© Roderick Aichinger

US-Soldaten Die Liebe nach dem Krieg

Sie lernten sich in Bagdad kennen, als dort täglich Bomben explodierten. Die Geschichte zweier amerikanisch-irakischer Paare Von
ZEITmagazin Nr. 30/2014

Als Lena morgens an der irakisch-jordanischen Grenze ankommt, sieht sie schon von Weitem die Menschen, die sich vor dem Übergang drängen. Die Fahrt von Bagdad hat 14 Stunden gedauert, Lena ist Irakerin. Jetzt ist sie erschöpft, und fast verlässt sie so kurz vor ihrem Ziel der Mut. Es müssen Hunderte, wenn nicht Tausende sein, die an der Grenze warten. Es ist Ende Juni 2004, der Krieg im Irak wird mit jedem Monat brutaler. Immer mehr Menschen sind auf der Flucht.

Was, wenn sie sie nicht reinlassen? Während sie wartet, denkt Lena an Jim. Ein Jahr ist es her, dass sie sich das letzte Mal gesehen haben. Als sie endlich zum Tor vorgerückt ist, stellt der Grenzbeamte viele Fragen. "Bitte, lassen Sie mich ins Land", fleht sie ihn an. "Ich will doch gar nicht in Jordanien bleiben. Ich will nur meinen Verlobten treffen! Er ist Amerikaner!"

James Michael Ahearn, damals 40 Jahre alt, Soldat der U. S. Army, verdiente sich beim Kampf der Amerikaner um Bagdad zwei Bronze Stars, eine Auszeichnung für herausragende Leistungen im Einsatz. Dann verliebte er sich in Lena. Und nun, so hat er Lena versprochen, wird er in New York in ein Flugzeug der Royal Jordanian steigen, um nach Amman zu fliegen und sie zu heiraten.

Solange es Kriege gibt, haben sich Soldaten in fremden Ländern in Frauen verliebt. Feindschaft zwischen Völkern funktioniert am besten auf Distanz. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben so viele US-Soldaten im Ausland geheiratet, dass die USA ein War-Brides-Gesetz verabschiedeten, damit die Soldaten ihre Ehefrauen ohne Visum ins Land holen konnten. Allein aus Deutschland reisten in den Nachkriegsjahren um die 20.000 Frauen in die USA ein, insgesamt sollen es bis zu 300.000 war brides sein, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA kamen, mehrere Tausend waren es nach den Kriegen in Korea und Vietnam. Und auch im Irak verliebten sich Besatzer und Besetzte ineinander, gegen alle kulturellen Unterschiede und gegen alle Widerstände.

Angie, 48, war selbst Soldatin. Sie heiratete einen einheimischen Übersetzer ihrer Einheit. © Roderick Aichinger

Um ihre Geschichten zu verstehen, muss man sich von der Vorstellung verabschieden, dass alle Iraker die Invasion der USA falsch fanden. "Wir haben gebetet, dass sie kommen", sagt Lena, heute 37 Jahre alt – ihr Name klingt westlich, ist aber ebenso im Irak verbreitet. Eine zierliche Frau, kaum 1,60 Meter groß, mit rückenlangen Haaren, perfekt gestylt. Im Frühling 2014, als sie ihre Geschichte erzählt, haben die USA ihre Truppen längst abgezogen aus dem Irak, wo noch immer kein Frieden herrscht.

"Sie sind da", denkt sie, als sie von den Explosionen hochschreckt. In der Nacht vom 19. auf den 20. März 2003 werfen Kampfjets die ersten Bomben über Bagdad ab. Der Krieg beginnt. Lena horcht, wie weit die Einschläge entfernt sind: weit genug. Sie kennt solche Nächte. Da war der erste Golfkrieg, zwischen dem Irak und dem Iran. Lena war drei Jahre alt, als er begann, und elf, als er endete. Dann kam der zweite Golfkrieg, der Irak gegen Kuwait, da war sie 13, und dann Amerika gegen den Irak, da war sie 14 und beim zweiten Militärschlag 22. Und jetzt, sie ist mittlerweile 26, also wieder die Amerikaner. Sie macht die Augen zu und schläft weiter.

Ihre Mutter hat Lenas Bruder zu Verwandten außerhalb von Bagdad geschickt, damit er nicht eingezogen werden kann. Der Vater hat die Familie schon vor Jahren verlassen. Lena, das älteste von sechs Kindern, musste neben dem College in einem Friseursalon anfangen. Auch nach dem Abschluss arbeitete sie dort weiter. Sie, die Psychologie studiert und jahrelang Englisch gebüffelt hat, machte anderen Frauen die Haare. Es war nicht das Leben, das Lena sich erhofft hat.

