Leben mit 30 Herzlichen Glückwunsch?

© Laurie Rollitt
30 Antworten auf die Frage, wie es ist, heute 30 zu sein – von einer 30-Jährigen. Von
ZEITmagazin Nr. 27/2014

1 – Radikalität

"Sie sind immer so radikal", sagte ein 50-jähriger Bekannter zu mir, "entspannen Sie sich." Er meinte damit, dass Frauen zwischen 20 und 30 einen Brief an den Bundespräsidenten geschrieben hatten, der Online-Aktivismus gegen Sexismus als "Tugendfuror" abgetan hatte. Einen Brief zu schreiben ist in etwa so radikal, wie Schokolade eine Schwäche ist. Der Begriff wird zurzeit inflationär und vor allem falsch benutzt, sobald eine Person unter 35 ihre Unzufriedenheit mit dem Status quo äußert.

2 – Großeltern

Opa erzählt nicht vom Krieg. In Sekundenschnelle kann ich heute im Netz so gut wie alles recherchieren; bereits verstorbene Zeitzeugen berichten in Videos vom Holocaust. Doch die Quellen, die mir am nächsten stehen, sind ein verschlossenes Buch. Opa sagte, ich solle etwas Anständiges lernen, als ich nach dem Abitur Kunst studieren wollte. Was ich immer noch lernen möchte, ist, mit meinen Großeltern echte Gespräche zu führen, denn meine Kinder werden keine Menschen mehr kennenlernen, die vom Zweiten Weltkrieg erzählen können. Worte sind heute dicker als Blut.

Kussechter Lippenstift ist eine Lüge. Erst klebt er am Whiskyglas, dann landet er im Magen. © Laurie Rollitt

3 – Lippenstift

Bis zu meinem 30. Lebensjahr habe ich knapp über ein Kilo Lippenstift von meinen Lippen geleckt und geschluckt, wenn ich der Statistik glauben darf. Ich denke, ziemlich viel landete auch im Magen der Menschen, die ich in den letzten Jahren geküsst habe. Denn kussechter Lippenstift ist eine Lüge. Erst klebt er am Whiskyglas, und wenn man sich wirklich mag, ist nach 90 Sekunden nichts mehr davon am Ort der Applizierung. Teurer Lippenstift steht somit für Großzügigkeit, denn er wird immer geteilt.

4 – Perspektiven

Vielleicht will ich ein Kind, um wieder Fragen und Gedanken zu hören, die mich überraschen. Zynismus ist die Überlebensstrategie meiner Generation, die Gespräche sind davon geprägt. Mit 30 verabschiede ich mein inneres Kind und will es gleichzeitig erhalten, um mit Liebe auf die Welt zu schauen. Jetzt, wo ich selbst noch keine kleinen Menschen um mich herum habe, wünsche ich mir oft, ihre Gedanken zu lesen und zu hören, anstatt dass Medien immer wieder hasserfüllten Leuten eine Bühne bieten, die nichts von der Welt von morgen wissen wollen.

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5 – Kochen

In meiner Kindheit in Westdeutschland habe ich den Eindruck gewonnen, dass Frauen außer Mutterschaft kein Beruf offensteht. Ich habe mich für Hausarbeit oder Babys nie interessiert. Die überholten Rollenmodelle, die mir vorgelebt wurden, haben wohl dazu geführt, dass ich meine Freunde und Partner unbewusst danach auswähle, dass sie kochen können. Der Aberglaube, den ich mir leiste, ist, dass zu viel am Herd verbrachte Zeit mir Unglück bringt.

6 – Atomkraft

Beim ersten atomaren Super-GAU bin ich zwei Jahre alt, beim zweiten 27. Als "risikoarme Technologie" wird die Kernkraft von ihren Befürwortern bezeichnet. Acht Jahre wird es noch dauern, bis in Deutschland das letzte Kernkraftwerk vom Netz gehen soll. Sind wir sicher, dass es so kommt? Zudem bleibt die Endlagerung ein ungelöstes Problem. Das gefährliche Spaltprodukt Cäsium 137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Experten gehen davon aus, dass die Gegend um Tschernobyl in etwa 100 000 Jahren wieder vollständig bewohnbar sein wird.

