Kleidervorschriften Burka-, Zehen- und andere Verbote

Frauen! Kein Gericht sollte uns vorschreiben, was wir anziehen. Von

DIE ZEIT Nr. 29/2014

Als ich klein war, drei oder vier, und im Garten nackt in einer Zinkwanne badete, riefen die frommen Nachbarn die Polizei, weil nackte Kinder igitt und unzüchtig waren.

Als ich vier oder fünf war, wurde ich gezwungen, mattig verfilzte Pullover und immer zu kurze Kleider zu tragen, ich schämte mich meiner bloßgelegten Beine. Neue Klamotten? Für Nachgeborene verboten!

Als ich fünf war, wurde mein Pferdeschwanz abgeschnitten, zugunsten einer gescheitelten Kurzhaarfrisur und eines zur Seite gekämmten Ponys, weil das ordentlich und sittsam aussah. Es kann mich nicht überraschen, dass der Europäische Gerichtshof jetzt meinte, das französische Burka-Verbot bekräftigen zu müssen. Seit ich denken kann, bin ich Objekt wilder Regulierungsgelüste.

Als ich neun war, gab es zur heiligen Kommunion ein Kleid mit Petticoat, dessen plustriger Tellerrock mit Sicherheitsnadeln zur Wurst gebändigt wurde, wg. Frivolität.

Als ich aufs Gymnasium kam, zu (verschleierten) Schwestern Unserer Lieben Frau, waren bei Strafe verboten: nackte Arme, in Sandalen bloße Zehen. Natürlich Hosen!

Als ich 13 war, lieh ich mir bei Gaby einen Büstenhalter, bis man mir verbot, ohne Brüste einen Büstenhalter zu tragen.

Als ich so 15 war und Büstenhalter so out waren, schämte sich die Familie meiner kleinen Rosinen unterm Pulli und verlangte das Tragen eines Büstenhalters.

Als ich, inspiriert von der Kings Road, mit einer roten Karo-Hose auftauchte, führte das zu Tumulten wg. Geschmacklosigkeit. Weißer Lippenstift war auch verboten. Als ich Studentin war, galt roter Lippenstift als nuttig. Ich trug jetzt Pencil-Skirts und High Heels, die, nach den Blicken meiner indisch gewandeten Kommilitoninnen zu urteilen, ebenfalls igitt waren. Als ich Mutter geworden war, verlangte das Kind, dass ich Pencil-Skirts zugunsten von Caprihosen austauschte, damit ich wie eine echte Mutter aussehe.

Susanne Mayer

studierte in Bonn und Ann Arbor und promovierte über amerikanische Autorinnen. Seit 1986 ist sie Redakteurin der ZEIT, zunächst schrieb sie für das Moderne Leben, 1999 wechselte sie in die Literatur. Jeden Monat erscheint ihre Kolumne Männer! im Feuilleton.

Als ich älter wurde, forderte man mich wieder mal auf, meine nackten Oberarme zu verstecken. Ich werde darauf hingewiesen, dass roter Lippenstift ab einem gewissen Alter frivol wirkt. Ein Rock sollte die Knie bedecken, ein Jackett die nicht mehr schlanke Taille – wisst ihr was? Ihr Tugendwärter, ihr blöden Regelhysteriker: Leave me alone!!!

Dass jetzt das Pariser Verbot von Burkas bekräftigt wurde, wg. "Respekt für die Bedingungen des Zusammenlebens", ist skandalös und sexistisch und rassistisch. Warum nicht auch Taliban-Bärte und Karl-Marx-Matten? Was ist mit tellergroßen Sonnenbrillen? Falschen Blondinen? Also ich persönlich denke darüber nach, ob ich nicht meinen ewig beäugten Körper ab und zu entspannt unter einer Burka verstecken sollte. Die Farbe? Überleg ich mir noch ...

