ZEIT Geschichte Wie wir uns befreiten
Michael Naumann und Wolfgang Kraushaar im Gespräch über 1968, die Folgen und das Selbstverständnis der Republik
Meine Herren, fühlen Sie sich persönlich als 68er?
Michael Naumann:
Das ist keine Frage des Gefühls,
man wird zwangsrekrutiert, ganz einfach kraft des
Geburtsjahrgangs, in meinem Fall 1941.
Wolfgang Kraushaar:
Als jemand, der erst 1948
geboren worden ist, war ich eher eine Art Tangential-
68er. Ich gehörte also, was meinen eigenen Erlebnishorizont
anbetrifft, gerade noch dazu. Das ist nicht ganz
unwichtig, weil es unter Umständen viel ausgemacht
hat, ob man zu Beginn oder am Ende der vierziger Jahre
geboren wurde.
Also, 68er, ja oder nein?
Kraushaar:
Wenn Sie mir schon so die Pistole auf die
Brust setzen, dann müssten Sie mir erst verraten, ob damit
die Zugehörigkeit zu einer sogenannten 68er-Generation
gemeint ist. Denn das ist ein Begriff, den ich nach
Möglichkeit vermeide. Ich selbst begreife mich nicht als Angehöriger einer Generation; aber ich war zeitweise
Angehöriger einer Bewegung, die im Nachhinein als
68er-Bewegung etikettiert worden ist.
Naumann:
Der Begriff der 68er ist in der Tat erst im
Nachhinein erfunden worden und dann vorwiegend als
Schuldzuweisung. Wann immer etwas in der Gesellschaft
zwanzig Jahre später schieflief – die 68er waren schuld.
Ob nun der Sohn sitzen blieb oder der Deutschlehrer
nicht richtig Deutsch konnte – alles wurde, besonders im
Bereich der Schulen und Universitäten, den sogenannten
68ern in die Schuhe geschoben. Diejenigen, die Ende der
sechziger Jahre für einen fälligen gesellschaftspolitischen
Aufbruch gesorgt hatten, waren ein paar Jahrzehnte später
plötzlich die Sündenböcke. Die Scheidungsrate stieg?
Na klar, die 68er! Die öffentlichen Sitten verfielen? Die
68er! Insofern bekenne ich mich schuldig.
Kraushaar:
Seit Jahren biete ich im Scherz jedem, der
mir einen Nachweis erbringen kann, dass bereits vor 1980 von »den 68ern« oder »der 68er-Bewegung« gesprochen
wurde, 1000 Euro in bar. Erst seit 1980 gab es
sie, die sogenannten 68er ...
Wie kam es dazu?
Kraushaar:
Zu Beginn der achtziger Jahre suchte eine
neue Jugendbewegung nach einem Abgrenzungsmerkmal.
Diese Bewegung, die vor allem durch spontane
Hausbesetzungen Aufsehen erregte, begann in Städten
wie Zürich, Kopenhagen und Amsterdam, dehnte sich
dann auf West-Berlin aus und sprang schließlich auch
auf Universitätsstädte wie Göttingen und Freiburg
über. Die damaligen Aktivisten versuchten sich von
dem schier übermächtigen Schatten abzusetzen, den die
Vorgängerbewegung auf sie geworfen hatte. Dafür hat
man den Begriff der »68er« erfunden. Und dieses Etikett
ist von den Medien begierig aufgegriffen worden
– vor allem weil es knapp war und einen negativen Unterton
besaß. Das war also der Ursprung für die unglaubliche
Karriere eines Kürzels, dem man sich seither
kaum noch entziehen kann.
Greift das nicht vielleicht doch etwas zu eng? War
1968 nicht vor allem ein internationales Datum?
Wenn man etwa an Berkeley denkt oder an Paris ...
