© Ilan Godfrey

Südafrika Mein revolutionäres Jahr

1994 war unser Autor als Austauschschüler in Südafrika – und erlebte das Ende der Apartheid. 20 Jahre später ist er zurückgekehrt. Von
ZEITmagazin Nr. 26/2014

Gott sei Dank schenkt British Airways auf Langstreckenflügen großzügig Alkohol aus. Wenig ist peinlicher, als seine Tagebücher von vor zwanzig Jahren aufzuklappen und seinem 18-jährigen Selbst zu begegnen, diesem unfertigen, heimwehkranken Kerlchen. Also ja: noch einen Gin Tonic, bitte. Immerhin – es ist nicht alles peinlich. "Ein vernarbtes Land", habe ich damals etwa notiert. "Wunden platzen auf beim Betasten."

Eigentlich hatte ich mein Austauschjahr in Jamaika oder Neuseeland verbringen wollen. Südafrika war meine dritte Wahl. Aber die von der Austauschorganisation wussten es besser. Und so kam es, dass ich von August 1993 bis Juli 1994 in Durban lebte, der drittgrößten Stadt nach Johannesburg und Kapstadt, in der Provinz KwaZulu-Natal, am Indischen Ozean. Es war ein dramatisches Jahr, in dem in Südafrika fast ein Bürgerkrieg ausbrach, das Land die Apartheid abschaffte und sich vor den Augen der Welt von einer hässlichen Raupe in einen Schmetterling verwandelte. Ich konnte all das aus der Nähe beobachten, während ich an der Schule Afrikaans lernte, eine Band zu gründen versuchte und mein Gastbruder Craig mir das Autofahren beibrachte. Als ich ankam, hieß der Staatspräsident Frederik Willem de Klerk und die Nationalhymne Die Stem; nach den ersten freien Wahlen in der Geschichte des Landes am 27. April 1994 hieß der Präsident Nelson Mandela und die Hymne Nkosi Sikelel’ iAfrika. "Ich stehe vor euch erfüllt von Freude und Stolz", sagte Mandela nach dem Sieg. "Voll Freude, dass wir heute von allen Dächern rufen können: Endlich frei!" – "Geile Rede", steht in meinem Tagebuch.

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit; ich bin jetzt 38 und habe zwei Kinder. Als Mandela im vergangenen Dezember starb, habe ich versucht, ihnen zu erklären, weshalb er ein Vorbild war. Ein paar Monate später sitze ich im Flugzeug nach Südafrika. Zum ersten Mal werde ich meine Freunde von damals besuchen. Ich will wissen, was aus ihnen geworden ist. Und aus ihrem Land.

Es ist überwältigend, wieder in Durban zu sein, dieser grünen, hügeligen, immer schwülen Stadt. Ich fahre an den neoviktorianischen Häuschen der Suburbs vorbei, am verdreckten Hafen und an den Docks. Ich freue mich über das tropische Grün, das zugleich vertraut und überraschend ist. Ich lächle, als ich eine Shoppingmall wiedererkenne, und bin verwirrt, weil ich trotzdem orientierungslos bin. Ich fühle mich wie ein schlecht austarierter Taucher, der mal auf den Meeresgrund knallt und im nächsten Augenblick an die Wasseroberfläche schießt. Nur dass es bei mir nicht um oben und unten geht, sondern um Vergangenheit und Gegenwart.

Schulhof der Brettonwood High School in Durban, 1994 © Ilan Godfrey

Mein Gastbruder Craig, der mich in Empfang nimmt, ist aber auch gnadenlos. "Na, willst du unser altes Haus sehen?", fragt er mich gleich als Erstes. Eine halbe Stunde später stehen wir davor und lachen darüber, wie wir in unserem Zimmer nachts die Moskitos mit Deospray und Feuerzeug aus der Luft geschossen haben.

Derselbe Ort, zwanzig Jahre später: Unverändert sind die Krawatten der Schuluniform. © Ilan Godfrey

In unserem Haus lebten damals außer mir, Craig und meinem mittlerweile verstorbenen Gastvater noch zwei Studenten zur Untermiete. Im Garten stand ein Anbau, in dem Gladice wohnte, unsere Zulu-Haushälterin, die für uns kochte und putzte. In der Garage hauste Charles, ein schwarzer Rechtsanwalt aus Simbabwe. Es war eher eine schräge WG als eine typische Gastfamilie. Zumal mein Gastvater auch noch Schulleiter der Brettonwood High School war, die Craig und ich besuchten.

"Joe Cool’s?", fragt Craig als Nächstes, und ich nicke. Dort holt mich die Gegenwart ein. Joe Cool’s ist eine Beach-Bar, in der wir früher oft ein Bier getrunken haben. Die Speisekarte, die Drinks, die Boom-Boom-Musik – auf den ersten Blick hat sich gar nichts verändert. Aber irgendetwas ist anders. Nur was? Es dauert eine Weile, bis ich darauf komme: Craig und ich sind hier nahezu die einzigen weißen Gäste. Jetzt sehe ich auch den schwarzen Surfer, der mit seinem Board den Strand hinaufstapft.

