ein ernüchterndes Bild einer Räuberkultur, die selbst untereinander wenig Solidarität kannte. Sozialrebellen, wie sie einst vom berühmten Historiker Eric Hobsbawm in romantischer Verklärung beschrieben wurden, finden sich in den Quellen nur wenige.

Das bedeutet freilich nicht, dass es keinerlei Spannungen zwischen den gültigen Rechtsnormen und den Verhaltensnormen einer Gesellschaft gab und gibt. Anders gesagt: Was rechtlich gesehen ein Verbrechen war, konnte nach den Maßstäben bestimmter gesellschaftlicher Gruppen durchaus als gerechtfertigt erscheinen. Im Zeitalter der großen Räuberbanden galt dies etwa für die Wilderei: Die Jagd auf "Hochwild" war den feudalen Herrschaftseliten vorbehalten, während den Untertanen dafür schwere Strafen drohten. Aber dieses Vorrecht wurde vielerorts einfach nicht respektiert. In der hochalpinen Welt des Erzstifts Salzburg zum Beispiel lieferten sich Wildschützen und obrigkeitliche Jäger um 1800 regelrechte Feuergefechte mit manchmal tödlichem Ausgang.

So wie hier diente das Strafrecht nicht selten als herrschaftliches Instrument gegen unerwünschte politische oder soziale Verhaltensweisen. Das betrifft zunächst ein engeres Feld politischer Delikte: Hoch- und Landesverrat wurden ebenso kriminalisiert wie Majestätsbeleidigung. Noch am Ende der österreichischen Erbmonarchie konnte die Beschimpfung des Kaisers als "Lump" und "Spitzbube" eine Kerkerstrafe nach sich ziehen; protestierenden Bauern und Bürgern drohte die Verfolgung als "Aufrührer". Etwas undramatischer, aber umso breitenwirksamer war die Kriminalisierung einer ganzen Lebensform in der Frühen Neuzeit: Nicht sesshaften Armen und Bettlern drohte das Stigma des kriminellen Vaganten – und damit Abschiebung oder Einsperrung.

Ihre äußerste Zuspitzung fand die Instrumentalisierung des Strafrechts in der politischen Justiz totalitärer Diktaturen des 20. Jahrhunderts, in den stalinistischen Schauprozessen oder im Nationalsozialismus. Das NS-Regime ging systematisch und radikal gegen all jene vor, die es aus seinem rassistischen Weltbild heraus als "Gewohnheitsverbrecher" und "Volksschädlinge" abstempelte. Das mündete in der "Ausmerzung" von Minderheiten oder Rückfalltätern. Im Krieg wurden zudem schon kleinere Delikte wie Feldpostdiebstähle oder Plünderungen nach Luftangriffen durch Sondergerichte mit der Todesstrafe geahndet.

In solch totalitären Entwürfen des Kriminellen und der drakonischen Bestrafung von Abweichlern jeder Art wird eine perverse Übersteigerung der Strafjustiz sichtbar. In mancherlei Hinsicht aber stand die nationalsozialistische Kriminalpolitik auch in einer Kontinuität zur neuzeitlichen Professionalisierung der Verbrechensbekämpfung. Hierzu gehörte die Verwissenschaftlichung, die Entwicklung der Kriminologie, die das Bild des Verbrechers nachhaltig veränderte. Changierte dieses Bild in der Frühen Neuzeit zwischen dem "bösen Feind" und dem "armen Sünder", so rückte im späten 19. Jahrhundert die Trieb- und Krankhaftigkeit des Kriminellen in den Mittelpunkt. Gestritten wurde darüber, ob es den "geborenen Verbrecher" gebe oder ob die sozialen Umstände, der jeweils konkrete Weg in die "sittlich-moralische Verderbtheit", stärker zu gewichten sei.

Professionalisiert wurden aber auch ganz praktische Seiten des Umgangs mit Kriminalität. So entstanden aus den bescheidenen Anfängen von Gerichtsdienern, Landstreifen und Gendarmerien allmählich staatliche Polizeikräfte. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich in den größeren Städten eine Kriminalpolizei; noch später vollzog sich die internationale Kooperation bei der Verbrechensverfolgung in Gestalt der 1923 gegründeten Organisation Interpol. Ähnliches gilt für die Entwicklung differenzierter Fahndungsmethoden: Steckbriefe und Gaunerlisten existierten bereits in der Frühen Neuzeit, aber mit Polizeifotografie, "Bertillonage" (der standardisierten Beschreibung von Delinquenten nach bestimmten Körpermerkmalen) und der Daktyloskopie (Fingerabdruckverfahren) wuchsen die Möglichkeiten im 19. Jahrhundert dramatisch – gar nicht zu reden vom Profiling und DNA-Test unserer Tage. Eine neue Qualität erreichte seit dem 19. Jahrhundert auch die Einbeziehung der Öffentlichkeit, die einen riesigen Resonanzboden für Fahndungsaufrufe, Debatten über die Ursachen von Kriminalitätswellen oder für das aufblühende Genre der Gerichtsreportage bildete. Jack the Ripper markierte nur die Spitze der medialen Konjunktur, die das Thema Kriminalität insgesamt erfuhr – und die bis heute anhält.