Kraushaar:
Zweifelsohne, terminologisch jedoch unterscheidet
sich das in vielen Ländern. In Frankreich
etwa ist nur vom »Mai« die Rede, wenn die Revolte
gemeint ist, die sich im Frühjahr 1968 abgespielt hat,
jedoch nicht von »68«.
Umso tiefer hat der Begriff die deutsche Nachkriegsgeschichte
geprägt.
War nicht auch die Regierungsübernahme
durch RotGrün
eine Spätfolge von 1968?
Naumann:
Teilweise schon. Die Grünen hätte es ja ohne
jene Jahre erst gar nicht gegeben. Sie hatten die antiautoritäre Bewegung geradezu verinnerlicht.
Der ökologische Aspekt ihrer Partei spielte bei den 68ern
allerdings überhaupt keine Rolle.
Kraushaar:
Einige Themen der 68er erhielten fraglos
einen enormen Resonanzboden, als mit Rot-Grün ein
Personal an die Macht kam, das zumindest biografisch
durch die 68er-Bewegung stark beeinflusst gewesen ist.
Reden wir also spätestens seit 1998, wenn wir
von 68 reden, über eine Erfolgsgeschichte, jedenfalls
in Deutschland?
Naumann:
Ich meine Ja, und zwar aus folgendem
Grund: 68 war doch hauptsächlich eine kulturelle Bewegung
und vielleicht zu zwanzig Prozent eine politische.
Auf seinem Höhepunkt zählte der SDS maximal
2000 Mitglieder! Kulturell gesehen war es aber eine
Erfolgsgeschichte. 68 steht für die fällige Distanzierung
nicht nur von der Generation der im Nationalsozialismus
verstrickten Väter; es ging auch um die Offenlegung
der von Exnazis bevölkerten Universitätslehrkörper.
Mein damaliger Professor Eric Voegelin, ein konservativer
Mensch, aus Wien in die USA geflohen und später
zurückgekommen, sprach über Teile seiner professoralen
Kollegen in München als »braunes Gesindel«. Er
hatte recht. So war das damals. Aber eine Begleiterscheinung
jener Jahre wird, weil sittlich peinlich, gerne übergangen
– die sexuelle Emanzipation der Frauen. Die
Einführung der Pille hat wahrscheinlich eine wesentlich
größere gesellschaftliche Relevanz gehabt als alle SDSFlugblätter
zusammen. Man nannte das, theoretisch
korrekt, »repressive Entsublimierung«.
Kraushaar:
Dem möchte ich tendenziell widersprechen.
Denn ich stehe dem, was von Ihnen als ein Erfolg
in soziokultureller Hinsicht bezeichnet wird, inzwischen
mit einiger Skepsis gegenüber. Vor allem deshalb,
weil eine der wichtigsten Wurzeln der antiautoritären
Bewegung in gewisser Weise »kontaminiert« gewesen
ist. Damit meine ich einige derjenigen, die aus der berühmt-
berüchtigten Kommune I hervorgegangen sind;
insbesondere Dieter Kunzelmann, der sich ja im Laufe
des Jahres 1969 expressis verbis als Antisemit verstanden
hat. Er war es schließlich auch, der mit Georg von
Rauch und anderen die erste terroristische Gruppierung
gegründet hat, die Tupamaros West-Berlin. Ihre
konstituierende Aktion war ein versuchter antisemitischer
Bombenanschlag. Man tut daher im Nachhinein
gut daran, an einigen Motiven zu zweifeln, die die Kommune
I gestiftet hat. Damit ist zugleich aber auch etwas
von der soziokulturellen Fernwirkung der 68er-Bewegung
infrage gestellt.
Naumann:
Der Antisemitismus, das soll weiß Gott
nichts entschuldigen, tauchte damals in den verschiedensten
Ecken der Gesellschaft mit wesentlich größerer
Wirkung auf – zum Beispiel in der NPD. Dass er auch
bei einigen 68ern eine Rolle spielte, hat eine traurige
Tradition: Man lese Karl Marx, Zur Judenfrage. Der Antisemitismus
des propalästinensischen Flügels der 68er
blieb folgenlos, und das ist das Beste, was man über ihn
sagen kann. Die kulturelle Relevanz jener Bewegung ist
ungleich größer geblieben.
