Scheidungskinder Glück. Gehabt

Die Scheidungskinder der siebziger Jahre haben heute selbst Familie. Machen sie es besser als ihre Eltern?
ZEITmagazin Nr. 18/2014

Meistens klingt es nach Verständnis, manchmal nach später Bestätigung, immer nach Resignation. "Er ist halt ein Scheidungskind", "Sie hatte ja nie eine richtige Familie" – wie oft hören wir solche Erklärungen, wenn sich ein Paar aus unserem Freundeskreis trennt. "Scheidungskind", dieses Wort scheint zu erklären, warum es unmöglich ist, mit diesem Menschen eine Beziehung zu führen. Weil er nie das Streiten gelernt hat. Weil er Konflikte vermeidet, keine Gefühle zeigen kann. Weil der Platz zwischen den Stühlen seiner ist. Weil er nicht weiß, wie Ehe funktioniert.

"Scheidungskind" – das Wort, das wir immer gehasst haben. Ein paar Jahre lang hatten wir, die Autoren dieser Geschichte, es fast vergessen. Es schien keine Bedeutung mehr zu haben, wir waren erwachsen, wir hatten unsere eigenen Beziehungen, wir bekamen eigene Kinder. Aber das Wort ist noch da. Es bedeutet: Manche Menschen sind Träger des Scheidungsgens, das sich von Generation zu Generation vererbt. Wir werden es nie los, wir Scheidungskinder.

Es ärgert uns. Vielleicht weil Wahrheit darin steckt. Unsere Freunde liegen ja nicht ganz falsch. Ja, mit Streit können wir nicht so gut. Ja, wir haben Mühe, in der Liebe das richtige Tempo zu finden, wir lassen uns zu schnell auf jemanden ein oder gar nicht. Ja, wir sind so – wenn wir es uns nicht selbst austreiben.

Wir gehören zur ersten großen Welle von Scheidungskindern. In den siebziger Jahren, der Zeit unserer Kindheit, entdeckten die Frauen die Freiheit. Mütter mussten damals nicht mal echte 68er sein, damit Scheidung eine Option für sie war. Das neue Eherecht vereinfachte seit 1977 die Trennung, das persönliche Glück wurde wichtiger als die gesellschaftliche Konvention.

Unsere Mütter waren Avantgarde, und das war nicht einfach, weder für unsere Mütter noch für uns. Wir litten unter der Trennung unserer Eltern, natürlich. Die einen mehr, die anderen weniger, für manche war es sogar eine Erlösung. Für uns alle gleich aber war, dass es damals um uns herum tuschelte: "Scheidungskind", Zischlaut und "i" wie igitt – Mitleid und Herablassung hielten sich die Waage. Obwohl Scheidung heute kein Stigma mehr ist (aber offenbar trotzdem ein Grund, uns zu beurteilen), achten wir noch immer genau darauf, welche Reaktionen wir bei unserem Gegenüber hervorrufen, wenn wir unseren familiären Hintergrund erwähnen.

Wir mögen als Kinder viel Energie darauf verwendet haben, zu demonstrieren, dass wir trotz getrennter Eltern ganz normal sind, dass wir gut in der Schule sein und sogar ordentlich mit Messer und Gabel essen können. Trotzdem betrachteten wir so befremdet wie sehnsuchtsvoll Fotos, die unsere Eltern zeigten, als sie noch zusammen waren. Für viele von uns ist es ein Ziel geblieben, selbst den einen Partner zu finden, mit dem wir möglichst ewig zusammenbleiben. Kaum ein erwachsenes Scheidungskind, das nicht diesen Ehrgeiz hätte: Ich will es besser machen (wobei "besser" manchmal heißt: Bloß nicht heiraten!, als könnte einen die Abwesenheit eines Papiers, eines Rings vor irgendetwas bewahren). Dazu kommt häufig der Wunsch: Ich will, dass mein Kind es besser hat. Aber all die Anstrengung scheint oft direkt in den Misserfolg zu führen: Eine Menge erwachsener Trennungskinder sitzen jetzt beim Scheidungsanwalt – und ahnen, dass sie dort sitzen, weil sie selbst getrennte Eltern haben. Ihr Ehrgeiz, es besser zu machen mit der Liebe, hat sich verwandelt in den Ehrgeiz, es besser zu machen mit der Scheidung.

Anja (alle Namen von der Redaktion geändert), 36, ist Erzieherin und wohnt mit ihren beiden Kindern in einer Dreizimmerwohnung in Wiesbaden. In einem Zimmer schläft das Mädchen, 11, in einem der Junge, 13, im Wohnzimmer die Mutter, wenn die Kinder dort nicht gerade, wie jetzt, zu YouTube-Clips tanzen. So hat sich Anja das Leben mit ihrer Familie nie vorgestellt. Alles sollte ganz klassisch sein, alles sollte anders sein als damals. Anja erzählt:

Ich war zwei, als meine Eltern sich trennten. Das Drama begann am 40. Geburtstag meines Vaters, 1979 war das. Nach der Geburtstagsparty hat mein Vater hinter dem Schrank einen Strauß Baccararosen entdeckt, in einer Vase. Die Rosen waren von unserem Nachbarn, und auf einmal war alles klar. Meine Mutter zog mit meiner Schwester und mir ein Haus weiter. Wir lebten Garten an Garten: meine Mutter und wir Kinder auf der einen Seite des Maschendrahtzauns, mein Vater auf der anderen. "Hallo, Papa!", riefen wir. Und wenn mein Vater zum Zaun kam, keifte meine Mutter: "Lass die Kinder in Ruhe!" Er durfte uns nicht über den Zaun heben. Von den Rosen und vom Maschendrahtzaun erzählt mein Vater noch heute. Es war die Demütigung seines Lebens.