7 – Eltern

Mit 30 muss man einsehen, keine Ahnung mehr davon zu haben, was es bedeutet, heute ein Jugendlicher zu sein. Ältere Menschen rücken emotional näher. Wenn die eigenen Eltern in den Ruhestand gehen, obwohl sie einem selbst noch so jung erscheinen, verändert sich das Zeitgefühl. Man beginnt darüber nachzudenken, wie es ist, ohne sie zu sein. Ich fand meine Eltern immer modern und merke trotzdem, wie sehr sich mein Lebenslauf von ihrem unterscheidet. Jobwechsel, Kündigungen und befristete Stellen kennen sie aus eigener Erfahrung nicht. Je älter wir nun miteinander werden, desto weniger geht es um Erwartungshaltungen, sondern um gegenseitiges Verstehen.

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8 – Geschichten

Wenn ein Intellektueller nichts mehr zu sagen hat, kann er mit einer abfälligen Bemerkung über das Internet immer Resonanz in den Medien erzeugen. Diese Menschen, die das Internet lieben, die kennen das "echte Leben" schon lange nicht mehr, heißt es dann oft. Doch ich habe nur ein Leben – egal, ob ich in ein Kostüm schlüpfe oder einen Tweet verfasse. Es gibt nicht ein Leben offline und eines im Netz. Die Kunst des Lügens, bewusste Verletzungen oder großes Glück finden überall statt. Weder auf der Straße noch im Virtuellen gibt es die Realität, ein akkurates Abbild von ihr oder die letzte Wahrheit. An all den Orten, an denen Menschen Zeit verbringen, basteln sie an ihren Lebensgeschichten. Denn ohne Geschichte bleibt das Leben langweilig, überall.

9 – Demokratie

Nur 16,1 Prozent der Wahlberechtigten waren bei der Bundestagswahl 2013 unter 30, weitere 13,2 Prozent waren auf dem Weg zur nächsten Null. Mit 70,7 Prozent stellten ältere Menschen die große Mehrheit der Wahlberechtigten. Junge Menschen werden in Deutschland seltener, doch viele übernehmen lange vor ihrem 18. Geburtstag Verantwortung. Aus diesem Grund sollten sie früher wählen dürfen. Denn Kinder, die erleben, dass ihre Mitschüler abgeschoben werden, die in Armut aufwachsen und noch keinen Zynismus kennen, sollten eine Stimme haben, bevor sie nicht mehr daran glauben, dass eine Welt möglich ist, die auch auf ihre Ideen und Wünsche zurückgeht.

10 – Verhütung

Als sich Frauen 1971 mit dem stern- Titel Wir haben abgetrieben! für die Abschaffung des Paragrafen 218 einsetzten, waren die heute 30-Jährigen nicht einmal in Planung. Über 40 Jahre später ist Schwangerschaftsabbruch noch immer Bestandteil des Strafgesetzbuches und lediglich straffrei. Dabei könnte er schlicht eine medizinische Leistung sein, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und das eigene Leben garantiert. Sex mit 30 ist auch deshalb entspannter, weil ich mit einer ungeplanten Schwangerschaft souveräner umgehen könnte als im Teenageralter. Würde in diesem Jahr wenigstens die "Pille danach" rezeptfrei werden, bliebe einigen Frauen angstvolles Warten oder sogar eine Abtreibung erspart. So habe ich weiter das schale Gefühl, dass Politiker, die mein Körper nichts angeht, in meinem Bett noch immer eine Rolle spielen.

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11 – Religion

"You know how us Catholic girls can be, we make up for so much time a little too late", ist eine Songzeile von Alanis Morissette, die mir in Erinnerung geblieben ist. "So sind wir katholischen Mädchen, wir holen so vieles ein bisschen zu spät nach." Ich habe noch gebeichtet, konnte nicht Messdienerin werden, weil ich kein Junge war, und hatte dennoch katholische Religion als Abiturfach. Kritik am Papst war in Klausuren als Fehler rot angestrichen. Eine weltfremde katholische Erziehung machte mich schließlich zur Atheistin. Mein Hunger auf Spiritualität bleibt. Jeden Sonntagmorgen, wenn ich auf meiner Yogamatte liege, wünsche ich mir, da wäre ein wenig mehr als Schweiß und gelöste Muskeln.