Was könnte diese Relevanz begründen?
Naumann:
Da war zum Beispiel das Motiv der demonstrierenden
Studenten. Es war ein sozialdemokratisches:
Wir wollten, dass mehr Arbeiterkinder studieren konnten.
Dafür sind wir nicht nur in München auf die Straße
gegangen, und Zehntausende sind mitmarschiert. Es war
eine Art Weckruf. Damals stammten nur fünf Prozent
der Studenten aus dem Arbeitermilieu, heute sind wir bei
über zwanzig Prozent. Das halte ich für einen bedenkenswerten
Erfolg jener Jahre – aber es waren natürlich nicht
die Demos allein; sie waren nur ein Reflex des Umdenkens
im ganzen Land. Der zweite Erfolg dieser Bewegung
war ein Angstabbau angesichts des Staats. Man muss sich
daran erinnern, dass die Mentalität des Obrigkeitsstaats
damals noch nicht verwelkt war.
Kraushaar:
Ich will diese Verdienste ja gar nicht pauschal
bestreiten, begreife das Erbe dieser Zeit jedoch
weniger kausallogisch. Dieses Land ist zweifelsohne
offener, liberaler geworden, das ist keine Frage. Es ist
aber im Nachhinein schwierig zu unterscheiden, ob das
vornehmlich das Verdienst der damaligen Akteure war
– ich vermute, eher nein. Schon während der Großen
Koalition, vor allem aber in der sozialliberalen Regierung
hat es in dieser Richtung entscheidende Impulse
gegeben. Daher sollte man es sich im Rückblick nicht
zu einfach machen und alles auf der Habenseite der
68er-Bewegung verbuchen.
Naumann:
Aber Übertreibung war doch eine schöne
Stärke unserer Generation ...
Heute scheint eher das Gegenteil Common Sense: Alle
klagen über Niveauverlust an den Universitäten,
die Leute sehnen sich nach Regeln. Gefordert wird eine
neue Bürgerlichkeit, die Neokonservativen scheinen zunehmend
die Hoheit über diesen Diskurs zu gewinnen.
Kraushaar:
Das gehört wiederum zum unrühmlichen
Kapitel »Kulturkampf«. 68 war immer umkämpft und
umstritten, besonders nach der deutschen Einigung 1990
ist es in konservativen Kreisen zu einer Art Feindbild
» geworden. Man konnte mitunter ja ganz verwegene
Dinge hören. Da ist schon mal die These aufgestellt
worden, dass der Rechtsextremismus ein Produkt der
antiautoritären Erziehung sei. Inzwischen habe ich den
Eindruck – und das hat auch im Wahlkampf 2005 eine
Rolle gespielt –, dass man es mit dem Versuch einer
endgültigen Diskreditierung von 68 zu tun hat. Man
will das als Phänomen mit allen Mitteln beiseitedrängen
und als Faktor mit seiner politischen Fernwirkung abschaffen.
Letztendlich sind aber all diese Prognosen und
Versuche immer wieder gescheitert.
Die Frage ist doch, weshalb das Thema »1968« immer
wieder hervorgeholt wird, geradezu zyklisch. Es scheint,
als diene es einer fortwährenden Identitätsstiftung.
Naumann:
Spätestens nach 1945 gab es aus gutem
Grund eine Vertrauenskrise im Verhältnis zwischen Bürger
und Staat. Die ist bis heute nicht völlig verschwunden.
