Paul Kalkbrenner Junge aus Ostberlin

ZEITmagazin Nr. 31/2014
Sogar in China tanzen sie jetzt nach seinen Beats: Wie kam es eigentlich, dass Paul Kalkbrenner einer der gefragtesten Techno-Musiker der Welt wurde? Von

Ein Unwetter ist über Peking aufgezogen, der Himmel schaut grau und bösartig. Paul Kalkbrenner sitzt im Flugzeug auf dem Rollfeld fest, im Moment darf niemand aussteigen. Es ist später Nachmittag, in wenigen Stunden soll er auf einem Festival an der Großen Mauer auftreten. Es wird knapp. Als er nach einer Stunde die Empfangshalle betritt, wartet da schon der Niederländer Armin van Buuren, von dem es heißt, er sei der "Nummer-eins-DJ der Welt". Kalkbrenner und er geben sich die Hand. Van Buuren ist der andere Hauptact. Für Paul ist van Buuren ein Plattenverschieber, einer, der nur einen USB-Stick braucht, um einen Mix abzuspielen, während er selbst stets live seine eigenen Kompositionen neu mischt. Deshalb kann van Buuren schon losfahren, und Kalkbrenners neun Koffer mit Equipment müssen noch durch den Zoll.

Paul will jetzt rauchen, das bringt ihn ein wenig runter, manchmal. Ist aber überall Nichtraucherzone. Kalkbrenner sieht jünger aus als 37, er ist schmal, sein Kopf rasiert, und seine Arme schlenkern unaufhörlich hin und her wie bei einem hyperaktiven Kind, das seine überschüssige Energie unterdücken muss. Sonst würde er wahrscheinlich wie ein Flummiball durch die Halle schießen. Letzte Nacht hat er bis vier Uhr morgens in Taipeh gespielt, in der Nacht davor in Shanghai, nun hier. "Wenn du es in China schaffen willst, musst du herkommen", sagt er. In diesem Land gibt es kein YouTube.

Paul Kalkbrenner verkörpert den Sound Berlins wie kein anderer. Oder besser: Er ist der Sound Berlins. Er ist mit der Stadt groß geworden und begleitet nun den Berliner Techno auf seinem Siegeszug durch die Welt. Berlin und er wurden gleichzeitig Stars. Wie konnte ein Junge aus Lichtenberg zum Botschafter des globalen Berlin-Hypes aufsteigen?

Der Auftritt wird legendär, epochal.
Paul Kalkbrenner

Später sitzt Kalkbrenner im Van, normalerweise dauert es anderthalb Stunden bis zur Großen Mauer. Aber es ist Berufsverkehr, Regen peitscht gegen die Fenster, Peking versinkt im Wasser. "No music, no aircon, please", sagt Paul zum Fahrer. "Kann ick rauchen?" Pauls Tourmanager hockt hinten und simst, Alex, der Tontechniker, schweigt, er wird nachher unter Zeitdruck 48 Kabelverbindungen aufbauen müssen. Kalkbrenner telefoniert mit zwei Crewmitgliedern, die schon auf dem Festival sind: "Säuft alles ab? Schön! Na juti, allet klärchen." Er redet oft so, berlinerisch, ostberlinerisch, mit Formulierungen wie "Atze" für Kumpel oder "allet schick" für alles okay, die längst ausgestorben sind. Paul kultiviert das. Und er spricht schnell, hetzt von Wort zu Wort. Nach zwei Stunden Gespräch mit ihm ist auf dem Band am Ende so viel Text drauf wie sonst nach vier Stunden. Er klingt wie seine Musik – schnell, kraftvoll und ein bisschen überdreht.

