Was, wenn die Tierethiker recht haben, die sagen, es gehe in Ordnung, Tiere zu essen, sofern sie getötet wurden, ohne gelitten zu haben? © Samuel Nyholm

Fleischlose Ernährung Ran an die Buletten

ZEITmagazin Nr. 30/2014

Seit Jahren heißt es, fleischlose Ernährung sei besser: Für die Gesundheit, die Umwelt, die Moral. Hat das eigentlich jemand überprüft? Nein? Dann machen wir das mal. Von

Wenn ich in meiner Küche Fleisch zubereite, gibt es regelmäßig diesen einen Moment, in dem mir bewusst wird, dass ich ein totes Lebewesen in den Händen halte. Ich ziehe zwei Hühnerschenkel aus der Tüte des Metzgers, und mir fallen die Follikel auf, aus denen mal die Federn des Tiers gewachsen sind. Der Knochen, der aus dem Fleisch hervorragt, sieht plötzlich nach Gewalt aus.

Auf einmal bin ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich in Ordnung ist, dass das Huhn sterben musste, damit ich es aufesse. Ich sehe das Huhn vor mir, als es noch gelebt hat. Ein argloses Tier, das über eine Wiese rennt.

Ich brate die Hühnerschenkel in Butter an. Der Duft erfüllt die Küche, meine Gedanken verlassen augenblicklich den Hühnerhof und wenden sich der Frage zu: Kartoffeln oder Pasta zum Huhn?

Es ist nicht mehr links und alternativ, auf Fleisch zu verzichten. Niemand sagt mehr "Körnerfresser". McDonald’s hat einen Veggie-Burger im Angebot. Zum Vegetarier hat sich der Veganer gesellt, der nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf alle anderen tierischen Produkte verzichtet.

Vegane und vegetarische Kochbücher gehören zu den erfolgreichsten der letzten Jahre. Vegan for Fit von Attila Hildmann hat sich bislang über 100.000 Mal verkauft. Der Kochbuchautor hat eine Figur wie der junge Brad Pitt. Auf seinem Blog zeigt er Bilder von sich aus der Zeit, als er noch Fleisch gegessen hat. Er hat eine Wampe, sein Blick ist trüb, er steht unbeholfen herum. So ungefähr wird der Fleischesser heute gesehen: übergewichtig, tumb, etwas stumpfsinnig, in jedem Fall nicht auf der Höhe der Zeit.

Alle Argumente scheinen die Vegetarier und Veganer auf ihrer Seite zu haben, das Wohl der Tiere, die Umwelt, die eigene Gesundheit. Wer nicht nur Pflanzen, sondern auch Fleisch isst, dem ist nur ein einziges Argument geblieben: Es schmeckt. Fleischessen ist der Genuss der Ignoranten geworden, wie SUV fahren und Kette rauchen.

Ich schreibe im ZEITmagazin eine wöchentliche Rezeptkolumne. Wenn ich etwas zu Hähnchen oder Hackbällchen schreibe, bekomme ich vorwurfsvolle E-Mails und Onlinekommentare. Kalbskoteletts sind für einige Leser kein Essen, sondern Leichenteile eines ermordeten Babys.

Vor einiger Zeit warb die Bank ING DiBa mit einem TV-Spot, in dem der Basketballspieler Dirk Nowitzki eine Scheibe Wurst aß. Mit wütenden Kommentaren kaperten Vegetarier und Veganer die Facebook-Seite des Unternehmens. Nach zwei Wochen schloss die Bank die Seite.

Hähnchen, Koteletts, Wurst – das war mal Alltag, normales Essen. Das ist vorbei.