Und wie überwindet man sie? Zum Beispiel durch
gesellschaftliche und historische Debatten, die um die
Frage kreisen: Wer sind wir? Und diese Frage wurde uns
von den 68ern das erste Mal nach dem Krieg schmerzhaft
und nachhaltig gestellt. Sie hallt bis heute, mal lauter,
mal leiser, nach. Ich glaube immer noch, dass die
deutsche Identitätsdiskussion eine historisch gewachsene
Unsicherheit widerspiegelt. In ihr verbirgt sich die
Frage nach den Ursachen des Holocaust, nach moralischer
Schuld. Wer waren wir, die wir dies taten? Im
Grunde genommen ist die Diskussion eine kulturelle
Signatur der Bundesrepublik. Es gibt kein anderes europäisches
Land, das sich diese Fragen nach seiner Identität
seit 1945 so intensiv stellt wie unseres. Aber diese
scheinbare Identitätsschwäche ist auch unsere kulturelle
und politische Stärke.
Kraushaar:
Ich stimme dem zu: In diesen zyklisch ablaufenden
Kontroversen über und um 1968 geht es im
Grunde immer wieder um die Frage nach dem Selbstverständnis
in unserer Republik. Erstaunlich ist dabei
weniger das Bedürfnis nach Selbstversicherung an sich,
sondern die Tatsache, dass dafür ausgerechnet die 68er-
Bewegung herangezogen wird. Denn sie markiert ja,
historisch betrachtet, keineswegs eine so eindeutige Zäsur,
wie gern behauptet wird. Da gibt es viel klarer zu
benennende Einschnitte in der deutschen Nachkriegsgeschichte:
Die erste Zäsur war ja der 17. Juni 1953, eine
große, leider erfolglos gebliebene Massenbewegung, die
sich gegen die SED-Herrschaft richtete, die zweite dann
der Mauerfall am 9. November 1989 mit der deutschen
Einigung und dem Ende des Ostblocks und des Kalten
Krieges als Folge. Im Vergleich dazu scheint 1968 als ein objektives Datum weniger Gewicht zu besitzen. Gleichwohl
taucht 68 auf der Plattform gesellschaftspolitischer
Diskussion immer wieder auf und wird ein ums andere
Mal neu besetzt – im Negativen wie im Positiven.
1968 liefert in diesen Auseinandersetzungen vor
allem den sogenannten Konservativen geradezu einen
Steinbruch an Argumenten.
Naumann:
Oje, die Konservativen. Wo sind sie geblieben?
Ich glaube, dass das, was man ursprünglich in
Deutschland als politisch konservativ bezeichnet hat
und was in meinen Augen geprägt war durch Staatsgläubigkeit
und allerlei sittliche Vorstellungen, die sich
zum Beispiel im Paragrafen 175 niederschlugen – ich
glaube, dass sich dieses Milieu infolge der 68er-Bewegung
verflüchtigt hat. Das Land ist liberaler geworden,
selbst in seinem konservativen Teil. So war auch Joachim
Fest, angeblich der bürgerliche Deutsche schlechthin, in
seinem ganzen Wesen eher ein literarischer Künstler als
ein bodennaher Konservativer. Er war, anders, ein Citoyen.
Eine seltene Spezies.
Ob Künstler oder Konservativer, dieses Milieu, wie
Sie es nennen, fühlte sich von der 68erBewegung
bis aufs Blut bekämpft.
Naumann:
Diejenigen, die 1968 die Bürgerlichkeit
besonders heftig bekämpft haben, kamen allerdings
meistens aus mittel- und großbürgerlichen Haushalten.
Sie revoltierten gegen die Väter! Deren Schweigen gegenüber
den Hitler-Jahren war bekanntlich riesengroß.
Es hatte jedoch überhaupt nichts zu tun mit ihrer angeblichen
Unfähigkeit zu trauern, sondern mit ihrer
moralischen Scham. Sich zu schämen wurde dann als
Verdrängung bezeichnet. Ich glaube aber, dass viele
68er in diesen Fällen in ihrer Kritik maßlos waren. Es
war ein kostenloser Rausch, sich unschuldig am »Dritten
Reich« zu fühlen.
