Video: Video-Still: Leben in Ostdeutschland

Tut doch nicht so, als sei alles in Ordnung

Ostdeutsche gibt es nicht mehr, heißt es, die Jungen seien längst gesamtdeutsch. Wirklich? Neun Ostdeutsche schreiben über eine Herkunft mit Hindernissen.

2009 sagte Angela Merkel anlässlich des 20. Mauerfalljubiläums etwas Bedeutendes über die jungen Deutschen: Sie verfolge mit großer Freude, "dass man nicht mehr unterscheiden kann, ob sie aus dem Osten oder aus dem Westen kommen".

Heute ist der Mauerfall fast 25 Jahre her. Und noch immer stimmt etwas nicht an dem Satz der Kanzlerin. Neun junge Menschen schreiben hier über ihre Herkunft: Bettina Malter, Johannes Staemmler, Andrea Hanna Hünniger, Sandro Schroeder, Anne Wizorek, Robert Schachtschneider, Antonia Kittel, Rick Noack und Elisabeth Rank. Von außen sind sie nicht als Ostdeutsche zu erkennen. Sie haben die Regeln ihres neuen Landes verstanden. Sie alle kennen den Westen Deutschlands.

Doch es gibt noch Dinge, die sie zu Ostdeutschen machen. Sprüche von Professoren, Mitbewohnern, Kommilitonen, die freundlich klingen sollen – oder auch nicht. Das Unverständnis der Westdeutschen für die gewaltigen Umbrüche, die sie in ihren Kindertagen erlebten. Das Schweigen der Eltern. 

Es gibt sie, die jungen Ostdeutschen. Und es ist nicht alles in Ordnung, wie die Kanzlerin mutmaßt.

1 — Erinnert euch!
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  1. 1 — Erinnert euch!
  2. 2 — Die deutsche Einheitlichkeit
  3. 3 — Das Leichentuch über den Jahrzehnten
  4. 4 — Sprich keinen Dialekt im Westen!
  5. 5 — Mein Feminismus ist ostdeutsch
  6. 6 — Einbahnstraße Deutsche Einheit
  7. 7 — Kita = Kommunismus
  8. 8 — Hört auf, mich Ossi zu nennen
  9. 9 — Ostalgie ist ein Lügner

Von Bettina Malter

Manchmal ist es Unwissen, weswegen ich mich ostdeutsch fühle. Als im vergangenen Jahr der Buchautor Otfried Preußler starb und viele meiner Kollegen ihre Kindheit aufleben ließen, stand ich irritiert neben ihnen.

Die schwelgten in Erinnerungen, während sie auf die Titelblätter der Tageszeitungen starrten. Von dort glotzte einem dieser gezeichnete Typ mit strubbligem Vollbart, riesiger Nase und Hut entgegen: Er hieß Räuber Hotzenplotz, erfuhr ich. Niemand hatte mich ihm vorgestellt. Ich fühlte mich unwohl, als mich meine Kollegen forschend anschauten: Den kennst du nicht?

Es gibt keinen gesamtdeutschen Erinnerungsschatz, auch in meiner Generation noch nicht. Meine Kindheitshelden heißen: Pittiplatsch, Moppi und Schnatterinchen. Außerdem hörte ich in Endlosschleife den Traumzauberbaum. Schon davon gehört? Fast jeder Ostdeutsche kennt den bunten Baum, der Lieder zu den Kindern schickte. 


Bettina Malter wurde 1984 in Berlin-Marzahn geboren. Sie arbeitet als freie Journalistin. Vor zwei Jahren gab sie das Buch "Was bildet ihr uns ein? Eine Generation fordert die Bildungsrevolution" heraus. © privat
Die ersten 25 Jahre

Dieser Text ist Teil unserer Reihe zum Mauerfall. Zwei Monate lang wollen wir dieses neue Deutschland kartografieren. Was ist geschehen, seit die Menschen auf dem Todesstreifen tanzten? Sind die Deutschen schon wieder geeint? Müssen sie das überhaupt sein? Und wo wirkt die Wiedervereinigung noch heute? Wir glauben, dass dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen ist. Deswegen heißt diese Serie Die ersten 25 Jahre. Falls Sie auf Twitter mitreden möchten: Das Hashtag der Serie lautet #de25.

Wie gut, dass die Presse so groß über Otfried Preußlers Tod berichtete. So lernte ich ihn kennen. Warum aber wurde Reinhard Lakomy, der Schöpfer des Traumzauberbaums, nicht so groß beerdigt?