Nur weil andere es modern und großstädtisch finden, kein Fleisch zu essen, muss ich nicht Vegetarierin werden. Vielleicht ist es ja eine Mode. Dann könnte ich warten, bis sie vorbei ist, so wie ich es mit Tätowierungen handhabe. Ein paar Verlage planen schon mit dem Gegentrend und bringen Magazine an den Kiosk, die das Fleischessen feiern – als gäbe es gar keine Bedenken. Aber ich habe eindeutig ein schlechtes Gewissen und das ist kein angenehmes Gefühl. Am besten, man verdrängt es. Oder man macht sich auf die Suche nach Antworten: Liege ich wirklich moralisch so daneben, wenn ich Fleisch esse? Stimmt es tatsächlich, dass ich die Umwelt und meine eigene Gesundheit zerstöre? Ist es falsch, Tiere zu töten?

Die Sache ist die: Ich denke nicht gern daran, dass für mich Tiere sterben. Aber das geschmorte Huhn, das auf meinem Teller dampft, sieht für mich nicht aus wie ein Tier, sondern wie Essen, und zwar sehr gutes Essen. Die Anti-Fleisch-Bewegung würde mich "speziesistisch sozialisiert" nennen. Speziesismus bedeutet, dass man Lebewesen in Spezies unterscheidet, also zum Beispiel in Mensch und Tier, wobei das Tier meistens den Kürzeren zieht. Viele Vegetarier und Veganer sind Antispeziesisten – sie glauben, man darf Tiere nicht töten, nur weil sie Tiere sind. Der Begriff Speziesismus ist in der Alltagssprache noch nicht angekommen, aber das Denken in den Kategorien Mensch und Tier wird von der Tierrechtsbewegung mit Sexismus und Rassismus gleichgesetzt.

Vor der Abschaffung der Sklaverei in den USA, vor der Frauenbewegung Ende des 19. Jahrhunderts haben viele Menschen nicht geglaubt, dass es so etwas wie Sexismus oder Rassismus überhaupt gibt und dass diese Ideologien das Denken und Handeln der Menschen bestimmen. Vielleicht ist es mit dem Speziesismus dasselbe.

Was, wenn Tierethiker recht haben, die sagen, es gehe in Ordnung, Tiere zu essen, sofern sie getötet wurden, ohne gelitten zu haben? © Samuel Nyholm

Es könnte sein, dass ich mir das Fleischessen schönrede und es könnte sein, dass mir das so leichtfällt, weil ich mit Tieren nicht besonders viel zu tun habe. Ich lebe in Berlin, in meinem Alltag begegne ich höchstens ein paar Stadttauben und Jack-Russell-Terriern. Aber manchmal statte ich der Natur einen Besuch ab und fahre zum Beispiel an Ostern nach Pellworm. Das ist eine nordfriesische Insel. Das Land ist hier flach und grün, der Himmel riesig. Im Frühjahr sitzen Ringelgänse in großen Schwärmen auf den Wiesen.

Ich besuche Gudrun und Hermann Matthiesen auf ihrem Hof. Ich kenne sie seit einigen Jahren. Wenn ich auf der Insel bin, kaufe ich bei ihnen Eier und Fleisch. Ich will sie fragen, wie sie das sehen: Darf man Hühner ohne Gewissensbisse töten? Auf dem Hof der Matthiesens rennen die Hühner frei herum, sie umkreisen das reetgedeckte Haus und verstecken sich in den Büschen, wenn Besucher kommen. Die Tiere haben ein schwarz-weiß gemustertes Federkleid und einen herausfordernden Blick.

Die Matthiesens sagen, sie füttern die Hühner mit Biogetreide, beschützen sie vor Kälte und Raubvögeln und pflegen sie, wenn sie krank sind. Wenn die Hennen Lust haben, legen sie ein Ei. Die Tiere machen praktisch den ganzen Tag lang, was sie wollen – bis sie geschlachtet werden.

Die Matthiesens finden, dass das ein guter Deal für beide Seiten ist. Das ist ihre Lebenserfahrung: das Ergebnis ihres Nachdenkens, nachdem sie jahrzehntelang mit Tieren zusammengelebt haben.

