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Muay-Thai-Kampfsport Brutal frei

In Thailand haben Häftlinge gute Chancen, früher aus dem Knast zu kommen: Sie müssen nur hart genug zuschlagen. Von
ZEITmagazin Nr. 32/2014

In Zelle vier bereiten sich drei Männer darauf vor, ein paar Ausländer zu verprügeln. Ohne Rücksicht werden sie auf ihre Gegner einschlagen und eintreten. Sie werden ihnen mit Fäusten und Ellenbogen ins Gesicht dreschen, Füße und Knie in die Rippen rammen. Muay Thai heißt der ausgesprochen brutale Kampfsport.

Nonthawat Khaoban, Tanya Boonglao und Arun Deepan ziehen sich ihre kurzen weißen Hosen an, streifen die weißen T-Shirts über ihre tätowierten Oberkörper und verneigen sich noch einmal vor der Collage aus Buddha-Bildern und Fotos von asiatischen Kampfsport-Stars, die sie an ihre Zellenwand gehängt haben. Dann machen sie sich auf zum Ring im Hof des Klongpai Central Prison, eines Gefängnisses, das etwa 200 Kilometer nordöstlich von Bangkok liegt. Heute ist Kampftag. Die Gefangenen kämpfen um ihre Freiheit.

Khaoban, Boonglao und Deepan sind Teilnehmer des Prison Fight, einer Turnierreihe der thailändischen Strafvollzugsbehörde mit dem Untertitel Battle for Freedom. Die Kämpfe bieten für die Häftlinge die große Chance, früher als vom Gericht festgelegt aus dem Gefängnis zu kommen. Der Deal ist simpel: Benehmen sich die Insassen außerhalb des Rings ordentlich und innerhalb wie Kampfmaschinen, wird ihr Gefängnisdirektor sie früher in die Freiheit entlassen. Fünf, sechs Siege reichen schon, um die eigene Haftstrafe um mehrere Jahre zu verringern.

Thailands Gefängnisse sind hoffnungslos überfüllt: 300.000 Menschen sitzen landesweit ein. Platz wäre gerade mal für ein Drittel, wenn die Regierung das selbst gesteckte Ziel durchsetzen würde, jedem Insassen zumindest 2,25 Quadratmeter in seiner Zelle zu garantieren. Vor allem das harte Durchgreifen und die drakonischen Strafen bei Drogendelikten haben zu überfüllten Haftanstalten geführt. In Thailand kommen auf 100.000 Einwohner 450 Häftlinge, in Deutschland sind es 80.

Auch die regelmäßigen Massenbegnadigungen durch die thailändische Königsfamilie ändern nichts an dem Gedränge hinter Gittern. Mal sind es 26.000 Insassen, mal 35.000, die am Geburtstag der Königin oder des Königs auf einen Schlag freigelassen werden. Hinzu kommen Zehntausende Haftreduzierungen. Die Knastkämpfe in Klongpai sind im kleineren Maßstab eine weitere Möglichkeit, schneller freizukommen.

Die thailändischen Haftanstalten wählen ihre besten Insassen aus. Alle drei Monate treten Ausländer und Gefangene gegeneinander an. © Getty Images/Borja Sanchez Trillo

Was wie eine irre Idee aus einem alten Jean-Claude-Van-Damme-Film klingt, wird tatsächlich von der thailändischen Regierung unterstützt. In den Gefängnissen des Landes gehört Muay-Thai-Training zum Standardprogramm. Es ist Thailands Nationalsport. Kaum etwas ist verboten: Mit den Händen und Ellenbogen, den Füßen und Knien darf man überallhin schlagen und treten, nur nicht in den Unterleib und in die Genitalien.

Offizielle Kämpfe und Turniere zwischen Häftlingen gibt es schon länger, die Idee, regelmäßig ausländische Profikämpfer einzuladen, aber erst seit anderthalb Jahren. Sie stammt von einem estnischen Muay-Thai-Promoter. Wie er vom Prison Fight profitiert, möchte er nicht erzählen. Er will eigentlich gar nicht mehr mit den Medien sprechen. Die hätten behauptet, dass die besten Häftlinge nach deren Entlassung für ihn kämpfen müssten und dass er groß in den Muay-Thai-DVD-Markt einsteigen wolle. Das sei alles Blödsinn. Nur so viel: Er besorge die Teilnehmer aus Kanada, dem Iran, Usbekistan, Aserbaidschan. Die thailändischen Haftanstalten wählen ihre besten Insassen aus. Alle drei Monate treten Ausländer und Gefangene gegeneinander an.

Moses Lopez ist zum ersten Mal dabei. Drei Tage vor seinem Kampf steht der Amerikaner im Prison Fight Gym in Bangkok und bandagiert seine Hände. Der 26-Jährige ist durchtrainiert, Sixpack, kurze schwarze Haare, ein freundliches Gesicht, Brille. Das Gym, in dem er heute an seiner Tritttechnik arbeiten will, gehört der extra für die Knastkämpfe gegründeten World Prison Fight Association und ist das Trainingslager der ausländischen Teilnehmer. Es liegt inmitten einer leer stehenden Markthalle. Berge von Schrott türmen sich in den Gängen, herrenlose Hunde hecheln in der Hitze. Vier schwarze Sandsäcke hängen von der Decke, in den zwei Boxringen schnauben andere ausländische Muay-Thai-Kämpfer zu jedem Schlag, den sie austeilen.

Ich will mir selbst zeigen, dass ich es noch kann.
Moses Lopez

In 72 Stunden wird Moses Lopez im Klongpai-Gefängnis antreten. Bis dahin muss er noch einiges an Kondition und Technik aufholen, will er nicht ohne jede Chance untergehen. In den vergangenen Wochen konnte er nur selten im Ring trainieren. Sein letzter Kampf liegt bereits acht Monate zurück. Zudem macht seine linke Schulter Probleme, seit er vor anderthalb Jahren in seiner Heimatstadt Los Angeles einen schweren Unfall hatte. Ein SUV donnerte in sein Auto und erwischte ihn voll. "Ich dachte, ich sterbe", sagt Lopez. Er musste seinen Job beim Patiententransport im Krankenhaus aufgeben, weil er nicht mehr richtig heben konnte. Sein bisheriges Leben war zu Ende. "Zeit für einen Neustart", sagt Lopez. Im Mai zog er nach Bangkok, ins Zentrum des Muay Thai, um seine Karriere als Kämpfer voranzutreiben.

"Ich will mir selbst zeigen, dass ich es noch kann." Moses Lopez spricht mit sanfter Stimme. Seine große Leidenschaft sind seine Singvögel, die er bei sich zu Hause auf dem Balkon in Käfigen hält. Drosseln, Elstern und Rotkehlchen, mit denen er zu Singwettbewerben fährt. Er passt so gar nicht in diesen rauen Muay-Thai-Schuppen, in dem die anderen Kämpfer lauthals verkünden, dass sie keinen Gedanken ans Verlieren verschwenden und gegen Vergewaltiger besonders hart zuschlagen werden. Lopez versucht sich in die Häftlinge hineinzuversetzen: "Die sind in einer verzweifelten Situation und werden alles geben, um rauszukommen. Das wird verdammt schwer."

Dass er im Prison Fight Nonthawat Khaoban gegenüberstehen wird, weiß Moses Lopez zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die Kampfpaarungen geben die Organisatoren erst am Vortag bei einer Pressekonferenz im Gefängnis bekannt.

Hinter den weiß gestrichenen Mauern des Klongpai Central Prison leben 4700 Häftlinge, 4100 von ihnen im Hochsicherheitstrakt. Nach Klongpai kommt man für die schweren Verbrechen – Mord, Vergewaltigung, Drogenhandel im großen Stil.