Als ich das letzte Mal hier war, gab es das nicht. Surfer waren weiß. Schwarze Menschen waren Kellner. Craig grinst, während er beobachtet, wie die neue Realität in mich einsickert. Und ich, ich komme mir bescheuert vor. Wie ein Zeitreisender, dem langsam klar wird, dass er aus der Vergangenheit kommt.

Allerdings merke ich bald, dass ich nicht der Einzige bin. In dieser Woche, in der ich Genevieve und Themba, Aurelia und Philani, Ryan und Bryan und einige andere treffe, lerne ich unter anderem dies: Nicht alle Südafrikaner leben in derselben Gegenwart.

Am nächsten Morgen begleite ich Craig in seine Firma. Er arbeitet im Management eines Tourismusunternehmens, eine Karriere, die 1994 nicht abzusehen war: Brettonwood war keine gute Schule und Craigs Abitur nicht so toll. Aber das hospitality business passt zu ihm: Er hat eine gewinnende Art, und sein Job ist es, auf internationalen Messen Südafrika-Reisen zu verkaufen.

Mein Tagebuch ist voller Dankbarkeit darüber, dass in meiner Gastfamilie nie ein rassistisches Wort fiel

Craig, dem Einzigen, zu dem ich in all den Jahren Kontakt hatte, geht es richtig gut. Er ist verheiratet, hat einen 14-jährigen Sohn, ein schönes Haus. In der Firma hat er ein Einzelbüro, einen Glaskasten, von dem aus er auf das Großraumbüro blickt, in dem eine bunte Mischung von Mitarbeitern sitzt. "Du weißt ja, dass ich immer liberal war", sagt Craig, als ich ihn nach dem "neuen Südafrika" frage, und ich weiß, ich brauche kein nachgeschobenes "aber" zu fürchten. Mein Tagebuch ist voller Dankbarkeit darüber, dass in meiner Gastfamilie nie ein rassistisches Wort fiel. Dann erzählt mir Craig von der wachsenden schwarzen Mittelschicht des Landes, die nun zu den Kunden seiner Firma zählt. Von reichen schwarzen Südafrikanern, die sie Black Diamonds nennen. Von seinen Nachbarn, die wohlhabende ANC-Mitglieder sind. Und davon, dass er bei der Arbeit gar nicht darauf achte, ob jemand Black (also vor allem Zulu oder Xhosa), White (Afrikaans oder English), Coloured (Nachfahren von Einwanderern aus Java oder Nachfahren aus mixed-race- Beziehungen) oder Indian (indischstämmig) sei – die Kategorien des Apartheid-Systems, mit denen Craigs Generation und die seiner Eltern aufgewachsen sind.

Natürlich stimme das mit der Farbenblindheit nicht ganz, gibt Craig zu. Nach 1994 gab es massive Programme, um zuvor unterdrückte Gruppen zu fördern: Black Economic Empowerment und Affirmative Action. Im Grundsatz hat Craig damit kein Problem: "Das ist die Korrektur historischen Unrechts." Und im Detail? "Na ja, nicht immer bekommt der Qualifizierteste den Job." Dann muss Craig in ein Meeting. "Aber rede mal mit meinem Kollegen Themba", ruft er mir zu. "Interessanter Typ!"

Unsere Kulturen sind sich fremd geblieben.
Themba Nolayi

Themba Nolayi ist ein gut aussehender Mann von Mitte 30, in einem perfekt sitzenden Anzug und mit einer sanften Stimme. "Natürlich gibt es heute Freundschaften zwischen Schwarzen und Weißen", sagt er. "Aber seien wir ehrlich, manche sind künstlich. Wir treffen uns bei der Arbeit, und oft endet es dort. Unsere Kulturen sind sich fremd geblieben." Er gibt mir ein Beispiel: Wenn spontan Freunde vorbeikommen und sich eine Party ergibt, auch mal spät am Abend ... Spätestens in so einem Moment, sagt er, gerate eine schwarze Familie, die es geschafft hat, inmitten weißer Nachbarn in einem Suburb ein Haus zu kaufen, doch in Konflikt mit diesen Nachbarn. Das Stichwort, unter dem er die Kultur der schwarzen Südafrikaner ablegt, heißt ubuntu, was auf Zulu und Xhosa dasselbe bedeutet: Menschlichkeit, Nächstenliebe, Gemeinsinn. Oder wie es bei Wikipedia heißt: "das Bewusstsein, dass man selbst Teil eines Ganzen ist". Nur: welches Ganzen?

Wiedersehen beim "Braaien": Yassin, Genevieve, Ryan, Craig, Bryan, Cindy und Aurelia © Ilan Godfrey

Themba Nolayi ist ein politischer Mensch, ein ANC-Aktivist. Er hat Zahlen parat wie diese: Der durchschnittliche weiße Haushalt hat noch heute sechsmal so viel Geld zur Verfügung wie ein durchschnittlicher schwarzer Haushalt. Die meisten Manager und Firmenbesitzer sind nach wie vor weiß. Themba hat wenig Verständnis, wenn weiße Südafrikaner sich an den Rand gedrängt fühlen: "Bis heute haben weiße Kinder bessere Zukunftschancen. Es gibt eine Bildungskluft, deren Überwindung Generationen dauern wird." Die Vergangenheit, sagt Themba, sei nicht vorbei. Das neue Südafrika: work in progress.