"Holt Saddam", denkt Lena, als die Amerikaner um die Hauptstadt kämpfen. "Holt ihn euch endlich!"

Sie sind gerade mit dem Abendessen fertig, als die Bombe explodiert. Fensterscheiben bersten, Häuserwände reißen, der Strom fällt aus. Lena läuft um ihr Leben.

Es war die schlimmste Nacht meines Lebens.
Lena

Auf der Straße schreien Verletzte, stolpern Menschen durch die verqualmte Dunkelheit, suchen nach ihren Kindern, Geschwistern, Eltern. Leichen liegen herum, überall klebt Blut. Als es am nächsten Morgen hell wird, ist Lenas Freund aus Kindertagen tot. Eine Nachbarin hat drei ihrer vier Söhne verloren, der vierte hat keine Beine mehr. Lena wird die Schreie jener Nacht nie vergessen, erst die der Verletzten und dann die der Überlebenden, die laut klagend die Toten beweinen.

Jim erklärt ihr später, dass die Amerikaner niemals mit Absicht eine Bombe in ein Wohngebiet werfen würden. Lena glaubt das, sie muss es glauben.

"Es war die schlimmste Nacht meines Lebens", sagt sie mehr als zehn Jahre später.

Sie lebt mittlerweile in Arlington in der Nähe von Washington, D. C., in einer ruhigen Gegend, in der SUVs vor großen Häusern mit Garten stehen. Arlington ist für seinen Militärfriedhof bekannt, auf dem gefallene US-Soldaten ihre letzte Ruhestätte finden. Auch die Toten der Operation Iraqi Freedom liegen dort begraben.

Lena hat lange überlegt, ob sie die Geschichte von ihr und Jim erzählen möchte. "Kadi", sagt sie zu ihrer Tochter, "willst du hören, wie ich Daddy kennengelernt habe?" Kadi nickt. Kadi heißt eigentlich Khadijah, nach der ersten Frau des Propheten Mohammed, Jim hat den Namen ausgesucht. Sie ist acht Jahre alt, hat die dunklen Haare und Augen ihrer Mutter, ist ansonsten ganz all-American girl. Sie trägt Hello-Kitty-Shorts, spricht ein breites Amerikanisch und tanzt auf der Veranda zu Charthits. Lena würde ihrer Tochter gerne Arabisch beibringen, aber Kadi hat keine Lust dazu. Über den Irak weiß sie, dass es dort "wie in einer staubigen Wüste ist" und dass ihre Eltern sich dort kennengelernt haben.

"Hier bleiben wir nicht", sagt Lenas Mutter nach der Bombennacht im April 2003. Sie fliehen ins Zentrum, Lenas Großmutter hat dort ein Haus. So kommen sie in jenes Viertel um Saddams Paläste, das die Amerikaner bald Green Zone nennen. Als US-Präsident George W. Bush die Invasion am 1. Mai für beendet erklärt, wird das Areal das Basislager der US-Truppen und der Sitz der Übergangsregierung. Die Grüne Zone wird auch der Ort, an dem sich Amerikaner und Iraker ohne Waffen begegnen.

"Mensch, haben die weiße Haut", denkt Lena, als sie zum ersten Mal amerikanische Soldaten auf Patrouille sieht. Schüchtern nicken sie und ihre Schwestern den Soldaten zu, die grüßen zurück. Es dauert nicht lange, da sitzen einige von ihnen in der Küche ihrer Mutter und verschlingen Okrasuppe und Fladenbrot. Eigentlich ist den Amerikanern der Kontakt zur irakischen Bevölkerung streng verboten. Trotzdem kommen sie bald täglich, sobald ihr Dienst vorbei ist, um Tee zu trinken und Karten zu spielen. Sie zeigen Fotos von ihren Frauen und Kindern und erzählen Geschichten aus Amerika, einem Land, das Lena und ihre Schwestern nur aus Filmen kennen.

Im Viertel kommen die Besuche schlecht an. Die Mutter verkaufe die Töchter an die Soldaten, munkelt man. Sie sollen ausziehen, fordert ein Nachbar. Neben Schlampen wolle er nicht wohnen. Als er den Frauen droht, erzählen die Soldaten ihrem Vorgesetzten davon.

