Ich habe einen Traum Katrin Bauerfeind

"Bis wir 30 sind, erzählt uns jeder, uns gehöre die Welt"

Von
ZEITmagazin Nr. 21/2014

Mein größter Traum ist es, einfach weiterzuschlafen! Jeden Morgen! Mein Schlafbedürfnis ist immens. Acht Stunden Schlaf sind für mich eher ein erweitertes Nickerchen. Mein Leben ist praktisch eine Art Schlafstörung. Es ist das, was passiert, wenn ich nicht schlafe. Nachdem ich aufgestanden bin, legt sich mein Kreislauf noch mal hin. Ich gehe vom Schlafzimmer ins Bad und habe Jetlag. Ärgerlich, aber man kann sich seinen Biorhythmus ja genauso wenig aussuchen wie seine Schuhgröße.

Katrin Bauerfeind

31, begann ihre TV-Karriere als Moderatorin der Internet-Sendung Ehrensenf. Ab 2009 trat sie an der Seite von Harald Schmidt in dessen Late Show auf. Zurzeit ist sie auf 3sat in neuen Folgen von Bauerfeind zu sehen. Im März ist ihr Buch Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag erschienen

Dafür, dass ich demnach relativ viel Zeit zum Träumen hätte, träume ich wenig bis gar nicht oder wenn, dann merkwürdig fantasieloses Zeug: Neulich hab ich mich eine ganze Nacht lang mit der S-Bahn verfahren, dabei mussten dringend die Tomaten im Garten geerntet werden. Im wachen Leben fahre ich nie S-Bahn, habe keinen Garten und schon gar keine Tomaten! Keine Ahnung, wo mein Unterbewusstsein das herhatte.

Daneben gibt es noch die anderen, die bewussten Träume. Die, von denen man will, dass sie sich erfüllen. Ich bin nicht sonderlich esoterisch veranlagt, aber ich glaube bei dieser Art der Träume an eine Art Traum-Voodoo, an kleine konkrete Requisiten, die einem helfen, sich vorzustellen, was passiert, wenn sich der Traum erfüllt. Im vergangenen Jahr habe ich davon geträumt, einmal in den Bestsellerlisten zu sein. Also habe ich meinen Namen und den Titel meines Buches in eine Bestsellerliste geklebt. Es hat funktioniert!

Nicht zum ersten Mal. Mit 18 war es mein Traum, Moderatorin zu werden und einmal bei Harald Schmidt in der Sendung zu sitzen. Schon damals habe ich meinen Namen an die entsprechenden Stellen einer Fernsehzeitung geklebt, und siehe da: Mit Mitte 20 hatten sich beide Träume erfüllt. Aber ich glaube, es war der weise Vulkanier Mr. Spock, der sagte: "Wen Gott strafen will, dem erfüllt er alle seine Wünsche." Wenn Träume sich zu schnell erfüllen, taucht oft die Leere hinter den Träumen auf. Das große schwarze Loch des "Was jetzt?", "Was will man dann?".

Mit 30 habe ich festgestellt, dass manche Träume sich nicht mehr erfüllen lassen. Im Ausland studieren zum Beispiel. Könnte ich zwar immer noch, aber eigentlich bin ich mittlerweile darüber hinaus, jeden Abend in Frankreich feiern gehen zu wollen. Jung Mutter werden wird jetzt auch schon eng. Topmodel, Leistungssportlerin, Wunderkind, für all die Träume ist es jetzt zu spät. Selbst eine ganz normale Umschulung ist gar nicht mehr so leicht. Bis wir 30 sind, erzählt uns jeder, uns gehöre die Welt, alle Türen stünden uns offen. Dann wird man eines Tages wach, fühlt sich unverändert, ist aber plötzlich 30 und stellt fest, dass die Zahl der offenen Türen sich drastisch reduziert hat. Die Fragen nach Mann und Kind und Haus werden lauter.

Ich träume davon, dass wir ohne diese Stimmen leben können, die uns sagen, wann wir was zu tun haben. Dass wir den Freiraum haben, nur auf unsere eigene Stimme zu hören und ohne Druck unsere Entscheidungen zu treffen. Und ich denke, ich werde jetzt anfangen, meinen Namen auf eine Oscar-Statue zu kleben. Warum nicht? Zum Träumen ist man nie zu alt.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

7 Kommentare

Wenn Sie mit dieser lässigen Bewegung über den Bildschirm wischen (die mal sowas von "retro" sein wird), erwischen Sie jedesmal meine Wange – also auf der anderen Seite der Glasscheibe...
Aber im Ernst; neben vielem anderen von Ihnen fand ich sehr grandios, wie es Ihnen gelungen ist, den Herrn Bleibtreu innerhalb einer halben Stunde zu dekonstruieren – oder als genau das bloßzustellen, was er im Grunde ist/schon immer war. Dabei hat er’s nicht mal mitbekommen...

Und ehrlich: mit 40 werden Sie von Ihren Sorgen mit 30 träumen (usw) – warum soll’s Ihnen da anders als allen anderen gehen.
Also weiter so – Ihretwegen zahle ich gern GEZ!

Frau Bauerfeind, Sie sind das sympathischte Gesicht im deutschen ÖR TV. Nie eingebildet, gut informiert und vorbereitet, interessiert fragend, sexyrauchend, attraktiv. Dazu im Film überzeugend direkt, wer ist bloss auf die Idee gekommen Sie sterben zu lassen ? Trottel ! Bitte beim dt. Film weitermachen, ich hoffe Sie haben gute Kontakte.
Fazit: Ihre Sätze gefallen mir, hier und im gesamten Buch. Dazu "launige" (Lanzsprech) Talkshowauftritte. Bitte gesund bleiben und genauso weitermachen, Sie können sich Selbstbewusstsein inzwischen wirklich leisten. Ich drück leider nicht Sie aber die Daumen #schleimigstePostingever ;) P.S. Und lassen Sie sich nicht hetzen oder etwas einreden. Mit 30 ist man heutzutage blutjung, erst ab 40 gehts bergab (meine wenn auch männliche Erfahrung).

Frau Bauernfeind, ich bin schon seit geraumer Zeit das, was man wohl einen "Fan" nennt.
Sie sind eine Augenweide und ich mag Ihre Eloquenz.
Mit diesem Beitrag über die "magische" Altersgrenze 30 haben Sie mir wiederum eine Freude gemacht.

Noch eine Anmerkung von mir als reifer Frau:
Viele Jahre hörte ich den Hinweis, dass mit 50 sozusagen das Leben zu Ende sei und man eigentlich nur noch in Duldungsstarre und Agonie den Rest über sich ergehen ließe.
Mitnichten!
Wie Sie selbst erkannt haben, bleiben immer genug Türen übrig. Mit 30 und auch noch viele spätere Jahrzehnte.

Wenn Sie den Oskar verliehen bekommen, werde ich das erste Mal mitten in der Nacht aufstehen, um dieses Ereignis am Fernseher zu verfolgen. Ich
drücke Ihnen die Daumen, denn ein wenig Glück kann man bei der Umsetzung der Wünsche stets gebrauchen.

Ich finde das Beste ist der kleine feine Diskurs zur Aussage: " Bis wir 30 sind, erzählt uns jeder, uns gehöre die Welt".
Frau Bauerfeind, lassen sie uns die Generation sein, die sagen kann, dass die Welt nach 30 nicht aufhört, sich zu drehen, und dass sie einem immer gehört, bis wir in Ewigkeit träumen.

Neuere Kommentare anzeigenNeuere
Ältere Kommentare anzeigenÄltere