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12 – Blumen

Traditionen und Symbole warten darauf, verworfen zu werden. Dazu zählen traurige Schnittblumen, die von jemandem gehetzt am Bahnhof gekauft wurden, weil irgendeine dämliche Überlieferung besagt, Frauen würden sich über das Grünzeug freuen. Die wenigsten tun es, denn kaum etwas ist so einfallslos. Wenn dir etwas leidtut, fall auf die Knie und bitte um Entschuldigung. Liebe funktioniert tatsächlich eher über Worte und Küsse als über rote Rosen. Ansonsten ist vielleicht die letzte Rebellion, die einer 30-jährigen Person heute bleibt, eine Blume aus einem Vorgarten zu klauen.

13 – Daten

An einem Märzmorgen um 5.02 Uhr kriecht das neue Alter lautlos unter meine Decke. 30 Jahre nach meinem ersten Atemzug befinde ich mich nicht in der Zukunft, sondern in dem düsteren Roman über einen Überwachungsstaat, den George Orwell nach meinem Geburtsjahr benannte. Dass ich 1984 mit einem Gewicht von 3360 Gramm und 51 Zentimeter groß das künstliche Licht eines Kreißsaals erblickte, ist nur ein winziger Ausschnitt der unendlichen Datenmengen, die seit meiner Geburt über mich gesammelt werden. Heute weiß ich, dass ich so gut wie nichts weiß über die Masse der Informationen, über Bewegungsprofile und Verhaltensvoraussagen, die mit meiner Person verknüpft sind. Totalüberwachung ist möglich und real, doch sie wird im Jahr meines 30. Geburtstages größtenteils gleichgültig zur Kenntnis genommen. Sie bedeutet das Ende der Unschuld, und das wiegt schwerer als das Ende der Jugend, als das der 30. Geburtstag oft bezeichnet wird.

14 – Komplimente

Politikerinnenporträts kommen selten ohne einen Kommentar über Aussehen und Weiblichkeit der beschriebenen Person aus. Erst kürzlich bezeichnete eine Sonntagszeitung Angela Merkel als "Neutrum". Dabei ist wenig so egal, wie ob die Kanzlerin sich traditionell weiblich gibt oder ob irgendjemand sie attraktiv findet. Sätze wie "Du siehst toll aus", die jede Person, die zufällig aktuellen Schönheitsidealen entspricht, hundertfach hört, sind bedeutungslos. Die Journalistin Lisa Miller schrieb kürzlich in einer Medienkritik über Hillary Clinton: "Was Hillary denkt und sagt, ist endlich wichtiger, als wie sie aussieht – und das ist gut so", und kommentierte einen ihrer Auftritte mit "That woman is bulletproof".

15 – Ungeduld

"I can’t believe I still have to protest this shit" steht auf dem Schild einer älteren Dame, die sich an einem feministischen Protest beteiligt. Ich kann auch nicht glauben, dass nur 30 Prozent der Väter Elternzeit nehmen. Und im Schnitt nur lächerliche zwei bis drei Monate. Ich bin ungeduldig. "Gefühlt" geht es in Deutschland gerecht zu, doch die Fakten verraten nur wenig Fortschritt. Mit Begriffen wie Alltagssexismus oder Alltagsrassismus suggerieren wir sprachlich, diese Diskriminierungen seien normal und irgendwie hinnehmbar. Sie sind es nicht. Mein bester Freund kann kein Kind adoptieren, da er mit einem Mann zusammenlebt. Der Plan war nicht, dass die Gleichberechtigung für Menschen wie ihn noch 30 Jahre dauert, bis er im Alter für Enkel ist. Die neue Bundesregierung brüstet sich mit einer 70-Prozent-Männerquote für Aufsichtsräte, die einen Hauch mehr Gleichberechtigung für einen Krümel der Arbeitswelt schafft.