Es gibt über diese Frage komplizierte Debatten: Was bedeutet der Tod für ein Tier? Die Utilitaristen unter den Tierethikern, zu denen der australische Philosoph Peter Singer gehört, sagen, man dürfe Tiere töten – schmerzfrei müsse es passieren, zum Nutzen des Menschen sein, der sich vom Fleisch der Tiere ernährt. Man dürfe Tieren das Leben nehmen, weil sie im Gegensatz zum Menschen keinen Bezug zu sich selbst, zur Zukunft und also auch nicht zum Tod haben.

Andere Philosophen widersprechen und sagen, Tiere hätten am Überleben ein so großes Interesse wie Menschen.

Unbestritten ist, dass es für die menschliche Gemeinschaft katastrophale Folgen hat, wenn ihre Mitglieder sich gegenseitig umbringen. Werden Mord und Totschlag nicht sanktioniert, herrscht Barbarei. Bei Tieren ist es anders: Sie kennen keine Zivilisation und deshalb auch keine Barbarei.

Hermann Matthiesen erzählt, wie er die Schafe schlachtet. Für ihn, einen großen, kräftigen Mann, seien das nachdenkliche Momente. Er führt das Tier an einen Eimer mit Futter und versetzt ihm einen Bolzenschuss. Die Schafe auf der Weide nebenan gucken nicht einmal auf, wenn ihr Kollege tot umfällt. Matthiesen zerteilt den Tierkörper auf dem Hof. Blut fließt. Auch das stört die Schafe nicht.

Im Gegensatz zum Menschen scheint das Schaf ein sachliches Wesen zu sein, frei von Sentimentalitäten, ausgestattet mit der bewundernswerten Gabe, im Augenblick zu leben.

Alle Lebewesen sollen die gleichen Rechte haben: Der Antispeziesismus ist wie jede radikale Idee in seiner Einfachheit höchst attraktiv. Kaum eine politische Bewegung hat noch so leidenschaftliche Mitstreiter wie die der Tierrechtler. Aber es scheint mir ein abenteuerliches Konstrukt zu sein, Metzger mit Rassisten und Frauenhassern moralisch auf eine Stufe zu stellen. Ich hoffe, dass niemand in Wirklichkeit so denkt. Ich glaube, dass das ethische Prinzip des Antispeziesismus auch gar kein Prinzip ist: Eher handelt es sich um einen originellen Gedanken. Als Maxime taugt er schon deshalb nicht, da ich beim Versuch, danach zu leben, ständig Ausnahmen zulassen müsste. Ein Antispeziesist isst keinen Honig, weil er die Bienen nicht ausbeuten will, doch er fährt ein Auto, an dessen Windschutzscheibe Insekten zerplatzen. Seine Unterscheidung in unwichtige Tiere einerseits und schützenswerte Tiere andererseits ist so willkürlich wie die des Fleischessers, der zwar Kühe, aber schließlich keine Katzen isst.

Was wir Tieren schulden und was wir uns nehmen dürfen – darüber gibt es selbst unter Tierethikern keinen Konsens. Das liegt auch daran, dass es erst wenige Untersuchungen und wenige empirische Ergebnisse zur Gefühlswelt von Tieren gibt. Man könnte sagen: Die Auffassungen sind pluralistisch.

Moralisch ist man auf der sicheren Seite, wenn man das Fleischessen aufgibt (und das Milchtrinken und Käseessen, denn Milch gibt es, weil es Kälber gibt, die geschlachtet werden). Eindeutig sind die moralphilosophischen Argumente für den Fleischverzicht aber nicht. Was, wenn die Tierethiker recht haben, die sagen, es gehe in Ordnung, Tiere zu essen, sofern sie getötet wurden, ohne gelitten zu haben? Ich finde es nicht trivial, seinen Hunger mit etwas so Nahrhaftem zu stillen wie einem Entrecote. Der Verzicht wäre kein geringer. So viele Dinge, die einen glücklich machen, gibt es auch wieder nicht auf der Welt. Haben wir nicht so etwas wie eine moralische Verpflichtung, uns am Leben zu erfreuen?

