© Elizabeth Peyton/Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin

Elizabeth Peyton Die Kunst der Gefühle

Die amerikanische Künstlerin Elizabeth Peyton hat für das ZEITmagazin einen Bilderzyklus gestaltet, den wir hier zeigen. Von und

ZEITmagazin Nr. 24/2014

ZEITmagazin: Frau Peyton, wann haben Sie gemerkt, dass in Ihnen eine Künstlerin steckt?

Elizabeth Peyton: Ich habe schon immer gemalt, vor allem Gesichter. Es gibt ein Bild, das ich als Achtjährige gemacht habe und von dem ich damals dachte, dass mir damit ein wunderschönes Porträt gelungen ist: Meine Mutter hat es immer noch. Ich komme ja aus einer Familie von lauter Künstlern, im Alter von elf Jahren habe ich ihnen dennoch verkündet: Ich möchte Aktienhändlerin werden! Mein Onkel hat an der Börse gearbeitet, aber natürlich wollte ich damit vor allem gegen meine Familie rebellieren. Sie haben nur gelacht, und nach ein paar Monaten bin ich davon auch wieder abgekommen.

ZEITmagazin: Porträts malen Sie bis heute.

Peyton: Ja, ich bin jeden Tag dankbar dafür.

ZEITmagazin: Warum?

Peyton: Ich hätte nie gedacht, dass ich so stark an mich selbst glauben würde, dass ich die Kraft dazu haben würde, eine richtige Künstlerin zu werden. Ich habe mich auch nie als außergewöhnlich talentierte Kunststudentin gesehen.

ZEITmagazin: Wann wussten Sie: Es könnte klappen?

Peyton: Ehrlich gesagt ist mir erst vor Kurzem klar geworden, dass das mit dem Malen wirklich hinhaut. Aber diese Momente der inneren Überzeugung halten leider oft nur kurz an. Jedes Mal, wenn ich eine neue Ausstellung vorbereite, ist es wieder wie beim ersten Mal, nichts ist selbstverständlich. Dabei gibt es oft den Prozess, über eine schlechte Arbeit zu etwas Besserem zu gelangen. Manchmal, wenn ich im Flugzeug sitze, kommt mir der Gedanke: Wenn ich jetzt abstürze, hinterlasse ich einige gelungene Gemälde.

ZEITmagazin: Was passiert mit den schlechten Arbeiten?

Peyton: Sie kommen an einen Ort, den ich den "Friedhof" nenne. Dort landen alle Bilder, die zwar nichts geworden sind, aber auch nicht so schlecht sind, dass ich sie zerstören müsste. Ich werde sie jedoch nie jemandem zeigen. Nach einiger Zeit schaue ich sie mir noch mal an, um zu verstehen, womit ich nicht klargekommen bin. Dabei lerne ich viel.

ZEITmagazin: Sie haben für das ZEITmagazin einen Bilderzyklus gestaltet, der einerseits aus bislang unveröffentlichten Gemälden besteht und andererseits aus Fotografien. In Ihren Ausstellungen bekommt man Ihre Fotos nur sehr selten zu sehen. Nehmen wir zum Beispiel das Foto auf dem ersten Titelbild, wen sehen wir da?

Peyton: Das ist Tim Riggins, eine Figur aus der amerikanischen Fernsehserie Friday Night Lights, Tim wird gespielt von Taylor Kitsch. Wenn ich das Bild ansehe, geht es mir gleich besser.

ZEITmagazin: Warum?

Peyton: Es fällt mir schwer, das zu erklären. Schönheit zeigt sich uns in so vielen Formen. Dieses Bild von Tim ist für mich wie der dritte Akt des Parsifal. Nicht dass ich wirklich verstehe, was im Parsifal geschieht, aber so empfinde ich es.

ZEITmagazin: Was meinen Sie damit?

Peyton: Es herrscht viel Leid im dritten Akt, Menschen kommen ums Leben, finden ihre Erlösung, es wird uns deutlich gemacht, dass wir alle irgendwann sterben werden. Aber durch die Schönheit dieser Oper kann ich mich trotzdem gut dabei fühlen.

ZEITmagazin: Auf dem zweiten Titelbild ...

