Das World Trade Center in New York am 11. September 2001 © Henny Ray Abrams/AFP/Getty Images

9/11 Der Terror und ich

Der 11. September 2001 veränderte das Leben unseres Autors: Der Terrorismus wurde sein Thema. Vor Kurzem traf er einen Weggefährten von Osama bin Laden – danach sah er manches anders. Von

ZEITmagazin Nr. 23/2014

Ich ziehe das Uneindeutige dem Eindeutigen vor; ich halte es für näher an der Wirklichkeit. Als Journalist ist das manchmal schwierig, denn das Uneindeutige wohnt in sperrigen Wörtern: mutmaßlich, vermutlich, angeblich ... Ich habe schon einige Produktionsabende damit verbracht, diese Wörter gegen Redakteure zu verteidigen. Schöner werden die Texte so nicht. Die Hoffnung ist, dass sie wahrer bleiben. Ich finde, es kommt selten genug vor, dass man etwas weiß.

Das letzte Mal, dass ich etwas zu wissen glaubte, war im November 2013. Ich stand auf einem winzigen Balkon in der ägyptischen Mittelmeermetropole Alexandria, schaute durch eine Häuserschlucht aufs Meer und rauchte eine Zigarette. In dem Wohnzimmer, das ich gerade verlassen hatte, saßen zwei Menschen, mit denen ich im Laufe von zwei Tagen 14 Stunden verbracht hatte, um sie gemeinsam zu interviewen. Was ich in dem Moment dachte, das war: Ich habe eine Geschichte gefunden! Ich würde erzählen, wie Leah Farrall, eine ehemalige Terrorfahnderin der Australian Federal Police, und Mustafa Hamid, ein ehemaliger Taliban-Berater, die Jahre vor und nach 9/11 erlebten, vor einigen Jahren über ihre Blogs in Kontakt traten und nach und nach genug Vertrauen zueinander fassten, um über zwei Jahre hinweg hier in Alexandria gemeinsam ein Buch zu schreiben (The Arabs at War in Afghanistan wird diesen Sommer erscheinen).

Vermutlich führt fast jeder Beruf zu der einen oder anderen déformation professionelle. Als Journalist sucht man das Wahre und Wirkliche oft reflexhaft im Detail. Wann haben Sie davon erfahren? Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf? Haben Sie beim Kaffeetrinken davon erfahren? Übers Radio, aus dem Fernsehen, und wenn ja: welcher Sender? Oder war es vielleicht ein Anruf? Was hatten Sie an, was haben Sie danach als Erstes getan? Und wie war das Wetter?

Ich zum Beispiel lief an dem Tag, an dem auf gewisse Weise alles begann, an einem Café in einer griechischen Kleinstadt auf dem Peloponnes vorbei, als ich im Augenwinkel wahrnahm, dass etwas nicht stimmte. Dass nämlich alle Gäste wie gebannt auf zwei an Masten aufgehängte Fernseher starrten, dabei aber ganz still waren. Ich stellte mich vor einen der Fernseher. Dann stürzte der zweite Turm ein.

Es ist natürlich unerheblich, wie ich den 11. September 2001 erlebt habe. Aber von jenem Tag an habe ich als Journalist vor allem über Terrorismus geschrieben. Ich war damals Arabistik-Student, ich hatte vorher schon zum Thema Islamismus gearbeitet, auch für Zeitungen darüber geschrieben. Aber an jenem Tag fand mich das Thema Terrorismus, und es hat mich nicht mehr losgelassen.

Im gedruckten ZEITmagazin (Nr. 23/2014) sehen Sie dieses Bild in verschlüsselter Form – nach dem Schema des "magischen Auges". Vielleicht haben Sie darin das Motiv erkannt: Es zeigt die beiden Türme des New Yorker World Trade Centers am 11. September 2001. Die entführte Maschine mit der Flugnummer United Airlines 175 nimmt Anflug auf den Südturm. Der brennende Nordturm wurde kurz zuvor attackiert. © Sean Adair/Reuters