Kraushaar:
Richtig ist jedoch: Es gab in der Vätergeneration
zu wenige Leute mit Rückgrat. Dies lieferte
den 68ern eine große Angriffsfläche. Nicht ohne Grund
verstand sich die Bewegung dann im Kern als eine Art
Generalangriff auf die bürgerliche Gesellschaft. Die antiautoritäre
Bewegung zielte insbesondere auf die Familienstruktur,
deren Wertekanon und die Erziehung im
Allgemeinen ab.
Es gab einen starken Affekt gegenüber Institutionen per
se, gegen jede Form von Kanon, gegen Regeln ..
.
Kraushaar:
Da liefern Sie ein entscheidendes Stichwort. Denn für das Selbstverständnis der antiautoritären Bewegung war kaum etwas so prägend wie ihr Antiinstitutionalismus.
Es existierte zwar keine kohärente
Theorie des Antiautoritarismus, jedoch gab es wesentliche
Elemente davon: zunächst das Theorem des autoritären
Staates und dann das der autoritären Persönlichkeit,
die so gut auf diese preußisch sozialisierte deutsche
Gesellschaft zu passen schien, die sich dann zum Nationalsozialismus
entwickelt hatte. In dieser Kombination
erschien die Bundesrepublik damals insgesamt als eine
autoritär strukturierte Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund
artikulierte sich eine Vertrauenskrise, die sich im
Wesentlichen aus zwei Motiven speiste: zum einen der
nicht wirklich aufgearbeiteten NS-Vergangenheit und
den damit einhergehenden Zweifeln am damaligen politischen
System und zweitens den Legitimationsdefiziten
gegenüber dem von den USA geführten Krieg in
Vietnam.
Vietnam war das Motiv, das quer durch die Welt
die Protestbewegung einte. Allein 1968 sind in
Vietnam jeden Tag so viele Leute gestorben wie bei den
Anschlägen in den USA vom 11. September 2001.
Kraushaar:
Der Vietnamkrieg dauerte von 1965 bis
1975. Das ganze Jahrzehnt war von einem imaginären
Geschützdonner begleitet, den man Abend für Abend
in der Tagesschau mitbekam. Das ist für diejenigen, die
gemeint haben, sich in ihrem politischen Moralismus
nicht beruhigen zu dürfen, eine permanente Herausforderung
gewesen; deshalb wurde das immer wieder aufs
Neue in die Öffentlichkeit getragen. Das hat auch die
internationale Bewegung zusammengeschweißt ...
Naumann:
... die ja aus Amerika kam ...
Kraushaar:
... ja, und die dann zu einer regelrechten
Antikriegsbewegung geworden ist. Spätestens seit der
Tet-Offensive im Februar 1968 war das eine Antikriegsbewegung
...
...
wohingegen die deutsche Bundesregierung den Krieg
befürwortete oder zumindest nicht kritisierte.
Selbst jemand wie Willy Brandt als Außenminister
in der Großen Koalition hat damals keine öffentliche
Kritik am Vietnamkrieg geübt.
Kraushaar:
Das ist in der Tat bemerkenswert. Selbst
Brandt, dem man es am ehesten zugetraut hätte, hat es
damals nicht gewagt, die USA offen zu kritisieren – obwohl
man ahnte, wie kritisch er in Wahrheit darüber
dachte. Insofern gab es ein großes Glaubwürdigkeitsdefizit,
das zu einer regelrechten Vertrauenskrise ausuferte,
die dann die Basis für einen tief greifenden Antiinstitutionalismus
darstellte.
Paradoxerweise hat dieser Antiinstitutionalismus der
68er doch aber letztlich zu einer Modernisierung vieler
Institutionen geführt.
