Putin als Dragqueen bei Protesten in England © Neil Hall/Reuters

Putin-Fotograf Platon "Ich spürte die kalte Autorität"

Kein Foto hat das Bild von Wladimir Putin so geprägt wie jenes, das Platon von ihm aufnahm. Hier erzählt der Fotograf, wie es zustande kam. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 18/2014

ZEITmagazin: Platon, Sie haben Wladimir Putin ursprünglich für das Cover des Time Magazine fotografiert, jetzt ziert das Porträt Demonstrationsplakate auf der ganzen Welt, zuletzt in der Ukraine. Freut Sie das?

Platon: Ich habe das Bild vor sieben Jahren gemacht, erstaunlich, wie lange es in Umlauf ist. Manchmal hält ein Bild eben einen Moment der Wahrheit fest. Ich bin sehr froh, dass dieses Foto von den Leuten auf der Straße vereinnahmt worden ist.

ZEITmagazin: Was glauben Sie, warum das Bild so viele Leute anspricht?

Platon:Das Putin-Foto funktioniert bei Leuten mit den unterschiedlichsten politischen Überzeugungen. Als es veröffentlicht wurde, haben in Russland viele kritisiert, das Foto feiere Putin. Putin-Anhänger wiederum haben sich beklagt, ich ließe ihn wie eine Figur aus dem Kalten Krieg aussehen. Putin ist sehr mächtig, eine ikonische Figur unserer Zeit. Je nachdem, woran man glaubt, löst er große Gefühle aus bei den Menschen.

Das Porträt von Putin entstand schon vor sieben Jahren. Seither ist es weltweit bei Anti-Putin-Demonstrationen und auf Titelbildern zu sehen © Platon

ZEITmagazin: Wo haben Sie Putin damals getroffen?

Platon:Ursprünglich sollte das Foto im Kreml gemacht werden. Das Time Magazine hatte Putin zum Mann des Jahres gewählt und ein Interview mit ihm vereinbart. Ich wusste aber nicht genau, wann das Fotoshooting stattfinden sollte, also saß ich ungefähr eine Woche lang in einem Moskauer Hotelzimmer und wartete. Dann wurde ich eines Morgens mit einem schwarzen BMW abgeholt. Wir fuhren am Kreml vorbei aus der Stadt hinaus in einen dunklen, unheimlichen Wald. Es war Dezember, überall lag Schnee. Ich wurde plötzlich sehr nervös, ich dachte an den Kalten Krieg und glaubte, der KGB wolle mich entführen. Dann, nach etwa einer Stunde Fahrt durch den Wald, erreichten wir Putins Datscha. Überall standen Scharfschützen, und ich musste – die Waffen der Sicherheitsleute auf mich gerichtet – jede Kameralinse öffnen. Ich wurde dann in sein Büro gebracht und hatte zehn Minuten Zeit für den Aufbau. Dann kam Putin rein, gefolgt von Beratern, zwei Übersetzern und vielleicht zehn Sicherheitsleuten. Es war eine Entourage wie bei P. Diddy. Ich sagte, es ist toll, hier in Russland zu sein, oder so was Ähnliches und stellte ihm eine Frage: Sind Sie auch so ein großer Beatles-Fan wie ich? Alle haben sich erstaunt angesehen, die Übersetzer flüsterten eifrig in sein Ohr, und dann hat er fast alle nach draußen geschickt. Übrig blieben er, die Sicherheitsleute und ich. Putin sagte dann in perfektem Englisch: Ich liebe die Beatles. Ich fragte ihn, wer sein Lieblingsbeatle sei, und er antwortete: Paul. Ich fragte nach seinem Lieblingslied. Er sah an die Decke und antwortete: Yesterday. Was für ein aufschlussreicher Moment! Dann machten wir die Aufnahmen, und ein paar Augenblicke lang tat er genau das, was ich von ihm wollte.

ZEITmagazin: Was hat Sie das Treffen mit Putin gelehrt?

Platon:Ich habe erfahren, wie weit dieses einschüchternde Politiksystem gehen kann und wie man sich am besten dazu verhält. Ohne das Putin-Porträt hätte ich später nicht Mugabe, Gaddafi, Ahmadinedschad und all diese Typen fotografieren können. Es war mein Durchbruch als Fotograf. Beim Aufbau vor dem Shooting erzählte mir einer von Putins Übersetzern diese irre Geschichte über Boris Jelzin. Als Jelzin Präsident wurde und zum ersten Mal sein Büro im Kreml betrat, öffnete er die Türen zum Innersten der Macht und rief: Endlich ist keiner mehr über mir!

ZEITmagazin: Das ist wahre Macht.

Platon:Wir machen uns zu viele Gedanken um die Macht an sich anstatt darum, was man Gutes mit der Macht tun kann. Putin ist eine der provokantesten Figuren auf der Weltbühne. Und trotz seiner fast absoluten Macht habe ich das Gefühl, dass die Leute heute in der Lage sind, ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Deshalb prangt mein Bild jetzt auf den Demonstrationsplakaten. Die Bevölkerung ist dank der Sozialen Medien und neuen Kommunikationsmöglichkeiten selbstbewusst wie nie zuvor. Klar, Putin wurde wiedergewählt – aber wer hätte all die Demonstrationen gegen ihn vor der Wahl erwartet? Wir haben die Stimme des Volkes gehört, und das ist neu.