Peyton: ... ist wieder Tim zu sehen. Ich habe diese Fotos seit einem Jahr wieder und wieder betrachtet: die beiden Bilder, die auf dem Titel des ZEITmagazins sind, hatte ich an eine Wand im Atelier gehängt und habe sehr viele Bilder nach ihrer Vorlage gemalt. Beim zweiten, dunkleren Foto mag ich die künstlichen Farben, die es im echten Leben ja gar nicht gibt. Sie entstanden nur, weil es eigentlich eine Filmaufnahme ist, die ich vom Bildschirm meines Computers abfotografiert habe. Es ist eine besondere, abstrakte Form von Schönheit.

ZEITmagazin: In Ihrer Bilderserie sehen wir Elias Bender Rønnenfelt, den Sänger der dänischen Punkrockband Iceage.

Peyton: Ich habe Iceage eines Tages im Radio gehört und war sofort fasziniert. Ich kann nur schwer in Worte fassen, wie sie klingen, aber ihre Musik wirkt so zerstörerisch-ehrlich, es geht um Tod oder Leben. Ich bin sehr inspiriert von Elias und der Band. Kurz nachdem ich das erste Mal von ihnen gehört hatte, habe ich sie in London live gesehen, ein wunderbares Konzert. Und das nächste Mal in Leipzig. Dort waren nur zwanzig Leute im Publikum, aber sie haben trotzdem genauso großartig gespielt.

ZEITmagazin: Sie zeigen in der Bilderstrecke auch einen Opernsänger, den legendären René Pape aus Dresden.

Peyton: Ja, das ist eine Aufnahme aus meinen Berliner Atelier. René Pape hat sich ein paar Stunden Zeit genommen und für mich Modell gesessen. Ich bewundere seine Stimme, sie ist so tief und emotional. Seine Freundin Valerie war ebenfalls im Atelier, wir hatten gemeinsam einen sehr besonderen Nachmittag.

ZEITmagazin: Sie haben auch Bilder des Opernsängers Jonas Kaufmann gemalt.

Peyton: Ich habe ihn das erste Mal in der Walküre gesehen in der New Yorker Metropolitan Opera – das war mein Opern-Erweckungserlebnis. Ich saß wie gefesselt auf meinem Sitz. Jonas hat eine sehr besondere Art, wie er den Charakter einer Rolle verkörpert, er hat etwas Zerstörerisches ...

ZEITmagazin: ... wie Sie auch die Punkrockband Iceage beschreiben.

Peyton: Kürzlich war er in New York im Werther zu sehen, es war phänomenal. Er bekam während der Aufführung ewig Applaus, so lange, dass es fast den Ablauf störte. Aber Jonas hat sich nur weiter in seine Rolle hineingesteigert. Als ich ihn das erste Mal persönlich getroffen habe, war ich durcheinander. Ich kannte sein Gesicht schon sehr genau von den Fotos, die ich als Vorlagen für Zeichnungen und Gemälde von ihm verwendet hatte. Als er leibhaftig vor mir stand, bekam ich richtig Kopfschmerzen. Er war noch viel feingliedriger, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Dieses Treffen hat in München nach einer Tosca-Aufführung stattgefunden. Er kam von der Bühne und war noch voller Blut. Er hatte sich ja auf der Bühne gerade umgebracht! Er lächelte die ganze Zeit, aber das Kunstblut wirkte so echt, dass ich während des Gesprächs besorgt um ihn war.

ZEITmagazin: Auf vielen Ihrer neuen Bilder ist Blut zu sehen.

Peyton: Ich habe das erst vor ein paar Tagen gemerkt, ich bin selbst überrascht. Oh Gott, habe ich gedacht, ich habe so viele Bilder gemacht von Menschen, die alle bluten!

ZEITmagazin: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Peyton: Nicht wirklich, Erklärungen kommen oft erst später. Vielleicht geht es darum, dass mir etwas fehlt in unserer Gesellschaft, diese Dringlichkeit von Leben und Tod, von Leidenschaft – so stark an etwas zu glauben, dass man dafür sterben würde.

ZEITmagazin: Von Punk zu Oper: Musik steht oft im Mittelpunkt Ihrer Arbeit. Warum ist Musik so wichtig für Sie?

Peyton: In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit Menschen, die etwas kreieren, sei es Kunst, Literatur oder Musik. Und Musik liebe ich über alles. Sie ist so mächtig. Sie kann menschliche Gefühle unmittelbar darstellen, das gefällt mir an ihr.

ZEITmagazin: Haben Sie früher selbst einmal darüber nachgedacht, Sängerin zu werden?

Peyton: Als ich jünger war, in Tagträumen – aber es ging nie so weit, dass ich tatsächlich selbst gesungen hätte. Ich habe ja schon immer gemalt, hatte also schon einen Weg gefunden, mich auszudrücken.

