© Aylin Tezel

Selfies Ich bin hier, also bin ich

Das Selfie macht aus dem Leben eine Ich-Kampagne. Von
ZEITmagazin Nr. 29/2014

Es ist überall. Es wird gepostet, gemailt, getwittert. Von der Party, vom Eiffelturm, von der Oscarverleihung. Das Selfie verbreitet sich rasend schnell und millionenfach. Drei von vier Mädchen im Alter von 18 bis 24 Jahren in Deutschland geben an, regelmäßig Bilder von sich selbst ins Internet zu stellen. In Manhattan werden täglich mehr als 3.000 Selfies gepostet. In Asien macht man sogar noch mehr Selfies, die Philippinen sind angeblich Selfie-Weltmeister. Der Begriff Selfie soll zum ersten Mal 2002 in Australien aufgetaucht sein, bereits im vergangenen Jahr wurde er vom Oxford Dictionary zum Wort des Jahres gekürt.

Das Selfie unterscheidet sich gewaltig von früheren Selbstdarstellungen. Seit Tausenden von Jahren machen Menschen Bilder von Menschen. Doch lange Zeit wurden die Porträtierten vor allem in ihrer gesellschaftlichen Funktion dargestellt, nicht in ihrer Individualität. Das Allereigenste, das, was einen Menschen vom anderen unterscheidet, war nicht von Interesse. Dass in den Zügen eines Gesichts etwas Bedeutendes steckt, dass im Glanz der Augen eine ganz eigene Wahrheit liegen kann, ist eine Auffassung aus der jüngeren Geschichte. Der Mensch musste erst zum Schöpfer werden, zum Künstler, Autor und Architekten, um zu erkennen, dass in seinem Wesen etwas lag, was es wert war, dokumentiert zu werden. Und er brauchte einen Spiegel, um seine Züge zu erkennen. "Erst seit es Spiegel gibt, sind wir Individuen", sagt der Philosoph Peter Sloterdjik: "Wir haben nicht mehr die Fantasie, uns eine Lebensform zu erträumen, in der wir uns keine Gedanken darüber machen müssen, wie wir aussehen."

Seine Selbstbildnisse machten die Marke Dürer zum Hit

Spiegel gibt es zwar schon seit 5.000 Jahren. Und wer keinen besaß, konnte sich in jeder ruhigen Wasserfläche spiegeln. Doch nur, weil der Mensch sein Antlitz sah, hieß das noch nicht, dass er sich "selbst" erkennen konnte. Denn von der eigenen Einzigartigkeit ist er noch nicht allzu lange überzeugt. Dieser Gedanke wurde erst in der Renaissance populär. Aus der Zeit stammen beeindruckende Selbstporträts wie etwa die bekannten Selbstbildnisse Albrecht Dürers. In den langen Haaren, dem messiasgleichen Gesicht sehen wir, wie der Maler und Grafiker sich selbst empfand. Eine Figur, die nicht von den Augen der Gesellschaft gesehen wird, sondern sich durch die eigenen Augen jener Gesellschaft präsentiert. Dürer zeigt sich auf diesen Selbstbildnissen nicht in seiner Funktion, er malte sich nicht vor der Staffelei. Das Bild war nicht dazu da, der Gesellschaft zu erklären, dass er ein nützliches Mitglied in ihrer Mitte war. Stattdessen trug er schon mal eine modische Mütze und malte sich in feinsten Stoff gekleidet. Er war gewissermaßen gestylt. Seine Selbstbildnisse machten die Marke Dürer zum Hit: Sie brachten ihm damals viele Aufträge ein. Denn wer zu einem solchen Blick auf sich selbst fähig war, dem traute man auch zu, in anderen das Besondere zu sehen und darzustellen. Somit hat Dürers Selbstbildnis durchaus etwas mit den modernen Selfies gemein: Auch in diesen Bildern präsentiert sich jemand, um andere von seinen Qualitäten zu überzeugen.

Erst das Digitale führte zu einer größeren Unbeschwertheit in der Fotografie

Weniger begabten Menschen war es danach lange Zeit unmöglich, ihrem Selbst einen solchen Ausdruck zu geben – das blieb sogar im Zeitalter der Fotografie noch schwierig. Man musste sich in ein Atelier begeben, sich ausleuchten und vom Fotografen in Pose setzen lassen. Die frühen Fotografien zeigen Gesichter, die wie eingefroren wirken. Voller Furcht vor den Augen der Welt, derer sich die Abgelichteten erst bewusst wurden in dem Augenblick, in dem der Auslöser gedrückt wurde. Es war immer noch der fremde Blick, der das Ich formte, nicht der eigene. Erst das Digitale führte zu einer größeren Unbeschwertheit in der Fotografie. Seitdem lässt sich der Blick auf sich selbst unendlich variieren. Das Bild ist ja sofort sichtbar, und man kann es sofort löschen und ein neues machen, das dem Bild, das man von sich selbst hat, näher kommt.

Für den letzten Schritt vom Selbstporträt zum Selfie war die Verbreitung des Smartphones nötig. Eine Kamera hat man nur bei bestimmten Gelegenheiten dabei, in einer bestimmten Absicht. Das Smartphone dagegen begleitet uns immer. Nun lässt sich jeder Moment festhalten und gleich weiterverbreiten. Da ist es unvermeidlich, dass auch die Mode vom Selfie-Kult bestimmt wird. Man zieht sich nicht nur für einen gesellschaftlichen Anlass an, bei dem man sich in Szene setzt – sondern gleichzeitig für alle, die das von dort gepostete Selbstbildnis zu sehen bekommen. Das Selfie macht aus dem Leben eine ständige Ich-Kampagne.

Wer ein Selfie postet, ist gleichzeitig da – und überall

Es ist nicht für die Nachwelt geschaffen, sondern für das Hier und Jetzt. Es ruft: Ich bin jetzt hier! Ich bin dabei! Schaut mich an! Ich bin nicht alleine! Wer ein Selfie postet, ist gleichzeitig da – und überall. Wir sind heute alle Künstler, die an unserem eigenen Bildnis arbeiten und ständig neue Versionen von uns in die Welt hinaussenden. Wohl wenig hat unser Stilempfinden mehr beeinflusst. Selfies setzen modische Standards, die vielleicht gar nicht so leicht zu erreichen sind.

Die ständigen Bilder von uns selbst und die Bilder, die wir von anderen zu sehen bekommen, machen uns überbewusst, wie wir gerade aussehen. Wie wir wirken. Wir fühlen uns beim Anblick unserer selbst befangen und wollen trotzdem von den tausend Augen des Internets gemocht werden. So sorgt das Selfie für die Illusion intimer Nähe. Wir glauben, den anderen immer nah zu sei. Für all die, mit denen wir diesen Augenblick teilen möchten, sind wir gewissermaßen in Streicheldistanz – nur eine Armlänge entfernt.

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