Das Digitale oder doch lieber das Gedruckte lesen? Macht beides zufrieden. © Laurie Rollitt

16 – Papier

Als Vertreterin der Gattung introvertierter Nerds, die gleichermaßen zwischen Büchertürmen und Konsolenspielen aufwuchsen, bin ich seltsam zufrieden zerrissen zwischen den Medien. Ich liebe das Digitale und das Gedruckte. Ich drucke Texte aus und tippe Zitate in Tumblr ab. Sprache schafft Realität, egal, wo. Schadet, verzaubert, verklingt. Dennoch sind alte Zettel mit Telefonnummern, die Konzertkarte, das wiederentdeckte Tagebuch aus der Pubertät und all die anderen Momente, in denen ein Schnipsel Erinnerung dir unerwartet in die Hände fällt, die besten Gründe, dem Papier ein langes Leben zu wünschen.

17 – Therapie

"Austherapiert bist du auch nicht, oder?", brüllt die weibliche Hauptfigur von Fack ju Göhte ihrem Kollegen entgegen. Diesen Satz habe ich mindestens schon einmal über eine andere Person gedacht. In meiner Altersgruppe gehört psychologische Beratung so selbstver- ständlich dazu wie die Kontrolluntersuchung beim Zahnarzt. Depressionen kommen nun einmal häufiger vor als Beinbrüche. Gespräche mit Psychologen sind Mainstream, und das ist gut. Sich selbst besser zu verstehen, Wut und Trauer Raum zu geben ist wertvoller als ein weiterer Studienabschluss.

18 – Macht

"Everythig in the world is about sex. Except sex. Sex is about power", dieses Oscar-Wilde-Zitat fasst die Diskussion um den Begriff "erotisches Kapital", den die Soziologin Catherine Hakim geprägt hat, gut zusammen. Hakim fordert insbesondere Frauen dazu auf, ihre Attraktivität strategisch für beruflichen Erfolg einzusetzen. Doch dass eine ordentliche Portion Sexiness und Charme die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern oder zwischen Jung und Alt durcheinanderwirbeln könnte, ist eine Lüge. Wie man seinen Charme einsetzt, lernen Mädchen schon im Kindergarten. 25 Jahre später sind die wenigsten von ihnen in einer sehr einflussreichen Position. Das politische Berlin ist zudem ein nahezu asexueller Ort: übermüdete Menschen, keine guten Bars in Bundestagsnähe, die an einem Montag offen haben, die Wulffs und die Guttenbergs galten als glamouröse Paare. Die mächtigste Person der Republik wird mit Sicherheit nicht über eine geheime Liebschaft stolpern.

19 – Quantified Self

In diesem Jahr besitze ich seit fünf Jahren keine Waage mehr. Umso irritierender war es für mich, als ein Mann, mit dem ich ein paar Monate verbrachte, jeden Morgen auf seine Waage sprang und mir euphorisch Kurven auf seinem iPad zeigte, das über Wi-Fi seinen Gewichtsverlust direkt aufnahm. Mädchen in den Neunzigern haben noch Kalorientabellen in der Stadtbücherei ausgeliehen, auswendig gelernt und Kalorienbilanzen in Mathehefte notiert. Am Ende meiner eigenen Quantified-Self-Bewegung hatte ich keine Brüste mehr. Die einzigen Apps, deren gesundheitlichen Mehrwert ich sehe, sind solche, die hormonfreie Verhütung unterstützen.

20 – Programmieren

Programmieren macht glücklich. Ich würde es gern besser können. Das, was ich kann, habe ich mir im Studium nachts selbst beigebracht, um mein Blog aufzusetzen. Warum der für viele Kinder so demütigende Sportunterricht bis heute nicht durch Programmierkurse ersetzt wurde, ist mir ein Rätsel. Die Fachkräfte fehlen ja nicht im Fußball, wie die Ergebnisse der letzten Weltmeisterschaften der Damen hinreichend belegen. Wenn ich mein Kind trilingual erziehe, dann mindestens in einer Programmiersprache.