Ich musste auf diesem Balkon in Alexandria auch an den Moment in Griechenland denken, zwölf Jahre zuvor. Warum? Vielleicht weil es immer irritierend ist, einen Exgefährten von Osama bin Laden zu treffen. Denn anders als in meinem Fall ist es natürlich hochinteressant, wie Mustafa Hamid den 11. September 2001 erlebt hat. Mustafa Hamid, der nur durch einen Vorhang von mir getrennt in dem besagten Wohnzimmer saß, hatte jenen Tag in der afghanischen Stadt Kandahar verbracht, wo Süßigkeiten verteilt und Lämmer gebraten wurden, nachdem die Nachrichten von dem Inferno in New York und Washington eingetroffen waren. Andere mochten die Anschläge feiern, Mustafa Hamid aber war wütend: Erst drei Wochen zuvor, Mitte August 2001, hatte er seinen alten Bekannten Osama bin Laden wiedergetroffen. Bei der Gelegenheit hatte Bin Laden angedeutet, dass er einen "großen Schlag" plane, der Tausende Menschen das Leben kosten werde. Mustafa Hamid forderte Bin Laden auf, alles abzublasen. "Ich ahnte, was das für Afghanistan bedeuten würde", sagte er mir. Es kam zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen Hamid und Bin Laden. Es sollte ihre letzte Begegnung sein.

Nachdem ich aus Alexandria nach Berlin zurückgekehrt war, bat ich Mustafa Hamid, mir noch ausführlicher zu beschreiben, wie diese Begegnung abgelaufen war. Ich wollte Details: Wie war das Wetter gewesen? Wo genau hatten sie sich getroffen? Was hatte Bin Laden getragen? Hatte er gelächelt, als er seinen Plan offenbarte?

Mustafa Hamid schickte mir zwei Seiten auf Arabisch. Aber als die E-Mail bei mir ankam, hatte ich bereits zu ahnen begonnen, dass die wahre Geschichte eine andere ist, als ich auf dem Balkon in Alexandria noch gedacht hatte.

Ich will nicht pathetisch sein, aber: Wenn ein Ex-Taliban-Berater und eine Ex-Terrorfahnderin miteinander lachen können, wieso nicht wir alle?

Details sind normalerweise eine harte Währung im Journalismus. Ich habe einmal eine Geschichte über einen deutschen Konvertiten geschrieben, der sich einer militanten Gruppe in Pakistan angeschlossen hatte. Am Tag vor der Abreise aus Deutschland hatte er seine Katze noch zum Tierarzt gebracht. Tolles Detail! – Nur dass es leider nichts verriet und nichts erklärte. Was, bitte sehr, sollte man aus dieser Tatsache schließen? Und was hätte es in diesem Fall für einen Unterschied gemacht, zu wissen, ob Osama bin Laden leise oder laut gesprochen hat, als er Mustafa Hamid von seinem Plan erzählte? Und ob er dabei ein weißes oder ein braunes Gewand trug?

Wichtig ist doch wohl die Wut, die Mustafa Hamid damals empfunden hat. Und wichtig ist, dass er zwölf Jahre später mit Leah Farrall ein Buch geschrieben hat. Wichtig ist die Frage, ob sich daraus etwas lernen lässt. Ich will nicht pathetisch sein, aber: Wenn ein Ex-Taliban-Berater und eine Ex-Terrorfahnderin miteinander lachen können, wieso nicht wir alle?

Fragt man die beiden nach ihrem common ground, sagen sie: Es ging uns darum, die historischen Fakten sauber darzustellen. Hamid als Augenzeuge; Farrall als Akademikerin, die alles über die Rolle der arabischen Freiwilligen in Afghanistan seit 1979 und die Gründung Al-Kaidas gelesen hat.

Aber da muss mehr gewesen sein als ein akademisches Interesse. Wir reden hier über Abgründe! Es gibt Sätze, die schneiden ins Fleisch, und in Alexandria sagt Mustafa Hamid einen solchen Satz. Am Anfang ihres Dialogs, erzählt er, sei er absichtsvoll unfreundlich zu Leah Farrall gewesen: "Ich dachte, das ist so eine wie die in Abu Ghraib." Die in Abu Ghraib: folternde Soldaten, die auf Bergen nackter irakischer Gefangener sitzen. Das ist das Bild, das Mustafa Hamid in den Sinn kam, wenn er an die Australian Federal Police dachte; auch wenn gar keine Australier in Abu Ghraib waren. "Aber dann habe ich gemerkt, dass sie es ernst meinte, ehrliche Fragen stellte – und ehrliche Antworten gab, wenn ich sie etwas fragte."