Klassenfoto 1994 © Ilan Godfrey

Heute ist fast vergessen, dass im Jahr 1994 Angst vor einem Bürgerkrieg herrschte. "Im Moment läuft alles schief", notierte ich kurz vor den Wahlen. "Die Afrikaner Weerstandsbeweging will einen weißen Volksstaat errichten, die Zulu wollen eine Monarchie ausrufen ... ständig Polizeisirenen, Schüsse, Heckenschützen ... 60 Tote, allein heute ... gestern sind 12 Kinder ermordet worden." Die 12 Mitglieder der ANC-Jugendorganisation waren zwischen 12 und 17 Jahren alt. Vermutlich wurden sie von Anhängern der rivalisierenden IFP getötet. Ich habe noch den Zettel, auf den ich ihre Namen aus der Zeitung abgeschrieben habe: "Molemi, Mbuso, Dumisaui, Thamsanga, Sokelazwa, Bongwela, Cyril, Sifiso, Givi, Sibusiso, Sibiyonga, Kulama. Zu viele Grabsteine mit demselben Datum."

Auch in der Schule war die Nervosität spürbar: "In der Pause kam Vaughn mit einem Waffenkatalog. Er hat mir erklärt, daß er nicht zulassen wird, daß dieses Land von Schwarzen regiert wird. Er würde sich dann verteidigen. Er wisse auch, wie man Bomben baut." Am Tag vor der Wahl führte mich der Stiefvater meines Freundes Bryan in seine Garage, wo er Benzinkanister hortete. "Wenn die Kaffer die Wahl gewinnen", sagte er, "fackel ich mein Haus ab, bevor die es kriegen."

All das war ständig präsent; aber im Vordergrund standen für mich die Prüfungen an der Schule, die Wochenenden mit den Freunden, eben das, was einem 18-Jährigen wichtig ist. Da war zum Beispiel Genevieve, in die ich ein bisschen verliebt war, weil ich ihre freundliche Schüchternheit mochte. Sie mochte mich auch. Aber sie hatte einen Freund, ein paar Jahre älter, der Polizist war und sehr eifersüchtig. Eines Nachmittags jagte er mich mit seinem Auto die Schulauffahrt hinauf und tat so, als wolle er mich überfahren.

Genevieve also. Bin ich aufgeregt? Ein wenig schon. Lustiges Gefühl, nach 20 Jahren. Als sie dann die Treppe runterkommt, bin ich erst einmal geschockt: Anscheinend hatte ich erwartet, dass sie in Schuluniform auftaucht. Ich kenne sie ja nicht anders. Fünf Minuten später bin ich ein zweites Mal überrascht. Denn sie hat ihren Freund von damals geheiratet. Er war dagegen, dass sie mich trifft. Deshalb besuche ich sie an ihrer Arbeitsstelle bei einer Versicherung. In Sichtweite der Kollegen.

Bei unserem Treffen fällt keine rassistische Bemerkung

Das Wiedersehen ist schön, sogar vertraut; aber zugleich verunsichert es mich. Habe ich Genevieve damals nie gefragt, was sie dachte? Ich will von ihr wissen, wie sie sich an die Zeit des Umbruchs erinnert. Und sie ist ehrlich, erzählt mir, wie sie mit ihrem jetzigen Mann vor den Wahlen am Strand saß: "Und wir überlegten, was wir tun müssten, um zu verhindern, dass Mandela Präsident wird." Im April 1994 war Genevieve schon 18 und durfte wählen. "Ich habe die National Party gewählt", sagt sie. Die alte, wenn auch gewandelte Apartheid-Partei.

"Ich bin ein Ein-Mann-Erziehungsprogramm": Yassin und Bryan 2014 © Ilan Godfrey

Bei unserem Treffen fällt keine rassistische Bemerkung. Es gibt aber einen Subtext: Genevieve zählt zu jenen weißen Südafrikanern, die sich abgehängt fühlen. "Ich hatte es in meiner Karriere oft mit nicht ordentlich ausgebildeten Leuten zu tun, die in Positionen gehievt wurden, von denen sie kaum Ahnung hatten", erzählt sie. "Ich hatte Kollegen, denen gesagt wurde: ›Lerne diesen Menschen an, er wird deinen Job übernehmen.‹"

Yassin und Bryan 1994 © Ilan Godfrey

Wer bin ich, zu sagen, dass nicht stimmt, was sie berichtet? Aber ich beginne zu vermuten, dass die Offenheit gegenüber dem "neuen Südafrika" damit zu tun hat, wie gut jemand den Umbruch überstanden hat. Genevieves Mann verließ 1994 die Polizei, vormals eine Stütze des Apartheid-Systems. Heute verkauft er Autos. Die beiden haben einen kleinen Sohn. "Eine Privatschule können wir uns nicht leisten", sagt Genevieve. Auch das ist ein codierter Satz, er bedeutet: Mein Sohn wird womöglich auf eine mehrheitlich schwarze Schule gehen. Das bereitet ihr Sorge. So wie vieles andere auch.