Ich gebe es zu: Mir kommt die Liebe zu Tieren oft etwas versponnen vor. Zur Tierliebe gehört ein bisschen Enttäuschung von den Menschen. Tiere sind wild, schön, geheimnisvoll, andere sind anhänglich und verspielt. Manche Leute kommen mit ihren Haustieren besser zurecht als mit ihren Mitmenschen. Das gilt vor allem für einige Hundebesitzer. Hier in Berlin wird inzwischen Atemtherapie für Hunde angeboten.

Im Buch Artgerecht ist nur die Freiheit der Veganerin Hilal Sezgin erfahre ich, wie eine Freundschaft zwischen Schaf und Mensch aussehen kann: Sie und ihre Schafe, schreibt Sezgin, teilten die Freude an den einfachen Dingen im Leben.

Diese Gefühle sind eine sehr persönliche Begründung für die vegane Ernährung. Nicht alle Menschen verstehen sich so gut mit Schafen. Doch in einem Punkt sind die Tierfreunde natürlich gar nicht so verträumt, wie ich manchmal glaube: Seit Jahren weist die Anti-Fleisch-Bewegung darauf hin, dass in unserem Land systematisch Tiere gequält werden.

Tiere empfinden Schmerz. "Die physiologischen Vorgänge von der Aufnahme des Reizes bis zur Schmerzwahrnehmung" seien bei höheren warmblütigen Tieren die gleichen wie beim Menschen, heißt es in einem Aufsatz in der Tierärztlichen Umschau aus dem Jahr 1996.

Lange bevor man das wusste, war es in der Landwirtschaft so: Der Bauer sorgte gut für seine Kühe, damit sie Milch gaben, und für seine Schweine, damit sie nicht jung starben. Doch heute gibt es Medikamente, deshalb sind auch kranke Tiere produktiv. Das durchschnittliche Schwein hat mindestens eine Lungenentzündung in seinem Leben gehabt, ausgelöst durch den Ammoniak der Exkremente, auf denen die Tiere stehen. Ein Mastschwein ist so fit wie ein adipöses Kind.

Kommentare

97 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Ein durchaus lesenswerter Artikel, dem ich in vielen Punkten grundsätzlich zustimmen kann. Leider macht es sich die Autorin aber am entscheidenden Punkt jedoch deutlich zu einfach.
Der Ruf nach der Politik ist völlig zutreffend, aber rechtfertigt das politische Versagen die eigene Untätigkeit? Meiner Meinung nach eben nicht. In der idealtypischen Welt bin ich nicht für Fleischverzicht etc., sondern befürworte einen vernünftigen Umgang, wie der im Artikel beschriebene Bauernhof. Da aber damit der fleischhunger der Bevölkerung nicht gestillt werden kann gibt es die unsäglichen Mastfabriken. An denen wird sich jedoch nur dann was ändern, wenn weniger und bewusster Fleisch konsumiert wird.

"Ich esse nur gaaaanz selten

"Ich esse nur gaaaanz selten Fleisch und wenn dann Bio von glücklichen Tieren auf der Wiese, vom Metzger meines Vertrauens" - wie oft liest und hört man diese Aussagen...
Wenn man das hört, denkt man, es gäbe nur noch Ernährungshelden. Leider sprechen die Zahlen eine ehrlichere Sprache:
Mehr als eine halbe Milliarde (!) geschlachteter Tiere allein in Deutchland pro Jahr. 95% davon aus quälerischer Massentierhaltung, geschlachtet nahezu alle in den gleichen Vernichtungslagern.

Wer macht sich da was vor? Ja, es kostet Überwindung über die Konsequenzen seines Handelns nachzudenken. Ja, die Wahrheit ist unangenehm und ja, es nötigt einem etwas ab, Gewohnheiten zu ändern. Wer dazu nicht in der Lage ist, braucht sich aber auch die Welt nicht schönzureden.

Das meine ich ganz nüchternd und keineswegs herabblickend, denn Überheblichkeit ist hier gänzlich fehl am Platz.