Hier geht es um mehr als um unsere Kindheitshelden

Unsere gemeinsame Erinnerung ist zutiefst westdeutsch. Bis heute verehrt das Neon-Magazin Kindheitsrelikte der BRD wie Paninibildchen und Atari Konsolen als identitätsstiftende Artefakte, während DDR-Spielzeug unter dem Verdacht steht, in gefährlichem Maße Ostalgie zu fördern. Noch immer löst der angebliche Einfluss der 68er gewaltige Debatten aus, während kein Mensch über die Wende und ihre Folgen diskutiert. Und um in Hannover eine Soljanka zu bekommen, muss ich immer noch ungarische Wurstsuppe verlangen.

Hier geht es um mehr als um unsere Kindheitshelden oder selbstvergewissernde Markennostalgie. Es geht um die Frage: Müssten wir nicht mehr voneinander wissen? Über die Jahre wird der ostdeutsche Erinnerungsschatz verblassen. Schon in meiner Generation hat es begonnen. Können wir es uns leisten, mit einem Teil der deutschen Geschichte so sorglos umzugehen?  

2 — Die deutsche Einheitlichkeit
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  1. 1 — Erinnert euch!
  2. 2 — Die deutsche Einheitlichkeit
  3. 3 — Das Leichentuch über den Jahrzehnten
  4. 4 — Sprich keinen Dialekt im Westen!
  5. 5 — Mein Feminismus ist ostdeutsch
  6. 6 — Einbahnstraße Deutsche Einheit
  7. 7 — Kita = Kommunismus
  8. 8 — Hört auf, mich Ossi zu nennen
  9. 9 — Ostalgie ist ein Lügner

Von Johannes Staemmler

Ist Herkunft heute nicht egal? Ist Heimat nicht da, wo man sich wohlfühlt? Und reisen junge Europäer nicht durch die Welt, um ihre Träume zu leben, anstatt sich von der Vergangenheit binden zu lassen? Sicherlich. Aber jeder trägt ein Stück Geschichte bei sich.

Meine beginnt 1982 in Dresden. Als die Mauer fällt, bin ich sieben. Das erste Silvester verbringe ich in Göttingen – damals funkelnd und aufregend. 25 Jahre ist das nun her. Sächsisch spreche ich kaum noch. Meine Freunde kommen aus der ganzen Welt.

Doch prägt meine Herkunft, wie ich die Welt sehe. Ich kann das nicht abschütteln und will es auch gar nicht. Es hat viel mit den Neunzigern zu tun, als die Ostdeutschen in den spätmodernen Kapitalismus katapultiert wurden. Sie wollten das so, hatten aber keine Ahnung, welchen Preis das haben würde.

Es gibt heute kaum Ostdeutsche in Vorständen und Chefredaktionen. Vielleicht wird das mit der Zeit anders, wenn die Jungen reif genug sind. Aber wenn ich mir ansehe, wie viele Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund es in die Leitungsebenen geschafft haben, dann glaube ich, dass es noch sehr lange dauern wird. Auch sie werden als anders wahrgenommen. Die Vielfalt in diesem Land spiegelt sich nicht da, wo über Optionen für die Zukunft beraten und entschieden wird.

Johannes Staemmler ist Mitherausgeber des Buches "Dritte Generation Ost" und lebt in Berlin. © privat

So lange die Norm einer deutschen Einheitlichkeit so wie bisher gelebt wird, werden viele außen vor bleiben – unter ihnen auch die Ostdeutschen. Und genauso lange wird ‚ostdeutsch‘ eine politische Kategorie bleiben und nicht nur eine regionale.

3 — Das Leichentuch über den Jahrzehnten
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  1. 1 — Erinnert euch!
  2. 2 — Die deutsche Einheitlichkeit
  3. 3 — Das Leichentuch über den Jahrzehnten
  4. 4 — Sprich keinen Dialekt im Westen!
  5. 5 — Mein Feminismus ist ostdeutsch
  6. 6 — Einbahnstraße Deutsche Einheit
  7. 7 — Kita = Kommunismus
  8. 8 — Hört auf, mich Ossi zu nennen
  9. 9 — Ostalgie ist ein Lügner

Von Andrea Hanna Hünniger

Wenn ich einem Ostdeutschen, ungefähr in meinem Alter, begegne und wir feststellen, aus dem gleichen Osten zu kommen; dem Osten, der einmal DDR hieß, dann sagen wir: Echt? Cool!  