Und Leah Farrall? Irgendwann 2003 saß sie mit Uni-Kollegen beim Feierabend-Drink, und sie räsonierten, wen "aus der Welt der Mudschahedin" sie am liebsten treffen würden. Leah Farrall nannte Mustafa Hamid – das war sechs Jahre bevor sie miteinander Kontakt aufnahmen. Warum gerade er? "Er stand oben auf meiner Liste, seit ich auf zwei Geschichten aus seinen Büchern gestoßen war: In der einen berichtet er, wie er vergessen hatte, seinen Kindern nach einer Reise Süßigkeiten mitzubringen, und sich würde rechtfertigen müssen. In der zweiten erinnert er sich, wie er die Leiche eines sowjetischen Soldaten sieht und traurig wird, obwohl es sein Feind war." Als sie ihn später persönlich traf, sprach sie ihn instinktiv mit "Mustafa" an, nicht mit seinem Kampfnamen "Abu Walid". "Das hat mich an meine Menschlichkeit erinnert", sagt er.

Ein Mensch aus dem Umfeld Al-Kaidas, ein zweiter aus dem Umfeld der Sicherheitsbehörden: Die US-Fernsehserie Homeland, in der eine CIA-Agentin und ein US-Marine, der von Al-Kaida umgedreht wurde (oder auch nicht), die Hauptcharaktere sind, wird oft dafür gelobt, dass sie angeblich die Grautöne im "Great War on Terror" auslotet. In Wahrheit stimmt das gar nicht. Natürlich ist Homeland anspruchsvoll, alles ist ein Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer, nie soll man sicher sein, wer auf welcher Seite steht. Aber es gibt Seiten. Es gibt Schwarz und Weiß, und die Frage ist bloß: Wer ist, hinter aller Fassade, gut – und wer ist, hinter seiner letzten Maske, böse? Daraus bezieht Homeland seine Spannung.

Manchmal frage ich mich, ob wir uns noch an das Leben erinnern können, wie es vor dem 11. September 2001 war

Grautöne bedeuten aber nicht, dass man zu wenig weiß. Sondern dass es Widersprüche gibt, die sich nicht auflösen lassen. Dass ein Rest Ratlosigkeit bleibt. Sagt es nicht viel mehr über die Wirklichkeit aus, dass Mustafa Hamid geltend macht, er habe sich stets den Taliban zugehörig gefühlt, nie aber den Terroristen von Al-Kaida? Und dass Leah Farrall sagt, sie sei froh, dass sie bei der Polizei, aber nie beim Geheimdienst war, "weil ich da nie lügen musste und nicht Teil eines Apparates war, der in Aktivitäten verstrickt war, die heute vielfach als abstoßend gesehen werden und stark davon bestimmt waren, dass die Welt in Schwarz und Weiß und für uns oder gegen uns eingeteilt wurde"? Das sind Grauzonen.

Als im Januar 2011 in Ägypten Millionen auf die Straße gingen und gegen das Mubarak-Regime revoltierten, war ich zwei Wochen lang dabei. Eines Morgens sprach ich mit einem jungen Revolutionär, der seit Tagen die Arbeit schwänzte, um auf dem Tahrir-Platz in Kairo im Protestlager zu leben. Er war übermüdet und konnte nur noch krächzen, aber er war euphorisch. Ein Satz hat mich besonders berührt: "Irgendwann wird es wieder cool sein, ein Araber zu sein!" Darin schwang so viel Verletztheit mit. Verletztheit darüber, per Herkunft einer Sphäre zugeordnet zu sein: Als Araber und Muslim hatte dieser junge Revolutionär von Jugend an nichts anderes erlebt, als dass er außerhalb Ägyptens als personifizierte Gefahr gilt.

Manchmal frage ich mich, ob wir uns noch an das Leben erinnern können, wie es vor dem 11. September 2001 war, und daran, wie wir die Welt und einander gesehen haben. Dieses Wir ist in diesem Fall ein nahezu globales, es umfasst (mindestens) fast alle Menschen, die sich der muslimischen Welt, und fast alle, die sich der westlichen Welt zurechnen. Und jene, die sich beiden Welten zugehörig fühlen. Das sind, alles zusammen, sehr viele Menschen.

Ich glaube, dass wir alle vorher mehr Grautöne akzeptiert haben. Ich glaube, dass 9/11 der Tag war, an dem das Graue starb. An dem wir uns, eher unwissentlich und kaum spürbar und manche eifriger als andere, zum Teil als Individuen, zum Teil als Staaten oder Gesellschaften, plötzlich ausgerichtet haben wie Eisenspäne unter dem Einfluss eines Magnetfeldes.

Wenn aber ein einzelner Tag solch eine Macht hat, dann will ich ihn verstehen. Und zwar nicht als Symbol oder als Mahnung, sondern in seiner konkreten, historischen Entstehung. Nicht als Tat, die ihre eigene Planungsgeschichte und ihre spezifischen Täter hat. Dafür gibt es den 9/11 Commission Report der US-Untersuchungskommission. Sondern als die Tat, die geschah – im Gegensatz zu den Taten, die nicht geschahen.