Am nächsten Morgen wird Lena früh von ihrer Mutter geweckt. "Steh auf", sagt sie. "Der Captain ist da. Du musst übersetzen." – "Ich will schlafen", sagt Lena, "frag wen anders." Die Mutter lässt nicht locker. Lena hat noch nicht ihre Zähne geputzt, als sie dem Kommandeur der Einheit gegenübersteht. "Guten Morgen, ich bin Captain James Ahearn", sagt der und lächelt. "Wow, hat der blaue Augen", denkt Lena. Sie übersetzt seine Fragen aus dem Englischen ins Arabische: Kann die Mutter beweisen, dass dies das Haus ihrer Familie ist? Wer hat ihnen gedroht? – doch während sie das tut, denkt sie die ganze Zeit: "Er ist alt, aber verdammt hübsch."

Das ist also Liebe.
Lena

Captain Jim, wie Lena ihn nennt, kommt noch am selben Tag wieder. Der Nachbar wird den Frauen nie wieder drohen.

Abends sitzen Lena und Jim vor ihrem Haus, er stellt ihr Fragen über den Irak und zum Islam. Lena bringt ihm Arabisch bei. Sie kennen sich seit ein paar Wochen, da nimmt er ihre Hand. "Ich mag dich", sagt er. Sie zieht ihre Hand weg. Er kann sie doch nicht einfach anfassen! Und in Amerika gibt es schon eine Frau, das hat er Lena erzählt. Trotzdem hat sich seine Berührung wie ein Stromschlag angefühlt. Lena schläft nicht in dieser Nacht. Sie hat schon einmal einen Freund gehabt, im College. Aber einen Freund zu haben hat in ihrer Welt nichts mit Berührungen zu tun, es gibt keine Küsse und schon gar keinen Sex vor der Ehe. Doch bei ihrem Freund hat ihr Herz nicht geklopft, wenn sie ihn sah, und sie hat auch keine Gänsehaut bekommen, nur weil jemand seinen Namen sagte.

Als Lena ein paar Tage später an Jims Humvee lehnt und sich küssen lässt, denkt sie: "Das ist also Liebe."

"Sie schicken mich zurück in die USA", sagt er nach einigen Wochen und lässt die Blase, in der Lena gelebt hat, platzen. "Gib mir deine Nummer", sagt sie, obwohl sie kein Handy hat. "Gib mir deine E-Mail-Adresse", sagt sie, obwohl sie keinen Computer hat.

Als er aufbricht, glaubt sie, dass sie ihn nie wiedersehen wird. Wer ist sie schon? Ein irakisches Mädchen aus einer Stadt, die jetzt in Trümmern liegt. Sie hat ja nicht einmal einen Pass. Auf ihn wartet eine andere Welt – und eine andere Frau.

"Ich liebe dich", sagt er. – "Ich liebe dich auch." Dann steigt er in seinen Humvee und ist weg.

Angie betrachtet ihre Hochzeitfotos. Sie wurde mit Majed nicht glücklich, ständig gab es Streit. © Roderick Aichinger

Die Grüne Zone verwandelt sich in den Monaten nach dem Einmarsch in ein zehn Quadratkilometer großes Stück Amerika mitten im Irak. Die Unterkünfte der Soldaten haben Klimaanlagen, Fernseher und High-Speed-Internet, in der Kantine gibt es amerikanisches Essen. Meterhohe Splitterschutzwände schützen das Areal. Je mehr die Lage hinter den Betonwällen eskaliert, desto mehr Checkpoints richten die Amerikaner vor der Grünen Zone ein. Drinnen gibt es ein Tempolimit wie in Amerika, Burger King und Pizza Hut. Draußen geht der Krieg weiter.

Majed, der in Wirklichkeit anders heißt, gehört zu den Irakern, die damals zwischen den beiden Welten pendeln. Er wuchs mit vier Geschwistern in Bagdad auf, der Vater brachte als Autohändler gutes Geld nach Hause. Majed machte eine Ausbildung als Zahntechniker und studierte danach Englisch. Dann starb sein Vater. Majed musste jetzt arbeiten, statt zu studieren, in der Bäckerei eines Freundes schuftete er für 90 Dollar im Monat. Es ging nicht mehr um ein gutes Leben, es ging ums Überleben, viele Jahre lang. Bis die Amerikaner kamen.