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21 – Sex

"Wenn ich eine Frau nicht zum Orgasmus bringe, ist sie in zwei Wochen wieder weg", sagt meine Freundin und fährt fort: "Keine Ahnung, wie das bei euch Heten auf Dauer funktioniert." Sex mit 30 ist nur dann besser, wenn man weiß, was einem selbst gefällt, und man gelernt hat, mit anderen darüber zu reden. Bis dahin ist es ein relativ weiter Weg, denn Aufklärung handelt nur davon, nicht schwanger zu werden oder sich keine Chlamydien einzufangen. Wissenschaftliche Studien besagen übrigens, dass für Frauen Sex mit sich selbst und mit anderen Frauen sehr viel häufiger zu Orgasmen führt. Mainstreamporno bildet dieses Wissen vielleicht etwas ungenau ab. In den Debatten um Sexarbeit wurde deutlich, dass für die Spannbreite von Sex noch immer keine Sprache vorhanden ist. Über Sex zu sprechen ist schwer, und doch sind sexuelle Bedürfnisse auch wichtig, wenn es um berufliche Belastung geht. Vielleicht sind die Wünsche nach einem Sabbatical oder einem weiteren Studium in der Mitte der Karriere auch nur die Sehnsucht danach, endlich wieder morgens Sex zu haben.

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22 – Katzen

Männer, die alleine alt werden, sind mysteriöse Einzelgänger. Frauen hingegen droht das Schicksal der crazy cat lady . Es ist die Errungenschaft des Internets, dass uns das Dasein als kauzige Frau mit Katze nicht mehr bevorsteht. Im Gegenteil: Wer eine Katze hat, ist cool. Denn die maunzenden Mitbewohner sind die Popstars des Internets. Grumpy Cat, eine grimmig guckende Katze, hat über fünf Millionen Facebook-Fans. Der Twitter-Account "Emergency Kittens" postet im Minutentakt Bilder niedlicher Kätzchen, um Menschen damit aufzuheitern. Mehrere Hunderttausend Nutzer machen von diesem Notfall-Service Gebrauch.

23 – Dresscodes

Gibt es ein Wort, das eine verkrampfte Gesellschaft besser beschreibt als Casual Friday? Ich vermute, Anzüge spenden eine Art von Sicherheit, denn auf der letzten Konferenz, auf der ich war, trugen 40 Prozent der Anwesenden ihre Bürouniform, obwohl auf der Einladung "No suits, no ties" stand. Wenn man irgendetwas arbeitet, das mit neuen Technologien zu tun hat, ist ein Kapuzenpullover immer absolut seriös. Ebenso einfach ist es mit der Sorte Kleidern, die in Mode-Blogs als Statement Pieces beschrieben werden. Die Aussage eines solchen Kleidungsstücks ist, dass ich dieses Kleid tragen möchte, weil ich mich darin wohlfühle und darin am besten arbeiten kann. Wer sich von ein wenig Haut oder leuchtenden Farben ablenken lässt, der sollte sich im Home-Office einigeln, statt bei den Erwachsenen mitspielen zu wollen.

24 – Perfektion

Die Autorin Lauren Sandler beschreibt ein Online-Phänomen, das sie Pinterest femininity nennt: Die Darstellung makelloser Menschen und durch Innenarchitekten vollendeter Wohnungen dominiere Lifestyle-Blogs. Diese Beobachtung trifft mittlerweile auf alle Geschlechter zu. Der Alltag wird selbst in Sozialen Netzwerken arrangiert wie für ein Katalogfoto. Diese Herangehensweise verschleiert die wilde Schönheit des Lebens. Dass auch ein ungeschminktes Gesicht und zerzaustes Haar makellos sind, sagte dann endlich die Sängerin Beyoncé. Die wohl meistzitierte Songzeile ihres neuen Albums lautet: "I woke up like this: flawless."

