Gesellschaftskritik Über ungeliebte Tattoos

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ZEITmagazin Nr. 33/2014

Seit Jahren versuchen wir von der Gesellschaftskritik, junge Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass man Tattoos ein Leben lang tragen muss und sich deshalb darüber im Klaren sein sollte, dass die Erkenntnisse, die man mit 18 über das Leben hatte, einem mit 40 so tiefsinnig vorkommen wie Filly-Pferde. Diese Erfahrung machte auch Ann-Kathrin Brömmel, Marketingstudentin und Freundin von Mario Götze. Mit 18 hat sie sich "Memento Mori" auf den Rücken stechen lassen, heute, mit 24, klebt sie es ab. Dabei ist Memento noch nicht mal ein italienischstämmiger Nachwuchsspieler, sondern die Erinnerung daran, dass das Leben endlich ist. Heute hat Brömmel nur das Wort Jugendsünde dafür übrig. Wie sehr das ihren Tätowierer trifft, Angehöriger einer Berufsgruppe, die unter einer rauen Schale oft einen weichen Kern verbirgt, können wir nur erahnen. Und schalten um zum Tattoo-Studio "Forever" in Dortmund-Nord.

Tattoo-Ralle: So wat ärgert mich, Mann. Und ich sach noch zu ihr, nimm was, was dein Leben lang hält. Sie immer nur: Ich will was, was für meine Lebensphi-lo-so-phie steht.

Stecher-Mike: Vielleicht Spatzenhirn auf Lateinisch?

Ralle: Ich so: Wat is dir denn wichtig im Leben, Mädchen? Sie so: ihr Pferd, ihre Eltern und dasse später mal ins Fernsehn kommt. Ich so: Leeebensmotto, Mädchen! Nicht, was du auf Facebook posten würdest. Sie so: Carpe diem, aber das ham schon alle aus der Berufsschulklasse meiner Schwester. Ich so: Bisse religiös? Fandse geil, den Ansatz, aber Jesus hieß der erste Mann von ihrer Tante, und Maria war ihr zu altmodisch.

Mike: Da hätt man jetzt so schön ein Mario draus machen können.

Ralle: Ex post, Mike!

Mike: Wat?

Ralle: Hinterher is man immer klüger. Ich so: Wofür brennste, für was würdst’n sterben? Wie die da geguckt hat. Tanzen tät se gerne, meinte sie.

Mike: Panta rhei, alles fließt?

Ralle: Find ich grundsätzlich gut für so verpeiltere Kunden, aber sie wollte nix Griechisches, weil se wegen Griechisch fast vom Gymnasium musste.

Mike: Solchen Mädchen mach ich immer ein Tribal. Indianer, Umwelt, das finden die gut. Und das Thema bleibt auch.

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Ralle: Hab ich ihr auch gesagt, war ihr aber zu öko, wegen später Fernsehen.

Mike: Und wie seid ihr dann auf dat Memento gekommen?

Ralle: Ich hab ihr gesagt, dass es quasi Carpe diem in andersrum ist, und das fand sie gut, auch weil ihr Hund gerade gestorben war. (öffnet ein Bier) Prost, Mike!

Mike: Kopf hoch, Ralle! Carpe diem!

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren

Kannze ma kucken - hai, Ralle, Mike, euch aulen Laigen chibbet ja auch noch. Dat hättse dir aumma denken können, dattet euch inne Brigade Pieks un Paint verschlecht. Mann, wat war noch ma de kuhle Spruch bei euern letzten Auftritt in Proff Schulte-Brömmelkamps Hauptseminar "Philosophie im Alltagsgebrauch"?! "Ho mäh dareis anthropos ou paideuetai" - ehm, quott esse demo. Un ümma nen Nehmausgang suchen, woll! Also musse bei de schnuckeligen Ann-Kathrin dat chewagte "Memento mori" fast chanz ohne Stichverlust ... naja, delectat variatio! Hasse schonn an "Meme to Mario" chedacht? Würklich nich? Hömma! Da siehsse ma wieder, wat ne solide appchebrochne Halbbildung allet kann - selbst bei ne begriffsdösije DieSein-Kwiehn in petto ... Wer ein Idol sein will, muß ehm leiden - für nen neogautschibajuwarischen Öl-Chötze sowieso.