Kleidervorschriften Burka-, Zehen- und andere Verbote

Frauen! Kein Gericht sollte uns vorschreiben, was wir anziehen. Von
DIE ZEIT Nr. 29/2014

Als ich klein war, drei oder vier, und im Garten nackt in einer Zinkwanne badete, riefen die frommen Nachbarn die Polizei, weil nackte Kinder igitt und unzüchtig waren.

Als ich vier oder fünf war, wurde ich gezwungen, mattig verfilzte Pullover und immer zu kurze Kleider zu tragen, ich schämte mich meiner bloßgelegten Beine. Neue Klamotten? Für Nachgeborene verboten!

Als ich fünf war, wurde mein Pferdeschwanz abgeschnitten, zugunsten einer gescheitelten Kurzhaarfrisur und eines zur Seite gekämmten Ponys, weil das ordentlich und sittsam aussah. Es kann mich nicht überraschen, dass der Europäische Gerichtshof jetzt meinte, das französische Burka-Verbot bekräftigen zu müssen. Seit ich denken kann, bin ich Objekt wilder Regulierungsgelüste.

Als ich neun war, gab es zur heiligen Kommunion ein Kleid mit Petticoat, dessen plustriger Tellerrock mit Sicherheitsnadeln zur Wurst gebändigt wurde, wg. Frivolität.

Als ich aufs Gymnasium kam, zu (verschleierten) Schwestern Unserer Lieben Frau, waren bei Strafe verboten: nackte Arme, in Sandalen bloße Zehen. Natürlich Hosen!

Als ich 13 war, lieh ich mir bei Gaby einen Büstenhalter, bis man mir verbot, ohne Brüste einen Büstenhalter zu tragen.

Als ich so 15 war und Büstenhalter so out waren, schämte sich die Familie meiner kleinen Rosinen unterm Pulli und verlangte das Tragen eines Büstenhalters.

Als ich, inspiriert von der Kings Road, mit einer roten Karo-Hose auftauchte, führte das zu Tumulten wg. Geschmacklosigkeit. Weißer Lippenstift war auch verboten. Als ich Studentin war, galt roter Lippenstift als nuttig. Ich trug jetzt Pencil-Skirts und High Heels, die, nach den Blicken meiner indisch gewandeten Kommilitoninnen zu urteilen, ebenfalls igitt waren. Als ich Mutter geworden war, verlangte das Kind, dass ich Pencil-Skirts zugunsten von Caprihosen austauschte, damit ich wie eine echte Mutter aussehe.

Susanne Mayer

studierte in Bonn und Ann Arbor und promovierte über amerikanische Autorinnen. Seit 1986 ist sie Redakteurin der ZEIT, zunächst schrieb sie für das Moderne Leben, 1999 wechselte sie in die Literatur. Jeden Monat erscheint ihre Kolumne Männer! im Feuilleton.

Als ich älter wurde, forderte man mich wieder mal auf, meine nackten Oberarme zu verstecken. Ich werde darauf hingewiesen, dass roter Lippenstift ab einem gewissen Alter frivol wirkt. Ein Rock sollte die Knie bedecken, ein Jackett die nicht mehr schlanke Taille – wisst ihr was? Ihr Tugendwärter, ihr blöden Regelhysteriker: Leave me alone!!!

Dass jetzt das Pariser Verbot von Burkas bekräftigt wurde, wg. "Respekt für die Bedingungen des Zusammenlebens", ist skandalös und sexistisch und rassistisch. Warum nicht auch Taliban-Bärte und Karl-Marx-Matten? Was ist mit tellergroßen Sonnenbrillen? Falschen Blondinen? Also ich persönlich denke darüber nach, ob ich nicht meinen ewig beäugten Körper ab und zu entspannt unter einer Burka verstecken sollte. Die Farbe? Überleg ich mir noch ...

Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

"Die Farbe? Überleg ich mir

"Die Farbe? Überleg ich mir noch ..." Wie wärs mit leuchtend rot?

Aber im Ernst: Das Burkaverbot ist eher keine Kleidungsvorschrift, doch mehr ein Vermummungsverbot.

Laufen Sie als Selbstversuch doch einfach mal mit einem Motorradhelm auf ein Schulgelände und dann nochmal drüber nachdenken ...

Auch ist mir gerade kein reguläres Kleidungsstück für Männer bekannt, das es unmöglich macht, sein Gegenüber zu identifizieren.

@ blue

>>Auch ist mir gerade kein reguläres Kleidungsstück für Männer bekannt, das es unmöglich macht, sein Gegenüber zu identifizieren.<<

Da man hier leider keine Bilder 'reinstellen kann, googeln Sie einfach mal "Tuaregturban" und klicken dann auf "Bilder".

So ein Ding werde ich mir übrigens kaufen und anlegen, sollte ein solch bescheuertes "Vermummungsverbot" für Deutschland erlassen werden. Am Arbeitsplatz mit Publikumsverkehr insbesondere für im Dienst befindliche Amtsträger, Lehrer etc. mag es hingehen, aber wie ICH in meiner Freizeit auf der Strasse herumlaufe entscheide ICH!

Liebe Frau Mayer, Ihre Beispiele sind ebenso unterhaltsam wie überzeugend. Freilich: Intoleranz und Permissivität liegen in diesem unseren Lande seit jeher ständig im Wider- und Wettstreit. Noch ein Beispiel: früher waren Strapse bei Frauen sexy, heute nur noch lächerlich. Und noch eines: Sitzen zwei wohlbeleibte deutsche Urlauberinnen an einem Mittelmehrstrand, kommt eine Frau in Burka vorbei. Sagt die eine zu ihrer Freundin: "Die Arme!" Antwortet die mit Blick auf die eigene Figur: "Findest du?"