Genevieve erzählt mir noch eine Geschichte. Brettonwood war, wie gesagt, keine gute Schule, sie lag in einer weißen Unterschichtsgegend, viele Schüler kamen aus schwierigen Verhältnissen. Aber in einer Hinsicht war sie besonders: Brettonwood war die erste "gemischte" Schule der Stadt, schon ab 1991. Als ich 1993 ankam, waren etwa ein Drittel der Schüler Schwarze. Genevieve erinnert sich noch, wie mein Gastvater, der Schulleiter, 1991 vor der Schülerversammlung verkündete, dass bald schwarze Schüler aufgenommen würden – ob es Fragen gebe? Ein Schüler meldete sich. "Ja?" – "Werden sie dieselben Toiletten benutzen wie wir?"

Ich suchte mir meine Freunde damals danach aus, dass sie möglichst keine rassistischen Bemerkungen machten. Damit konnte ich nicht umgehen. "Manchmal ist dieses Land zu viel für mich", steht in meinem Tagebuch. "Ich hab keinen Bock, ständig bei jedem Menschen nach Wochen dann doch festzustellen, daß er/sie rassistisch ist." Einmal spielte ich mit meinen Freunden Ryan und Bryan am Computer, während Bryans Mutter nebenan den Polizeifunk abhörte; zwei Schwarze hatten einen Überfall begangen, und sie wartete nun darauf, dass "die Kaffer erschossen" würden. Ich mochte Bryans Mutter. Ich bekam immer ein warmes Abendessen bei ihr, sie hätte mich jederzeit aufgenommen. "Wie soll man dagegen ankommen?", "Was kann man da sagen?" – solche Sätze stehen in meinem Tagebuch.

Vor zwanzig Jahren teilten sie sich ein Zimmer. © Ilan Godfrey

Einmal verbrachte ich ein Wochenende in Johannesburg, mit zwei anderen Austauschschülern. Ein junger Schwarzer sprach uns an. Er hieß Nico. Als 14-Jährigen hatten seine Eltern ihn an Umkhonto we Sizwe übergeben, den bewaffneten Arm des ANC. Er wurde in Kuba und Moskau militärisch geschult und kämpfte fast 20 Jahre lang in Angola, Mosambik, Namibia und Tansania. Und jetzt? "Jetzt studiere ich Philosophie und Musik." – "Und so ein Mensch, der wahrscheinlich Hunderte Menschen getötet hat, setzt sich zu dir", schrieb ich ungläubig auf. "Sein Lächeln geht übers ganze Gesicht, um uns herum ist Johannesburg, die Stadt, in der gar nichts einfach ist, und mir wird bewusst, daß wir nicht in Mittelerde leben, wo Gut & Böse so viel einfacher sind." Das klingt banal. Aber von Bryans Vater mit dem Benzin in der Garage bis zu Nico – das war ein Spektrum, wie es bei uns zu Hause in Niedersachsen nicht zu besichtigen war. Menschen machen Geschichte, habe ich in Südafrika gelernt.

Unser Autor mit seinem Gastbruder Craig © Ilan Godfrey

Obwohl ich auf einer gemischten Schule war, hatte ich trotzdem keine schwarzen Freunde. Warum eigentlich nicht? Zum Teil hatte das nachvollziehbare Gründe, weil man zwar in der Schule in einem Klassenzimmer saß, es aber fast unmöglich war, sich danach zu treffen: In den Townships war es für mich zu gefährlich; und mich hätten schwarze Schüler schon deshalb nicht besuchen können, weil der Bus zu teuer war. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ich – ohne es recht zu merken – Teil dessen wurde, was wir "das Schachbrettsyndrom" nannten: dass in den Pausen schwarze und weiße Schüler in Gruppen sortiert nebeneinanderstanden.

Im Nachhinein betrachte ich das als Niederlage und Versäumnis; aber ich kann es meinem 18-jährigen Ich nicht so recht zum Vorwurf machen. Ein Austauschschüler ist, wenn er ankommt, einsam. Und baut Beziehungen zu jenen auf, die sich um ihn bemühen. So geriet ich auch früh in meinem Jahr an Ryan und Bryan, die meine besten Freunde wurden. Sie spielten wie ich Gitarre, das verband uns. Vor allem aber versorgten sie mich mit wichtigen Informationen: welcher Lehrer ein Arsch war, wo man heimlich rauchen konnte, solche Sachen.

"Alter, du musst unbedingt vorbeikommen und bei mir pennen!", befiehlt Ryan mir auf Facebook, als ich ihm sage, dass ich im Land bin. Und deshalb fahre ich als Nächstes nach Empangeni, 160 Kilometer nördlich von Durban.