Ich bin 29 Jahre alt, war fünf als die Mauer fiel und sage "cool", wenn ich einen Ostdeutschen treffe, der genauso viel weiß über die DDR wie ich, nämlich gar nichts.

Ich sage "cool" zu einem Landstrich. "Cool" zu etwas, was es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte oder nie gegeben hat. Wir sprechen von Ostdeutschland. Niemals von der DDR.

Vor Kurzem hielt ich einen Vortrag in einer ostdeutschen Stadt. Ausgerechnet vor Psychiatern. Hatte aber das Gefühl, auch einige Patienten waren im Publikum. Ich sagte, es sei wichtig, das Schweigen der Eltern zu beenden, das Schweigen über ein Land. Über diesem Thema DDR hing ein Leichentuch, unter das niemand schauen dürfte. Die darauffolgenden neunziger Jahre waren geprägt vom Schweigen darüber. Auch über die Neunziger wurde so ein Tuch gelegt. So wird über jedes heikle Jahrzehnt ein Tuch gespannt. Was ich nicht sehe, kann so schlimm nicht gewesen sein. 

Andrea Hünniger wurde 1984 in Weimar geboren. Ihr Buch "Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer" erschien 2011. Sie arbeitet als freie Journalistin. © privat

Aus dem Publikum meldet sich eine Ärztin oder Patientin, ich kann es wirklich nicht genau ausmachen, und sagte: "Aber lassen sie Ihre Eltern doch schweigen! Wenn sie halt nix sagen wollen..."

Ich überlegte einen Augenblick. Schweigen bedeutet doch fast so etwas wie Tod. Schweigen verdeckt Gewalt. Schweigen, das sind tote Babys in Blumentöpfen, schweigend rannte ein Junge durch seine Erfurter Schule und ballerte um sich. Schweigend sitzt Beate Zschäpe im Schwurgerichtssaal 101. Das sind die Ergebnisse der neunziger Jahre. Stiefmütterchenlandschaften blühen auf Erde voller Blut. Aber das Thema ist ja langsam auch mal durch, heißt es.

Wenn mein Vater, SED-Mitglied und blond, etwas sagte, hörten sogar die Mücken an den Wänden zu, weil er sehr selten etwas sagte. Einmal in der Woche gab er eine – wie offizielle – Erklärung in der Küche ab. Der Samowar dampfte nebenbei. Anfang der Neunziger war mit meinem Vater nicht viel anzufangen. 

Jeder hat die Vergangenheit, die er braucht

Ich komme aus einem Haushalt, in dem der Mauerfall nicht jubelnd aufgenommen wurde. Mein Vater sprach immer von dem Guten, Schönen, Wahren (also von früher). Ich verstand immer: Die guten schönen Waren (also heute). Wir redeten oft aneinander vorbei. Vor meinen Eltern rechtfertige ich die neue Zeit. Vor einem Westdeutschen rechtfertige ich meine Eltern. Vieles von dem, was wir Geschichte nennen, ist reine Erfindung. Jeder hat die Vergangenheit und das Bild von ihr, das er braucht, um weiterzugehen und weiterzureden. Ich habe sehr lange gebraucht, mich an den Gedanken zu gewöhnen.

Mein kleinster Nenner: Wir sind die Nachgeborenen. Mit Eltern, die in der DDR lebten und mal besser, mal schlechter rüber rutschten in die BRD. Bei uns greifen keine Bordieuschen Einheiten von Herkunft, Kapital und Bildung. Ich bin ein ostdeutsches Kind der Neunziger. Ich bin ein Kind des Mauerfalls und von Disneyland. Oft hielt ich beides für das Gleiche. Von uns gibt es nicht viele, aber es gibt sie. Wir sind keine Generation, aber wir sind eine identische Erfahrung. In letzter Konsequenz glaube ich, aus diesen schweigenden Jahren lernen zu müssen, um die Gegenwart zu verstehen. 

Ihr, die ihr wie tollwütig in Stasiakten wühltet, warum stellt ihr euch jetzt tot, wenn es wieder um Überwachung und Verschleierung geht?