© Andri Pol

Im Wagen raucht er einen Joint, dann kann er noch mehr reden. "Der Auftritt wird legendär, epochal." Im Augenblick sieht es eher danach aus, als würde er niemals ankommen. Kalkbrenner zählt die Ausfahrten mit. Als der Wagen schließlich auf der Landstraße ist und sich dem Festivalgelände nähert, verstopfen Autos die schmale Straße, dazwischen Menschen in Regencapes, sie strömen davon, als sei die Show vorbei. Vor Kalkbrenners Van steht ein Bus und bewegt sich nicht. "Warum kann man den nicht überholen?", fragt Paul in Richtung Fahrer. Es könnte ihm egal sein, es ist höhere Gewalt. Seine letzten Alben haben sich alle mehr als 100.000 Mal verkauft, das Berlin Calling-Album sogar mehr als 200.000 Mal, auf Facebook mögen ihn 2,4 Millionen Menschen, bei Twitter folgen ihm 98.000. Aber er will auftreten. Unbedingt.

Als Kalkbrenner auf dem Festivalgelände anlangt, sind nur noch ein paar Hundert Menschen da, ein DJ spielt in der totalen Finsternis, die Chinesen haben aus Furcht vor Kurzschlüssen den Strom fürs Licht abgedreht. Die Zelte hinter der Bühne sind überflutet. Im Dunkeln beginnen Paul und Alex, im Schein ihrer Handydisplays das Set aufzubauen. Als Kalkbrenner gegen halb neun anfängt zu spielen, ist es noch immer dunkel, die Zuschauer verlieren sich in der Nacht. Nach und nach geht das Licht wieder an, die Zuschauer kehren zurück, der Regen hört auf, und dann mit einem Mal ist auch die Große Mauer auf den Hügeln ringsum erleuchtet. Ein unwirklicher Moment an einem unglaublichen Ort.

Kalkbrenner hat dafür keinen Blick, vornübergebeugt steht er an seinem Pult und bewegt den Kopf im Takt. Er schaut kaum auf, manchmal zeigen ihm die anderen aus seinem Team später ihre Handyvideos von den verzückten Frauen in der ersten Reihe. "Echt, die waren da?", fragt Paul dann. Er hat sie gar nicht wahrgenommen. Alex sagt: "Die Mädchen haben bei ihm so eine Seligkeit auf den Lippen." Oft drängt er Paul, nach dem Konzert einmal runter zum Publikum zu gehen. Von sich aus würde Paul das nicht machen. Da ist so eine Scheu, als sei es ihm peinlich, seinen Fans zu nahe zu treten.

Kalkbrenner spielt zwei Stunden lang. Im Publikum wird die Berlin-Flagge hochgehalten. Paul steht für Berlin, Techno und Partys bis morgens um zehn. Für ein unbestimmtes Gefühl von Freiheit, und wenn es nur die Freiheit des unbegrenzten Feierns ist. Am Ende tanzen etwa 2.000 Menschen, selbst chinesische Sicherheitsmänner klettern auf die Schultern von Zuschauern und raven.

Nach der Show zieht sich Kalkbrenner in den Bus zurück, er ist unzufrieden. "Ich bin seit zehn Jahren nicht mehr so aufgetreten." Ohne Soundcheck, ohne Umziehen, unperfekt. Neben ihm steht sein Tourmanager und zählt auf, was alles gefehlt hat: kein O-Saft, kein Wodka. Er wird dem Veranstalter eine fette Liste mit den ganzen Versäumnissen schicken.

Irgendwann in dieser Nacht steht das Team um den Van, nur Paul sitzt drinnen. Sie trinken Bier, rauchen wie verrückt und frotzeln, sie kennen sich schon seit Jahren. Und sie sind alle aus dem Osten. Kalkbrenner umgibt sich mit Freunden von früher, als wolle er ein Gefühl von Vertrautheit, von Heimat konservieren. Bei ihnen kann er sicher sein, dass sie ihn meinen und nicht seinen Erfolg.

Manchmal wacht Kalkbrenner morgens auf und muss erst darüber nachdenken, wo er eigentlich ist. In Shanghai hat er versucht, mit der Keycard aus Ibiza vom Auftritt der vorigen Woche seine Hotelzimmertür zu öffnen. 2009 spielte er 142 Shows, dieses Jahr sind es weniger, etwa 40, dafür sind sie größer.