35 Kommentare

Sehr geehrte Frau Mayer,
„Frauen! Kein Gericht, kein Moses, kein Paulus, kein Mohammed, kein Kleriker, egal welcher Religion, kein Ehemann, kein Gemeinde- Staats- und Familienmitglied und kein Modeguru sollte uns vorschreiben, was wir anziehen.“
Wenn Sie Ihren Aufruf so verfasst hätten, dann würde ich Ihnen zustimmen. Dann ginge es Ihnen nämlich wirklich um die Selbstbestimmung der Frau. Aber von allen oben Erwähnten haben sie nur das säkulare Gericht angeprangert und die religiösen oder gesellschaftlichen Kräfte ausgeklammert. Das lässt mich vermuten, dass Sie unwissend sind bezüglich der Hintergründe für die Burka, den Niquap usw.
Von allen Kommentatoren hat „Rolf 147“ am besten beschrieben, worum es bei der Burka geht: um die Entmenschlichung der Frau, ihre Herabwürdigung zu einem Objekt, das das Eigentum eines anderen ist. Ich füge dem Begriff „Entmenschlichung“ noch einen weiteren hinzu: Es geht um die „Ent-Ichung“ der Frau: Ihre Individualität, für die Gesicht und Mimik der Ausdruck sind, soll sich nicht zeigen dürfen. Sie soll in der Öffentlichkeit schweigen, nicht laut lachen, ja sogar so gehen, als ob sie nicht da wäre. Es gibt Haddithe, die besagen, dass die Frau zuhause bleiben und sich „unsichtbar“ machen soll, dass sie als „unrein“, von „geringem Verstand und geringer Frömmigkeit sei“, „Zwietracht sähe“ und „unzüchtig sei“ , dass, wenn „Mann und Frau alleine zusammen seien, sich der Teufel dazugeselle“ u. dass „die Mehrzahl der Höllenbewohner Frauen seien“

Das Paradoxon (eher der Willkürakt und Paralogismus) Ihrer Überlegungen besteht natürlich darin, dass Sie beim Tragen der Burka Freiwilligkeit statt Unterwerfung unter eine religiös legitimierte atavistische Regel voraussetzen und somit das Verbot des Zwangs als eigentlichen Zwang ausgeben statt den ursprünglichen Zwang selbst.

Ich hoffe aber aus einem anderen Grund, dass Ihre Glosse keinem strenggläubigen Muslim unter die Augen kommt, denn dieser könnte auch die Verteidigung der seiner Meinung nach gottgewollten Verhüllung der Frau im Zusammenhang mit eltern-, lehrer- und modeverursachten Mädchen- und Jungfrauenfrustrationen als Blasphemie empfinden, und zwar als strafwürdige…

Ich selbst zögere, ob ich Ihre Glosse nicht aus dem gleichen Grunde als waghalsig über die Bande gespielte Burkakritik empfinden soll. Die Burka verteidigen nach dem Prinzip „Mein Körper gehört mir – ich zeige ihn (nicht), wie es mir beliebt“ – entspringt ganz offensichtlich dem postaufklärerischen Individualitätsdenken, das keinerlei übergeordnete, geschweige denn göttliche Normen anerkennt. Eine so begründete Burkaverteidigung wäre also nichts anderes als eine subversive (Schein-)Affirmation.

Auch innerhalb säkularer Bewertungssysteme kann einem allerdings der Gedanke kommen, diese Haltung als Ausdruck einer eigentlich mit dem abscheulichen T-Wort zu bedenkenden Feminität zu bewerten.

Frau Mayer, ich habe Ihre Artikel bisher wegen der Abwesenheit derartiger Tendenzen geschätzt, jetzt enttäuschen Sie mich!

Diese Betrachtungen sind köstlich! Auch ich habe im Internet schon nach ewiner Burka gesucht. Und zwar aus ganz christlichen Gründen ,des Erhalts der individuellen,freien,persönlichen Selbstbestimmung. Das Urteil ist irgendwie papadox. Nun mit ihmgerade die europäischen Werte den Bach herunter, die es angeblich bewahren möchte. Gerne würde ich einmal den ganzen Urteilstext lesen - und zerpflücken.

Super Ihr Kommentar!
Ohne jetzt politisch zu werden wegen Burka und anderer politisch oder religiös motivierter Kleidervorschriften, erkenne ich mich in einigen Beispielen wie BH-Verbot, weil zu jung und BH-Zwang, weil jetzt alt genug, Kurzhaarfrisur weil adrett, langer und kurzer Röcke, Christliche Schule mit eigenen Vorschriften (Holzschuhe waren bei uns noch zusätzlich verboten, Hosen, Ausschnitte, ohne-Arm-Shirts, zu kurze Röcke oder Shirts, Lippenstift und Schminke...verboten in der Schule), in der Uni täglich Klamottenanpassung an die Haupt- und Nebenfächer (mal mehr Öko, mal mehr Business), später im Beruf dunkler Kostüm- oder Hosenanzugszwang (möglichst nicht !!! wie eine Frau aussehen, Haare streng frisiert), jetzt freiberuflich und FREI in der Kleiderauswahl, gottseidank!