Ich bin damit aufgewachsen, dass Schwarze von Natur aus dumm sind. Alle haben das gesagt. Eltern, Lehrer, alle.
Ryan

Ryans Haus ist gewaltig! Ein kleines Paradies mit Palmen im Garten, Pool, einer riesigen Musikanlage, einem gemauerten Monstergrill, kuscheligen Sofas. Auch der Hund ist gewaltig. Und Ryan, der in grüner Arbeitshose und durchgeschwitztem T-Shirt aus seinem Pick-up steigt, nennt ihn allen Ernstes Battleship. Ich sage: "Wow, das ist ja ein Pferd!", und Ryan, der nicht mehr der Schlaks von früher ist, sondern ein kräftiger Typ, tätowiert und mit riesigen Pranken, lacht und fällt mir um den Hals. Dann präsentiert er seine Familie: seine Frau Abigail, seine Teenagertochter Kayleigh, seinen Sohn Keenan. Er hat Boerewors mitgebracht, wir wollen braaien, grillen. Es wird ein langer Abend, an dem es unter anderem um eine schwebende Frau geht.

"Alter, die haben uns Lügen beigebracht! Und ich wusste das nicht, jahrelang nicht!"

Ich bin noch nicht mal eine Stunde da. Gerade erst habe ich Ryan erzählt, wie sehr ich gelitten habe, wenn ihm oder Bryan nach drei Bier doch mal rassistische Sprüche rausrutschten.

"Yassin, ich bin damit aufgewachsen, dass Schwarze von Natur aus dumm sind. Alle haben das gesagt. Eltern, Lehrer, alle. Dass wir Weißen für sie Schulen gebaut haben. Und dass sie diese Schulen aus Undankbarkeit abgebrannt haben."

"Und heute glaubst du das nicht mehr?"

"Nein, Mann! Ich weiß jetzt, dass das Lügen waren. Letztes Jahr haben Abigail und ich diese BBC-Doku über die Apartheid gesehen. Wir waren fassungslos, Yassin. Fas-sungs-los."

Ich gucke etwas ungläubig. Aber dann bringt sich Abigail ein. Sie unterrichtet ihre Kinder zu Hause und folgt dabei einem Lehrplan aus den USA. "Es ist genau, wie Ryan sagt: Ich habe auch erst durch dieses Unterrichtsmaterial erfahren, was uns damals aufgetischt wurde."

Ist das vorstellbar? Dass man zwanzig Jahre braucht, um zu verstehen, dass ein System wie die Apartheid nur durch Manipulation funktionieren kann? Anscheinend ja. "Ist nicht leicht, diesen shit aus dem System kriegen", sagt Ryan.

"Hast du schwarze Freunde?", frage ich seine Tochter. "Klar", sagt Kayleigh. "Wir lesen dieselben Bücher, wir machen dieselben Dinge, so what?" Drei Tage später schickt sie mir Schnappschüsse von ihrer Geburtstagsparty. Eine bunte Gruppe – schwarz, weiß, alle lachen, tragen Kostüme. Born-frees – "In Freiheit Geborene": Das ist der Terminus für jene, die nach 1994 geboren sind und die Apartheid nie erlebt haben. An diesem Abend begreife ich, dass er auch auf weiße Kinder zutreffen kann: Ryan und Abigail haben es geschafft, den Rassismus, mit dem sie aufgewachsen sind, nicht weiterzugeben.

Und die schwebende Frau? Nach dem Abitur haben Ryan und Bryan ein paar Jahre in einer WG gelebt. Es gab Drogen und viel Alkohol. Was es nicht gab, war irgendein Ehrgeiz, einen Job zu bekommen. Am 17. November 2001 änderte sich das: Da fuhr Ryan bekifft Auto, über 100 km/h schnell, als dem Lkw vor ihm die Stoßstange abfiel. Ryan konnte nicht ausweichen. Sein Fahrzeug überschlug sich ein Dutzend Mal – "und alles, was ich dachte, war: Jesus, hilf mir!", sagt Ryan. Er kletterte unversehrt aus dem Wrack. Seitdem ist er Christ. Hat sein altes Lotterleben abgelegt. Und repariert seit einigen Jahren für eine Spezialfirma Industrie-Pipelines.

Ich nehme es hin, dass Südafrikaner öfter Wunder erleben, als ich das gewohnt bin

Südafrika ist ein ausgesprochen christliches Land, schon immer gewesen, charismatische Gemeinden spielen eine große Rolle. Die Christwerdung Ryans schockt mich deshalb nicht. Aber den Kopf muss ich doch schütteln, als er und Abigail mir berichten, wie sie vor ein paar Wochen – "genau hier!" – einem Exorzismus beiwohnten und eine besessene Frau "über dieser Bank schwebte, stundenlang".

