Harald Martenstein Über Straßenverkehr

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ZEITmagazin Nr. 32/2014

Ich werde niemals verstehen, wieso manche Menschen sich beim Autofahren so aufregen. Es gibt Leute, die während des Fahrens ununterbrochen andere Fahrer beschimpfen. "Idiot" ist noch das mildeste Wort. Sicher, die anderen machen Fehler. Andere Chauffeure blinken nicht, bevor sie die Spur wechseln. Na und? Da muss man halt bremsen, ärgert sich kurz in sich hinein, und das Leben geht weiter. Der Mensch als solcher wird niemals fehlerfrei sein, die Unachtsamkeit wird niemals aussterben. Wenn man alle standrechtlich erschießt, die nicht blinken, wird eine neue Generation nachwachsen, die ebenfalls nicht blinkt.

Sie hupen auch gern. Sobald du bei Grün nicht sofort Gas gibst, hupen sie. Wenn du einparkst und sie deshalb anhalten müssen, hupen sie. Neu ist, dass sie in Staus hupen. Diese Leute glauben, dass sich der Stau dann auflöst. Sie denken, dass böse Menschen den Stau absichtlich herbeigeführt haben.

Anhänger des Philosophen Rousseau, die glauben, der Mensch sei von Natur aus gut, sollten eine Autofahrt in Berlin unternehmen. Mich hat der deutsche Straßenverkehr dem Denken der Frankfurter Schule entfremdet und zu einem Anhänger des Philosophen Odo Marquard gemacht. Odo Marquard ist der Ansicht, der Mensch sei ein "Mängelwesen", bei dem es leider niemals eine Rückrufaktion des Herstellers gebe. Ein zentraler Begriff seiner Philosophie heißt "die Unvermeidlichkeit von Üblichkeiten".

Marquard kritisiert die "Übertribunalisierung" der heutigen Lebenswelt, also dass ständig Urteile über andere gefällt werden, statt sich mit den Mitmenschen zu arrangieren. Literaturkritiker und Strafrichter kommen um Urteile nicht herum, aber muss der gesamte Alltag so ablaufen? Der Mitmensch ist ja, in all seiner Unachtsamkeit, die wichtigste Grundvoraussetzung jedweden Straßenverkehrs. Wo wollte man hinfahren, wenn es keine Mitmenschen mehr gäbe? Der Begriff "Übertribunalisierung" sollte in der Führerscheinprüfung abgefragt werden.

Inzwischen hat sich die Übertribunalisierung auf das Fahrradfahren ausgeweitet. Wenn ich mit dem Rad ins Büro fahre, treffe ich Leute, die im Sattel pausenlos schimpfen, wie früher nur die Autofahrer. Das ist erkenntnistheoretisch doch unhaltbar, zu denken, alle anderen seien Idioten, nur man selber sei keiner. Wenn alle anderen Weltbewohner Idioten sind, dann muss man doch nach allen Gesetzen der Logik selbst auch ein Idiot sein. Man sieht aus wie die anderen Idioten, man spricht ihre Sprache, man isst ähnliche Sachen, man pflanzt sich mit ihnen fort – das kann doch kein Zufall sein. Nur, der schimpfende Idiot ist halt die unangenehme Ausprägung des Idiotismus, während der schweigend und friedlich und ohne zu blinken Abbiegende immerhin ein menschlich angenehmer Idiot ist.

An einem guten Tag erreiche ich das Büro und bin dabei auf meinem Rad nur ein- oder zweimal im Vorbeifahren "Arschloch" genannt worden, meistens, weil ich zu langsam bin. Viele Radfahrer benutzen auch den Gehweg und beschimpfen dann die Fußgänger. Aus irgendeinem Grund lehnen 50 Prozent der Radfahrer Radwege ab, deshalb bin ich dafür, den Radwegebau vorerst einzustellen. Es muss erst mal eine große Radfahrerkonferenz einberufen werden, bei der die Radfahrer darüber abstimmen, ob sie Radwege überhaupt benutzen möchten. Falls sie ablehnen, sollte man alle vorhandenen Radwege zu Fußgängerwegen umwidmen und die Gehwege zu Radwegen erklären. Damit kann ich mich arrangieren.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

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"Aus irgendeinem Grund lehnen

"Aus irgendeinem Grund lehnen 50 Prozent der Radfahrer Radwege ab"

Zu schmal, zu große Ähnlichkeit mit einem frisch gepflügten Acker, zu große Gefahr, übersehen zu werden. Reichen diese Gründe? Ansonsten empfehle ich ihnen einen Morgen auf den Radwegen der Schönhauser Allee in Berlin, wenn man sich in einem stets anwachsenden Pulk von mehr als 30 Radlern in die Mitte Berlins bewegt. Da "freut" man sich über jeden Langsamfahrer unter 1 Kmm und jeden Fahrradanhänger, der den gesamten Radweg blockiert. Aber nein, ich mecker auch dann nicht. Ich klingle und überhole, denn diese Radfahrer können ja auch nichts für die städteplanerische Fehlleistung.