Stilkolumne Konstruktive Ideen

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 32/2014

Ein kleiner Exkurs über den Konstruktivismus: Der Konstruktivismus als Begriff aus der Kunst bezeichnet eine streng gegenstandslose Stilrichtung Anfang des 20. Jahrhunderts und geht auf den russischen Maler Kasimir Malewitsch zurück. Die Idee dahinter ist, sich auf geometrische Grundformen zu konzentrieren und so einen neuen Startpunkt gegen alle historisch gewachsenen Formen zu setzen. Alles, was "naturalistischen Nachbildungen" nahekam, wurde von den Künstlern des Konstruktivismus strikt abgelehnt.

Das Pendant in der Architektur ist die Schule des Bauhauses. Es war die Zeit der großen Erneuerung, die Kunst wollte nicht mehr der Wirklichkeit nacheifern. Sie wollte selbst schöpferisch sein, sich nicht in Schnörkeleien verlieren oder romantisch die Vergangenheit kopieren, sondern modern sein. Es ging darum, sich vom Historismus zu lösen. Der Konstruktivismus schuf die Kunst neu, die Bauhausschule machte Schluss mit all dem Stuck und setzte klare, rationale Formen dagegen. Es ist kaum zu glauben, dass die Ausgangssituation für diese Revolution eher defensiv war. Es galt, eine Antwort auf die Frage zu finden: Wenn die Fotografie die naturalistische Malerei hinfällig gemacht hat und die industrielle Fertigung das Handwerk ablöst – welche Aufgabe soll dann die Kunst noch haben, um zeitgemäß zu sein? Auch heute gibt es viele Handwerke, die durch den Fortschritt in ihrem Fortbestand bedroht sind (unter anderem das journalistische). Und man würde sich eine ähnliche Unverzagtheit wünschen, die eigene Welt einfach neu zu erfinden.

Nun ist der Konstruktivismus wieder da und Bauhaus irgendwie auch. In der Mode nämlich, in Form vieler grafischer Muster. Die sehen aus, als wären sie direkt von Bildern der russischen Avantgarde abgemalt worden. Farbige Muster aus Linien und Kreisen auf Herrenhemden von Givenchy, große weiße Kreise auf Mänteln von Kenzo, Quadrate und Dreiecke bei Valentino. Sogar bei Lacoste werden Frau und Mann mit großen grafischen Mustern bedacht. Es ist einerseits ein Weg, etwas Gemustertes anzuziehen, ohne kleinkariert zu wirken. Wer sich so kleidet, ist eher für die großen Linien zuständig. Andererseits ist es ein Zitat aus einer Zeit, in der Kunst und Gesellschaft noch zusammengehörten. Also leider Historismus. Nur ohne Schnörkel.

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren