Ich habe einen Traum Nikki Yanofsky

"Als ich zwölf war, tippte ich bei Google aus reiner Neugier 'Jazz' ein"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 32/2014

Über meinem Bett hängt ein großes Porträt von Ella Fitzgerald. Vielleicht ist das der Grund, warum ich so viel davon träume, mit anderen Musikern aufzutreten. Vor einigen Tagen traf ich im Traum Louis Armstrong in Paris. Ich erinnere mich genau, wie ich die Stufen zur Bühne eines winzigen Clubs heraufkomme und denke: Wow, der ist doch längst tot, was ist denn hier los? Louis beachtet mich nicht und beginnt mit der Show. In dem Traum kann ich nicht sprechen. Ich stehe da auf der Bühne, staune, bin begeistert, aber weiß nicht so recht, was ich machen soll. Leider passiert es mir auch in Wirklichkeit öfter mal, dass es mir die Sprache verschlägt – ein echter Albtraum! Denn wenn ich nicht sprechen kann, kann ich auch nicht singen. Und das ist für mich das Wichtigste im Leben.

Den Jazz zu entdecken war wie ein Traum. Ich war zwölf und tippte bei Google aus reiner Neugier den Begriff "Jazz" ein. Als erster Treffer kam da Ella Fitzgerald – und was ich dann bei iTunes von ihr hörte, warf mich um. Was mich an dieser Musikrichtung beeindruckte, war vor allem der ungewöhnliche Gesang. Ich selbst singe seit meinem fünften Lebensjahr am liebsten vor Publikum. Deswegen hängte ich in dem Alter bei uns in der Straße selbst gemalte Plakate auf, um für meine Konzerte im Keller meiner Eltern zu werben.

Als Kind hatte ich ziemlich lustige Albträume. In einem, den ich immer wieder träumte, packte mich ein großes, grünes, glitschiges Monster und spülte mich die Toilette hinunter. In einem anderen Traum springe ich von der höchsten Stufe einer Treppe hinunter und merke, dass ich fliegen kann. Dann tauche ich in ein Meer hinein und merke, dass ich unter Wasser atmen kann. Das Merkwürdige an diesen Träumen war, dass sie sich so real anfühlten. Eine Weile lang habe ich meine Träume in ein kleines Buch geschrieben. Der erste, den ich dort notierte, handelte davon, dass ich gekidnappt werde – und das war mir dann doch so unheimlich, dass ich das Schreibprojekt bald wieder aufgab.

Inzwischen habe ich tatsächlich viel mit berühmten Musikern zu tun. Zum Beispiel mit Quincy Jones. Bevor er mich einlud, mit ihm zu arbeiten, hatte ich seine Songs schon einmal im Traum gesungen. Ich habe Quincy Jones mal gefragt, ob es zu seiner Zeit entspannter war im Musikgeschäft, und er meinte, dass berühmte Musiker früher mehr Privatsphäre gehabt hätten. Aber da ich nur die Gegenwart kenne, kann ich die Vergangenheit nicht vermissen. Außerdem habe ich kaum Probleme damit, bekannt zu sein. In meiner Heimat Kanada wissen zwar viele Menschen, wer ich bin, aber auf der Straße erkannt werde ich selten. Die Leute denken meistens, ich sei jemand, der wie Nikki Yanofsky aussieht. "Du siehst aus wie diese Sängerin" – das bekomme ich regelmäßig zu hören. Ich antworte dann immer: "Ja, das habe ich schon öfter gehört." Dann lachen wir gemeinsam, und ich habe meine Ruhe.

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