Mit Verlaub. Ihre Zeitreise klingt mir sehr katholisch-westdeutsch. Was nichtsdestotrotz Verständnis erzeugt. Die conclusio jedoch ist nicht überzeigend. Schon allein deswegen, weil die Burka, und wir reden doch wohl über dieselbe, ein Kleidungsstück ist, das Frauen sich gemeinhin nicht selbst aussuchen. Wenn Sie es bezweifeln, kann ich nur empfehlen, sich unter eine solche zu begeben. Falls Sie das Kleidungsstück nicht als zu schwer, zu disorientierend empfinden, kann ich Sie nur beglückwünschen.
Es ist mir unverständlich, dass Sie den Wunsch Ihrer womöglich pubertierenden Tochter als eine zu befolgende Forderung empfunden haben. Andernfalls müsste man sich wirklich um Ihr Selbstverständnis besorgen.
Wie Frauen auszusehen haben, ist eine langhaltende Litanei, und es gibt keinen Grund, den Forderungen Folge zu leisten. Ich bezweifle im übrigen, dass Sie es tun. 2014? Oh. Tragen wir nicht alle Traumata aus der Kindheit mit uns? Die überwunden zu haben uns stolz macht?
Ein Tragen der Burka für wünschenswert zu halten, um Anforderungen an den weiblichen Körper und seine Erscheinung in der Öffentlichkeit zu entgehen, ist, so leid es mir tut, nicht mehr als gaga. oder fishing for whatsoever. Eine nicht gerade elegante Form des Zeitgeists. Und - meine Tochter hat mir den Link zum Artikel geschickt. Völlig entnervt. Vielleicht läßt das ja denken.

tja, also, nicht ganz richtig, in Südostasien, sag ich mal, ist das schwarze Ding nicht in, für moslemische Frauenbekleidung, die zudem recht farbenfroh ist, gibts , man staune, Modeschauen, und , man staune wieder, selbst bei den TalibanFrauen, obwohl komplett verschleiert sind bunteT/farbige Burkas normal, warum gerade in den arabischen Ländern schwarz vorherrscht, müsste man mal erfragen!?

Bei dem aktuellen Verbot handelt es sich um das Verbot eines anderen Verbotes, nämlich dem, sich als Frau dem Tragen einer Burka entziehen zu wollen.
Und was Susanne Mayers Kummer in der Kindheit anbelangt: Auch Knaben sind da betroffen. Mein Grossvater hat beispielsweise von Knickerbockern erzählt, die ihm derart gegen den Strich gegangen sind, dass er sich vor lauter Schämen damit nicht auf die Strasse gewagt hat.

die Verschleierung der Frauen hatte seine Ursprung nicht im Religiösen, sondern in der " Umwelt" die Verschleierung wurde zu dem grossen Teil von Nomaden praktiziert, aus dem einfachen Grunde, zum Schutz der Sippe und Familie , überall lauerten andere Sippen, Banden , die auf Raub aus waren, natürlich waren Frauen, noch dazu, weil sie das Familievermögen in Form von Schmuck trugenm begehrte Beute, um herumstreienden Spähern, sag ich mal, keinen Anhaltspunkt zu geben, hielt man die Frauen versteckt und eben verschleiert, keine Muslemin in Südostasien läuft verschleiert rum , auch in den eheamls russischen Staaten nicht, in AFG wurde die Verschleierung praktisch wieder durch Hohlköpfe eingeführt, die von ihrer Religion keine Ahnung haben, aber eben wie oben Religion und Alttag mischen, auch in AFG war der Feind schon die Menschen im nächsten Dorf, also, mit Religion hatte das nix zu tun, würde man ein bischen nachforschen, würde man feststellen, dass es die Verschleierung schon lange vor Mohamed gegeben hat !

Ja klar, die Frauen haben früher ihre BHs verbrannt, damit die Frau heute gezwungen werden kann, Burkas zu tragen.

Es mag sein das ein paar total doktinierte Frauen das sogar freiwillig tun, aber die Mehrheit wird wohl einem Zwang unterliegen und in diesem Fall geht der Schutz der Mehrheit über die Freiheit der Minderheit.

Eine Freiheit ist nur so lange akzeptabel, wenn sie keinem anderen einen Schaden zufügt.

Auf jede Frau, die in einen solchen mobilen Kleiderschrank eingeschlossen wird, kommt eine, die sich ohne das Ding nackt fühlt; beide werden so oder so heftiger in ihrer Freiheit beschnitten *durch* das Verbot, weil sie nicht mehr aus dem Haus können, die einen, weil sie nicht dürfen, die anderen, weil sie nicht wollen.
Gleichzeitig sind die größten Fans eines Verbots gleichzeitig auch Verehrer von Eva Hermann und lassen sich zwei Artikel später mit Haß über Quoten aus; es ist mir zu viel schlecht versteckter Rassismus in dieser Debatte.

Yes we can!

In Zentraleuropa kann eine Frau mittlerweile fast alles tragen, inklusive Bart. Nach einem Gerichtsurteil in Frankreich jedoch keine Burka (Ganzkörperumhang mit Sichtschlitz oder Stoffgitter), worüber sich die Autorin lustig macht. Sie nennt das Burka-Verbot skandalös sowie sexistisch und erwägt, sich selbst ganz entspannt eine Burka überzuziehen. Wie forsch! Wie billig!

Vielleicht führen wir bald Diskussionen darüber, Ob man sich KZ-Nummern auf den Unterarm tätowieren lassen sollte.

Die Burka ist Ausdruck einer im Mittelalter stecken gebliebene Religion, die das Nichteinhalten ihrer Kleiderordnung mit Peitschenhieben bestraft, mit Vorliebe bei Frauen. Wenn man nur ein kleines bisschen mit Psychologie vertraut ist, weiss man um die Verinnerlichung solcher in die Psyche eingravierten Sozialkodizes und welche Überwindung das Weglassen der gebotenen Kleidungsstücke für diese Frauen bedeutet.

In ihrer forschen Unbekümmertheit sollte die Dame mal im Minirock durch Dubai spazieren, um zu verstehen, wo der Spass aufhört. Nach den damit verbundenen Konsequenzen, wird sie das Burka-Urteil aus Frankreich vielleicht als Nachwirkung der Aufklärung wertschätzen können.

Hallo Frau Mayer,
jeder Mensch ist im Laufe seines Lebens u.U. Zwängen oder Modeerscheinungen unterworfen, so fern man diesen im Erwachsenenalter nachgibt.
Das Urteil ist keine Zeichen von mangelnder Toleranz, sondern von Vernunft. Ihr Vorwurf das Urteil sei sexistisch und rassistisch ist völlig lächerlich. Für das Miteinander sollte man dem Gegenüber ins Gesicht schauen können und das ist bei Vollverschleierung nicht möglich. Zu dem gibt es auch ein Vermummungsverbot.
Unsere Mütter, Großmütter und Urgroßmütter haben dafür gekämpft, dass Frauen gleichberechtigt behandelt werden und Sie stellen sich vor eine altertümliche Kleidervorschrift einer Ideologie, die derart Frauenfeindlich und Frauen im Prinzip entrechtet. Wäre es nicht langsam angebracht, dass man Muslimas ermuntert und unterstützt, Burka, Kopftuch und Mantel vor sich zu werfen und ein wirklich freies Leben in Europa zu beginnen.
Gott will keine vermummten Frauen, sondern Menschen, die ebenbürtig sind und in Frieden und Harmonie miteinander leben.

Ich stimme Ihnen zu. Nur verbreiten Sie bitte diese Fehlinformation zum Vermummungsverbot nicht weiter. Das Vermummungsverbot gibt es im Versammlungsrecht. Es gilt für öffentliche Versammlungen. Sonst können Sie sich prinzipiell vermummen so viel Sie wollen (auch wenn der Versuch so eine Bank zu betreten evtl. trotzdem unangenehm endet).
In Deutschland darf man mit einer Burka im Grunde nicht auf eine Demonstration.

Für mich gibt es eigentlich kaum einen Unterschied zwischen Burka und Sturmhaube mit Löchern für Augen und Mund. Den einzigen Unterschied sehe ich darin, dass Sturmhaubenträger das Gewehr, den Baseballschläger oder den Sprengstoffgürtel nicht unter einem Riesenrock verstecken können.
Eine interessante Erfahrung wäre bestimmt mal, mit einer Sturmhaube durch die Firma zu laufen. Ob es der Wagen mit der Zwangsjacke wohl vorher zu mir schafft, bevor mich pflichtbewusste Mitarbeiter niedergeschlagen?

Ich finde das es durchaus gute Gründe gegen ein Burka Verbot zu sein gibt. Sie nennen jedoch keinen. Das Burka Verbot als Symbol für eine Politik gegen Selbstbestimmtheit?
Die Burka selbst ist ein Symbol gegen Selbstbestimmung bei Frauen. Ich arbeite im Bereich der Erwachsenenbildung. In Deutsch-Kursen für Ausländer habe ich bereits einige Frauen mit Burka kennen gelernt und diese waren stest entweder völlig eingeschüchtert oder haben sich in der Sicherheit eines Kurses an dem ihr Mann teilnimmt über eben diesen und seinen Kontrollwahn beschwert.
Das ein Verbot in diesem Bereich keine Besserung sonder vermutlich sogar eine Verschlechterung bringen wird wurde hier schon vielfach diskutiert.

Aber eines muss am Ende doch stehen bleiben: Eine Frau die Burka trägt tut dies in den wenigsten Fällen aus freien Stücken und unser Ziel als Gesellschaft muss es sein, dass jede Frau unabhängig von dem Willen ihres Mannes oder religiöser Verklärtheit entscheiden kann wie sie sich kleiden möchte. Wenn es am Ende dann immer noch Frauen gibt, die weil sie ihren Körper lieber nicht zeigen möchten eine Burka tragen möchten, dann sollten wir uns doch am ehesten Gedanken machen, wie sehr unsere Gesellschaft über das Aussehen von Menschen richtet, dass diese sich genötigt sehen sich vollständig zu verschleiern. Gesellschaftliche Zwänge sind ja, wie man ihrem Artikel eindrucksvoll entnehmen kann(wenn doch Ihr Fall auch seltsam weil selten anmutet und Sie vermutlich bezüglich Ihrer Kleidung etwas mehr Selbstbewusstsein gebraucht hätten) auch ein Problem von großer Tragweite, aber eben ein anderes Problem.

Tut mir leid. Selten sowas dämliches gelesen. Selbstverständlich soll ein Mensch tragen dürfen, was er möchte. Aber es gibt Grenzen. (Z. B. eine in Deutschland, nicht in der Ukraine, anerkannte Grenze ist das Verbot von SS-Uniformen in der Öffentlichkeit) Eine Burka dient der entmenschlichung der Frau. Sie wird ein Ding. Kommunikation wird unmöglich (Aufpasser, männlich sind immer dabei). Das Wesen wird komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Somit voll Verfügbar für den "Eigentümer". Außerdem, wer nicht offen kommunizieren kann (Gesichtsverhüllung etc.) wird von jeder gesellschaftlichen Teilhabe abgeschnitten. Die Burka steht gegen jede Menschenrechte, bzw. gerade gegen die Kultur einer offenen freien Gesellschaft, in der ALLE Menschen die gleichen Rechte und Pflichten haben.

Für mich zeigt der Artikel vor allem, welche breite Auswahl Frauen bei ihrer Kleidungswahl zu Verfügung steht, während Männer auf ein paar mickrige Varianten festgelegt sind. Die meisten der im Text genannten Optionen werden für Männer nicht mal diskutiert, sie sind schlicht ein No Go. 1:0 also für die Frauen. Und außerdem: Nach meiner persönlichen Erfahrung wachen zumindest hierzulande nicht in erster Linie die Männer über den Kleidungsstil der Frauen, sondern die Geschlechtsgenossinnen. Und zwar mit Argusaugen.