Ich sage trotzdem nichts. Ich nehme es hin, dass Südafrikaner öfter Wunder erleben, als ich das gewohnt bin. Ob es etwas damit zu tun hat, dass sich dieses Land derart auf den Kopf gestellt hat? Dass Ryan seinen Rassismus überwunden hat, hängt jedenfalls auch mit seinem Glauben zusammen. Seine Gemeinde ist sehr gemischt, gemeinsam gehen sie auf Missionstrips im ganzen südlichen Afrika. "Wir sind alle Gottes Kinder, der Rest interessiert mich nicht", sagt er.

Der Indische Ozean am Strand von Durban © Ilan Godfrey

Für mich ist Ryan ohne Bryan fast undenkbar. Die beiden waren wie siamesische Zwillinge. Einmal klagte ich in meinem Tagebuch, dass es "in diesem Land keine Rebellen gibt. Das südafrikanische Traumkind ist brav, christlich, ehrlich. Nicht mal Punks gibt es hier. Die Radikalsten sind noch die Surfer. Haha." Heute glaube ich, dass keiner meiner Freunde mehr darunter litt als Bryan.

Durbans Stranpromenade vor zwanzig Jahren: Irgendetwas war anders – aber was? © Ilan Godfrey

Das südafrikanische Schulsystem war unglaublich streng. Das Haar durfte nicht länger als elf Millimeter sein, die Uniform wurde dreimal pro Woche kontrolliert, man musste sich täglich rasieren, die Krawatte musste sieben Streifen zeigen und drei Fingerbreit über dem Hosenbund enden – das Regelwerk umfasste sechs Seiten. Über seine Einhaltung wachten prefects, eine Schülerbrigade von Hilfssheriffs. Für jeden Mist gab es Nachsitzen, in schlimmeren Fällen Prügel. Nach neun Monaten wurde ich zu drei Stockschlägen verurteilt. Wegen "groben Ungehorsams": Ich hatte mich nicht korrekt vom Schwimmtraining abgemeldet.

Dass Bryan zum prefect ernannt worden war, konnte nur ein Versehen des Systems gewesen sein. Jedem war klar, dass er das alles hasste. Wir rächten uns auf unsere Weise. Einmal inszenierten wir für die Theater-AG ein Stück, in dem es um ein Mädchen ging, das am Druck des Schulsystems zerbricht. Es spielte in England. Am Tag der Aufführung entschieden wir, dass die Hauptdarstellerin in unserer Brettonwood-Uniform auftreten würde. Wir wussten, das konnte einen Skandal geben. Es gab drei Preise an jenem Abend: Regie, Hauptdarsteller, Nebendarsteller. Wir gewannen alle.

Als ich Bryan treffe, abends, in einer schummrigen Bar mit Kickertisch, sind wir auch zwanzig Jahre danach noch stolz auf diesen Triumph. Bei Bryan hat es länger gedauert als bei Ryan, bis er von den Exzessen wegkam. Heute renoviert er Häuser und verdient nicht schlecht. Er hat eine Freundin, die Buchhalterin ist, und drei Katzen; er kocht gerne und backt abends Knetgummi für seine Nichten. Ein Traumonkel. Bloß dass er nicht so aussieht. Bryan trägt einen wilden Bart, gigantische Ohrringe, alles an ihm schreit: "Ich bin anders!" Vielleicht, denke ich, sieht er jetzt aus, wie er als Jugendlicher ausgesehen hätte, wenn er in Europa aufgewachsen wäre? Dabei will Bryan nicht mal provozieren. "Ich sehe mich als Ein-Mann-Erziehungsprogramm", sagt er. "Ich erziehe Menschen dazu, dass sie ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen!"

Die alten Kategorien des Apartheid-Systems sind immer noch gebräuchlich

Bryan ist der Individualist unter meinen alten Freunden, es interessiert ihn nicht, was andere denken. Er liest Zeitungen und schaut Nachrichten, "aber dann kichere ich und gehe ins Bett". Der Wandel 1994? "Yassin, da wurde eine Regierung, die sich einen Scheiß um uns gekümmert hat, von einer anderen abgelöst, die sich einen Scheiß um uns gekümmert hat!" Warst du je stolz auf dieses neue Südafrika? Bryan nimmt einen Schluck Bier und sagt: "Ich glaube, dieses Land hat Potenzial!" Dann lacht er: "Du weißt, dass das immer über mich in meinen Zeugnissen stand, oder?"

Er wirkt, als nähme er nichts ernst. Aber dann beginne ich zu denken, dass niemand etwas ernster nimmt als Bryan. Dem es Freude macht, wenn schwarze Männer aus Angst vor seinem Aussehen die Straßenseite wechseln, und der Weiße, die er ignorant findet, Kaffer nennt – ein in Südafrika mittlerweile total inakzeptables Schimpfwort. "Ich glaube nicht an große Ideen", sagt er. "Ich mag Renovieren: Wandel im Kleinen." Bryan hat jahrelang in Bands mit weißen und schwarzen Musikern gespielt. Weder Bryan noch seine Musik zählen zum Mainstream in diesem Land. Aber er verkörpert die Idee der Rainbow Nation vermutlich wahrhaftiger als viele, die das von sich glauben.