ZEITmagazin: Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Motive? Wie entsteht ein Elizabeth-Peyton-Bild?

Peyton: Die Bilder finden mich! Hauptsächlich hat es damit zu tun, dass ich sehe, was jemand macht, sei es Musik hören, lesen, Kunst betrachten oder Blumen anschauen. Ich denke oft darüber nach, Bilder zu schaffen, die menschliche Gefühle darstellen, wie etwa bei dem Verlust einer Liebe. Es geht mir darum, Wege zu finden, in diese Gefühle einzutauchen.

ZEITmagazin: Wenn man Ihre Arbeiten über all die Jahre verfolgt, fällt einem auf, dass in vielen Porträts auch Selbstporträts versteckt sind. Egal, ob Sie Prominente oder Unbekannte malen: Auf gewisse Art ähneln sie alle Ihnen selbst.

Peyton: Allein die Auswahl meiner Motive erzählt natürlich viel über mich. Malen ist ein unbewusster körperlicher Prozess. Du beobachtest, und diese Beobachtung vermischt sich mit dir selbst. Je weniger ich mich kontrolliere, also je mehr ich meiner Intuition folge, desto mehr Gefühle sind in meinen Bildern zu spüren.

ZEITmagazin: Als Sie 1993 Ihre erste Ausstellung im Chelsea Hotel in New York gezeigt haben, Porträts von Napoleon und anderen historischen Figuren, galt es als sensationell, dass sich eine junge Künstlerin der Porträtmalerei widmete. Dann wurde Malerei plötzlich wieder populär.

Peyton: Malerei ist für die Ewigkeit, deshalb wird sie niemals verschwinden. In meinem Fall ging es damals auch weniger darum, dass ich gemalt habe, sondern darum, was ich gemalt habe. Das öffentliche Interesse ist entstanden, weil ich etwa König Ludwig II., Napoleon und Balzac dargestellt habe. Und weil ich gesagt habe: Ich liebe diese historischen Figuren, ich glaube an sie, ganz ohne Ironie. Das hat viele damals aufgeregt.

Elizabeth Peyton

Die Künstlerin wurde 1965 in Danbury, Connecticut, geboren. Seit frühester Kindheit beschäftigt sich die Amerikanerin mit dem Malen und Zeichnen. Von 1984 bis 1987 studierte Peyton an der School of Visual Arts in New York. 1993 zeigte sie im Zimmer Nr. 828 des Chelsea Hotel ihre erste, für große Aufmerksamkeit sorgende Ausstellung mit Porträts historischer Personen. Es folgten zahlreiche Einzelausstellungen in Galerien und Museen, unter anderem in den Deichtorhallen Hamburg, im Bonnefantenmuseum in Maastricht, im Walker Art Center in Minneapolis und in der Whitechapel Gallery in London. Peytons bevorzugte Gattung ist das Porträt. In ihren oft kleinformatigen Zeichnungen, Aquarellen und Ölbildern erscheinen Freunde, Künstler oder Musiker, von denen sie sich inspiriert fühlt, sowie berühmte Persönlichkeiten, die sie faszinieren. Als Grundlage für ihre Werke verwendet Peyton entweder eigene Fotos oder Bilder aus Magazinen, Plattencover und Video-Stills. Auf dem Kunstmarkt haben Arbeiten von ihr Preise von mehreren Hunderttausend Dollar erzielt. Die Künstlerin lebt in New York und Berlin. Vom 13. Juni bis zum 23. August zeigt die Galerie neugerriemschneider in Berlin Elizabeth Peytons neue Arbeiten, darunter auch Bilder, die in diesem ZEITmagazin zu sehen sind. Der Titel der Ausstellung ist ein Zitat aus Tannhäuser: "Da scheinest du, o lieblichster der Sterne"

ZEITmagazin: Sie sind ja mittlerweile selbst prominent und ein Modell für andere. Ihr Kollege Alex Katz hat Sie gemalt.

Peyton: Er ist der einzige Maler, dem ich Modell gesessen habe. Ich hatte ihn gefragt, ob ich ihn malen könne. Alex kam dann in mein Atelier, setzte sich mit einem Abstand von vielleicht anderthalb Metern vor mich und machte mir sofort ein Kompliment: Du hast aber sehr gute Augen! Ich dachte erst, er mochte meine Augen.

ZEITmagazin: Ein Kompliment!

