Mordserie in Russland Sie nennen ihn Maniak, den Irren

In Russland wütet ein Serienmörder, 31 alte Frauen hat er bereits umgebracht. Warum kann die Polizei ihn nicht fassen? Von

ZEITmagazin Nr. 33/2014

"Sei nicht enttäuscht, wenn wir ihn eines Tages finden", sagt Sonderermittler Wadim Maximow zu seinem jungen Assistenten. – "Wieso enttäuscht?! Er ist der Champ!", entgegnet Fjodor Nehoroschew. – "Es wird nichts Besonderes an ihm sein. Einer wie jeder. Du wirst ihn anschauen und dich in ihm wiedererkennen."

Die Wahrheit, die sie seit Jahren suchen, ohne ihr dabei näher gekommen zu sein, ist einfach und schlicht. So schlicht, glaubt Oberst Wadim Maximow, dass sie sie nicht sehen – selbst dann, wenn sie ihr einmal ganz nah kommen sollten. Der Sonderermittler der Russischen Föderation in der Stadt Kasan an der Wolga sitzt im sechsten Stock des Gebäudes in der Bolschaja-Krasnaja-Straße, an dem viele Menschen eilig vorbeigehen, mit verstohlenen Blicken auf die pfirsichfarbene Fassade. Das sechste ist das oberste Geschoss, das ruhigste, mit leeren Fluren. Nur wenige Besucher haben Gründe, im Treppenhaus bis hierherauf zu steigen.

Das Büro von Wadim Maximow bietet eine weite Aussicht über die Stadt und ist dabei ganz winzig. Ein Raum, schmal wie eine Fuge. Die linke Wand mit zwei Schreibtischen drängt sich an die rechte, vor der sich ein Wall aus Akten türmt. Hüfthoch sind die Unterlagen gestapelt, eine Mauer wie aus papiernen Ziegeln, dünnere und dickere, viele wellig vom Druck der auf ihnen lagernden Schichten. Sie alle tragen den Stempel der Strafsache mit der Registriernummer 716960. Der bürokratischen Chiffre für einen der schlimmsten Albträume Russlands, den sie hier alle den "Maniak" nennen, den Irren. Maniaks, die es überall auf der Welt gibt, besonders aber in Russland, morden nicht aus Habgier, Eifersucht oder für eine politische Sache, sondern einfach weil sie Spaß am Töten haben.

Die Strafsache 716960 umfasst die Ermittlungen zu 31 Morden an alten Frauen, die in den vergangenen drei Jahren begangen wurden, von vermutlich ein und demselben Täter, in 15 weit auseinanderliegenden Städten. Sie alle befinden sich am Lauf der Wolga und an ihren Nebenflüssen. Maximow, 42, arbeitet seit 19 Jahren beim Ermittlungskomitee der Russischen Föderation. Ein studierter Jurist. Zuständig für die Wolga-Region. In Deutschland würde man ihn einen ermittelnden Staatsanwalt nennen. Maximow hat ein mondweißes Gesicht und leuchtend blaue Augen. Schaut er einen an, scheint er weit in die Ferne zu blicken. Und sieht er mit seinen Augen in die Ferne, ist es, als sähe er einen geradewegs an. Er hat etwas Elfenartiges. Der Sonderermittler spricht mit leiser, zarter Stimme, die aber unvermittelt verhärten kann. Er ist sorgsam in allen seinen Bewegungen; so behutsam tritt er auf, fast scheint er beim Gehen eine Winzigkeit über dem Boden zu schweben. Gerne antwortet er auf konkrete Fragen mit philosophischen Betrachtungen.

Er wurde für nächste Woche zum Rapport nach Moskau bestellt und sichtet nochmals den ganzen Fall. Die Spitzen des Innenministeriums werden sich dort treffen. Maximow ist nervös. Sein Maniak ist von allen Serienmördern weltweit, die noch nicht identifiziert sind, der mordlustigste. Er greift zum ersten Band der Ermittlungsakten und schlägt ihn auf.

Die Fahrt von Kasan, dem Amtssitz von Maximow, in die Industriestadt Uljanowsk dauert drei Stunden. Dort ist die Wolga breit wie ein Meeresarm, ruhmreicher Geburtsort Lenins. Der Strom fließt gleich hinter jenem Plattenbau, in dem der Maniak im Winter vor drei Jahren seine Mordserie begann. "Schicksalsfluss" sagen die Alten zu dem Strom. Aus großer Höhe betrachtet, wirkt die Wolga wie ein riesiges Herzkranzgefäß, eingefasst von vielen kleineren Blutbahnen, die sich verzweigen und wieder verzweigen.