Wir sind schon zu Konzerten wie Schlückchen Wasser angekommen.
Paul Kalkbrenner

Gegen Mitternacht erreichen Paul und sein Team das Commune by the Great Wall, ein Luxushotel unterhalb der Großen Mauer. Die Zimmer kosten zwischen 350 und 500 Euro die Nacht, aber es gibt um diese Zeit nichts mehr zu essen. Kalkbrenner und die anderen haben Hunger. Jemand kommt auf die Idee, noch schnell zu McDonald’s zu fahren. Einer der Veranstalter ist aufgetaucht und wird verpflichtet mitzukommen. Im Bus bekommt der Tourmanager eine SMS von Joy, einer der chinesischen Betreuerinnen, die sich bei Paul für das Chaos entschuldigt. Eine andere nennt sich Fun. Kalkbrenner wird also von Spaß und Freude betreut. Das führt zu Lachkrämpfen im Wagen. Die Stimmung ist wie auf einer Klassenfahrt. "Wenn man denkt, das Niveau geht nicht mehr tiefer, tanzen wir noch Limbo drunter durch", sagt Paul. Die meisten Witze machen sie über sich selbst. Nach der letzten Tournee scrollte die Frau des Tourmanagers durch dessen Handyfotos und fragte eifersüchtig: "Da müssen doch Groupies dabei sein?" Aber Techno ist eine Soloshow: Alle himmeln immer nur Paul an. Alex erzählt, wenn er mit Rockbands unterwegs sei, warteten im Tourbus nach dem Konzert immer Frauen. Bei Techno-Musikern, ihrem Ruf nach die feierwütigsten, passiere nichts. Paul ist mit der DJane Simina Grigoriu verheiratet, die anderen haben feste Beziehungen und Kinder.

Draußen ist es finster, schon seit einer Stunde fahren sie durch China, kein McDonald’s in Sicht. Irgendwann erreichen sie eine Stadt, endlose graue Neubauwüste, der Fahrer hat längst die Orientierung verloren, da taucht neben dem Bus ein Bote auf, der – tatsächlich –Burger liefert. Er kennt den Weg. Gegen zwei Uhr nachts stehen Kalkbrenner und seine Crew vor einem McDonald’s und singen: "Feels like heaven!" Drinnen bestellen sie große Mengen Fleischbrötchen, sie schmecken grausig. Auf der Rückfahrt ist es merkwürdig still im Bus, auf den Straßen drängen sich Lkw mit überfüllten Ladeflächen. Die Szene hat etwas Gespenstisches, als warte irgendwo da draußen ein unsichtbarer, unersättlicher Gigant.

© Andri Pol

Als die Gruppe gegen halb vier wieder im Hotel anlangt, verabschiedet sich Kalkbrenner ins Bett. Ein paar aus dem Team trinken noch weiter. Paul nennt sein rasches Verschwinden walk off, das habe sich bewährt. Viele Jahre lang ist er von der Bühne direkt im Backstagebereich gelandet, dort wartete das Kokain auf ihn, die "Schnupperware", und Wodka-Red-Bull, die "Discoschorle". Kalkbrenner auf Koks muss der Wahnsinn sein, er wirkt schon im Naturzustand wie gedopt. Vor einem Jahr hat er damit aufgehört. "Es gab auch eine Ansage ans Team", sagt er. Kein Alkohol, keine Drogen mehr bei den Shows. "Wir sind schon zu Konzerten wie Schlückchen Wasser angekommen", sagt er. "Letztendlich ist das unprofessionell."