4 — Sprich keinen Dialekt im Westen!
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  1. 1 — Erinnert euch!
  2. 2 — Die deutsche Einheitlichkeit
  3. 3 — Das Leichentuch über den Jahrzehnten
  4. 4 — Sprich keinen Dialekt im Westen!
  5. 5 — Mein Feminismus ist ostdeutsch
  6. 6 — Einbahnstraße Deutsche Einheit
  7. 7 — Kita = Kommunismus
  8. 8 — Hört auf, mich Ossi zu nennen
  9. 9 — Ostalgie ist ein Lügner

Von Sandro Schroeder

Ich bin nur geografisch ein Ostdeutscher. Doch würde der Begriff nur so benutzt, hätte ich diesen Text nicht schreiben müssen.

Vor drei Jahren habe ich meine Heimatstadt Calbe bei Magdeburg verlassen. Sie starb und kämpfte nicht einmal dagegen. Bremen wurde mein Studienort. Ich war begeistert, ich hatte jede Menge Fragen. Doch nach einigen Wochen kam vor allem eine immer wieder: Falle ich hier wirklich so auf?

Es ist immer noch überall

Ossi-Wessi-Denken, das ordnete ich eigentlich der Generation meiner Eltern zu. Auch wenn die beiden es ungern zugeben: Sie pressen die Westdeutschen hin und wieder in blöde Klischees von Rücksichtslosigkeit und Egoismus. Wie es andersherum auch geschieht. Aber es ist nicht nur ihre Generation.

Sandro Schroeder wurde 1992 in Sachsen-Anhalt geboren. Er studiert Journalistik in Bremen. © privat
Die ersten 25 Jahre

Dieser Text ist Teil unserer Reihe zum Mauerfall. Zwei Monate lang wollen wir dieses neue Deutschland kartografieren. Was ist geschehen, seit die Menschen auf dem Todesstreifen tanzten? Sind die Deutschen schon wieder geeint? Müssen sie das überhaupt sein? Und wo wirkt die Wiedervereinigung noch heute? Wir glauben, dass dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen ist. Deswegen heißt diese Serie Die ersten 25 Jahre. Falls Sie auf Twitter mitreden möchten: Das Hashtag der Serie lautet #de25.

An einem meiner ersten Tage in Bremen äffte eine junge Barkeeperin meinen Dialekt nach: "Na, was machst du denn hier?" Es war das erste von vielen Malen. An der Hochschule heißt es immer wieder spöttisch: "Was sagst du als Ostdeutscher dazu?" Zur WM 2006, das höre ich heute noch, "war Sachsen-Anhalt doch No-Go-Area für Ausländer". Es vergeht kaum ein Tag, egal wo, ohne Sprüche. Nicht besonders böse gemeint, aber immer wieder.

Wer ostdeutsch klingt, muss sich was gefallen lassen. Ich bin nicht besonders heimatverbunden und ich definiere mich nicht über meine Herkunft. Und ich kann auch etwas ab. Doch gegen diese Sticheleien habe ich mich nicht groß gemacht. Sie brachten mich dazu, mir meinen Dialekt schneller abzugewöhnen.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriff, dass ich mich für nichts rechtfertigen muss. Inzwischen reagiere ich mit Augenrollen oder mit einem Lächeln. Trotzdem reißt es nicht ab. Ein guter Freund simste mir neulich: "Na, bist du wieder in Dunkeldeutschland?" Und ich fragte mich wieder, wie ich darauf antworten sollte. Ist es nicht schade, seine Zeit damit verbringen zu müssen? So neu sind wir Ostdeutsche doch gar nicht mehr.

5 — Mein Feminismus ist ostdeutsch
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  1. 1 — Erinnert euch!
  2. 2 — Die deutsche Einheitlichkeit
  3. 3 — Das Leichentuch über den Jahrzehnten
  4. 4 — Sprich keinen Dialekt im Westen!
  5. 5 — Mein Feminismus ist ostdeutsch
  6. 6 — Einbahnstraße Deutsche Einheit
  7. 7 — Kita = Kommunismus
  8. 8 — Hört auf, mich Ossi zu nennen
  9. 9 — Ostalgie ist ein Lügner

Von Anne Wizorek

Das Erste, was ich im Westen erlebte, kam mir irgendwie bekannt vor. Wir warteten. Warteten. Und: warteten.

Meine Familie stand auf der Berliner Oberbaumbrücke, dicht gedrängt mit unzähligen anderen Menschen. Der Grenzübergang war viel zu klein für die vielen Tausenden, die in den Westen wollten. "Die ham’ wieder zujemacht!", rief jemand. Und alles gackerte.