Nonthawat Khaoban tänzelt in der Trainingsbaracke des Gefängnisses vor einem abgewetzten Sandsack hin und her. Er wiegt gerade mal 55 Kilogramm und ist nicht größer als 1,68 Meter, aber durchtrainiert. Er feuert Tritte in den Sack, das Leder knallt. Zweimal täglich übt er hier, sechs Tage die Woche. Das straffe Programm haben er und die anderen Muay-Thai-Häftlinge in thailändischen Schriftzeichen auf zwei DIN-A4-Seiten geschrieben: 50 Minuten Laufen, 25 Minuten Seilspringen, zehn Minuten Schattenboxen, 20 Minuten am Sandsack, 20 Minuten Sparring mit dem Trainer. Dazwischen 400 Sit-ups und 120 Liegestütze.

Ich bin nach Hause gegangen, habe ein Messer geholt und bin zurück zum Nachtclub.
Nonthawat Khaoban

Mit acht Jahren hat er mit Muay Thai angefangen, mit 19 war er Titelträger der Region Isan, deren Gyms dafür bekannt sind, hervorragende Kämpfer auszubilden. Heute ist er 28 und stand weit mehr als 200-mal im Ring. Sogar im Lumpinee Boxing Stadium ist er schon angetreten, einem der größten Muay-Thai-Stadien Bangkoks. Wer hier Erfolg hat, kann davon leben. Zuschauer wetten irrsinnige Summen auf einzelne Duelle. Nonthawat Khaoban entwickelte sich gerade zu einem namhaften Muay-Thai-Profi, als er zum Mörder wurde.

Khaoban hat einen anderen Mann erstochen. Vor drei Jahren war er abends mit Freunden unterwegs. "Wir haben was getrunken und sind in einem Nachtclub gelandet", erzählt er. Sie tanzten ein bisschen, guckten Frauen hinterher. Dann gab es Ärger mit einem jungen Mann, der die Freundin seines besten Kumpels antatschte. "Ich bin nach Hause gegangen, habe ein Messer geholt und bin zurück zum Nachtclub." Und Khaoban stach zu. Elf Jahre und sechs Monate hat er für den Mord bekommen.

Mit den Händen und Ellenbogen, den Füßen und Knien darf man überallhin schlagen und treten, nur nicht in den Unterleib und in die Genitalien. © Getty Images/Borja Sanchez Trillo

Doch die Strafe hat nur symbolischen Wert. Seine Muskeln, die harten Tritte und gezielten Schläge werden Khaoban schneller aus dem Knast bringen. Wenn es gut für ihn läuft, muss er insgesamt nur vier oder fünf Jahre seiner Haftstrafe absitzen, drei davon hat er schon hinter sich. Er ist sehr erfolgreich bei den Gefängniskämpfen, die ausländischen Gegner sind kein Problem für ihn. Bei allen sechs Turnieren, die bisher stattgefunden haben, war er dabei. Und er hat alle seine Kämpfe gewonnen: Er ist zweifacher Prison-Fight-Champion.

Den Gefängnisdirektor beeindruckt das sehr. Aree Chaloisuk ist sichtlich zufrieden, wenn er vom Prison Fight erzählt. Seit drei Jahren leitet er das Klongpai-Gefängnis, außerdem ist er der Präsident der World Prison Fight Association. Die zentrale Figur. Mit seinem dunklen Wachsgesicht und dem permanenten Lächeln steht der 60-Jährige im Gefängnishof und schaut zu, wie ein Dutzend Häftlinge den Boxring für den Kampftag aufbauen. Chaloisuk ist untersetzt, seine Uniform behangen mit goldenen Abzeichen. Zum Pressegespräch hat er ein Landwirtschaftsmagazin mitgebracht, auf dessen Titelseite er groß zu sehen ist.