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25 – Stärke

Modejournalismus wechselt in jeder Saison auch die Körperregion, die besonders angesagt ist: Schultern, Augenbrauen, Oberarme. Viel Sinn macht das nicht, denn körperliche Gegebenheiten lassen sich ohne chirurgische Eingriffe und Hochleistungssport nur minimal ändern. Der durchtrainierte Bizeps wurde über Michelle Obama inszeniert, aber als erwachsene Frau, die ihre Unabhängigkeit genießt, kommt man früher oder später selbst darauf, warum Muskelkraft einem Körper auf Diät vorzuziehen ist. Die selbst gekochte Marmelade, der Sancerre und das Glas Rote Bete lassen sich mühelos alleine öffnen. Und die Ohrfeige für den Grapscher in der U-Bahn besiegelt seinen letzten Versuch.

26 – Verlieben

Die Teenagerjahre verbringen viele damit, unglücklich verliebt zu sein. Ich habe mich mit zwölf unsterblich in die Akte X- Figur Fox Mulder verliebt und glaubte seinetwegen eine kurze Zeit lang an außerirdisches Leben. Damals schien diese Verliebtheit töricht, denn ich war ein Kind und der Schauspieler 37. David Duchovny ist heute 53 Jahre alt. Mit 30 kann man plötzlich sowohl zehn Jahre jüngere Menschen als auch 20 Jahre ältere mögen. Aus den letzten zehn Jahren des glücklichen Verliebens kann ich ableiten, dass es so etwas wie ein Beuteschema nicht gibt: Meine erste große Liebe ist Amerikaner und jetzt Banker bei Goldman Sachs. Meine zweite große Liebe sah aus wie der junge Dirk von Lowtzow und wurde von meinem Opa kommentiert mit: "Der ist aber nicht für immer, oder?" Das besoffene Grinsen, das man nicht mehr loswird, wenn man sich neu verliebt, kehrt übrigens immer wieder, auch wenn man älter wird.

27 – Kinderwünsche

In Deutschland könnten sehr viel mehr Kinder geboren werden und in liebevollen Familien aufwachsen, wenn anerkannt würde, dass die Ehe zwischen Frau und Mann nur ein Modell von vielen ist und nicht mehr wert als andere. Lesbische und heterosexuelle Paare, die nicht verheiratet sind, müssen eine künstliche Befruchtung selbst bezahlen. Schnell kommen mehrere Tausend Euro zusammen, die viele nicht haben. Selbst Krankenkassen kritisieren diese Regelung als "realitätsfern und überholt". So sind Menschen mit einem Kinderwunsch, den sie sich nicht allein erfüllen können, im Prinzip gezwungen, zu heiraten oder heterosexuell zu lieben. Um Eltern zu werden, finden sie kreative Lösungen oder reisen in andere Länder. Bis Deutschland wirklich kinderfreundlich ist, wird es noch dauern.

28 – Liebe

"The heart is not like a box that gets filled up; it expands in size the more you love", sagt die Figur Samantha in Spike Jonzes wunderschönem Liebesfilm Her. Die heute 30-Jährigen sind im Schnitt öfter verliebt gewesen als ihre Eltern und haben sich öfter getrennt. Denn der Mittelpunkt des Lebens hat sich auf den beruflichen Erfolg verlagert. Der Raum für eine gemeinsame Entwicklung von Persönlichkeit und Liebe wird kleiner. Die eine große Liebe gibt es daher nicht mehr, sie erliegt Wachstumsschmerzen. Sich zu trennen, wenn man einander nur noch unglücklich macht, ist ein emanzipativer Schritt, den ältere Generationen oft nicht gewagt haben – oder erst sehr spät. Viele Lieben müssen nicht bitter werden lassen. Mit 30 ist das Herz nicht vernarbt, es ist größer.