Es war dieser DDR-typische Galgenhumor, den ich damals nicht immer verstand, der mir aber heute noch hilft.

Inzwischen fahren U-Bahnen über die Oberbaumbrücke, gut alle fünf Minuten. Manchmal sehe ich uns da noch stehen und bin überwältigt, was sich seitdem alles verändert hat – was mich neben diesem Humor noch so geprägt hat.

Das Bild, das sich viele vom Mauerfall machen, ist bestürzend einfach. In diesem Bild war es eben noch trist und schwarzweiß, dann plötzlich schwappten die Farben zu uns herüber. Und die Bananen. Da gibt es viel zu wenige Fragen.

Anne Wizorek wurde 1981 in Rüdersdorf bei Berlin geboren. Sie ist Initiatorin der Kampagne #aufschrei, durch die vor allem in Deutschland eine Debatte zum Thema Alltagssexismus angestoßen wurde. Am 25. September 2014 erscheint ihr erstes Buch "Weil ein #aufschrei nicht reicht". © Anne Koch

Vielleicht wird meiner Generation deshalb immer wieder eingeredet, dass sie nicht wirklich im Osten gelebt hätte. Wir seien noch viel zu jung gewesen, wir hätten doch gar nichts mitbekommen.

Nein. Dass ich aus dem Osten komme, ist ein Teil meiner Identität, der immer noch existiert – egal wie lange die Mauer verschwunden ist.

Ich bin Feministin. Oft wird einfach angenommen, meine Einflüsse kämen aus der westdeutschen Frauenbewegung. Dabei war das, was mich zunächst am meisten prägte, das Leben meiner Eltern und ein Alltag, in dem es normal war, dass Frauen arbeiteten. Meine Mutter ist das Vorbild, nicht diejenige, von der ich mich abgrenzen wollte.

Ich will mich erinnern. Und will, dass wir uns weiter kennenlernen. Ohne Beschönigungen, aber mit offenen Augen. Wie die grünen Bananen, die wir damals in Zeitungspapier auf der Heizung lagerten, muss auch unsere Gesprächskultur über den Mauerfall immer noch nachreifen.

6 — Einbahnstraße Deutsche Einheit
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  1. 1 — Erinnert euch!
  2. 2 — Die deutsche Einheitlichkeit
  3. 3 — Das Leichentuch über den Jahrzehnten
  4. 4 — Sprich keinen Dialekt im Westen!
  5. 5 — Mein Feminismus ist ostdeutsch
  6. 6 — Einbahnstraße Deutsche Einheit
  7. 7 — Kita = Kommunismus
  8. 8 — Hört auf, mich Ossi zu nennen
  9. 9 — Ostalgie ist ein Lügner

Von Robert Schachtschneider

Ich bin 1985 in Brandenburg geboren. Meine frühen Kindheitsbilder sind schwarz-weiß; auf meinem Impfpass sind Hammer, Zirkel und Ährenkranz eingeprägt. Auf meinem Sprachdiplom steht als Geburtsland die DDR und auf Familienfeiern singt meine Tante gern russische Pionierlieder. Präziser wäre also: Ich bin 1985 in der DDR geboren.

Ich bin ostdeutsch, aber anders als meine Eltern und Großeltern. Ich kenne die Regeln dieses Landes und kann nach ihnen spielen. Mich formten die Wendejahre, nicht die DDR. Ich bin aber auch anders als meine westdeutschen Altersgenossen, die kaum etwas vom Osten wissen und dem brutalen Anpassungsdruck, der in den neunziger Jahren herrschte.

Ich bin dazwischen. Ein Transitkind.

Ich war fünf Jahre alt, als die Wiedervereinigung in Brandenburg einschlug. Fabriken schlossen, Arbeitsplätze wurden wegprivatisiert, Karrieren endeten, Alteigentümer prozessierten. Fast in jeder Familie zogen Söhne, Töchter, Ehepartner weg. Auch in meiner.

Robert Schachtschneider stammt aus dem Ort Wassersuppe in Brandenburg. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Dirk Becker (SPD). © Hertie-Stiftung 2014 / Wolfgang Frank

Bis zu meinem Abitur kam ich nur wenig in Berührung mit Westdeutschen. Hier gab es keinen homo oeconomicus, sondern fast nur ehemalige DDR-Bürger, die die Welt nicht mehr verstanden.