Was mich überrascht auf dieser Reise: dass die alten Kategorien des Apartheid-Systems – White, Black, Coloured, Indian – immer noch so gebräuchlich sind, sogar in den neuen Schulbüchern. Ist das, wie wenn man in Deutschland heute noch von "Ossis" und "Wessis" redet? Ist es ein fortgeschriebenes Gefängnis? Ein Zugeständnis an Realitäten? Ist es falsch, richtig, problematisch? Ich weiß es nicht. Auch die meisten meiner Gesprächspartner haben keine klare Meinung.

Ich treffe weitere Schulfreunde: Cindy etwa, die Lehrerin geworden ist, in einer gated community lebt und sich empört, wenn schwarze Kollegen weniger verdienen als sie; oder Aurelia, die in einer Bank arbeitet und mir erzählt, dass sie eine Beziehung mit einem indischen Südafrikaner hatte. Ich besuche auch Wendy und ihre Tochter Tanja. Wendy war die Betreuerin, die mir meine Austauschorganisation AFS an die Seite stellte und die ich oft besuchte, wenn ich eine Auszeit brauchte. Tanja arbeitet heute regelmäßig für eine wohlhabende schwarze Familie. Sie hat sogar die Geburt von deren Kindern im Kreißsaal dokumentiert – noch so etwas, was vor zwanzig Jahren unvorstellbar war.

An dem Pult, an dem unser Autor 2014 steht, stand zwanzig Jahre zuvor sein Gastvater. © Ilan Godfrey

Bei all diesen Begegnungen lerne ich, entdecke Neues. Aber ich merke auch zusehends, dass etwas fehlt. In den Wochen vor meiner Reise habe ich versucht, einige meiner schwarzen Klassenkameraden ausfindig zu machen, Sharon oder Bongani oder John etwa, die mir zum Abschied schrieben, ich sei "ganz schön frech", und die ich gerne gefragt hätte, was sie damit meinten. Aber es gelingt nicht. Sie sind nicht bei Facebook, wie es aussieht; sie reagieren nicht auf Aufrufe auf der Schul-Website. Auch Gladice, unsere alte Haushälterin, ist nicht auffindbar. Genau wie Charles, der Rechtsanwalt aus der Garage.

Der Gastvater unseres Autors 1994 © Ilan Godfrey

Ich hätte gerne Eindrücke aus meinem Tagebuch mit ihren Erinnerungen abgeglichen. Ich erinnere mich, wie mein Gastbruder Craig und ich einmal Gladice in ihrer Hütte in der Township von Umlazi besuchten, wo sie die Wochenenden mit der Familie verbrachte. Sie hatte kein fließend Wasser, und in ihrem Garten wuchsen Maispflanzen. In meinem Tagebuch notierte ich über die Einwohner von Umlazi, dass sie "in ihren eigenen vier Wellblechwänden viel lauter sprechen", als ich es gewohnt war. War das so? Ich bin nach Umlazi gefahren; aber ich habe weder Gladice noch Antworten gefunden, dafür Doppeldeutiges: Hütten, die aussehen wie die von Gladice 1994, neben schicken Minivillen der schwarzen Mittelschicht.

Ich glaube, ich muss diese gescheiterten Kontaktversuche als Indiz interpretieren. Auch meine weißen Freunde haben keinen Kontakt mehr zu ihren schwarzen Klassenkameraden. Offenbar waren sie (und ich mit ihnen) eine Sandwichgeneration – zwischen totaler Segregation und echter Interaktion. Ist das heute anders? Ich beschließe, an meine alte Schule zurückzukehren.

Die Uniformen, der Laden, an dem man sich mit Rosinenbrötchen versorgen kann: alles noch da

Es gab in meinem Austauschjahr einen Tag im Mai 1994, an dem alles zusammenkam: das Bewusstsein, Zeuge einer Revolution zu sein; das Gefühl, Schüler der Brettonwood High School zu sein; das Wissen, dass die Welt, in die ich mich so mühsam eingelebt hatte und die ich bald verlassen würde, sich gerade drastisch veränderte. An jenem Tag zelebrierten wir an der Schule den Wechsel von Staatsflagge und Nationalhymne. Die alte Flagge wurde eingeholt, und zum letzten Mal wurde Die Stem gesungen – von den weißen Schülern. Dann erklang zum ersten Mal Nkosi sikelel’ iAfrika – und nur die schwarzen Schüler sangen. Ich wusste, dass das weniger mit Feindseligkeit zu tun hatte als damit, dass sich keine der beiden Gruppe je um die Symbole der anderen gekümmert hatte. Aber seit jenem Tag kann ich Nkosi sikelel’ iAfrika nicht hören, ohne dass mir Tränen in die Augen schießen.

Und dann stehe ich wieder auf diesem Schulhof. Die Uniformen, der Laden, an dem man sich mit Rosinenbrötchen versorgen kann: alles noch da. Und zugleich alles anders. Brettonwood High ist heute eine zu 97 Prozent schwarze Schule.