Kraushaar:
Jürgen Habermas hat dies 1988 auf den
Punkt zu bringen versucht, als er die Frage nach den
Folgen von 68 mit einem einzigen Namen, dem einer
CDU-Politikerin, beantwortete: Rita Süssmuth. Daran
könne man erkennen, dass die 68er-Bewegung keineswegs
ein Irrläufer gewesen sei. Schließlich habe sich keine
Volkspartei ihren Impulsen vollständig entziehen
können, auch die CDU nicht.
Naumann:
Es gibt aber noch einen weiteren Faktor jener
Jahre, der wahrscheinlich eine wesentlich größere
kulturelle Langzeitwirkung hatte als die Bildungsdebatte
oder das Revolutionspathos der 68er. Das war die
Hippie-Bewegung. Es war eine Aussteigerbewegung von
Mittelstandskindern. Ich habe das 1966 in San Francisco
selbst miterlebt. Die Grundstimmung in dem Milieu
war: Das Heil auf Erden bricht an, und zwar mit einer
kleinen Dosis LSD etwas schneller als gedacht. Es handelte
sich um eine säkular-religiöse Bewegung sondergleichen.
Zwei Jahre später hatte sich Haight-Ashbury
in eine Hölle verwandelt. Die Straßen waren voll mit
Heroin-Junkies, die schönen Blumenläden waren geschlossen,
der Stadtteil war verkommen. Aber diese
Flower-Power-Bewegung, die messianische Qualitäten
hatte und sich dann vor allem modisch ausdrückte, lief
ja parallel zur Apo-Zeit in Deutschland – sie leistete einen
wesentlichen Beitrag zur romantischen Idealisierung
der gesamten Zeit in den Medien weltweit.
Kraushaar:
Das vielleicht wichtigste Stichwort war dabei
die Romantik. Was sich dort in der Zeit zwischen 1965 und 1967 abgespielt hat, war hochromantisch besetzt.
Die Hippie-Bewegung ist in Haight-Ashbury ja
bereits im Oktober 1967 zu Grabe getragen worden. Sie
ist dann hierzulande zeitversetzt adaptiert und nicht minder
romantisch aufgeladen worden, allerdings mit all
ihren typisch deutschen Implikationen.
Naumann: Das mit der politisierten Romantik zieht sich
übrigens bis in die Gegenwart. Heute noch kann meine
Generation »Ho-Ho-Ho-Chi-Minh« auf der Autohupe
drücken. Keiner sonst weiß aber mehr, was das mal bedeutet
hat. Eine Akustik enttäuschter Hoffnungen, mehr
nicht. Manche stehen eben im Stau der Erinnerungen
und drücken auf die Hupe. Andere haben 1848 bei offenem
Fenster die Marseillaise auf dem Klavier gespielt
und wurden dann brave Bürger: die 48er.
Das Gespräch moderierten Gunter Hofmann und Jörg Lau
- Datum 24.05.2007 - 10:31 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Geschichte, Nr. 2/2007
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Ein sehr treffendes Interview!
Naumann:
... die Frage nach den Ursachen des Holocaust, nach moralischer Schuld. Wer waren wir, die wir dies taten? Im Grunde genommen ist die Diskussion eine kulturelle Signatur der Bundesrepublik.
Ganz klar: Kollektivschuld!
Kraushaar:
... das [Theorem] der autoritären Persönlichkeit, die so gut auf diese preußisch sozialisierte deutsche Gesellschaft zu passen schien, die sich dann zum Nationalsozialismus entwickelt hatte.
Genau! Preußen -> Kaiserreich -> Drittes Reich: Der deutsche Sonderweg!
Sehr schön, daß diese wichtigen Fakten mal wieder klipp und klar ausgesprochen werden. Es ist wichtig, daß diese Säulen unserer Demokratie* nicht in Vergessenheit geraten.
(*) Merksatz von Joseph Fischer: "Auschwitz ist der Gründungsmythos der Bundesrepublik."
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