An der Universität begann mich die Frage zu interessieren, wie der Systemwechsel in den anderen Staaten des Ostblocks abgelaufen war. Und ob er dort auch eine solche Schneise geschlagen hatte.

Was durfte der Osten einbringen?

Nein, das hatte er nicht. In Ostdeutschland ist zwar der Wohlstand höher, dafür aber geschah die Transformation in den anderen Staaten von innen heraus. Dort hatten es ehemalige Dissidenten wie Lech Walesa oder Václav Havel schnell an die Spitze ihrer neuen Staaten geschafft. Es gestalteten jene den Umbruch, die unter dem Sozialismus gelebt und gelitten hatten.

Die deutsche Einheit dagegen gleicht einer Einbahnstraße, auf der das Modell BRD nach Ostdeutschland verfrachtet wurde. Es fehlte die zweite Richtungsspur: Was durfte Ostdeutschland einbringen? Wenig. So wurden aus Menschen, die Ende der Achtziger auf die Straße gegangen sind, die gestalten wollten, teilweise apolitische Bürger im vereinten Deutschland. Dieses lähmende Gefühl und der Komplex, der daraus entstand, prägten auch mich.

7 — Kita = Kommunismus
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  1. 1 — Erinnert euch!
  2. 2 — Die deutsche Einheitlichkeit
  3. 3 — Das Leichentuch über den Jahrzehnten
  4. 4 — Sprich keinen Dialekt im Westen!
  5. 5 — Mein Feminismus ist ostdeutsch
  6. 6 — Einbahnstraße Deutsche Einheit
  7. 7 — Kita = Kommunismus
  8. 8 — Hört auf, mich Ossi zu nennen
  9. 9 — Ostalgie ist ein Lügner

Von Antonia Kittel

Ich kann nichts zur DDR sagen. Ich war zu jung, als die Mauer fiel. Aber über den Osten kann ich sprechen.

In Hamburg sind Ostdeutsche keine Exoten. Doch als ich mit 18 dort hinzog, musste ich mir plötzlich ständig Geschichten und Erinnerungen anhören, die die Leute mit der DDR verbinden. Die erste Reise nach der Grenzöffnung, die Verwandten, die Westpakete.

Ich begann damals eine Beziehung mit einem gebürtigen Hamburger. Einmal nahm ich ihn mit nach Thüringen zu einer großen Familienfeier. Er saß neben meiner Großmutter, die ostthüringischen Dialekt sprach und nicht die Kunst beherrschte, ins Hochdeutsche zu wechseln. Mein Freund sprach den ganzen Abend kein Wort – weder mit ihr noch mit sonst jemandem. Als ich ihn darauf ansprach, beklagte er sich, dass sich niemand die Mühe gemacht habe, weniger Dialekt zu sprechen.

Ossi-Witze immer mit Augenzwinkern

Drei Jahre später ging ich nach München zum Studieren. Dort wurde ich offen und oft wegen meiner Herkunft diskriminiert, sogar von Kommilitonen und Professoren. Ständig musste ich mich für die DDR, Ostdeutschland und die Wirtschaftslage rechtfertigen. Man machte sich lustig, natürlich immer mit einem Augenzwinkern. Das macht besonders aggressiv.

Antonia Kittel wurde 1988 in Schmölln (Ostthüringen) geboren. Sie hat einen Bachelor in Management sozialer Innovationen. Zurzeit lebt sie in Kulmbach und studiert Governance an der Fernuni Hagen. Sie bloggt über soziale Innovationen, Fördermittel und Nachhaltigkeit. © privat
Die ersten 25 Jahre

Dieser Text ist Teil unserer Reihe zum Mauerfall. Zwei Monate lang wollen wir dieses neue Deutschland kartografieren. Was ist geschehen, seit die Menschen auf dem Todesstreifen tanzten? Sind die Deutschen schon wieder geeint? Müssen sie das überhaupt sein? Und wo wirkt die Wiedervereinigung noch heute? Wir glauben, dass dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen ist. Deswegen heißt diese Serie Die ersten 25 Jahre. Falls Sie auf Twitter mitreden möchten: Das Hashtag der Serie lautet #de25.

Ich begann, so etwas wie ein Überlegenheitsgefühl zu entwickeln. Ich dachte Dinge wie: Ihr schimpft über den Soli, habt aber euren Aufschwung den Amerikanern zu verdanken.