Ich habe Leah Farrall in Alexandria gefragt, was für sie die wichtigste Erkenntnis aus den über tausend Stunden Gespräch mit Mustafa Hamid war. Ihre Antwort: "Die Rolle, die der Zufall gespielt hat." Zufall? Zufall ist für gewöhnlich keine Kategorie, die Terrorexperten ins Feld führen, wenn sie über Al-Kaida, Osama bin Laden und den 11. September 2001 reden.

Es ist verführerisch, Geschichte im Nachhinein als zwangsläufigen Ablauf einer Kette von Ereignissen zu deuten. Diese Kette geht so: 1996 erklärt Osama bin Laden den USA den Krieg. Am 7. August 1998 explodieren an den US-Botschaften in Kenia und Tansania riesige Sprengsätze, es gibt über 200 Tote. Am 12. Oktober 2000 sterben 17 US-Soldaten, als Al-Kaida-Kader im Jemen das Kriegsschiff USS Cole im Hafen von Aden attackieren. Was soll 9/11 anderes gewesen sein als der nächste logische Schritt?

Das stimmt. Aber es stimmt zugleich nicht. Denn es stimmt nur, weil alle drei Ereignisse bereits die Folge einer Dynamik innerhalb der Szene der arabischen Dschihadisten in Afghanistan waren, die eben nicht zwangsläufig war. Tatsächlich war ganz simpel Folgendes geschehen: Osama bin Laden hatte sich durchgesetzt, obwohl viele in der Al-Kaida-Spitze gegen den 9/11-Plan waren und selbst der Gedanke, die USA direkt anzugreifen, innerhalb Al-Kaidas umstritten war. Zu den Planern der Anschläge gehörten andererseits einige Männer, die überhaupt nur widerwillig Al-Kaida-Mitglied geworden waren – wie zum Beispiel das "Mastermind" Khaled Scheich Mohammed, der in Guantánamo festsitzt.

Selbst wenn es nur eine einprozentige Wahrscheinlichkeit gibt, dass das Unvorstellbare passiert, geh vor, als ob es eine Gewissheit wäre. Ron Suskind

Im Sommer 2009 erhielt ich eine merkwürdige E-Mail. Ich habe eine Nachricht für Sie, stand darin, darunter ein Link zu einer Internetseite, auf der man Dokumente hinterlegen kann. Der Link führte zu einem Anschreiben, in dem eine Gruppe deutscher Dschihadisten, die in die pakistanische Unruheprovinz Wasiristan ausgewandert war und sich der Terrorgruppe Islamische Dschihad-Union angeschlossen hatte, mir anbot, sie zu interviewen. Ich informierte meine Chefs (ich war damals noch nicht bei der ZEIT, sondern bei Spiegel Online). Wenig später klingelte mein Handy, eine pakistanische Nummer – es war der inoffizielle Sprecher dieser Splittergruppe, ein Deutschtürke. Ich solle nach Quetta in Pakistan fliegen, dort werde man mich abholen, ich könne Fotos machen, Interviews mit deutschen Kämpfern führen, alles kein Problem. In der Redaktion waren wir uns schnell einig: Wir würden mit Terroristen keine Interviews führen; und es wäre viel zu gefährlich, sich auf deren Wort zu verlassen und nach Quetta zu reisen. Wir entschieden uns stattdessen, einen Fragenkatalog nach Pakistan zu senden. Wenn die Antworten mehr als Propaganda enthalten würden, könne man ja immer noch überlegen. Ich schickte den Fragenkatalog per E-Mail. Kurz darauf erfuhr ich, dass die Amerikaner dem Kanzleramt meine Korrespondenz mit den Dschihadisten vorgelegt hatten.

Die Amerikaner? Es geht auch spezifischer: ganz offensichtlich – die NSA. Es war ein Scheißgefühl, ehrlich. Ich erinnere mich, wie ich meine Frau ins Badezimmer gestikulierte, den Wasserhahn aufdrehte, wie in einem schlechten Film, und ihr wispernd erzählte, wir müssten damit rechnen, dass die NSA unsere Kommunikation überwacht.

"Selbst wenn es nur eine einprozentige Wahrscheinlichkeit gibt, dass das Unvorstellbare passiert, geh vor, als ob es eine Gewissheit wäre": Mit diesen Worten umschrieb 2006 der US-Journalist und Pulitzerpreisträger Ron Suskind die sogenannte One Percent Doctrine, auch bekannt als "Cheney-Doktrin". Denn Dick Cheney, Vizepräsident unter George W. Bush, war der Urheber dieser Handlungsanweisung. Im November 2001, nur Wochen nach 9/11, soll sie bei einem Meeting im Weißen Haus so oder so ähnlich formuliert worden sein.

