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Das war meine Rettung "Ein Rezept zum Glücklichsein"

Der Schriftsteller Alan Bennett erkrankte an Krebs. Er lernte, dass es besser ist, in kurzen Zeitabschnitten zu denken. Von
ZEITmagazin Nr. 20/2014

ZEITmagazin: Herr Bennett, Sie geben selten Interviews und verabscheuen es, über Privates zu sprechen. Warum?

Alan Bennett: Vermutlich liegt es daran, dass ich nicht besonders gut im Reden bin. Ich gebe selten Radio- oder Fernsehinterviews, weil ich oft nicht das zu sagen vermag, was ich eigentlich sagen will. Wenn ich schreibe, überlege ich, was ich sagen möchte, und kann allem eine Kontur geben, wohingegen ich mich beim Sprechen nicht besonders gut ausdrücke. Außerdem leben mein Partner und ich lieber etwas zurückgezogen.

ZEITmagazin: Einerseits achten Sie auf Diskretion und Privatsphäre, andererseits schreiben Sie über Ihre sexuellen Vorlieben. Wie passt das zusammen?

Bennett: Also, teils ist es sicher das Alter, und teils ist es die Zeit. Man hätte in den fünfziger und sechziger Jahren niemals so offen und frei heraus darüber sprechen oder schreiben können. Und schließlich war das Schreiben über meine Sexualität das direkte Resultat meiner Krebsdiagnose und des Gedankens, nicht mehr lange zu leben zu haben. Ich dachte, es ist besser, alles aufzuschreiben. Sollte daraus ein Buch werden und es gar erscheinen, würde ich es sowieso nicht mehr erleben. Dann musste ich feststellen, dass ich doch noch da sein würde. Ich dachte: Warum nicht? Wen kümmert das heutzutage noch?

ZEITmagazin: Bei einer Diagnose wie Darmkrebs glaubt man, das ist das Ende.

Bennett: Es war eine schwere Last, das liegt in der Natur dieser Krankheit. Manchmal zählst du die Tage, manchmal nicht, das ist so. Es gibt Tage, da vergisst du sogar, dass du an Krebs leidest. Ich hatte nie das Gefühl, dass der Krebs mich auffrisst und ich mich durch die Krankheit verändere. Ich dachte, ich würde sterben, aber ich wusste ja nicht, wann, und ich fühlte mich auch nicht besonders krank. Bei einer Operation wurde ein Teil meines Darms entfernt. Dann folgte eine sechsmonatige Chemotherapie. Das war langweilig, aber ich habe es nie als traurig empfunden. Ich bin gut davongekommen, wirklich. Ich habe nicht mal meine Haare verloren. Ich hatte zu keiner Zeit irgendwelche Schmerzen. Leute fragen sich: Warum erwischt es ausgerechnet mich? Aber keiner ist privilegiert. Es ist doch so: Du wartest dein ganzes Leben darauf, Krebs zu bekommen. Jeder hat Angst davor, aber wenn du die Krankheit dann hast, wird sie immerhin greifbar und ist nicht mehr die Bedrohung, die sie immer gewesen ist.

ZEITmagazin: Die Menschen kämpfen in der Regel dagegen an. Hatten Sie eine Bewältigungsstrategie?

Bennett: Nein, ich halte nichts von dem ganzen Zeug. Ich habe auch nicht bewusst gegen die Krankheit gekämpft. Es ist mir passiert, und ich habe es überlebt. Ich wollte damals über mich und mein Leben weiterschreiben. Und alle drei Monate bin ich zur Untersuchung gegangen. Es ist vielleicht nicht ideal, sein Leben so zu gestalten, aber in kurzen Zeitabschnitten zu denken und nicht langfristig zu planen ist ein Rezept zum Glücklichsein. Sydney Smith, der englische Prediger und Philosoph aus dem 18. Jahrhundert, meinte, man solle im Leben immer nur in kurzen Zeitzyklen denken, nicht weiter als bis zum Abendessen oder zum Tee. Wenn du Krebs hast, ist die Langzeitperspektive sehr deprimierend. Wenn du dich aber gut fühlst und du es bis zur nächsten Untersuchung schaffst, dann hast du wieder einen neuen Pachtvertrag für das Leben, und so machst du weiter. Mein Partner und ich haben in dieser Zeit allen möglichen Dinge angestellt. Uns ging es damals sehr gut.

ZEITmagazin: Glauben Sie, dass Sie Glück hatten?

Bennett: Ich hatte sehr viel Glück, denn statistisch gesehen hätte ich nicht überleben dürfen. Der Chirurg sagte mir damals, ich hätte eine Überlebenschance von fünfzig zu fünfzig. Nachdem ich weitere fünf Jahre überlebt hatte, offenbarte er mir, dass es eigentlich nur eine Chance von eins zu fünf war. Also war es doch sehr knapp. Leute sagen zu mir, ich hätte aufgrund meines Naturells überlebt. Ich glaube nicht, dass das etwas damit zu tun hat. Ich hatte einfach nur sehr viel Glück. Die Menschen messen dem Glück nicht genügend Bedeutung bei. Als ich die Diagnose bekam, waren mein Partner und ich fünf Jahre zusammen, aber wir hatten noch nie zusammengewohnt. Ich dachte damals, ich könnte nicht arbeiten, wenn jemand im Haus ist. Dann zog mein Partner zu mir und kümmerte sich um mich. Wir stellten fest, dass wir durchaus zusammenleben können und glücklich miteinander sind. Das war eine großartige Sache. Zu dem Zeitpunkt überlegten wir, gemeinsam in ein neues Haus zu ziehen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich damals dachte: Na, vielleicht lebe ich gar nicht mehr so lange, bis das geklappt hat. Es hat dann gedauert, bis wir mit viel Glück das richtige Haus fanden. Ich glaube, Glück ist ganz schön wichtig.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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