Wenn sie einen Ausländer besiegen, bringen sie dem Gefängnis Ruhm. Dafür belohnen wir sie.
Aree Chaloisuk

Bereits vor elf Jahren hat Chaloisuk im Namen von Thailands Strafvollzugsbehörde Kämpfe zwischen Insassen organisiert. "Wir wollen den Häftlingen helfen", sagt er. Das tägliche Muay-Thai-Training sei eine gute Alternative zu den Gangs und den vielen Drogen im Gefängnis. "Sie sollen ihre Lage nutzen, um ihr Leben zu ändern", sagt er. Die Gefangenen können auch in einem Landwirtschaftsprogramm etwas über Ackerbau lernen oder im Gefängnissalon das Haareschneiden. Die drastischen Reduzierungen der Haftstrafen gibt es allerdings nicht für besonders ertragreiche Ernten oder die schönsten Frisuren, sondern nur für die erfolgreichen Muay-Thai-Kämpfer. "Wenn sie einen Ausländer besiegen, bringen sie dem Gefängnis Ruhm. Dafür belohnen wir sie", sagt Chaloisuk.

Ein Belohnungssystem für die besten Schläger: das Recht auf der Seite des Stärkeren? Kann das funktionieren? Und was bedeutet das für die Opfer und ihre Familien, die sich Gerechtigkeit wünschen? Der Gefängnisdirektor sagt, er plane für die Zukunft Entschädigungszahlungen an die Opferfamilien, wenn ein Täter wegen seiner Erfolge beim Prison Fight früher entlassen werde. Es klingt wie ein Eingeständnis, dass die Prison Fights bislang nur für die Täter ein guter Deal sind. Doch Chaloisuk bleibt dabei: Wer gut kämpft, darf früher raus.

Diese einfache Logik hat eine lange Tradition. 1774, als Thailand noch Siam hieß, nahm der König Birmas Tausende Siamesen gefangen, darunter auch viele Kampfsportler. Einer von ihnen trat bei einem großen Fest gegen zehn birmanische Männer an. Er besiegte einen nach dem anderen. Der birmanische König war so beeindruckt, dass er den Gefangenen freiließ.

Mehrere Dutzend Häftlinge sind durch die Kämpfe schon früher freigekommen.
Aree Chaloisuk

Heutzutage kann Chaloisuk ein bisschen König spielen. Er lässt Häftlinge aus anderen Gefängnissen in seines verlegen, wenn sie gute Kämpfer sind. Er entscheidet, wer von ihnen beim Prison Fight antreten darf. Er sitzt dem Komitee vor, das der Strafvollzugsbehörde die Höhe der Haftreduzierung empfiehlt. Die Entscheidungen sind oft undurchsichtig. Es gibt nur wenige klare Regeln und für jede dieser Regeln zahlreiche Ausnahmen. Als zum Beispiel 2009 ein Weltklasse-Boxer als Crystal-Meth-Kurier festgenommen und zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde, durfte er bereits nach einem Jahr im Gefängnis kämpfen. Dabei sagt das Reglement, dass die Insassen mindestens ein Drittel ihrer Haftstrafe verbüßt haben müssen, bevor sie am Prison Fight teilnehmen dürfen. Der Boxer ist inzwischen wieder frei. Ihm wurden über 16 Jahre erlassen.

"Mehrere Dutzend Häftlinge sind durch die Kämpfe schon früher freigekommen", sagt Gefängnisdirektor Chaloisuk. Die Wahrscheinlichkeit, beim Prison Fight zu verlieren, ist für die Insassen sehr gering. Nur die wenigsten ausländischen Teilnehmer können mit ihnen mithalten. Sie haben viel weniger Erfahrung im Muay Thai: Ihre Schläge mögen härter sein, ihre Tritte sind dafür schwächer als die der Häftlinge. Bei den bisherigen 46 Prison-Fight-Kämpfen gab es gerade einmal fünf Niederlagen für die Gefangenen. Gemessen an der möglichen Belohnung, sind die Gegner, die ihnen vorgesetzt werden, teilweise unglaublich amateurhaft. Es standen schon Journalisten im Ring, die über die Selbsterfahrung schreiben wollten. Auch diese geschenkten Siege können den Insassen Jahre im Gefängnis ersparen.