Putin als Hitler bei Protesten in den Niederlanden © Mark Kauzlarich/Reuters

ZEITmagazin: Wann haben Sie selbst das Foto zum ersten Mal auf einer Demonstration gesehen?

Platon:2009 wurde ich mit Human Rights Watch zu einer Konferenz zu Ehren des berühmten Regimekritikers Sacharow nach Moskau eingeladen. Dort habe ich die Menschenrechtsaktivisten unter den Konferenzteilnehmern fotografiert – Menschen aus Umweltorganisationen und Behindertenverbänden, ehemalige politische Gefangene, Journalisten, deren Kollegen getötet worden waren, weil sie das Regime kritisiert hatten. An einem freien Tag bin ich durch Moskau gelaufen, und da war eine Demonstration am Puschkin-Platz. Plötzlich sah ich Hunderte von Plakaten mit meinem Putin-Foto. Ich erlebte zum ersten Mal, dass eine Arbeit von mir so große Wirkung hat. Das war ein grandioser Augenblick und die größte Auszeichnung, die man mir machen kann.

ZEITmagazin: Kein Gedanke an Copyrights?

Platon:Die Urheberrechte liegen natürlich bei mir. Wenn eines meiner Bilder für kommerzielle Zwecke genutzt wird, bin ich sehr streng. Aber ein Foto wie dieses ist ein Selbstläufer. Jeder kann es sich aus dem Netz herunterladen und es mit Photoshop verändern – es gehört jetzt den Leuten auf der Straße. Sie malen Putin Rouge auf die Wangen und ein Hitlerbärtchen in Regenbogenfarben über die Lippen.

ZEITmagazin: Was genau unterscheidet das Bild von anderen Aufnahmen Putins?

Platon:Im Prinzip ist es ganz einfach: Es zeigt den Menschen Putin. Putin ist es egal, ob er gemocht wird, er agiert nicht, wie es zum Beispiel Barack Obama oder andere Politiker tun. Soweit ich weiß, hatte er sich nie außerhalb des Kremls porträtieren lassen. Ich habe versucht, auf zwischenmenschlicher Ebene eine Verbindung zu ihm zu finden. Ich habe ihm signalisiert, dass ich keine Angst vor ihm habe – was nicht so einfach war, denn er ist eine Furcht einflößende Person. Das liegt nicht nur an ihm, sondern an der Maschinerie um ihn herum, die einen einschüchtert. Ich war nur ein paar Zentimeter von seinem Gesicht entfernt, ich konnte seinen Atem auf meiner Hand spüren. Diese Intimität sieht man sonst nicht auf Bildern von Putin. Er hat ein Funkeln in den Augen, man spürt die kalte Autorität darin, diese Kaltblütigkeit. Man sieht das Bild und denkt sich: Das ist Putin!

ZEITmagazin: Haben Sie das vorher geplant?

Platon:Ehrlich gesagt wollte ich diese Aufnahmen einfach nur so schnell wie möglich hinter mich bringen. Ich wusste noch nicht mal zwei Minuten davor, ob es wirklich klappen würde. Dann hatte ich nur sieben oder acht Minuten Zeit und war so konzentriert, dass ich über das Shooting nicht hinausdenken konnte. Man muss sich da ganz auf seine Intuition verlassen. Bis ich vor Putin stand, wusste ich ja gar nicht, wie er wirklich sein würde. Ich fand ihn erstaunlich ruhig, er hat auf jeden Fall Charisma, aber eher ein inneres Charisma.

ZEITmagazin: Sie haben ein Buch mit Porträts von über hundert Staatslenkern gemacht. Unterscheidet Putin sich von anderen Mächtigen?

Platon:Dieses Maß an kalter Autorität habe ich bei niemandem sonst gespürt. Ich glaube, das ist es auch, was man in dem Bild sieht.

ZEITmagazin: Sie sagten mal, dass Putin insbesondere jenes Ihrer Bilder gefällt, auf dem er wie ein Mafia-Gangster aussieht.

Platon:Da sitzt er in seinem Bürostuhl, der aussieht wie ein Thron. Soweit ich weiß, mag Putin das Foto, weil es ihn als harten Kerl zeigt. Im Kreml kamen meine Bilder übrigens so gut an, dass sich Putins Nachfolger Dmitri Medwedew unbedingt von mir fotografieren lassen wollte. Nach den Aufnahmen hat Medwedew noch eine Stunde lang mit mir geredet und mir sogar ein paar Jahre lang Weihnachtskarten geschickt, aber das hörte auf, als ich für Human Rights Watch arbeitete und russische Menschenrechtsaktivisten und Putin-Gegner aufnahm.

ZEITmagazin: Sie haben auch Barack Obama fotografiert, er kommt recht sympathisch rüber. Wäre ein Foto wie Ihres von Putin – eines, das von kalter Macht erzählt – auch von Barack Obama möglich?

Platon: Ich setze immer das gleiche Licht und verwende immer die gleiche Kamera – und doch kommen so unterschiedliche Bilder heraus, ob es nun Clinton, Carter oder Berlusconi ist. Weil ich mich hundertprozentig auf die jeweilige Person und ihre Ausstrahlung konzentriere. Es ist schwer zu erklären, wie das geht, weil es völlig intuitiv ist. Bei manchen siehst du Engel in den Augen, bei anderen Dämonen.

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