Die Besuchsregel besagte, dass wir jedes zweite Wochenende bei ihm verbringen sollten. Ich habe mich aber oft gedrückt. Während meine Schwester ein Papakind war, hielt ich aus Solidarität zu meiner Mutter. "Judas" sagte meine Mutter zu meiner Schwester. Ich verlor für Jahre den Bezug zu meinem Vater. Dass meine Mutter mich manipulierte, erkannte ich erst viel später, als ich die Scheidungsakte las. Es ging ihr immer ums Geld. Meine Mutter hatte sich beschwert, dass mein Vater ständig gearbeitet hat. Es stimmt, er war kein Familienmensch. Aber sie hat gewusst, wen sie geheiratet hat. Man kann nicht sagen: Ich heirate einen Boss, und hinterher beschwert man sich, dass er sonntags nicht da ist.

Ich selbst habe mit 22 geheiratet. Wir waren gerade mal ein Jahr zusammen. Aber je mehr Leute sagten: Ihr seid so jung, desto mehr kam der Trotz: Wir werden’s euch beweisen! Heute ist mir klar, wir hätten nie heiraten dürfen. Wir hätten spätestens das zweite Kind nicht bekommen sollen, sosehr ich froh bin, dass es da ist. Ich wollte "Vater, Mutter, Kind" spielen.

Die Erfahrung, getrennte Eltern zu haben, hat mein Leben beeinflusst. Dieses zwanghafte "Es muss doch funktionieren" habe ich daher, außerdem eine Tendenz, meine Kinder unter eine Glasglocke zu stecken – die Glasglocke, die ich selbst gern gehabt hätte.

Anfangs kümmerte mein Mann sich rührend um die Kinder. Wenn er um vier von seiner Arbeit als Schlosser nach Hause kam, sagte er zu mir: Setz dich, trink einen Kaffee. Ich konnte mich ausruhen, und er hat den Kindern vorgelesen. Alles änderte sich, als ich wieder arbeiten ging, zehn Stunden die Woche nur, aber immerhin. Andere sagten: Toll, wie du das hinkriegst, mit zwei Kindern! Ich bekam Anerkennung. Außer von meinem Mann. Der sagte: Du machst dich ja nicht kaputt. Als ich mich von ihm getrennt habe, waren mein Junge und mein Mädchen so alt wie meine Schwester und ich damals. Im Ort sagten sie: Es wiederholt sich alles.

Mein Mann hatte dann kaum noch Zeit für die Kinder. Zu mir sagte er: Du wolltest ja die Trennung, jetzt sieh zu, wie du klarkommst. Das war seine Rache. In den ersten anderthalb Jahren hatte er sieben Freundinnen. Sie alle hat er unserem Sohn und unserer Tochter vorgestellt, damit ich davon erfahre. Wir haben gekämpft, und die Kinder steckten mittendrin, wie damals am Maschendrahtzaun. Wir können uns nicht auf die Schulter klopfen, dass wir es besser gemacht hätten als unsere Eltern. Jetzt endlich, seit mein Exmann noch einmal Vater geworden ist, geht es besser.

Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ein persönlicher, ehrlicher Kommentar

Alle Berliner mit denen ich befreundet bin, haben geschiedene Eltern.
Ich denke, ich suche generell mehr die Nähe zu Scheidungskindern.
Denn sie strahlen diese Erfahrung, Trauer und Tiefe aus, mit der ich mich stark identifiziere.
Wir werden immer kämpfen müssen, mit dem Gefühl der Einsamkeit.
Egal ob in einer tollen Beziehung oder unter vielen Menschen.

Wenn ich ganz ehrlich bin, verachte ich Leute mit Eltern, die nur für ihre Kinder leben, sie beschützen und alles für sie tun.
Es kommt von Neid. Den ich auch versuche zu bekämpfen. Aber es ist schwer.

Kindern beide Eltern erhalten: Paritätische Doppelresidenz

Es ist sehr begrüßenswert, dass DIE ZEIT dieses auch gesellschaftlich höchst bedeutsame Thema so prominent behandelt. Für die Kinder ist nach einer Trennung doch das allerwichtigste, eine enge Bindung mit beiden Eltern aufrechterhalten und weiterentwickeln zu können. Das scheint inzwischen Grundkonsens auch in Deutschland zu sein, aber die Realität sieht leider - vor allem auch durch das rückständige Rechtssystem bedingt - anders aus: 40 % der Kinder, die im "klassischen" Residenzmodell einem Elternteil (meist der Mutter) quasi zugeteilt werden, verlieren bereits nach ein, zwei Jahren den Kontakt zum anderen Elternteil vollständig.

Die Paritätische Doppelresidenz (Wechselmodell) bietet demgegenüber enorme Vorteile - nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern, die Kindererziehung und Berufstätigkeit so besser vereinbaren können, und letztlich für die gesamte Gesellschaft. Aus anderen Ländern, allen voran Schweden, liegt hierzu bereits eine Fülle an wissenschaftlichen Erkenntnissen vor [...].

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Die Redaktion/lh