Als Soldaten im April 2003 die Saddam-Statue auf dem Firdos-Platz vom Sockel stoßen, jubelt Majed. Weil er sehr gut Englisch spricht, bekommt er nach dem Ende des Krieges einen Job als Übersetzer bei den Amerikanern, genauso wie sein Bruder Hasan. Iraker, die für die Amerikaner arbeiten, werden von den Islamisten noch mehr gehasst als die Amerikaner. Aber er verdient jetzt 300 Dollar im Monat, bald werden es 750 Dollar sein. Und es ist nicht nur das Geld. Nie zuvor hat Majed eine Arbeit als so sinnvoll empfunden. Er übersetzt in einem Krankenhaus, gibt es einen besseren Weg, seinem Land zu dienen?

Es ist Anfang 2004, als sich ein Selbstmordattentäter am Eingang der Grünen Zone in die Luft sprengt. Die Bombe tötet Majeds Bruder Hasan, er verbrennt in seinem Auto. Majed kann vier Wochen lang nicht arbeiten. "Hör auf, für die Amerikaner zu übersetzen", fleht seine Mutter ihn an. Aber Majed kehrt zurück. Jetzt will er die Terroristen erst recht bekämpfen. Nur durch das Tor, an dem Hasan gestorben ist, kann er nicht mehr fahren.

E-Mail von Jim vom 19. März 2004

Lena, gerade denke ich wieder an Dich und daran, wie sehr ich Dich vermisse. Ich kann es nicht erwarten, Dich wiederzusehen. Du bist die unglaublichste und schönste Frau, die ich jemals kennengelernt habe. Lena, Lena, Lena! Ich liebe Dich! Jim

Lena hatte nicht geglaubt, dass sie von Jim hören würde. Aber als ein Nachbar sie endlich mit ins Internetcafé nimmt, liest sie seine E-Mails, er hat ihr seit seiner Abreise jeden Tag geschrieben. Sie liest, wie verzweifelt er war, als er ins Flugzeug in die USA stieg. Um ihn herum lauter glückliche Soldaten, die sich auf ihr Zuhause freuen und auf ihre Familien. Und er, der sich nicht freuen konnte, weil er sie zurücklassen musste. Sie liest auch, dass er sich von der anderen Frau getrennt hat.

Wenn sie dich so glücklich macht, dann heirate sie. Hol sie her.
Jims Bruder

Wären sie in Amerika, würde er jetzt mit Lena ausgehen, sie besser kennenlernen. Stattdessen schreibt er ihr jeden Tag eine E-Mail und packt öfter ein Paket mit Kleidung. "Welche Größe hat denn Ihre Freundin?", fragt die Verkäuferin im Geschäft. "Sie ist wohl ungefähr so groß wie Sie", sagt er. Seine einzige Chance, Lena wiederzusehen, wäre, sie zu heiraten. Nur so würde sie in die USA kommen können. Aber Lena hat nicht einmal einen Pass, die Formalitäten würden ewig dauern. Und Lena ist Muslimin. Um sie zu heiraten, müsste er konvertieren. Wie soll er das seinen katholischen Eltern erklären?

Sein Bruder rät ihm: "Wenn sie dich so glücklich macht, dann heirate sie. Hol sie her."

Als Lena das Paket bekommt, haben alle Kleidungsstücke die falsche Größe. Der Ring aber, der im Paket liegt, passt perfekt.

Ende Juni 2004 macht Lena sich zusammen mit ihren Schwestern und ihrer Mutter auf den langen Weg nach Amman, um Jim zu treffen. Sie fleht den Grenzbeamten an, ihr ein Visum auszustellen.

In Amman mieten die Frauen ein kleines Apartment für eine Woche. Lena kauft ein Kleid für die Hochzeit. Vor lauter Aufregung vergisst sie es im Kofferraum eines Taxis. "Honey, das ist doch nicht schlimm", beruhigt Jim sie am Telefon. "Wir kaufen dir ein neues Kleid. Morgen sehen wir uns wieder, nur das zählt."

Am Queen Alia International Airport von Amman weiß Lena nicht, wo sie hinmuss. Sie war noch nie auf einem Flughafen. Sie läuft umher, fragt: "Wissen Sie, ob Flug Nummer 262 aus New York schon da ist?" Jemand erklärt ihr, dass sie auf der Anzeigetafel gucken muss. Lena läuft zur Tafel, und da sieht sie ihn. Sie tippt ihm auf die Schulter. "Jim?" – "Lena!"

Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt halten sie Händchen. Er hat ein Zimmer im Grand Hyatt reserviert. Jim denkt, sie würde bei ihm schlafen. "Nein", sagt Lena. Noch sind sie schließlich nicht Mann und Frau.

Am Hochzeitsmorgen hat Jim für Lena einen Termin im Friseursalon des Hotels vereinbart. "Mach dir keine Gedanken über den Preis", sagt er. Und dann sitzt Lena in einem Drehstuhl, und zum ersten Mal frisiert jemand ihr die Haare, nicht umgekehrt. "Du bist die schönste Frau, die ich jemals gesehen habe", sagt Jim.

Nach der Hochzeit fährt Jim zum Flughafen, und seine irakische Braut macht sich auf den Weg zurück nach Bagdad. Als Irakerin ein Visum für die USA zu bekommen dauert. Lena wird noch einmal fast ein Jahr warten müssen, bis sie endlich in einem Flugzeug in die USA sitzt.

Angies Sohn Laith lebt bei Majed. Seit sie getrennt sind, teilen sie sich das Sorgerecht. © Roderick Aichinger

Die Frachtmaschine der Air Force geht spiralförmig in den Sinkflug, Korkenzieher-Manöver heißt so eine Landung. Auf dem Flughafen von Bagdad landen alle Maschinen so, das soll verhindern, dass ein Flugzeug abgeschossen wird. Es ist mitten in der Nacht, als Angie im November 2004 aus der Militärmaschine steigt. Sie hält die Invasion im Irak für falsch, auch wenn sie das als Majorin der US-Armee nicht offen sagen kann. Befehle werden gebellt, Gepäck wird ausgeladen. Ein Bus wartet, die Vorhänge an den Fenstern sind zugezogen. Niemand dürfe sie öffnen, heißt es im Briefing. Sie sitzt am Fenster, aus dem sie nicht rausgucken darf, und bekommt Angst. Die Strecke vom Flughafen zur Grünen Zone ist eine der gefährlichsten Strecken in Bagdad. Die Terroristen wissen, dass dies der Weg ist, den alle Soldaten nehmen müssen.

Angie ist die Tochter eines Army-Soldaten. Ihr Vater lernte ihre Mutter in Deutschland kennen, als er dort stationiert war. Angie wurde auf einer Air-Force-Base in Missouri geboren, und ihr war früh klar, dass auch sie zur Armee wollte. Als Soldatin zog sie alle paar Jahre um, lebte in Kalifornien, Georgia und Kansas, in Panama und Korea. Mit den Männern klappte es nie lange. Angie genoss ihr Leben als Nomadin.

Sie ist 39 Jahre alt, als sie im Bus in Richtung Grüne Zone fährt. Der GI neben ihr zittert. "Er ist halb so alt wie ich", denkt Angie. Sie redet mit ihm, lenkt ihn ab. Nur nicht darüber nachdenken, ob sie wohl gleich alle in die Luft fliegen. Dass sie direkt auf die Liebe ihres Lebens zufährt, ahnt Angie nicht. Später wird sie sagen, dass das mit ihr und Majed wohl einfach Schicksal war, "so kitschig das auch klingt".

Majed ist einer der Übersetzer für Angies Einheit. Sie mögen sich sofort. Mittags fahren Soldaten und Übersetzer gemeinsam zur Kantine der Streitkräfte. Majed hofft jedes Mal, dass Angie in sein Auto steigt. Er fängt an, Parfum in seinem Audi zu versprühen. "Er hat ein sauberes Auto, ich fahre mit ihm", sagt Angie. "Soso, sie mag also dein Auto", witzeln die anderen Übersetzer.

Ich habe schon von Amerikanern gehört, die Irakerinnen heiraten. Gibt es denn auch Singlemänner, damit wir es mal andersrum probieren können?
Angie

Ins Baby-Album für ihren Sohn Laith wird Majed vier Jahre später schreiben, dass Angie schlau, liebevoll, hübsch und warmherzig sei. Angie wird schreiben, wie schlau und lustig, attraktiv und selbstlos sie Majed findet. Und dass er so moralisch sei.

Irgendwann, da kennen sie sich ein paar Wochen, sitzen sie wieder alle beim Mittagessen zusammen, die Soldaten und die Übersetzer. "Ich habe schon von Amerikanern gehört, die Irakerinnen heiraten", sagt Angie. "Gibt es denn auch Singlemänner, damit wir es mal andersrum probieren können?" – "Ich bin Single", sagt Majed. Und dann lachen sie beide, war ja schließlich nur ein Witz.