Paul erinnert sich an einen Auftritt in Frankfurt am Main, er wurde angekündigt, war aber so fertig, dass er es die Treppen zur Bühne nur ganz langsam hinaufschaffte. Endlich oben angelangt, wollte er sich kurz zeigen und gleich wieder umkehren. Schließlich spielte er doch drei Stunden "wie ein Derwisch". Andere Auftritte der vergangenen Jahre hat er völlig aus seinem Gedächtnis gelöscht, er stand da, die Sonnenbrille im Gesicht, und war "total druff". Aber er zog sie durch. Vielleicht ist es das, was ihn von anderen unterscheidet, was ihn so erfolgreich macht: Kalkbrenner bleibt auch im Rausch fokussiert, eine Art protestantisches Arbeitsethos treibt ihn an. Der Regisseur Hannes Stöhr, in dessen Film Berlin Calling Kalkbrenner den "DJ Ickarus" spielt, die Rolle, die ihm 2009 schließlich zum internationalen Durchbruch verhalf, nennt ihn auch "die preußische Bass Drum".

Die Leute haben Tränen in den Augen.
Markus Kavka

Das Kokain hinderte ihn am Fortkommen, also machte er Schluss. "Auf die ganz großen Bühnen kannst du nicht mit Drogen gehen", sagt Kalkbrenner. Nun spielt er zwischen Oasis und dem Boss vor 50.000 Leuten. Seine Musik hören auch Menschen, die sonst keinen Techno mögen. Der Musikjournalist Markus Kavka sagt in einer Dokumentation über Kalkbrenner, der mache Techno mit Melodie und in Moll. "Die Leute haben Tränen in den Augen."

Woher kommt diese Melancholie? An einem Nachmittag im Juli fährt Kalkbrenner nach Berlin-Lichtenberg, in sein altes Viertel. Ein paar Freunde von ihm wohnen noch dort, und er unterstützt den Fußballclub Sparta Lichtenberg. Paul sitzt in einem 1973er Mercedes-Coupé. Er hat begonnen, Oldtimer zu sammeln, gerade hat er sich einen Maserati Ghibli zugelegt, der nun in einer Reinickendorfer Werkstatt restauriert wird. Es ist seine erste wirkliche Begegnung mit Westberlin: "Ich war so eine richtige Ossi-Kiez-Atze." Im nächsten Satz zitiert er Churchill: "Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind." Kalkbrenner springt zwischen den Welten hin und her, zwischen Ost und West, zwischen proletarisch und intellektuell. Er ist von allem ein bisschen.

Paul fährt an seiner ehemaligen Wohnung in Friedrichshain vorbei, dort wohnt nun sein Bruder Fritz, der auch ein bekannter Techno-Musiker ist. Paul hat sich eine Wohnung in Mitte gekauft, wo eigentlich nur noch Touristen durch die Straßen laufen. "Für mich ist das ideal, da werde ich unterdurchschnittlich erkannt."

Der Mann ist ständig am Essen. Und Reden. Im McDonald's nach dem Konzert © Andri Pol

In Lichtenberg hält er in einer Plattenbausiedlung. Er zeigt die Disco, in der er 1992 mit 15 das erste Mal auflegte. Die Clubs seiner Jugend hießen BBC oder TC, englisch ausgesprochen, Abkürzungen der Sehnsucht nach Weltläufigkeit. Heute steht Kalkbrenner mit Sonnenbrille vor dem zweistöckigen Betonquader, und es wirkt, als sei das Gebäude geschrumpft. Paul hat sich weit vom Ort seiner Kindheit entfernt und auch wieder nicht. Gegenüber lehnen ein paar Männer an einem Imbissstand und beobachten ihn. Er geht zu ihnen rüber und kauft einen Burger. Kalkbrenner isst ständig, wer ein paar Tage mit ihm verbringt, kann dabei zusehen, wie in seinem schmalen Körper Unmengen Kohlenhydrate verschwinden: Süßigkeiten, Burger, Kuchen. Es ist, als brenne in seinem Inneren unermüdlich ein Motor, der alles aufzehrt.

Als Kind spielte Kalkbrenner dreimal in der Woche Trompete und hörte Westradio. Wenn er heute Musik macht, klingt sie für ihn wie ein Echo von damals. Aus dieser Zeit umgibt ihn "so ein Rauschen", das bis heute seine Töne bestimmt. "Ich kann keinen Finger darauflegen, was es genau ist."