Bei Ihrer Leidensgeschichte geht es aber um gesellschaftliche Zwänge. Ein Gericht hat Ihnen das nie vorgeschrieben.
Das Gericht hat das Komplettverschleierungsverbot auch nicht eingeführt, sondern lediglich für zulässig befunden. Wenn man die Begründung des Gerichts ließt (bzw. die Presseerklärung dazu), sieht man auch, dass hier auf die besondere Bedeutung des Gesichts für die zwischenmenschliche Interaktion eingegangen wird.
Das Urteil ist also auf keinerlei andere Kleiderordnung übertragbar.
Bloß, weil Sie von einem Kindheits- und Jugendtrauma bezüglich Kleidung aufgewachsen sind, müssen Sie aus so einem sehr speziellen Urteil keinen Eingriff in die weibliche Selbstbestimmung konstruieren.
Das Verbot gilt übrigens auch für Männer. Nur scheint es keine Kultur zu geben, in der sich Männern vollverschleiern lassen.
Ich halte das Burka-Verbot nicht für zielführend, aber eben im Rahmen des legislativen Gestaltungsspielraumes eine Staates.

Zunächst: brava! Ein schöner Text, der wunderbar gegen Diskussionen angeht, die einfach zu dogmatisch geführt werden.
Wenn man dann gezwungenermaßen etwas differenziert, hofft man natürlich ganz im Sinne der Selbstbestimmung, auf die Ihr Artikel hinausläuft, dass die Frauen ihre Kleidung aus eigener Entscheidung tragen. Sollte dem nicht so sein, erscheinen Aufklärung und Integration mir dennoch adäquater als Verbote.

Liebe Frau Mayer, Ihre Beispiele sind ebenso unterhaltsam wie überzeugend. Freilich: Intoleranz und Permissivität liegen in diesem unseren Lande seit jeher ständig im Wider- und Wettstreit. Noch ein Beispiel: früher waren Strapse bei Frauen sexy, heute nur noch lächerlich. Und noch eines: Sitzen zwei wohlbeleibte deutsche Urlauberinnen an einem Mittelmehrstrand, kommt eine Frau in Burka vorbei. Sagt die eine zu ihrer Freundin: "Die Arme!" Antwortet die mit Blick auf die eigene Figur: "Findest du?"

"Die Farbe? Überleg ich mir

"Die Farbe? Überleg ich mir noch ..." Wie wärs mit leuchtend rot?

Aber im Ernst: Das Burkaverbot ist eher keine Kleidungsvorschrift, doch mehr ein Vermummungsverbot.

Laufen Sie als Selbstversuch doch einfach mal mit einem Motorradhelm auf ein Schulgelände und dann nochmal drüber nachdenken ...

Auch ist mir gerade kein reguläres Kleidungsstück für Männer bekannt, das es unmöglich macht, sein Gegenüber zu identifizieren.

@ blue

>>Auch ist mir gerade kein reguläres Kleidungsstück für Männer bekannt, das es unmöglich macht, sein Gegenüber zu identifizieren.<<

Da man hier leider keine Bilder 'reinstellen kann, googeln Sie einfach mal "Tuaregturban" und klicken dann auf "Bilder".

So ein Ding werde ich mir übrigens kaufen und anlegen, sollte ein solch bescheuertes "Vermummungsverbot" für Deutschland erlassen werden. Am Arbeitsplatz mit Publikumsverkehr insbesondere für im Dienst befindliche Amtsträger, Lehrer etc. mag es hingehen, aber wie ICH in meiner Freizeit auf der Strasse herumlaufe entscheide ICH!

Aber eines muss am Ende doch stehen bleiben: Eine Frau die Burka trägt tut dies in den wenigsten Fällen aus freien Stücken und unser Ziel als Gesellschaft muss es sein, dass jede Frau unabhängig von dem Willen ihres Mannes oder religiöser Verklärtheit entscheiden kann wie sie sich kleiden möchte. Wenn es am Ende dann immer noch Frauen gibt, die weil sie ihren Körper lieber nicht zeigen möchten eine Burka tragen möchten, dann sollten wir uns doch am ehesten Gedanken machen, wie sehr unsere Gesellschaft über das Aussehen von Menschen richtet, dass diese sich genötigt sehen sich vollständig zu verschleiern. Gesellschaftliche Zwänge sind ja, wie man ihrem Artikel eindrucksvoll entnehmen kann(wenn doch Ihr Fall auch seltsam weil selten anmutet und Sie vermutlich bezüglich Ihrer Kleidung etwas mehr Selbstbewusstsein gebraucht hätten) auch ein Problem von großer Tragweite, aber eben ein anderes Problem.

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