Der Irakkrieg, Guantánamo, Waterboarding, Geheimgefängnisse auf der ganzen Welt – all das wirkt, durch die Linse der Cheney-Doktrin betrachtet, nahezu gespenstisch zwangsläufig. Auch den Datenhunger der NSA erklärt die One Percent Doctrine am besten. Man muss Dick Cheney nicht gleich mit Khaled Scheich Mohammed vergleichen, aber: Haben sich nicht auch unter George W. Bush die Extremisten durchgesetzt? Sicher, Al-Kaida hat sich nie von 9/11 distanziert, während in den USA ein Prozess der demokratischen Aufarbeitung stattgefunden hat. Aber wie gesagt: Es geht nicht um einen Vergleich. Sondern darum, festzuhalten, dass wir hier nicht über Zwangsläufigkeiten reden.

Niemand weiß, wie die Welt aussähe, wenn 9/11 nie stattgefunden hätte. Aber was, wenn wir uns dazu zwängen, ab und an die Welt so zu betrachten, als ob – wissend, dass für 9/11 (und die Folgen) ein paar Handvoll und nicht Milliarden Menschen die Verantwortung tragen?

Ich habe keine Lust, irgendetwas schönzureden. Ich bin Halbjordanier, und ich sehne mich nach den Zeiten zurück, die ich als Kind in dem Land erlebt habe. Meine jordanische Familie ist Teil der christlichen Minderheit, und noch vor ein paar Jahren wäre es undenkbar gewesen, was meine Tante mir bei meinem letzten Besuch erzählt hat: dass der Konditor, der immer die Torten für unsere Familienfeste gebacken hat, sich neuerdings weigert, ein Kreuz auf den Kuchen zu malen.

Aber ich will genauso wenig verhehlen, dass ich nervös bin, wenn ich in die USA reise. Bis jetzt bin ich immer reingekommen. Beim letzten Mal jedoch nur, weil der Mann, der mich nach der Sicherheitskontrolle und vor dem Check-in interviewt hat, meinen Twitter-Account kannte und wusste, dass ich mich beruflich mit Terrorismus beschäftige und der jemenitische und der saudische Stempel im Pass mich nicht verdächtig machten.

Ich glaube, wir sind alle Gefangene – in einer Art Guantánamo des Geistes. Ich will da aber nicht gefangen sein. Ich will auch weiterhin mit Menschen wie Mustafa Hamid sprechen, die von den USA als Terroristen gelistet sein mögen, ohne dass ich mir dieses Urteil sofort und in vollem Umfang zu eigen machen muss. Ich will auch in Zukunft mit Geheimdienstlern diskutieren, ohne jeden einzelnen gleich als willfährigen Folterknecht abzustempeln. Ich will meine eigenen Urteile treffen; und manchmal will ich auch keine treffen. Oder zugeben, dass ich keine treffen kann.

Weil die Welt komplizierter ist. Weil fast alles grau und fast nichts schwarz oder weiß ist.

Eines Tages werden wir auf den "Great War on Terror" und seine Verwerfungen zurückblicken und feststellen, dass er nicht endete, als die Bundeswehr aus Afghanistan abzog, und schon gar nicht an dem Tag, an dem Barack Obama der Friedensnobelpreis verliehen wurde, und auch nicht an dem Tag, an dem Osama bin Laden getötet wurde. Es wird auch dann noch Terroristen geben, und sie werden weiterhin bekämpft werden müssen. Aber der "Great War on Terror" als Gedankengefängnis wird zu Ende gegangen sein, weil ausreichend viele Menschen wieder in der Lage waren, Grautöne zu akzeptieren.

26 Kommentare

In diesem Artikel gibt es viele Abers. Und zwar immer da, wo sich die Emotionen der Logik entziehen wollen. Der Logik des Terrors. Denn Terror ist die gezielte Vernichtung von Grauzonen. Terror ist das Erzeugen von Schwarzweiß. Von Polarisierung, von Angst und Haß als politischem Instrument. Und Terror ist nicht nur Waffe von Al Kaida im Kampf gegen gefühlte Überlegenheit des Westens, sondern er ist genauso Waffe der Taliban gegen die Gleichberechtigung von Frauen und Kindern, gegen den Verlust ihres Machismo. Und gegen die Einführung selbst von grundlegenden Menschenrechten. Und diese Verwendung von Terror gegen eine gefühlte Überlegenheit des Westens und seiner Werte teilen sich Islamisten mit russischen Faschisten wie Dugin oder Putin, die auch dazu übergegangen sind, systematisch Terror und die Verletzung von Menschenrechten als politische Werkzeuge zu benutzen. Und dafür sollte es keine Grauzone geben und wir sollten auch nicht zulassen, dass sich eine Grauzone dafür in unserem Unterbewusstsein breitmacht. Demokratie und Menschenrechte sind Ziel und Struktur der Vereinten Nationen. Sie wurden weltweit mühsam erkämpft. Und wir sollten uns davor hüten, diesen Anspruch aus religösen oder machtpolitischen Gründen wieder zunehmend in Frage stellen zu lassen. Die Welt hat genug dringende andere Probleme, die uns alle gleichermaßen betreffen und die wir nur gemeinsam lösen können. Bestimmt nicht durch eine Bevölkerungsreduktion durch asymmetrische Kriege.

Vielen Dank für diesen fantastischen, differenzierten und nachdenklich stimmenden Artikel.

Wie man es nicht machen sollte, beweisen dann leider wiederum die antiamerikanischen Verschwörungstheoretiker im Kommentarbereich, die mit ihren suggestiven Fragen ("Wer steckte wirklich hinter 9/11") v.a. eins wollen: Die schwarz/weiß Mär von den konspirativen, unfassbar bösen USA kolportieren. Echt mal Leute, gerade bei so einem Artikel muss das nun wirklich nicht sein. Schraubt mal ein wenig an eurer Ambiguitätstoleranz!

Herrn Musharbash, vielen

Herrn Musharbash,

vielen Dank für diesen ausgezeichneten Artikel. Vermisst hat man sie bereits.
Ich möchte Ihnen aber persönlich danken!
Warum?
Weil Sie Menschen wie mir helfen aus diesem Schwarz-Weiß-Denken raus zu gelangen. Dieser Artikel hat mich bis in das Innerste nachdenken lassen; über meine Situation heute und v. a. über die Situation der Medien heute.

Ich habe meine Menschlichkeit wieder entdeckt. Sie haben mir ins Bewusstsein gerufen wie wichtig es ist zu hinterfragen. Wie wichtig es ist sich nicht einfach einen Sündenbock zu suchen und auf ihn einzutreten.

Denn ich habe das auch getan - zumindest teilweise. Blind habe ich auf den Islam eingetreten und vergessen, dass es einige wenige sind die diese Religion in ein schlechtes, in ein schwarzes Licht rücken. Blind habe ich pauschal auch auf alle politischen Linken eingetreten und vergessen, dass es einige wenige sind die diese Ausrichtung in ein schlechtes, in ein schwarzes Licht rücken.

Doch Sie haben mir den Sinn für das Differenzieren wiedergegeben. Den Sinn dafür, beider Seiten Argumente zu hören und dann abzuwägen.

Ich glaube Sie haben vielen Menschen geholfen mit diesem Artikel. Mir wie auch anderen.

Danke dafür!

Die New York Times schrieb 2012:

"Seit mehr als einem Jahrzehnt blieben offene Fragen über die mögliche Rolle der saudischen Regierung bei den Angriffen des 11. September 2001 zurück, selbst als das Königreich in den Augen amerikanischer Diplomaten ein entscheidender Anti-Terror-Partner wurde. Jetzt sagen zwei ehemalige Senatoren, die in streng geheime Informationen über die saudischen Aktivitäten eingeweiht waren, in eidesstattlichen Erklärungen, die wahrscheinlich die Debatte neu entfachen, sie vermuten, die saudische Regierung könnte eine direkte Rolle bei den Anschlägen gespielt haben.

“Ich bin überzeugt, dass es eine direkte Verbindung zwischen zumindest einigen der Terroristen, die die Anschläge vom 11. September verübten und der Regierung von Saudi-Arabien gab”, sagte der ehemalige Senator Bob Graham. (...)Sein ehemaliger Senatskollege, Bob Kerrey aus Nebraska, ein Demokrat, der in der gesonderten 9/11 Commission tätig war, sagte in einer eidesstattlichen Erklärung, dass “wesentliche Fragen” zur Rolle  saudischer Institutionen “unbeantwort bleiben”. “Beweise, die sich auf die plausible Beteiligung möglicher Agenten der saudischen Regierung an den Anschlägen vom 11.September bezogen, wurden nie vollständig verfolgt, ” sagte Kerrey."

Die Anschläge des 11.9.2001 sind längst nicht aufgeklärt.Für den Einsturz des WTC 7 gibt es keine plausible Erklärung die mit den Gesetzen der Physik in Einklang zu bringen sind. Die Dokumentation 9/11 Press For Truth thematisiert viele der Ungereimtheiten und offenen Fragen zu diesem Thema.

Ach hört doch bitte endlich mit dem 11.September auf!

Es sind 3000 Leute getötet worden, eine schreckliche Sache.
Als Gegenreaktion wurden Millionen von Menschen im Nahen Osten und Afghanistan ermordet, Millionen vertrieben.

Wieso wird nie diesen Massakern gedacht?

Und um ehrlich zu sein: Ich glaube nicht, dass ein Mann in einer Höhle Afghanistans Flugzeuge entführen konnte und sie dann mitten ins Herz der Supermacht USA rammen konnte. Die USA hat Rüstungsausgaben in Höhe von 700 Mrd. Dollar jedes Jahr....irgendwie will mir das nicht klar werden, wie man das anstellen kann

Vielen Dank für diesen reflektierten Artikel. Ich habe den Eindruck, dass, je länger man sich mit einem Thema beschäftigt, desto schwieriger ist es, schwarz und weiß auseinanderzuhalten.

Gerade in Bezug auf die Ukraine-Krise kam mir die Berichterstattung in letzter Zeit zu schwarz-weiß vor. Da wurde häufig ausnahmslos von den Gefahren gesprochen, die vom Putin-Regime ausgehen. Dass die EU alles andere als eine glückliche Rolle einnimmt, wenn sie sich finanziell und durch Solidaritätsbekundungen in den Medien an dem Sturz eines demokratisch gewählten Präsidenten beteiligt, ist da meiner Meinung nach zu kurz gekommen. Oft fragte ich mich, worin der entscheidende Unterschied zwischen dem Vorgehen Russlands und dem des Westen in der Ukraine besteht. Geht es nicht in beiden Fällen um die Durchsetzung wirtschaftlicher und politischer Interessen?

Dieser Artikel zeigt, wie wichtig es ist, in einem Konflikt beide Seiten zu betrachten. Denn es gibt nie den einen Bösen und den einen Guten, sondern jede Auseinandersetzung hat eine kulturelle und politische Vorgeschichte mit Begünstigten und Beschädigten. Hört man sich die verschiedenen Seiten und ihre Leiden an, wird man schnell feststellen, dass es Argumente für beide Konfliktparteien gibt. Das ist in der Terrorfrage so und in der Ukraine. Im Balkan, in Syrien, im Palästinakonflikt und auch in unserer eigenen, der deutschen Geschichte.

Nochmals vielen Dank für diesen wohl überlegten Text!

Fortsetzung;
Aber es haut einen schon um, und das ist ja auch in der ZEIT Praxis, wirklich NICHT EINMAL FRAGEN zu einer regierungs-genehmen Darstellung eines Geschehens, das für die einige Länder (Krieg gegen Irak und Afghanistan) und die Welt (Guantanamo, Drohnenkrieg, NSA-Überwachung) verheerende Folgen hatte, als zulässig zu betrachten, geschweige denn sie zu stellen.

Da wirkt eine solch offenkundige Tabuisierung, die jeden, der Fragen stellt und die offizielle Version infrage stellt, sofort aus dem Kreis der (angeblich) seriösen Historiker und Journalisten ausschließt.
Das ist mir eine weitere einschneidende Verheerung, die dieses Ereignis angerichtet hat und die mein relatives Vertrauen in die Presse und die Medien allgemeiner sehr erschüttert hat.
Übrigens war ich anfangs sehr auf der Seite der USA in dieser Causa, obgleich ich aus meiner politisch bewegten Zeit ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der US-Außenpolitik heg(t)e.

Ja, ein schöner Text, aber...! Tatsächlich bin ich geradezu erschüttert, wie gläubig die deutschen (nur über die kann ich hier sprechen) Journalisten den Commission Report als letztgültige Erklärung akzeptieren und Fragen regelrecht tabuisieren, obwohl es ihre journalistische Aufgabe ist, regierungsamtliche Statements zu hinterfragen.
Daniele Ganser hat das getan, dabei, ich kann nur ihn wiederholen, stellte er fest, dass z.B. im Commission Report das 3. WT-Gebäude, das Stunden nach den Flugzeugeinschlägen im freien Fall zusammen stürzte, gar nicht erwähnt wird. Auch sonst gibt es eine Reihe von Ungereimtheiten, die zu erwähnen aber hierzulande denjenigen, der darauf hinweist, als Verschwörungstheoretiker "entlarvt" in den Augen der Gläubigen.
Das passiert eben gerade dem Historiker Daniele Ganser, der ja auch die NATO-Geheimarmeen Gladio und deren kriminelles faschistisches Wirken untersucht hat, also mit Verschwörungen vertraut ist.
Ein mir bekannter Journalist, der durchaus weiter oben in Journalisten-Kreisen tätig ist, lehnte es ab, ein durchaus interessantes Interview mit Ganser anzusehen, das sich mit Imperien beschäftigt, in dem 9/11 ein Thema von vielen ist, mit dem Hinweis, der verbreite Verschwörungstheorien über den 11. September.
Das tut dieser aber ausdrücklich nicht.

Ein wirklich grandioser Text und eine beeindruckendes Plädoyer für den mutigen, verantwortungsvollen und intelligenten Umgang mit komplexen Wirklichkeitsverhältnissen. Gratulation! Bitte bewahren Sie sich, lieber Herr Musharbash, Ihre Haltung der reflektierten Uneindeutigkeit - sie ist so befreiend zu lesen inmitten der vielen Schwarzweißpositionen, die Denken und Handeln in stumpfe Kausalkettenzwänge zu pressen versuchen.

Nicht schwarz und weiß, und auch nicht grau, Mensch! Bunt, die Welt ist bunt.
Es gibt kein anderes "Gedankengefängnis" als das, das wir selbst errichten mit unseren vorgefertigten Meinungen. Wir müssen uns von niemandem, nicht von der NSA, nicht von den Mudjaheddin, nicht einmal von unseren Freunden vorschreiben lassen, was wir zu denken haben.
Das gibt uns die Gewissheit, dass auch unsere Irrtümer unsere eigenen sind. Und wir irgendwann herzlich über sie lachen können. Hoffentlich.
Ihr Beitrag, übrigens, hat mir gut gefallen. Und ich hoffe, demnächst wird der Konditor Ihrer Tante auch wieder ein Kreuz auf den Kuchen machen, wenn sie dies wünscht.

Ich weiß nicht, ob es wieder zugenommen hat oder immer schon da war und ich nur aufmerksamer wurde, dieses Schwarz-Weiß-Denken. In diesem Text wird dieses Denkschema durch die hervorgerufene weltweite Veränderung noch ausgeprägter sichtbar, doch sehe ich es in fast allen Diskussionen in allen möglichen Bereichen.

Die Einteilung in "Gut" und "Böse", in "Normal" und "Unnormal", in "Gesund" und "Krank" und dazwischen gibt es anscheinend für viele weder Farb- noch Grautöne. Viele scheint es auch nicht zu interessieren, wie sich etwas entwickelt hat, sonst würden sie dadurch zumindest zu Erkenntnis kommen, dass Gegebenheiten und Situationen viel Komplexer sind, als sie in zwei "Polen" aufteilen zu können. Aber was mich noch mehr irritiert, viele wollen es auch nicht, sie weigern sich, einmal "dahinter" zu schauen, sie wollen ein ganz einfaches Weltbild.

Ist es so, weil die Zusammehänge immer Komplexer werden?

Das ist eher so, weil Menschen den ungemein wichtigen Wunsch zu vereinfachen haben. Versuchen Sie mal etwas komplett alltägliches wie ein Picknick zu planen und dabei alle Möglichkeiten mit zu bedenken. Es wird kein Picknick geben (wer weiß denn schon ob das Kind des Nachbarn nicht vielleicht doch gegen Wespenstiche allergisch ist und gestochen wird).

Zusätzlich habe ich allerdings auch den Eindruck, dass wir die Fähigkeit mit Komplexität umzugehen durch unsere Art zu kommunizieren verlieren. Alte Zeitungsartikel waren oft länger und sprachlich anspruchsvoller. Anstatt einer PowerPoint Präsentation (der Sprecher hatte die Hände in den Taschen, ich war nicht happy), gab es einen 40 seitigen Report. Anstatt zu sagen, dass Abiturfragen, wie "Ordnen Sie das Gedicht XY in einen historischen Kontext ein" auch Fachfremdes enthält und so nicht gestellt werden darf, wurde unter Allgemeinbildung auch die Fähigkeit verstanden, Bezüge zwischen den Fächern herzustellen.

Und es wurde auch noch mehr im Wohnzimmer das Schwarz-weiß-Denken ausgelebt, als in öffentlichen Kommentarbereichen ;)

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