Ausgehen, ein Date haben, so etwas ist im Irak undenkbar. Jeden Nachmittag um 16 Uhr trennen sich ihre Wege, Angie teilt sich mit einer Kameradin ein Zimmer in der Grünen Zone, Majed lebt mit seiner Familie vor deren Toren. Manchmal sitzen sie mittags alleine an einem Tisch in der Kantine, einmal gehen sie zusammen zu Pizza Hut. Hin und wieder eine zufällige Berührung, das ist alles. Angie genießt die Unschuld ihrer Beziehung, endlich ein Mann, den sie in Ruhe kennenlernen kann. Sie würde Majed gerne sagen, wie sehr sie ihn mag, aber sie traut sich nicht. Um mit ihm zusammen zu sein, müsste sie ihn heiraten.

Ende Dezember liegt sie abends im Bett, sie kann nicht schlafen. Und dann tippt sie eine SMS: Könntest Du Dir denn vorstellen, mich zu heiraten? Er schreibt nicht zurück. Am nächsten Tag sehen sie sich bei der Arbeit, er tut so, als wäre nichts. Als es fast vier Uhr nachmittags ist, hält sie es nicht mehr aus. "Sollten wir nicht darüber reden?", fragt sie.

"Angie", sagt Majed, "ich mag alles an dir. Aber wir sind so verschieden." Seit er denken kann, war für Majed klar, dass er nur eine Muslimin heiraten würde. Und nun ist da plötzlich diese Amerikanerin, eine Frau in Uniform, sechseinhalb Jahre älter als er, eine Christin, und will, dass er sie heiratet und mit ihr in die USA geht, dass er seine Mutter und seine Geschwister verlässt, dass er sein ganzes Leben aufgibt. Er müsse darüber nachdenken, sagt er.

"Ich habe im Internet recherchiert", sagt Angie. "Allah erlaubt dir, eine Christin zu heiraten." Aber für Majed kommt das nicht infrage. Angie hadert. Sie will nicht wahrhaben, dass es nun einen Mann gibt, den sie so sehr mag, dass sie ihn heiraten würde, und dass das nicht möglich sein soll. Sie war nie besonders gläubig, eine Christin auf dem Papier, mehr nicht.

"Ich konvertiere", sagt sie.

"Angie, willst du das wirklich?", fragt er. "Dann darfst du kein Schweinefleisch mehr essen und auch keinen Alkohol mehr trinken."

"Das bisschen Wein, das ich trinke", sagt sie. "Das ist doch kein Problem."

Kurz bevor sie zurückfliegt, spricht sie ihm die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis, nach: Aschhadu an la Ilaha illal-Lah wa aschhadu anna Muhammadan rasul-lallah. – Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah, und ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Allahs ist.

"Okay", sagt er, "dann sind wir verlobt."

Lena, die Irakerin, trägt diesen Anhänger mit Jims Namen, seit er gestorben ist. © Roderick Aichinger

Zurück in Amerika, füllt Angie seitenlange Visumsanträge aus. Sie liest den Koran, lernt die arabischen Gebete und besucht einen Imam. Sie meint es ernst mit ihrer neuen Religion, obwohl es ihr schwererfällt als gedacht, nicht mehr zu trinken. Angie beginnt ihre Beziehung genauso, wie die Amerikaner in den Irak einmarschiert sind: schnell, voller Überzeugung und ohne zu wissen, ob es gut ausgeht.

Sie telefonieren jeden Tag. Wenn in den Nachrichten von einem Anschlag berichtet wird, ruft sie Majed an. "Lebst du noch?", fragt sie dann. "Ich bin doch am Telefon." Wenn er ans Telefon geht und Arabisch spricht, weiß sie, dass er gerade nicht allein ist, dass es für ihn jetzt lebensgefährlich wäre, wenn jemand ihn Englisch sprechen hört.

Angie fliegt für ein Wochenende zu ihrem Onkel nach Florida und kommt mit einem Sonnenbrand vom Strand zurück. Als sie Majed am Telefon davon erzählt, sagt er: "Das ist die Strafe dafür, dass du dich in der Öffentlichkeit nicht ordentlich anziehst." Sie streiten sich heftig. Aber Angie glaubt, dass er so etwas nicht mehr sagen wird, wenn er erst einmal in den USA ist.

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