Gesellschaftskritik Über Facebook-Freunde

© Dylan Martinez/Reuters
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 32/2014

Shakira ist jetzt übrigens der beliebteste Mensch der Welt. Zumindest, wenn der beliebteste Mensch der Welt zu sein heißt, dass man die meisten Facebook-Freunde hat. Shakira hat als erster User die 100.000.000-Marke erreicht. Nur Facebook selbst hat mehr, ist aber kein Mensch. Jetzt werden sich viele fragen: Wie hat die Shakira das nur geschafft? Und vor allem: Was hat Shakira, was die Gesellschaftskritik nicht hat? Nun, da wäre zum einen der Hüftschwung. Die tollen Haare. Sie ist ein Star. Reich. Aber lassen wir das, es führt uns nicht weiter.

Stellen wir uns lieber die Möglichkeiten vor, die sich ergeben, wenn man, wie Shakira jetzt, 100 Millionen Menschen gleichzeitig ansprechen kann. So als beliebtester Mensch. Eine Botschaft, "Peace on earth!" oder so – zack: drei Millionen Likes. Ein Foto von der Schule in Cartagena, die Shakira spendiert hat – zack, wieder ein paar Millionen. Ein Bild vom Baby – zack, einige Zehntausend Male geteilt.

Aber das ist Facebook für Anfänger. Eigentlich hat Shakira jetzt ganz andere Möglichkeiten. Sie könnte zum Beispiel helfen, ein paar Menschheitsprobleme zu lösen. Das Demografieproblem etwa. Wenn sie posten würde: "Hey, Leute in Europa, ihr müsst echt mehr Kinder kriegen, sonst sterbt ihr aus!", und nur ein Bruchteil ihrer Facebook-Freunde, also ein paar Millionen, würde dieser Aufforderung nachkommen – das Demografieproblem wäre binnen Stunden gelöst. Statistisch gesehen müssten unter ihren 100 Millionen Freunden auch einige Hunderttausend Militärs oder wenigstens ein paar Tausend Politiker, Physiker, Chemiker, Diktatoren, Diktatorensöhne und andere Schurken sein. Wenn nun Shakira posten würde, dass sie Bomben bauen, Kriege anzetteln und das eigene Volk unterdrücken nicht so toll findet – wer weiß, was das auslösen würde?

ZEITmagazin 32/2014 © ZEITmagazin

Woran man sieht: Der beliebteste Mensch auf der Welt zu sein ist eine große Verantwortung. Man stelle sich vor, ein Post wie etwa der zum Demografieproblem würde von ein paar Hunderttausend Fans falsch verstanden, in Gebieten, wo eher Überbevölkerung das Problem ist. Da loben wir uns Angela Merkel. Sie hat nur 708.000 Facebook-Fans, vergleichsweise lächerlich, aber offenbar hören ja trotzdem ein paar Leute auf sie. Das erscheint uns dennoch ausbaufähig. Was wäre, wenn sie plötzlich an ihrem Hüftschwung arbeitete, ein paar Extensions dazu, dafür etwas weniger Hosenanzug? Was dann passieren wird, wollen wir uns allerdings in den kühnsten Träumen nicht ausmalen, und es wäre sehr angemessen, nun das Thema zu wechseln.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Sehr geehrte Frau Topçu,

vielen Dank für diesen Denkanreiz. Ein wirklich interessanter und durchaus spannender Ansatz. Allerdings hätte es mich als Social-Media-Enthusiast sehr gefreut, wenn dieses Gedankenspiel weitergespielt wird und ein wenig mehr über die Hintergründe sinniert worden wäre. Hier ein kurzer Denkversuch meinerseits und ein paar Fragen, denen man sich noch widmen könnte. Eventuell wollen sie diese in einem Folgeartikel einbeziehen?

Hintergründe: Warum ist Shakira eigentlich die "most likeable person" auf facebook? und warum sogar beliebter als große Marken wie Coke oder YouTube, die sicherlich über ein höheres Marketingbudget verfügen? Sind Personen tendenziell veranlagt beliebter zu sein als reine Marken/Firmen? Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, dass eine Nicht-Amerikanerin und Frau die beliebteste Person auf facebook ist? Reicht es aus ihre Beliebtheit durch ihre Herkunft zu erklären? Latinos verfügen ja über ein sehr interessantes und stark ausgeprägtes Social Media Verhalten und sind auch stark in der US-Kultur verankert. Inwieweit spielt ihre eigentliche Arbeit, die Musik, und inwieweit ihre öffentliche soziale Verantwortung gegenüber ihrer Umwelt eine Rolle bei dieser Position? Dies alles Fragen, die ich mich frage und teilweise auch Antworten darauf habe, aber dennoch würde mich Ihre Meinung dazu interessieren oder die, sogenannter Experten.

Teil 2:

Sehr geehrte Frau Topçu,
...

Einfluss: Auch bezüglich der Auswirkungen einer solchen Position könnte man deutlich mehr Fragen stellen und versuchen Antworten zu finden. Ein schönes Gedankenspiel das Sie hier angeführt haben, was wenn Shakira ihre "Macht" ausspielt um gesellschaftliche Probleme anzugehen. Allerdings ist es doch wahrscheinlicher, dass sie andere Probleme als die der Unter/Überbevölkerung angeht. Gibt es Probleme, die sie vielleicht sogar tatsächlich angehen könnte? Wie wahrscheinlich wäre dass sie das (a) tun könnte, (b) das auch erfolgreich wäre und (c) wie genau könnte ein solcher Social-Media-Plan aussehen, ein gesellschaftliches Problem zu lösen? Die Frage die sich dann noch stellt ist, inwieweit verträgt ihre Fancommunity (ja es sind Fans und keine Freunde auf facebook die Shakira hat) mit nicht-musik oder gar sogar Shakira-relevanten Posts und Shares? Und bzw. wie könnte Sie es schaffen oder schafft es eventuell heute schon diesergleichen als für Sie persönlich wirklich wichtige Themen zu verkaufen.

Diese und einige Fragen mehr haben mich mir beim Lesen diesen Artikels begleitet, ich danke Ihnen dafür und würde mich über eine Antwort sehr freuen.

Mit besten Grüßen aus Wien,

Akilnathan Logeswaran

Herrlich, wie ernst diese Kolumnen immer genommen werden. Man sollte doch denken, dass die Ironie nicht vollkommen an Leuten verloren ist, die dann ellenlange gedrechselte Texte hier posten. Ich bin ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Autorin die Sache eher spaßig meinte und sich vollkommen bewusst ist, dass Facebook-"Freunde" eben genau das sind: "Freunde" - im Gegensatz zu Freunden ohne Anführungszeichen (für die begriffsstutzigen Damen und Herren).