Peyton: Nein, er wollte damit nur sagen, dass er sich darüber wunderte, wie weit weg er von mir sitzen sollte, während ich ihn malen würde. Er hat mir erklärt, dass er seinen Modellen immer sehr nahe komme. Als ich dann in seinem Atelier saß, war er nur einige Zentimeter von mir entfernt. Er benutzt sehr helle Lampen, bei denen keine Schatten entstehen. Man sitzt bei ihm also buchstäblich auf einem heißen Stuhl. Ich hatte an dem Tag eine Winterjacke an, die ihm gefiel. So saß ich also unter seinen heißen Lampen in meiner Winterjacke, und er malte mich in eine Winterlandschaft hinein, mit Schneeflocken, die über mein Gesicht huschen.

ZEITmagazin: Wenn man Ihre Bilder aus Zeitschriften und Katalogen kennt und sie dann zum ersten Mal in einer Ausstellung sieht, ist man überrascht, wie klein sie im Original sind. Haben Sie von Anfang an im Kleinformat gearbeitet?

Peyton: Als ich von der Kunstschule abging, hatte ich kein Atelier und kein Geld, da waren die Kleinformate aus pragmatischen Gründen sehr hilfreich. Bald wurde mir aber auch klar: Wenn man die Größe eines Motivs radikal verkleinert, ist man automatisch weiter weg von einer zu realistischen Abbildung, deshalb bin ich dabei geblieben. Und am Anfang war ich stolz darauf, eine ganze Ausstellung in einen Koffer packen zu können!

ZEITmagazin: Reisen Sie heute noch mit Ihrer Kunst?

Peyton: Manchmal, wenn ich zum Beispiel an einem Aquarell arbeite und es vor einer Reise nicht vollendet habe, klappe ich einfach die Mappe zu und stecke sie in meinen Koffer. Dann male oder zeichne ich auch schon mal im Flugzeug.

ZEITmagazin: Sie leben und arbeiten in New York und in Berlin. Wann waren Sie das erste Mal in Deutschland?

Peyton: Im Herbst 1994 habe ich meinen damaligen Ehemann, den Künstler Rirkrit Tiravanija, besucht, er hat in Berlin gearbeitet. Wir haben damals viel Zeit mit meinem Galeristen Tim Neuger verbracht und sind mit dem Auto kreuz und quer von Ost nach West gefahren. Ich weiß noch, dass wir Musik der Band Saint Etienne und viel Techno gehört haben. Es gab kaum Verkehr, die Stadt wirkte wie eine Filmkulisse, und die Grenze hat man immer noch überall gesehen und gespürt. Als ich nach New York zurückgekehrt bin, erschien das Unplugged- Album von Nirvana, und ich entschloss mich dazu, Kurt Cobain zu malen...

ZEITmagazin: ... eines Ihrer bekanntesten Werke. 1999 wurden Sie Stipendiatin der Sammlung Hoffmann in Berlin-Mitte.

Peyton: Ja, ich habe im Keller der Hoffmanns in der Sophienstraße gearbeitet.

ZEITmagazin: Warum lächeln Sie?

Peyton: Es gab dort kaum Licht, aber es war trotzdem großartig, wie eine kleine Oase – eine dunkle Oase, aber doch eine Oase. Die Künstlerin Andrea Zittel war dort vor mir Stipendiatin, und sie hat in diesem Keller eine Studie über den Zusammenhang zwischen Mangel an Tageslicht und der inneren Uhr durchgeführt.

ZEITmagazin: Sie müssen wieder lächeln. Was haben Sie in dem Keller gemacht?

Peyton: Ich habe viele Aquarelle gemalt. Ich konnte konzentriert arbeiten, ich war sehr produktiv. So ist es übrigens bis heute hier. In Berlin fühle ich mich wohl, es wirkt vertraut, und ich kann hier gut arbeiten.

ZEITmagazin: Warum?

Peyton: Es gibt so viele Städte, die sehr schön und bereits fertig sind, es mangelt ihnen an nichts. In Berlin hingegen habe ich bis heute immer den Eindruck, dass ich hier etwas machen muss. Es wurde viel zerstört in dieser Stadt, und man hat immer noch ständig das Gefühl, dass etwas fehlt. Ich kann mich hier immer noch ganz auf mich konzentrieren. Das ist wie im Urlaub am Strand in einem fremden Land: Sie können wunderbar entspannen, weil Sie nicht verstehen, worüber die Menschen neben Ihnen reden.

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