Kalkbrenner setzt sich wieder in den Wagen. Früher wohnten fast alle seiner Freunde in demselben Hochhaus. Es wurde inzwischen abgerissen. In der DDR war Paul der Einzige in seinem Freundeskreis, der mit seinen Eltern in einer Altbauwohnung lebte: 170 Quadratmeter mit Parkettboden. Ein feiner Unterschied in einem Land, in dem alle gleich sein sollten.

Kalkbrenners Großvater, Jahrgang 1929, der Maler und Kommunist Fritz Eisel, hatte den Eltern durch einen Tausch diese Wohnung besorgt. Bis in Pauls Teenagerjahre belegten die Großeltern ein Zimmer, obwohl sie selten in Berlin waren. Kalkbrenner erlebte seinen Großvater als geistiges Oberhaupt der Familie. Seine Autorität wurde nicht infrage gestellt, am System nicht offen gezweifelt. Paul war zwölf, als die Mauer fiel. "Ich komme aus einer Familie, die am 3. Oktober 1990 traurig vorm Fernseher saß", sagt er.

Opa konnte erst viel später sagen, wie scheiße das in der DDR eigentlich alles war.
Paul Kalkbrenner

Für die Großeltern und auch für die Eltern war ihr Land untergegangen, eine Hoffnung zerbrochen. "Opa konnte erst viel später sagen, wie scheiße das in der DDR eigentlich alles war", sagt Paul. Er sucht in seinem Smartphone die Nummer seiner Mutter, sie steht unter "Mutti". Es ist ihm wichtig, dass man mit ihr spricht.

Carla Kalkbrenner wartet in einem Café in Berlin-Mitte, sie ist 61, hat dunkle Haare und trägt Schwarz. Sie arbeitet als Journalistin und kennt die Geschichte ihrer Familie gut, einer Familie, die unter den Nazis im Widerstand kämpfte. Carla Kalkbrenners Großonkel Fritz Selbmann überlebte als Kommunist Zuchthaus und KZ. Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelte die ganze Verwandtschaft von Hessen in den Osten über. Die DDR sollte das neue, das bessere Deutschland werden. Selbmann stieg später zum Industrieminister des Landes auf. Carla Kalkbrenners Vater, Fritz Eisel, wurde in den siebziger Jahren Rektor der Kunsthochschule in Dresden. Carla Kalkbrenner wuchs mit Altgriechisch und Latein auf, ihr Vater malte zwar sozialistisch-realistisch, aber seiner Tochter gab er Tolstoi, Turgenjew und Zola zum Lesen. Sie erinnert sich an eine bürgerliche Kindheit inmitten einer Künstlerelite, die, ähnlich wie Uwe Tellkamp es in seinem Roman Der Turm beschreibt, auf einer Art Insel im Sozialismus lebt.

Es fällt auf, dass es in der Familiengeschichte immer wieder starke Brüche gibt, Augenblicke, die alles verändern: Der Minister Fritz Selbmann wurde 1958 von Walter Ulbricht aus allen politischen Ämtern gedrängt und begann zu schreiben. Pauls Großvater Fritz Eisel verließ 1980 nach einem Streit die Kunsthochschule und zog sich nach Mecklenburg zum Malen zurück. Pauls Vater arbeitete für das Neue Deutschland, bis er 1987 mit dem DDR-Journalismus brach und kündigte. Es endete immer mit einem Paukenschlag.

Die gesammelte Traurigkeit, Wut und auch Aggression klingt nun in Kalkbrenners tiefer Bass Drum nach. In gewisser Weise hat er die Geschichte seiner Familie, seines Landes vertont. Es ist kein Zufall, dass Kalkbrenner zum 25. Jahrestag des Mauerfalls vor dem Brandenburger Tor spielen soll – als "Künstler national".

