Harald Martenstein Über die vielen Universalgenies an deutschen Schulen

Seit Jahren heißt es, die Ausgaben für Bildung müssten steigen. Dabei werden die Zensuren der Schüler immer besser. Nur Lehrer schaden dem Notenniveau. Von
ZEITmagazin Nr. 33/2014

Seit Jahren werden die Schulnoten in Deutschland immer besser. Wenn man sich die Noten anschaut, dann ertrinkt das Land fast in einer Flut von Universalgenies. An der Spitze steht Berlin. Berlin ist offenbar Deutschlands Geniehauptstadt. In den wenigen Jahren von 2006 bis 2012 hat sich in Berlin die Zahl der Abiturienten mit dem Notendurchschnitt 1,0 vervierfacht.

Ein Bildungsforscher, Hans Peter Klein, hat eine Abiturklausur des Leistungsfaches Biologie aus Nordrhein-Westfalen, nur so zum Spaß, einer neunten Klasse vorgelegt. Fast alle haben bestanden, einer mit 1,0. Das gleiche Experiment wurde auch mit einer Mathe-Klausur durchgeführt, mit dem gleichen Ergebnis. Hans Peter Klein hat weitergeforscht. Er hat herausgefunden, dass die Lösungen der Abituraufgaben neuerdings "dem umfangreichen Arbeitsmaterial entnommen" werden können, das den Schülern an die Hand gegeben wird.

Wenn aber das wichtigste Abiturwissen darin besteht, eine Lösung abschreiben zu können, und wenn dieses Wissen nachweislich schon in der neunten Klasse vorhanden ist, dann kann man ohne Weiteres die Klassen 10 bis 13 streichen. Dieses Geld kann man sich sparen.

Hans Peter Klein ist noch einem weiteren Phänomen nachgegangen. Auffällig viele Schüler, die in Mathematik eine schlechte Note haben, eine 5 oder 6, wählen für die Präsentationsprüfung im Abitur ausgerechnet ihr Horrorfach Mathe. Der Schüler bekommt eine Aufgabe und hat vier Wochen Zeit, dann muss er die Lösung dieser Aufgabe öffentlich vorführen. Natürlich holen die Schüler sich Hilfe von Mathe-Cracks oder im Internet, wo sich sehr schöne Präsentationen zu den gängigsten Aufgabenstellungen mühelos finden lassen. Schüler, die vorher nichts kapiert haben, können plötzlich von ihrem ausgedruckten Papier ablesen oder sogar auswendig vortragen, wie es geht. Nicht wenige, die vorher auf "6" standen, gehen mit einer "2" aus der Prüfung hinaus, man muss sie also nur in Ruhe im Internet recherchieren lassen. Damit ist bewiesen, dass Lehrer dem Notenniveau nur schaden. Man kann sie alle entlassen.

Das Abitur wird immer einfacher, damit es soziale Gerechtigkeit gibt. Das Abitur soll kein Privileg von Besserlernenden oder Besserwissenden mehr sein, alle Schüler sollen es bekommen. Weil nun einmal nicht alle Menschen so intelligent, ehrgeizig oder fleißig sind, dass sie ein schwieriges Abitur ablegen können, muss es einfach sein. Da habe ich eine wunderbare Idee zur Bekämpfung der Armut: Die Regierung sollte Geld drucken und jedem Bundesbürger eine Million Euro in die Hand drücken. Das ist das gleiche Prinzip.

Seit Jahren höre ich, die Ausgaben für Bildung müssten steigen. Ich bin, seit ich die Notenstatistik kenne, gegenteiliger Ansicht. Wieso verlangen die Bildungspolitiker mehr Geld, während gleichzeitig die Schüler auf breiter Front immer besser werden? Wenn immer mehr Schüler immer bessere Schulabschlüsse bekommen, dann reicht das Geld doch. Andererseits, brauchen wir wirklich so viele Genies? Irgendjemand muss doch auch Straßen bauen und Heizungen reparieren. Ich finde, das größte Sparpotenzial beim Staatshaushalt befindet sich in den Bildungsetats. Allerdings muss es in Deutschland in jedem Fach immer noch mindestens eine Person geben, die durchblickt und die Lösungen ins Internet stellt. Das kann zur Not aber auch ein Professor aus den USA machen. Erst dann, wenn die deutschen Schüler nicht mehr lesen und deshalb auch nicht mehr abschreiben können, muss von einer echten Bildungskatastrophe gesprochen werden.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

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Ich mag die Aufsätze von Herrn Martenstein. Die Berliner Verhältnisse kann man getrost auf NRW übertragen. Aber mit den besseren Zensuren wächst der Stolz. Früher ist man in Jeans nach vorne geschlurft und hat sich sein Abi-Zeugnis abgeholt - und das war es dann. Einige ganz Coole haben es sich nach Haus schicken lassen. Heute wird mit und um das Abi herum die gefühlt zwanzigste Party gefeiert. Die Hauptparty ist ein Total-Event von gekauften Managern gestaltet. Die Mädels sitzen stundenlang beim Friseur, um beim Abi-Promi-Ball so richtig herauszukommen. Und Eltern gehen noch mal zur Tanzstunde, um sich nicht zu blamieren. Also: Inflation bringt doch was - und wenn es nur die Zensureninflation ist, die inzwischen galoppierende Züge aufweist. Wir leben in einer Zeit, in der dick aufgetragen wird. Fast, wie vor hundert Jahren!