Harald Martenstein Über Intimbehaarung

© Fengel
ZEITmagazin Nr. 17/2014

Du hast einen Spleen, mein Menschenbruder? Ich verstehe dich, lass dich umarmen. Wer selber kein Rad ab hat, der werfe den ersten Stein. Aber auch ich stoße mit meinem Verständnis für sonderbare Fixierungen manchmal an Grenzen. Christine Kaufmann, eine recht bekannte Schauspielerin von fast siebzig Jahren, hat sich in der Bild für mehr Schamhaar in Deutschland ausgesprochen. Originaltext: "Die Schambehaarung sollte wie ein kleiner Garten gepflegt werden. Ich breche eine Lanze für mehr Schamhaar." Meine erste Reaktion war, dass ich das mit der Lanze, die sie in ihrem kleinen Garten bricht, für ein sprachlich gewagtes Bild gehalten habe. "Ich, Christine Kaufmann, fordere grünes Licht für mehr Schamhaar" wäre vielleicht die sprachlich überzeugendere Lösung gewesen, wenn sie nicht gleich den Freiheitsdichter Theodor Körner zitiert: Dem Schamhaar eine Gasse!

Mein zweiter Gedanke war selbstverständlich das, was jedem als Erstes zu derartigen Enthüllungen einfällt: Ich will das nicht wissen. Ich weigere mich, den Gedanken an Christine Kaufmanns gartenähnliche, zu dieser Jahreszeit vermutlich in Blüte befindliche Intimbehaarung in meinem Leben Raum zu geben. Sie trägt dort ein offenbar von ihrem Figaro hingezaubertes "hübsches Herzchen". Ein englischer Garten, oder? Ich will das nicht wissen, jetzt weiß ich es halt trotzdem.

In den folgenden Tagen fuhr ich mehrfach mit dem ICE. Im ICE gibt es Zeitungsständer, in denen auch die erwähnte Zeitung vorhandenen ist. Ich habe mich gehasst dafür, aber ich habe tatsächlich die Zeitung genommen und aufgeschlagen. So erfuhr ich von der "großen Schamhaar-Debatte in Bild". Alle möglichen Menschen, Frauen und Männer, einige davon Kulturschaffende, äußerten sich über ihr Schamhaar und debattierten. Antje Nikola Mönning, die angeblich in der Serie Um Himmels Willen eine Nonne gespielt hat, widerspricht ihrer Kollegin Christine Kaufmann und plädiert für Glattrasur, nicht mal ein christliches Kreuz statt eines Herzchens findet ihre Gnade. Cameron Diaz dagegen steht eher auf der Seite von Kaufmann.

Ich dachte, ein Gutes hat die Sache, es ist wenigstens mal keine Debatte über den Nationalsozialismus. Obwohl – dort, wo ein Herzchen Platz hat, da passen natürlich auch politische Symbole hin, darunter solche, die wir in Deutschland nie wieder sehen möchten. Muss man eine solche Partnerin beim Verfassungsschutz anzeigen? Was sagen die auch erotisch versierten NS-Debatten-Profis Martin Walser und Günter Grass in dieser Causa?

Ich habe mir auf ZEIT ONLINE die Debattenhöhepunkte des Jahres 2013 angeschaut. Dies also waren, an Klicks gemessen, die Debatten, die wir Deutschen im jeweiligen Monat für die wichtigsten hielten. Januar: Ist Brüderle ein Sexist? Februar: Annette Schavan, darf sie Doktorin bleiben? März: Der neue Papst, Fluch oder Segen? April: Nicht genug Presseplätze im NSU-Prozess, wieso? Mai: Pädophilie. Juni: Edward Snowden. Juli: Das Baby der Royals in England. August: Veggie-Day. September: Steinbrück – darf Stinkefinger Kanzler werden? Oktober: Die Badewanne des Limburger Bischofs. November: Prostitutionsverbot. Dezember: Alice Schwarzer und Weihnachten. Im Vergleich zu einigen dieser Topthemen, finde ich, ist die Intimbehaarung von Christine Kaufmann eigentlich gar kein so irrelevantes Thema. Ich habe aber auch begriffen, wieso Angela Merkel grundsätzlich keine Debatten anzettelt und sich zu Debatten nur im Notfall äußert, dann aber stets ausweichend. Als Kolumnist habe ich diese Option nicht.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

The hair Escaping from my teeth

sang Frank Zappa,I love my hair war die Parole.
Das muss für z.B.damals halbnackt fotografierte Schauspielerinnen schrecklich sein,wenn sie sehen,dass da z.B. Achselhaare spriessen,die damals kein Mensch beanstandet hat und heute als absolute Geschmacklosigkeit angesehen werden.
Heute wird an Stellen rasiert und tätowiert und gepierct,die eigentlich kaum einer genau kennen will. und in ein paar Jahren werden die Leute das als eine einzige Geschmackskatastrophe ansehen.

Der Trend...

...beim Mann scheint ja zu Bart im Gesicht und Intimrasur zu gehen.
Ob Frauen das gut finden?
Im KollegInnen- und BekanntInnen-Kreis ist man sich diesbzgl. relativ einig, wie cih letztens erfahren musste: Mann darf Körperbehaarung tragen. Die Damen sind allerdings alle deutlich über 30...

Bei Frauen schätzen die meisten Männer wohl rasierte Achseln und Beine.
Eine nett gestutzte Intimfrisur finde ich persönlich ganz nett.

Die Mädels können ja dem Mann den Rasierer in die Hand geben...

Bitte nicht ........

Und was genau verleiht Frau Kaufmann nun die Qualifikation und Kompetenz zu einer solchen Forderung?
Einmal ganz davon abgesehen, dass mit zunehmendem Alter der Haarwuchs an manchen Körperstellen weniger wird und an anderen (Beispiel: weibliche Oberlippe und weibliches Kinn) mehr.

Als ich vor kurzem - dummerweise - im TV herumschaltete, sprang mir ein Bild entgegen, auf welchem Frau Kaufmann - zugegeben in sehr gelenkiger Manier - Spagat machte. Obwohl ich sehr schnell weiterschaltete, blieb mir dieses verstörende Bild noch ein Weilchen erhalten.
Und nun, Herr Martenstein, kommen Sie hier mit dieser bildhaften Beschreibung von herzförmigem Bewuchs .... herrje .... musste das nun sein?
Ich bin ein mit ausgeprägter Phantasie beschenkter Mensch und möchte gerade auch zu diesem Thema eine Zeile von den "Ärzten" zitieren:
"Es gibt Dinge, von denen ich gar nichts wissen will".

Mich in meiner Abhängigkeit von Ihren Beiträgen mit solchen "fiesen" Sachen zu überraschen ... das ist einfach verantwortungslos.
;-)