Im Café erinnert sich seine Mutter an "Paulchen", das fröhliche, unkomplizierte Kind, dem es stets gut zu gehen scheint. Nach dem Mauerfall sind sie und ihr Mann sehr mit sich selbst beschäftigt: "Wir schleppten unsere Vergangenheit mit uns herum." Sie arbeiten viel, erfinden ein TV-Satiremagazin. Ihr Sohn verschwindet in den Clubs, den Tempeln der neuen Zeit: E-Werk, Bunker und Tresor. Dort steht er mit dem Rücken am Lautsprecher und beobachtet den Live-Act mitten auf der Tanzfläche. "Da wollte ich hin", sagt er. Bumm, bumm, bumm, wumme, wumme, wumme – so klingen auch Pauls erste Techno-Versuche, unharmonisch, unmelodiös, unversöhnlich. Worte hatten versagt, eine krasse Zeit erfordert krasse Beats. Techno wird zum Ausdruck des Lebensgefühls der Stadt, zum Sound des Umbruchs. Es ist, als könne man den Mauerfall hören.

Paul kann sehen, wie die Töne durch die Leitungen gehen.
Carla Kalkbrenner

In der elften Klasse blieb Paul sitzen, 79 unentschuldigte Fehltage standen auf seinem Zeugnis. Seine Eltern hatten nichts gemerkt, auch weil er vorher fast nur Einsen hatte. Als er die Schule kurz darauf abbrach, glich das einem innerfamiliären Erdbeben, ein Kalkbrenner ohne Abitur. Carla Kalkbrenner erinnert sich daran anders als ihr Sohn. Sie sagt, sie sei immer zuversichtlich gewesen, dass etwas aus ihm werde. Sie vermittelte ihm einen Job als Cutter beim Fernsehen. Im Prinzip machte er dabei mit Bildern das, was er jetzt mit Tönen macht. Er arrangiert sie neu, nimmt Geräusche aus dem Computer und anderen Quellen auf, verändert und mischt sie. Die Sound-Elemente gehen dann in einen 24-Kanal-Mixer. Es klingt irre kompliziert. Paul Kalkbrenner ist kein DJ, er ist ein Klangverbieger. Seine Mutter sagt: "Paul kann sehen, wie die Töne durch die Leitungen gehen."

Heute schaut Carla Kalkbrenner im Netz nach, wenn sie wissen will, wo ihre beiden Söhne gerade sind. Ihren 60. Geburtstag feierte sie mit Paul und seinen Jungs auf dem Coachella-Musikfestival in Kalifornien, Paul schenkte ihr ein Auto. Und sie hat einen Krimi geschrieben: Die Sonne über Berlin mit einem herrlich melancholischen Kommissar und einem Toten vor einem Techno-Club. Paul hat für seine Mutter extra einen Verlag gegründet. "Sonst wäre das nichts geworden", sagt er.

Das Publikum an der Großen Mauer. Wer es in China schaffen will, muss herkommen, sagt Kalkbrenner. © Andri Pol

Am Mittag nach dem verregneten Auftritt an der Großen Mauer scheint die Sonne. Kalkbrenner und sein Team sitzen auf der Hotelterrasse. Einer erzählt von einem Film auf YouTube, den er neulich gesehen hat: So ein Freak habe Anfang der Neunziger Berlin von der Straßenbahn aus gefilmt, die Gegend um den Hackeschen Markt, das besetzte Haus sei zu sehen mit dem KDW unten, einem der ersten Clubs. Beide existieren heute nicht mehr. "Ich dachte so: Hach!", schließt er. Es klingt ganz lustig, bis Max, der Lichttechniker, davon berichtet, wie er mit 15 im August 1989 gemeinsam mit seiner Mutter in Ungarn über die Grenze nach Österreich robbte und festgenommen wurde. Am Tisch herrscht Stille. "Ich war zwölf, ich wollte nicht weg", sagt Paul. Eine Gruppe von Techno-Jüngern hockt an der Großen Mauer, einen halben Erdball von zu Hause entfernt, und redet über die Mauer, über die DDR. Sie sprechen sonst nicht oft darüber, es ist, als zwinge ihnen die Reise dieses Thema auf. In jenen Tagen im Juni jährt sich zum 25. Mal die Niederschlagung des Aufstands auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Kalkbrenner erinnert sich daran, was der damalige stellvertretende DDR-Staatsratsvorsitzende Egon Krenz dazu sagte, es sei "etwas getan worden, um die Ordnung wiederherzustellen". China ist ein Land, in dem die eigene Vergangenheit plötzlich sehr gegenwärtig erscheint.