Ich lebe inzwischen in Oberfranken, nahe an Thüringen. Dennoch merke ich immer wieder, dass ich Ostdeutsche bin. Für mich war es selbstverständlich, dass mein Sohn nach einem Jahr in die Kinderkrippe geht, auch wenn ich zu Hause arbeite und studiere. Ich ärgere mich immer wieder darüber, dass die Kita sechs Wochen im Jahr schließt und grundsätzlich um 15.30 Uhr zu macht. In meiner angeheirateten Verwandtschaft aus Hessen herrscht dagegen die Ansicht, dass man ein Kleinkind nicht von fremden Menschen betreuen lassen sollte.

Wir haben vor einem Jahr geheiratet. Mein Schwiegervater empfahl, dass in Hessen gefeiert wird. Als er beim Polterabend zum ersten Mal in meinem Heimatdorf in Thüringen war, entfuhr es ihm: "Wenn ich gewusst hätte, dass es hier so schön ist, hätten wir hier gefeiert. Das wäre günstiger gewesen."

Die meisten Westdeutschen kennen den Osten kaum. Und glauben so viel zu wissen. Mein Mann kann das nicht nachvollziehen, aber ich bin zur Ostdeutschen geworden. Im Westen.

8 — Hört auf, mich Ossi zu nennen
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  1. 1 — Erinnert euch!
  2. 2 — Die deutsche Einheitlichkeit
  3. 3 — Das Leichentuch über den Jahrzehnten
  4. 4 — Sprich keinen Dialekt im Westen!
  5. 5 — Mein Feminismus ist ostdeutsch
  6. 6 — Einbahnstraße Deutsche Einheit
  7. 7 — Kita = Kommunismus
  8. 8 — Hört auf, mich Ossi zu nennen
  9. 9 — Ostalgie ist ein Lügner

Von Rick Noack

Ich bin in Dresden geboren, vier Jahre nach dem Fall der Mauer. Zum Ossi wurde ich das erste Mal mit 15, als ich drei Monate an einer deutschen Schule in Kalifornien verbrachte. Bis dahin spielte ein Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland in meinem Leben kaum eine Rolle. Doch weit weg von der Heimat musste ich plötzlich westdeutschen Schülern Fragen beantworten wie: Sieht es im Osten eigentlich immer noch nach DDR aus?

Zurück in Deutschland wurde ich wenig später gefragt, wie es um die Wasserversorgung im Osten stehe. Das sollte ein Spaß sein, aber lachen konnte ich darüber genauso wenig wie über den Freund, der für mich als privaten Solidaritätszuschlag ein paar Bananen kaufte.

Ich habe die deutsch-deutsche Teilung nicht erlebt und so wie meinen Freunden im Westen musste man mir die Bedeutung von Worten wie Stasi im Unterricht beibringen. Ich habe mich immer als Deutschen gesehen. Doch dann machten mich meine westdeutschen Freunde zum Ossi.

Rick Noack hat nach seinem Abitur als freier Journalist gearbeitet, danach zwei Jahre in Frankreich studiert und lebt aktuell in den USA, wo er im Rahmen eines Stipendiums für die Washington Post arbeitet. © Deutsche Welthungerhilfe

Der Begriff "Ossi" hat für mich ausgedient. Sachsen hat ganz andere Probleme als Thüringen. Leipzig ist eine ganz andere Welt als Dresden. Wenn ich an die Ostsee fahre, fühle ich mich fremder als in München. Ich schäme mich nicht dafür, aus Ostdeutschland zu kommen. Aber der Begriff ist einfach zu pauschal. Ich benutze ja auch nicht "Westen" in Diskussionen. Denn was würde ich denn damit meinen? Hamburg? Oder München?

Ich habe einen Vorschlag: Lasst uns aufhören, uns als Ossis und Wessis zu bezeichnen. Würde die alte Spaltung danach einfach so verschwinden? Vielleicht ja – zumindest zwänge es die Menschen, sich ernsthaft mit Ostdeutschland zu beschäftigen. Oder besser: Den vielen Ostdeutschlands. 