29 – Überleben

Catherine Deneuve war 1984 auf einem Cover der deutschen Vogue. Jetzt ist sie 70 Jahre und sieht noch immer hinreißend aus. Alt? Nein. Warum sollte dieser Begriff auch abwertend sein? Kate Moss fasziniert mit 40 mehr als zu Beginn ihrer Modelkarriere. Ich kann mich an grauen Strähnen im Haar nicht sattsehen. Sich das Gesicht mit Nervengift oder Skalpellkunst zu straffen mag für eine Weile okay ausschauen, aber es wirkt verzweifelt und hilflos. Zusätzliche Jahre bedeuten Erfahrung, Stärke und Kampfspuren, und die Lachfalten, die man im Spiegel sehen kann, sind nur der Hinweis auf viele Jahre, in denen man noch über sich und andere lachen kann.

30 – Risiko

40 ist nicht "das neue 30". Wir können nicht erwachsen werden, wenn wir zugleich alles dafür tun, jung zu bleiben. Erwachsen werden bedeutet, Dinge loszulassen, anstatt eine Lebensphase, die man schon sehr gut kennt, immer wieder zu verlängern. Es bedeutet, dass man aufhört, mit der Vergangenheit zu hadern, und sich damit anfreundet, dass wir nicht planen können, was passiert.

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Sorry, aber ich empfinde diese Sammlung als eine Aneinanderreihung von Klischees. Besonders ins Auge gesprungen ist mir folgender Satz: " Zynismus ist die Überlebensstrategie meiner Generation, die Gespräche sind davon geprägt." Das kenne ich auch gut. Aber aus der Schulzeit.
Artikel über die heute 30-jährigen legen nahe, dass es diese Spezies nur in Berlin-Prenzlauer Berg gibt und sie alle "was mit Medien machen". Ich persönlich stehe alterstechnisch dort wo die Autorin jetzt ist und habe mich nach dem Abitur nicht für eine Laufbahn dort entschieden wo meine Talente gelegen haben (nämlich in etwas geisteswissenschaftlichem), sondern trotz mieser Mathenoten ein Wirtschaftsstudium begonnen. Eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Denn während ich unter den Geistes-/Sozial-/Kultur-/Kunstwissenschaftlern ebenfalls immer und immer wieder auf diesen dummen Endzeitzynismus getroffen bin, habe ich unter meinen VWL-Kollegen (man höre und staune) ungeheuer viele reflektierte und sensible Menschen getroffen, die schnell für sich erkannten, dass dieser unkonstruktive Zynismus eben nichts mit Erkenntnis, sondern lediglich einer kindischen Ablehnung von Allem zu tun hat. Heute arbeite ich in einem Kollegium von außerordentlich interessierten, warmherzigen und unkomplizierten Menschen, die über Artikel wie diesen nur schmunzeln können. Sicher: Verunsichert und desorientiert sind wir auch. Aber wir verwechseln dies nicht mit einem Prädikat, dass uns als besonders wache Menschen auszeichnet. Und das sollten die Autorin und die Mitglieder ihrer Peer-Group besser auch nicht tun.

Sie lasen die Beschreibung aus dem Inneren einer ausgeprägten filter bubble oder peer-group.
Ich würde behaupten, wir sind die Generation, die in solchen Blasen lebt und das dank grenzenloser Möglichkeiten und Informationen sehr gut weiss oder sich zumindest darüber bewusst wird. Es gibt uns nicht als Einheit. Man kann uns nicht beschreiben, nicht erfassen. Jede Blase ist anders. Es gibt keine gemeinsame Mode, keine gemeinsamen Standards. Der Rest ist nicht mehr als Statistik.

Also dieser Artikel sagt ja vielleicht alles mögliche aus, aber nicht, wie es ist, heute 30 zu sein. Wenn ich es recht überlege, sagt er eigentlich doch nur, wie es speziell für Teresa Bücker ist, 30 zu sein. Anderes Geschlecht, andere Biographie, andere Herkunft, andere politische Präferenzen - schon findet man sich in dem Text nicht mehr wieder. Ich jedenfalls kann mit den Eindrücken praktisch von vorne bis hinten nichts anfangen, scheinbar lebe ich in einer Parallelwelt. Aber danke trotzdem, dass Sie uns an Ihrem Innenleben teilhaben lassen. Das nächste mal lieber mit einer Überschrift, die nicht einen solchen Deutungsanspruch erhebt.