Später auf dem Weg nach Peking fahren Paul und die anderen noch einmal an der Großen Mauer vorbei, malerisch schmiegt sie sich in die Landschaft. Max singt: "Die Mauer muss weg!" Im Wagen geht es viel um Flugmeilen, Upgrades und "Jet-Rutschen", wie sie die Trips im Privatjet nennen, den Paul mietet, wenn die Shows im Sommer so dicht aufeinanderfolgen: Rom, La Coruña, Paris. Mit Linienflügen ist das nicht zu schaffen. Dann sitzt die Truppe in einer Challenger 300 und versucht, so viel wie möglich zu schlafen. Kalkbrenner erzählt das belustigt, fast ein wenig ungläubig, als könne er selbst nicht fassen, wie groß er geworden ist.

Da bekommt Pauls Tourmanager eine SMS von Joy, sie will am Abend das Team zum Essen einladen und möchte wissen, ob Paul einen bestimmten Wunsch habe. "El Chefe", wie Kalkbrenner von seinen Leuten auch genannt wird, lässt fragen, ob Joy Gras besorgen könne.

Der letzte Abend in Peking, die Chinesen haben ein Restaurant in einem Ausgehviertel vorgeschlagen. Joy, Fun und Mike, die chinesischen Betreuer, telefonieren am Tisch fast die ganze Zeit, sie sind damit beschäftigt, Gras für Paul zu organisieren. In China wird Drogenmissbrauch hart bestraft. Es heißt, kürzlich habe es Razzien gegeben. Die drei machen es Kalkbrenner zuliebe, es gehört sich nicht, dem Gast eine Bitte abzuschlagen. Aber die Antwort-SMS, die sie bekommen, sind eindeutig: "I don’t know what you mean! Don’t contact me again!"

Natürlich hat sich mein Leben sehr verändert, aber ich habe immer noch dieselben paar Freunde wie früher.
Paul Kalkbrenner

Es wird nicht ganz klar, ob Kalkbrenner die Sucht treibt oder ob es nur ein Spiel ist, ein Test, wie weit er gehen kann. Oft macht er etwas, um zu schauen, wie die anderen darauf reagieren. Auch den Kaufvertrag für seine Wohnung in Berlin-Mitte unterschrieb Kalkbrenner, als noch nicht ganz klar war, wie er das Geld dafür zusammenbekommen würde. Vor anderthalb Jahren ist er mit seiner Frau eingezogen. Nun leben sie im sechsten Stock eines Designerhauses auf einer ganzen Etage mit mehreren Terrassen, der Fahrstuhl führt bis in die Diele. Wenn man Kalkbrenner dort besucht, empfängt er an einem großen Holztisch, an der Wand lehnt ein riesiges Foto vom Fußballstadion in Barcelona. "Schweini" hat ihm gerade eine SMS geschickt, dass es mit den Karten für das Champions-League-Spiel klappe. Früher freute sich Paul über 1500 Euro am Abend, dann über 2500. Heute sind seine Gagen sechsstellig.