Ich kämpfe, um zurück ins Leben zu finden.
Moses Lopez

Dem amerikanischen Muay-Thai-Kämpfer Moses Lopez ist klar, dass er bei einer Niederlage einem Schwerverbrecher den Weg in die Freiheit ebnet. "Wenn er sich im Gefängnis zum Besseren geändert hat, kann ich damit leben", sagt Lopez bei der Pressekonferenz einen Tag vor dem Prison Fight. Es ist das erste Aufeinandertreffen der ausländischen und der thailändischen Kämpfer. Lopez hat gerade erst erfahren, dass er gegen Nonthawat Khaoban in den Ring muss. Er ist einen Kopf größer als der Häftling und schwerer. Aber Khaoban wirkt sehr fokussiert. "Natürlich wird er versuchen, mich wegzuräumen. Auf seinem Weg nach draußen störe ich nur", sagt Lopez. Für ihn selbst gehe es nicht ums Gewinnen bei diesem Kampf, er wolle einfach durchhalten.

"Ich kämpfe, um zurück ins Leben zu finden", sagt Lopez.

"Ich kämpfe, um freizukommen", sagt Khaoban.

Er bereue den Mord, sagt er. Doch es sei nun mal passiert, und jetzt wolle er so schnell wie möglich wieder rauskommen. Nach seiner Entlassung könnte Khaoban weiterkämpfen und damit Geld machen.

Die Häftlinge im Publikum schließen Wetten ab, ob es einen Knock-out geben wird. © Getty Images/Borja Sanchez Trillo

Es gibt einzelne Fälle, bei denen die Rehabilitation im Ring geklappt hat: Chalermpol Singwancha saß acht Jahre, weil er Crystal Meth verkauft hatte. "In den ersten Monaten im Gefängnis habe ich viel Mist gebaut", erzählt er in dem Gym in Bangkok, wo er heute trainiert. Prügeleien, Stechereien. "Muay Thai brachte mich auf den richtigen Weg." Singwancha besiegte Franzosen und Brasilianer, verlor keinen seiner Kämpfe im Gefängnis. Nach seiner Entlassung wechselte er zum Boxen. Elf Siege hat er bisher geholt, in seiner Gewichtsklasse ist er die Nummer drei in Thailand. Zwischen 30.000 und 40.000 Baht bekommt er pro Kampf ausgezahlt, umgerechnet 700 bis 900 Euro. Davon kann er leben. Nonthawat Khaoban kennt Singwanchas Geschichte. Es könnte nicht mehr lange dauern, bis er auch an diesem Punkt ist.

Am Kampftag ziehen Fernsehteams von Zelle zu Zelle, Fotografen stehen sich gegenseitig im Weg. In der Trainingsbaracke präparieren sich die Kämpfer für ihren Einsatz, sie lassen sich massieren, lockern ihre Muskeln. Es riecht nach dem Menthol-Öl, mit dem sie sich einreiben, um die Durchblutung anzuregen.

Im Gefängnishof steht der Boxring, aufgebaut im Schatten der großen Katappenbäume. Es ist heiß, 34 Grad Celsius. Der Direktor hat auf seinem Thron Platz genommen, einem hellblauen Sofa aus Lederimitat. Er lächelt, wie immer. Eine Zwei-Mann-Gefängnisband mit Gitarre und Schlagzeug spielt I Want It That Way von den Backstreet Boys, die rund 200 Häftlinge im Publikum jubeln schon nach der ersten Zeile des Songs. Es kann losgehen.

Bereits im ersten Kampf fließt Blut. Der Teilnehmer aus Aserbaidschan hat einen dicken Cut über seinem rechten Auge. Einen Ringarzt gibt es nicht, es geht weiter. Am Ende gewinnt der Häftling nach Punkten.