9 — Ostalgie ist ein Lügner
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  1. 1 — Erinnert euch!
  2. 2 — Die deutsche Einheitlichkeit
  3. 3 — Das Leichentuch über den Jahrzehnten
  4. 4 — Sprich keinen Dialekt im Westen!
  5. 5 — Mein Feminismus ist ostdeutsch
  6. 6 — Einbahnstraße Deutsche Einheit
  7. 7 — Kita = Kommunismus
  8. 8 — Hört auf, mich Ossi zu nennen
  9. 9 — Ostalgie ist ein Lügner

Von Elisabeth Rank

Ein müdes Kind sitzt spärlich bekleidet anderthalb Stunden lang auf einem Stuhl und darf sich nicht anlehnen. Wenn es sich anlehnt, berührt sein Kopf den Lichtschalter und dann gibt es Ärger. Die Erzieherinnen stehen am offenen Fenster und rauchen. Das Kind sitzt und friert, weil es daran gescheitert ist, auf einer Holzliege ohne Matratze ruhig liegen zu bleiben, die Arme an den Körper gepresst und auf Kommando zu schlafen. 

Das Kind ist ein Mädchen, also wird es jeden Morgen von den Erzieherinnen in die Puppenecke gesetzt, mit der es nichts anfangen kann, aber "das müsse man nur oft genug machen, das Kind wird schon lernen, wo es hingehört". 

Das Kind will keine Äpfel mit Schale essen, deswegen wird seine Mutter in den Kindergarten zitiert, denn "dass Kinder die Äpfel mit Schale essen ist vorgeschrieben". Das Kind muss sich von der Suppe im Kindergarten übergeben. Danach wird das Kind mit dem Teller voller Erbrochenem in den Flur gesetzt. Man befiehlt ihm, den Teller leer zu essen. Vorher dürfe es nicht wieder hinein. 

Elisabeth Rank wurde 1984 in Berlin geboren. Sie veröffentlichte die Romane "Und im Zweifel für dich selbst" und "Bist Du noch wach" bei Suhrkamp und im Berlin Verlag. Sie arbeitet als Onlineredakteurin bei "Wired". © Carolin Weinkopf

Das Kind wird an anderen Tagen von zwei Erzieherinnen festgehalten, während eine dritte dem Kind das Essen mit einem Löffel in den Mund zwingt. Auch nach diesem Vorfall werden die Eltern einbestellt. Kinder hätten zu essen, was auf den Tisch kommt – in der Geschwindigkeit, in der man es von ihnen verlange. Alle seien gleich, da könne niemand aus der Reihe tanzen, das wäre ja noch schöner.   

Wenn die Erzieherinnen Kopfschmerzen haben, was häufig vorkommt, müssen die Kinder mit einem Finger vor dem Mund manchmal bis zu zwei Stunden schweigend am Tisch sitzen. Wer das nicht schafft, muss auf den Stuhl oder auf die Toilette und dort warten, bis die Eltern zum Abholen kommen.

Soll ich weitererzählen?

Ich bin nun kein Kind mehr, sondern eine erwachsene Frau. Früher habe ich Aussagen wie "Früher in der DDR, da war das alles besser", "Meine Kindheit war toll, vom System habe ich damals nicht viel mitbekommen" oder "Es hat mir nicht geschadet" oft überhört. Weil ich wusste, ich würde eine von diesen Diskussionen führen müssen, in der irgendwann einer sagt: "Mir ging es halt gut, ich kann ja nichts dafür, dass es bei anderen nicht so war."    

Heute sage ich: "Deine Verklärung ist falsch." Und ich sage es gern auch zwanzigmal, wenn es sein muss. Ich erkläre, ich erzähle, ich lasse mich nicht abschütteln. Denn dieser Widerstand gegen solch unreflektierte Ostalgie spült mir den Mund aus. Er macht mich frei. Schweigen tut das nicht.


Dieses Manifest ist der erste Teil unserer Reihe zum Mauerfall. Zwei Monate lang wollen wir das neue Deutschland kartografieren. Was ist geschehen, seit die Menschen auf dem Todesstreifen tanzten? Sind die Deutschen schon wieder geeint? Müssen sie das überhaupt sein? Und wo wirkt die Wiedervereinigung noch heute? Wir glauben, dass dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen ist. Deswegen heißt diese Serie "Die ersten 25 Jahre".

Was halten Sie von dem Manifest? Diskutieren Sie mit!

Und falls Sie auf Twitter mitreden möchten: Das Hashtag der Serie lautet #de25.

Fotos: © Julian Röder, Thomas Meyer, Jörn Vanhöfen / OSTKREUZ - Agentur der Fotografen