Pauls Freund Nico, der ihn seit der neunten Klasse kennt und sich heute ums Merchandising kümmert, sagt: "Pauls Wohnung ist jetzt größer, aber dort sitzen dieselben Leute wie vor zehn Jahren." Kalkbrenner sagt: "Natürlich hat sich mein Leben sehr verändert, aber ich habe immer noch dieselben paar Freunde wie früher." Er hat sie einfach in sein neues Leben eingebaut, nimmt sie mit auf Tour, manche arbeiten für ihn. Kalkbrenner spürt genau, wie sich das für die anderen manchmal anfühlen muss. Ab und zu stellt er sich vor, wie es wäre, wenn er auf einem Klassentreffen erscheinen müsste: "Wat sollste da sagen?" Es beginnt schon mit der Frage: Sollte er mit dem eigenen Wagen fahren oder sich fahren lassen? "Aber fahren lassen ist scheiße." Es hört sich an, als stelle er sich solche Fragen öfter.

Also bleibt er in seiner Wohnung. "Ich bin seit fünf Jahren nicht mehr ausgegangen." Vor allem Techno-Clubs meidet er, Kalkbrenner will höflich sein und niemanden beleidigen. Konzentriert sich im Club die ganze Aufmerksamkeit auf ihn, dann strengt ihn das an.

Wenn Paul Kalkbrenner jetzt von seiner Dachterrasse auf das neue Berlin schaut, kann er die Stadt seiner Kindheit und Jugend nicht mehr finden. "Das Berlin-Gefühl ist jetzt schon retrospektiv. Die Techno-Szene Berlins, so wie sie war, ist finito für immer, aber die weltweite Techno-Szene ist am Wachsen."

ZEITmagazin Nr. 31 vom 24. Juli 2014 © ZEITmagazin

Kalkbrenner arbeitet gerade an seinem nächsten Album, im Frühjahr soll es erscheinen. "Die neuen Songs müssen tippitoppi sein." Er überlegt sogar, einen Vertrag mit einer großen Plattenfirma zu unterschreiben, bisher hat er seine Alben selbst produziert. Kalkbrenner will noch größer werden. "Sonst kann ich nur die Key-Märkte beackern, aber vielleicht gibt es in Albanien und Estland auch ein paar Kalkbrenner-Fans."

Paul Kalkbrenner und seine Musik haben sich synchron zu Berlin entwickelt: erst der Umbruch, die Aggression und die Euphorie der Neunziger, dann die Drogen und exzessiven Partys der nuller Jahre, die Berlin zum Ziel der Easyjetter machten und als coolsten Ort der Welt erscheinen ließen, und nun die Nüchternheit und Geschäftstüchtigkeit der Gegenwart und die Erkenntnis, dass Berlin bald eine Stadt wie viele andere sein wird.

Es ist später Nachmittag, Kalkbrenner sitzt an seinem Tisch, er hat einen Teller Kuchen leer gegessen, gleich wird er aufstehen und Gras holen. "Ich muss von morgens bis abends immer dieser Typ sein", sagt er in die Stille. Dann springt er auf: "Gibt’s hier keine Kippen oder wat?"

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Kommentare

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Es hat nichts mit Musik zu tun, wenn deutsche Musiker in China erfolgreich sind. Die chinesische Mittel- und Oberschicht liebt westliche Künstler. Ich kenne einige Fälle, in denen Künstler ungewöhnlich viel Geld verdient haben -- in einem Fall handelte es sich um einen Geiger Anfang zwanzig, der zigtausend Euro im Monat verdiente, damit er in Lederhosen Alte Musik spielt. Nach fünf Jahren China war seine Reputation als Musiker so ruiniert, dass er sich nicht mehr zurück an die Universität traute. Blixa Bargeld etc. -- viele sitzen in China, nicht nur die alternden Popkünstler. Ich kann nur empfehlen, ein Mal selbst in China eine Weile zu leben, um zu erleben, wie dekadent und chaotisch die Region bei Tag und bei Nacht ist. Ich habe oft das Gefühl, dass die hiesigen Redakteure sich aufgrund ihrer übersichtlichen Herkunft und Lebensweise so etwas nicht vorstellen können. Das ist auch etwas, das man wirklich erleben und nicht herbeidenken muss.