Manche der Kämpfe sehen aus wie brutale Oktoberfest-Schlägereien. Fäuste knallen auf Schläfen, Ellenbogen auf Nasen, Knie auf Rippen. Kaum Taktik, Hauptsache, draufhauen. Es sind einige äußerst zweifelhafte Entscheidungen der Punktrichter dabei, die während der Kämpfe einfach mal verschwinden und ein paar Minuten später wieder an ihre Plätze zurückkehren. Einen Iraner lassen sie verlieren, obwohl er klar dominiert hat. Nach vier Kämpfen steht es drei zu eins für die Insassen.

Als der Ringsprecher Nonthawat Khaoban ankündigt, springen die Insassen im Publikum von ihren roten Plastikstühlen auf und klatschen. Er ist der Star des Tages. Dann dudelt Schlangenbeschwörermusik aus den Boxen. Khaoban führt einen traditionellen Tanz zu Ehren seines Trainers und des Gefängnisdirektors auf. Er kniet sich in der Mitte nieder, verbeugt sich.

Bald habe ich ein Gespräch mit dem Direktor.
Nonthawat Khaoban

In der ersten Runde halten sich beide Kämpfer zurück, tasten sich ab. Ein kurzer Versuch von Khaoban mit der rechten Faust, den Lopez abwehren kann. Der tritt seinen Gegner an den Arm. Khaoban lacht. Von der Ringecke aus schreit Lopez’ Trainer: "Kick! Kick! Kick!" Die Häftlinge im Publikum schließen Wetten ab, ob es einen Knock-out geben wird. Ihr Einsatz: Zigarettenpäckchen. Gleich zu Beginn der zweiten Runde explodiert Khaoban. Er schlägt mit seinem Ellenbogen knapp hinter das Ohr von Lopez. Der zuckt noch kurz nach links, dann setzen die Nervenbahnen aus, sein Gesicht wird zu einer schlaffen Maske. Bewusstlos sackt er auf den Boden des Rings. Die Zuschauer grölen, sie fahren von ihren Sitzen hoch, der Ringrichter reißt Khaobans Arm in die Höhe. Der verurteilte Mörder hat sich seinen siebten Sieg erkämpft.

Nach dem Kampf stehen Nonthawat Khaoban und Moses Lopez zusammen in der Trainingsbaracke des Gefängnisses. Sie unterhalten sich mithilfe eines Dolmetschers, schießen Erinnerungsfotos. Beide haben einen Umschlag mit ihrer Gage in die Hand gedrückt bekommen. Die 5.000 Baht, also 115 Euro, von Khaoban bewahrt das Gefängnis für ihn auf. Er bekommt das Geld, wenn er entlassen wird. Gerüchten zufolge müsste er spätestens in einem Jahr draußen sein. "Bald habe ich ein Gespräch mit dem Direktor", sagt er.

Am nächsten Morgen steht Moses Lopez auf dem Balkon seines Hauses in einem von Bangkoks Wohnvierteln und füttert seine Singvögel mit gefrorenen Grillen. Sein Kopf dröhne noch immer, sagt er, beim Gehen habe er einen leichten Linksdrall. Ansonsten sei aber alles in Ordnung. "Der Typ wusste genau, wo er mich treffen muss. Er ist verdammt gut." Es war der erste Knock-out, den Lopez einstecken musste. Zwei, drei Sekunden lag er bewusstlos am Boden. Er habe darüber nachgedacht, ob es das jetzt für ihn gewesen sei. Aber er wolle weitermachen, müsse weitermachen. Er lebt von seinen Ersparnissen, die Antrittsgagen helfen ihm, über die Runden zu kommen. "In einem Monat habe ich wieder einen Kampf. Ich muss einfach mehr trainieren", sagt Lopez.

Gestern Abend, nach der späten Ankunft zu Hause, habe er noch einen seiner Vögel aus dem Käfig geholt und wegfliegen lassen. "Er wirkte ängstlich. Er tat mir leid", sagt Lopez. Es sei aber kein symbolischer Akt gewesen.

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