Das war meine Rettung "Zu viel Lob macht nachlässig und selbstgefällig"

Nach einer Verletzung konnte Hélène Bouchet nicht mehr tanzen. Ihre Eltern haben ihr beigebracht: Gib nicht auf! Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung DIE ZEIT Nr. 29/2014

ZEITmagazin: Frau Bouchet, wann kamen Sie das erste Mal mit der Welt des Balletts in Berührung?

Hélène Bouchet: Als ich acht Jahre alt war, brachte meine Tante mich zum Ballett. Ich war ein lebhaftes Kind, voller Energie, meine Mutter war ratlos, was sie mit mir machen sollte. Meine Tante meinte, beim Tanzen müsse ich Disziplin lernen, und es werde mich müde machen. Ich wusste sofort: Ballett ist das, was ich tun möchte.

ZEITmagazin: Oft treiben Eltern ihre Töchter zu einer Tanzkarriere an. In Ihrem Fall war es die eigene Entscheidung?

Bouchet: Meine Eltern hatten von der Ballettwelt keine Ahnung. Es war schwer für sie, als sie merkten, dass ich nicht bei ihnen in Cannes bleiben konnte, wenn ich weiterkommen wollte – und das wollte ich unbedingt. Ich war erst zwölf Jahre alt, aber sie haben mich unterstützt und verstanden.

ZEITmagazin: Haben Sie für den Tanz Ihre Kindheit geopfert?

Bouchet: Wenn man als Kind schon so eine starke Leidenschaft spürt und genau weiß, das ist mein Leben, dann gibt es kein Wenn und Aber. Wenn du dich für das Ballett entscheidest, möchtest du alles dafür machen: absolute Disziplin aufbringen, auf deine Psyche achten, aber auch auf deine Finger, auf deine Füße, einfach auf alles. Und eventuell musst du früh deine Eltern und deine Familie verlassen. Aber das ist kein Opfer, wenn du es wirklich willst. Ballett zu tanzen ist kein Job, es ist eine Passion.

ZEITmagazin: Bei so viel Disziplin und Training, blieb da Zeit für die erste Liebe?

Bouchet: Ich habe mich zum ersten Mal im Sommerurlaub verliebt, als ich zehn Jahre alt war. Diese Kindheitsliebe war etwas Besonderes und noch sehr unschuldig. Wir haben nur Händchen gehalten, aber es bedeutete mir alles. An diese Gefühle denkt man zurück, wenn man später zum Beispiel Romeo und Julia tanzt.

ZEITmagazin: Wenn man täglich so hart trainiert, muss die Gefahr, sich zu verletzen, groß sein.

Bouchet: Mit 15 habe ich mir im Training die Kniescheibe verletzt. Es war mir damals noch nicht so bewusst, was ich mit meinem Körper machte. Du powerst ihn beim Tanzen aus, und eines Tages merkst du, es geht nicht mehr. Ich bin damals vier Monate ausgefallen. Für mich brach eine Welt zusammen, weil ich nicht mehr tanzen durfte. Ich brauchte Zeit, um zu verstehen: Es war ein Unfall, ich muss das jetzt akzeptieren und danach wieder aufholen. Denn alles, wofür ich die ganzen Jahre trainiert hatte, war in zwei Wochen weg. Wir Balletttänzer müssen jeden Tag trainieren, ansonsten verlieren die Muskeln sofort an Kraft. Und es dauert, bis man das wieder aufbaut.

ZEITmagazin: Wie gingen Sie mental damit um?

Bouchet: Ich habe auf meine innere Stimme gehört, und die hat mir gesagt: Du kannst jetzt nicht aufhören, du musst weitermachen. Wenn du stark daran glaubst, wird es in Erfüllung gehen. Das haben mir meine Eltern beigebracht: Gib nicht auf, und zieh die Sache durch bis zum Ende, ohne Kompromisse. Das habe ich früh kapiert, und diese Einstellung war damals meine Rettung. Eine Leidenschaft gibt man nicht einfach so auf. Wenn man morgens aufwacht, Schmerzen hat und trotzdem neun Stunden trainieren muss, wünscht man sich manchmal ein normaleres Leben. Aber das ist nicht das, was ich sein will. Wenn ich vor 2.000 oder 3.000 Menschen tanze, geht es mir nicht um die Bewunderung. Ich tue es für mich, es macht mich glücklich und erfüllt mich.

ZEITmagazin: Bewunderung ist Ihnen nicht wichtig?

Bouchet: Ich bin nicht damit groß geworden. Ich war das kleine schwarze Schaf in der Ballettschule. Meine Lehrerin war knallhart zu mir, sie sagte, ich würde nichts erreichen, und schrie mich auch an. Das war nicht fair. Meine Mutter hat mir erklärt: Sie ist so hart zu dir, weil sie sehen will, dass du es besser machen kannst.

ZEITmagazin: Warum gaben Sie nicht auf?

Bouchet: Erst war ich verletzt, ich dachte, es ist sinnlos. Aber es stieg auch Wut in mir auf: so nicht! Diese Provokation hat mich weitergebracht, zu viel Lob macht nachlässig und selbstgefällig. Ich wollte beweisen, dass ich es schaffe. Ich hatte immer Lehrer, die mich auseinandernahmen, um mich weiterzubringen.

ZEITmagazin: Haben Sie nicht das Gefühl, dass Sie sich zu viel abverlangen?

Bouchet: Man lernt, mit den Schmerzen umzugehen. Ich habe mir mal bei einer Probe einen Fußknochen gebrochen, merkte das aber nicht gleich. Zwei Wochen habe ich weitergetanzt, mit großen Schmerzen. Ein paar Wochen vor der Premiere musste ich aufgeben. Ich war am Boden zerstört, weil ich wusste: Mein Körper hat jetzt zwei Schwachstellen, das Knie und den Fußknochen. Ich habe meinen Fuß dann so trainiert, dass das nie wieder passieren wird. Wir Tänzer sind Perfektionisten. Aber heute bin ich reifer und gebe am Ende der Saison meinem Körper Zeit, sich zu erholen.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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Auch als Leistungssport kann Ballett sehr viel Spaß machen und muß nicht zum Burn-out führen.

Ich habe mit 3 Jahren mit Ballett angefangen, mit 7 war mir klar, ich will Profi werden und auf dieses Ziel habe hingearbeitet. Ab 10 habe ich mit der Spitze angefangen und 3-4 mal die Woche trainiert - mit 12 war es eher 6 mal die Woche. Tanzen war und ist mein Leben - ich trainiere noch heute täglich - und ich habe das harte Training, die Herausforderung, den Drill geliebt und ich habe meine Lehrerin geliebt, die sehr streng war. Jedes Lob von ihr war dann wie ein Geschenk und man wußte, man bekam es, weil man eine gute Leistung gebracht hat!

Ich hatte einen schweren Fahrrad-Unfall und mir haben die Ärzte gesagt, ich würde wohl nie wieder Ballett machen können. Für eine Profi Karriere hat es dann wirklich nicht mehr gereicht, aber ich habe mich zurückgekämpft und es war ein wirklicher Kampf mit schlimmen Schmerzen, Tränen, Schweiß und Blut. Aber aufgeben kam nie in Frage, ich wollte wieder tanzen.

Heute mache ich täglich 1 Stunde Übungen am Barre und diese Routine von tausendfach gemachten Bewegungen und der körperlichen Betätigung ist für mich Entspannung pur. Ich trainiere auch regelmäßig mit befreundeten Profi-Ballett-Tänzern und kann auch heute noch einigermaßen mithalten für einen Nicht-Profi und das ist - neben der Leidenschaft für das Ballett - auch eine kleine Befriedigung, auch wenn mein Traum vom Profitanz nicht in Erfüllung ging.

Aber ein Leben ohne Ballett? Niemals!