Ellen Zizhou ist eine freundliche Frau mit akkuraten Zöpfchen, die wegen einer Verletzung an Krücken geht. Sie war die erste schwarze Englischlehrerin hier, jetzt ist sie Vizedirektorin. Es sei ein wertvolles Erbe, dass Brettonwood die erste gemischte Schule der Stadt war, sagt sie. "Heute sind wir eine richtig südafrikanische Schule. Über Stereotype können wir hier nur lachen." Das Brettonwood-Motto lautet klassisch lateinisch Audacior – "besonders kühn". Noch immer ist es in die Uniformkrawatten eingestickt. Gäbe es eine passendere Losung? Ellen Zizhou überlegt kurz. "Ubuntu", antwortet sie. Und wie würde sie das übersetzen? "Ich bin, weil du bist!"

Klingt toll. Aber ist es mehr als eine Behauptung?

Für eine Stunde überlässt Ellen Zizhou mir ihre Abiturklasse. Knapp über 30 Born-frees sitzen vor mir – und natürlich wissen sie, was Apartheid ist. Aber wenn ich ihnen erzähle, was ich noch erlebt habe an Rassismus, auch beim Schulstoff, etwa im Geografieunterricht, in dem ich lernte, dass man Townships für Schwarze in Windrichtung der chemischen Industrie anlegt und Townships für Coloureds auf der besseren Flussseite – dann lachen sie. Weil sie es absurd finden, dass jemand so gedacht haben könnte. "Denkt ihr manchmal daran, dass eure Eltern oder Großeltern das erlebt haben?", will ich wissen. "Das ist so lange her!", antwortet ein Mädchen. "Was erzählen euch eure Eltern denn so?" – "Dass wir lernen sollen, weil wir die Möglichkeit dazu haben", sagt ein Junge. "Und was wollt ihr werden?" – Apotheker, Luftfahrtingenieurin, Controllerin. Ich bin irgendwie überrascht über den Mangel an politischem Bewusstsein. Aber schon wenn ich’s hinschreibe, klingt das anmaßend. Deutsche Abiturienten treibt die Geschichte der deutschen Teilung auch nicht um. Und nach dem Zweiten Weltkrieg hat es bis 1968 gedauert, dass Antworten eingefordert wurden.

In der Pause kommt Philani auf mich zu, ein Abiturient in Prefect-Uniform. Er ist selbstbewusst: "Du willst etwas über das neue Südafrika wissen?" Er zeigt auf seinen Kragen, wo er einen Anstecker mit der Flagge trägt. "Ich liebe das neue Südafrika", sagt er.

Mein Lehrer war Apartheid-Opfer und er ist total verbittert. Er macht es uns leicht, Weiße zu hassen. Aber mich interessiert, wieso dieses System zusammengebrochen ist.
Philani

Philani stammt aus einer Zulu-Familie, ist aber, anders als die meisten Mitschüler, in einer vornehmlich weißen Vorstadt aufgewachsen. "Meine Mutter hat 1999 gesagt: Ich darf außerhalb der Townships leben, also werde ich das!", sagt er. "Ich hatte deshalb fast nur weiße Freunde. Ich habe nicht mal richtig Zulu gelernt. Aber das macht mir nichts. Ich bin Teil einer neuen Generation."

Ich finde, das klingt etwas dick aufgetragen. Doch je länger wir reden, desto mehr merke ich, dass Philani reflektiert ist. Er erzählt mir zum Beispiel, dass ihm der Geschichtsunterricht nicht gefällt. Warum? "Mein Lehrer war Apartheid-Opfer, und er ist total verbittert. Er macht es uns leicht, Weiße zu hassen. Aber mich interessiert, wieso dieses System zusammengebrochen ist."

Zwanzig Jahre: Das ist offenbar ein Wimpernschlag und eine Ewigkeit zugleich. Ein "vernarbtes Land"? Ja, auch. Aber ich glaube, Südafrika ist vorangekommen. Trotz Gewalt, Rassismus und Korruption.

Der Schultag geht zu Ende. Ich will mich schon verabschieden, da bittet Ellen Zizhou mich, vor der Schülerversammlung zu sprechen. Wow! Das letzte Mal, dass ich das getan habe, war 1994, an meinem letzten Schultag. "Einer von uns ist heute heimgekommen", stellt sie mich feierlich vor. Ich erzähle, was ich hier erlebt habe – damals und heute. Und ich berichte von jenem Tag im Mai 1994, als an dieser Schule zum ersten Mal Nkosi sikelel’ iAfrika gesungen wurde. Ich will mich setzen, aber Ellen Zizhou lässt mich nicht: Sie lächelt und ruft den Schulchor auf die Bühne. Ein Schüler hechtet ans Klavier. Und dann erklingt auch schon die Hymne, 1902 gedichtet als Kirchenlied, aus 670 Kehlen, ein Lied, das leise anfängt und dann aufwogt, demütig und optimistisch zugleich: Nkosi sikelel’ iAfrika, Gott segne Afrika. Und ich, ich muss natürlich heulen.

Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren