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Das war meine Rettung "David, ab heute heißt du Dieter"

Dieter Graumann wollte seine Eltern unbedingt glücklich machen – das spornte ihn zu besonderen Leistungen an. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 24/2014

ZEITmagazin: Herr Graumann, Ihre Eltern haben die Schoah überlebt. Konnte es in Anbetracht dessen, was Ihren Eltern widerfahren ist, für Sie eine normale Kindheit geben?

Dieter Graumann: Meine Eltern haben immer alles getan, um mir eine glückliche Kindheit zu ermöglichen, aber die Umstände waren sicher alles andere als "normal". So wie andere mit Grimms Märchen aufwachsen, bin ich mit Schoah-Geschichten aufgewachsen, sie gehören zu meinen allerfrühesten Kindheitserinnerungen. Wenn ich ältere Männer auf der Straße sah, habe ich mich immer gefragt: Haben sie vielleicht meine Großeltern ermordet, meine Eltern gequält? Das ist natürlich nicht normal. Die Erfahrungen meiner Eltern haben mich emotional sehr stark geprägt – und so ist es bis heute.

ZEITmagazin: Gab es eine Erzählung, die Sie als Kind besonders belastet hat?

Graumann: Ich habe die Erzählungen nie als Belastung empfunden, ich kannte es ja auch gar nicht anders. Und wahrscheinlich habe ich instinktiv gefühlt, dass es meinen Eltern guttat, darüber zu sprechen. Gerade meiner Mutter. Sie hat es bis heute nicht verkraftet, dass sie sich von ihren Eltern nicht einmal verabschieden konnte. Sie erzählte mir die Geschichte so oft: Es war Chanukka, sie hatte in der Nacht noch einen Pullover für ihren Vater zu Ende gestrickt, als Soldaten die Tür aufschlugen. Sie suchten eigentlich ein anderes Mädchen, aber als sie nicht fündig wurden, haben sie meine Mutter einfach mitgenommen. Sie ahnte nicht, dass sie nur ihre Schwester wiedersehen würde.

ZEITmagazin: Fühlten Sie sich aufgrund derart schlimmer Erlebnisse Ihrer Eltern nicht überfordert?

Graumann: Nein, aber im Rückblick erkenne ich, dass solche Erzählungen eine Kinderseele sicher überfrachten. Die Familie meiner Mutter umfasste 40 Personen, davon haben nur zwei überlebt, ihre Schwester und sie. Als mein Vater aus dem Konzentrationslager Buchenwald befreit wurde, hatte er bereits sechs KZs überlebt – und er war erst 23 Jahre alt. Bei meinen Freunden und mir hat sich deswegen das Eltern-Kind-Verhältnis umgekehrt: Wir fühlten uns für unsere Eltern verantwortlich und mussten auf sie achtgeben. Wir haben ihnen ja quasi alles ersetzt, was sie verloren hatten. Wir waren für sie die Zukunft, der Hoffnungsstrahl, eigentlich ihr einziger Grund, weiterzumachen. Ganz sicher: Wir waren ihre Rettung.

ZEITmagazin: Viele Kinder der Überlebenden können sich nicht aus dem Schatten ihrer Eltern befreien und fühlen sich als Opfer in der zweiten Generation.

Graumann: Meine Eltern waren seelisch zerrissen und gebrochen, aber nicht zerbrochen. Sie waren trotz allem immer das emotionale Kraftzentrum in meinem Leben. Sie haben mir sehr viel Herzlichkeit und Wärme vermittelt und bedingungslose Liebe geschenkt. Sie müssen sich vorstellen: Mein Vater beispielsweise hat nach dem Krieg nicht etwa bei null begonnen, sondern sozusagen im starken Minus. Durch die Zeit im KZ hat es ihm an Bildung gefehlt, sein Deutsch war ein abgemildertes Jiddisch, und dennoch hat er es geschafft, erfolgreich zu werden. Das habe ich immer sehr bewundert. Vielleicht haben manche auch aus diesen Traumatisierungen eine Kraft geschöpft, eine Jetzt-erst-recht-Haltung: Wir müssen dem Leben alles Positive abgewinnen. Meine Eltern haben mir diese Kraft weitergegeben. Und wir Kinder von Holocaust-Überlebenden empfanden es als oberstes Gebot, unsere Eltern glücklich zu machen und nie zu enttäuschen! Daraus schöpft man ja auch Stärke, und das spornt zu besonderen Leistungen an. Ich war in der Schule immer der Klassenbeste, das war für mich ein Weg, sie stolz zu machen. Ich habe vor allem promoviert, weil es meinen Eltern wichtig war. Mein Vater sagte, du wirst der erste Doktor in der Familie sein. Er ist im August vor zwei Jahren gestorben, ich vermisse ihn sehr. Er war sehr stolz auf mich.

ZEITmagazin: Sicher auch darauf, dass Sie Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland wurden?

Graumann: Das war leider der einzige Punkt, in dem wir verschiedener Meinung waren. In ihrer Zeit in den KZs haben meine Eltern brutal lernen müssen: Wer als Jude den Mund aufmacht, dem droht Gefahr. Daher zogen sie die Konsequenz, man müsse sich als Jude unauffällig verhalten. Deswegen haben sie mich auch kurz vor meiner Einschulung vor den Spiegel gestellt und gesagt: "David, ab heute heißt du Dieter." Man sollte anhand meines Namens nicht meine jüdische Herkunft erkennen. Für sie bedeutete das Engagement für jüdische Belange ein unnötiges Risiko. Ich habe aber meinen eigenen Kopf durchgesetzt, und ich will hoffen, dass mein Vater von oben herunterschaut und doch erkennt, dass ich mich trotz und gerade wegen der Erfahrungen meiner Eltern mit ganzem Herzen für ein starkes, selbstbewusstes und sicheres jüdisches Leben in Deutschland einsetzen muss!

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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