Sie hat geschrien, am Tag, in der Nacht. Sie kreischte mal wie ein Kind, mit unnatürlich hoher Stimme, dann brüllte sie in den tiefsten Tönen wie ein Mann. Vera Ajugora Iwanownas Nachbarin

Ihr sei damals nichts aufgefallen, sagt die Nachbarin, die tief in ihrem Fernsehsessel sitzt. Ihr Mann hockt auf dem Sofa und hat den Kopf ganz nah zum Fernseher vorgeschoben. Er schaut grimmig und schweigt. Seine Frau sagt, sie habe die ermordete Nachbarin Vera Ajugora Iwanowna nicht sonderlich gemocht. "Wissen Sie, wir sind ja hier 1971 alle miteinander eingezogen", erzählt die Alte im Fernsehsessel. Damals sei Vera noch normal gewesen. Erst nach dem Tod ihres Mannes, kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion, hätten die Nachbarn ihre Krankheit bemerkt. Sie hätten alle Angst vor der 82-jährigen Frau gehabt. "Sie hat geschrien, am Tag, in der Nacht. Sie kreischte mal wie ein Kind, mit unnatürlich hoher Stimme, dann brüllte sie in den tiefsten Tönen wie ein Mann." Einmal habe sie, die Nachbarin, an Veras Tür geklopft und gefragt, ob sie jemand bedrohe. Doch sie habe gesagt, sie sei alleine. Zum Glück habe nur das Badezimmer an Veras Wohnung gegrenzt und nicht das Schlafzimmer. Die Nachbarn zur anderen Seite hätten oft die Polizei gerufen. "Sie sprach mit ihrem toten Mann. Sie schleuderte die Stühle gegen die Wände und rief: Du schlägst mich nicht!"

Plötzlich, im Januar 2011, habe sie nicht mehr geschrien.

Das erste Opfer, doziert Oberst Maximow über seinen Akten, hat den Täter vielleicht persönlich gekannt. Der Schauplatz des ersten Mordes ist am aussagekräftigsten. Der Maniak ist noch ungeübt, macht Fehler. Serientäter begehen ihren ersten Mord meist dort, wo sie zu Hause sind.

In alten Wohnblocks sucht sich der Mörder seine Opfer, auch hier in Wolschk schlug er zu. © Stanislav Krupar

Eine Woche vor Veras Tod erneuerte eine dreiköpfige Handwerkertruppe die Rohrleitungen im Haus. Aber Vera habe sie nicht zu sich hereingelassen, zu ängstlich sei sie gewesen, die selbst vor den Nachbarn davonlief, wenn sie ihnen draußen begegnete. "Erst als wir auf sie einredeten, hat sie den Jungs aufgemacht." Wieso sie jemand umbringen wollte? Die Alte im Sessel, mit einem Auge bereits am Fernsehen, schüttelt den Kopf. "Die hat 500 Rubel Rente bekommen. Was will man von der?" Zum Abschied starrt der Mann auf dem Sofa weiter in den Fernsehapparat.

Die Ermittler in Uljanowsk sind damals von einem Raubmord ausgegangen, erzählt Oberst Wadim Maximow. Eine typische Junkie-Tat, dachten sie und schenkten dem Tod der alten Verrückten keine weitere Beachtung. Aber dann, im März 2011, begannen die Morde in Kasan, 217 Flusskilometer entfernt, Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tatarstan. "Gib mir doch mal die Akte von der Ischmuratowa", bittet Maximow seinen Assistenten Fjodor Nehoroschew, einen 23-jährigen Oberleutnant, der seinen Bürostuhl zur Papierwand schwenkt.

"Das Objekt der Besichtigung ist die Wohnung der Verstorbenen. Die Wohnung wird durch eine Metalltür betreten, die zum Zeitpunkt der Protokollaufnahme unverschlossen ist. Es gibt keine Einbruchsspuren. Links von der Tür gibt es einen Durchgang zum Wohnzimmer, auch diese Tür ist unverschlossen. Das Zimmer hat eine Grundfläche von 6 x 4,5 Metern. Die Schranktüren sind teilweise geöffnet. Der Boden ist bedeckt mit Bettwäsche und Kleidungsstücken. Rechts von der Tür, auf dem Sofa, liegt die Leiche einer alten Frau, mit dem Kopf zum Fenster. Die Beine sind ausgestreckt. Die Entfernung zwischen den Fußballen beträgt 40 Zentimeter, die Entfernung zwischen den Zehen 20 Zentimeter. Sie hat graues Haar, Länge 30 Zentimeter. Die Augen sind geschlossen. Der Durchmesser der Pupillen beträgt 0,5 Zentimeter. Die Iris ist durchsichtig. Sie wurde mit dem Träger einer Küchenschürze erdrosselt. Die Schürze ist weiß und mit grünen Blümchen bedruckt. Die Enden des Trägers liegen lose auf dem Hals. Im mittleren Drittel des Halses verläuft ein Strangulationsstreifen, weißlich-rot, mit einer Tiefe von 0,2 Zentimetern. Bei der Drehung der Leiche tritt Blut aus den Ohren. Die Zunge ist aus dem Mund hinausgedrückt, der Abstand zwischen Zungenspitze und Zahnreihe beträgt einen Zentimeter. Die Fingerspitzen sind blutverkrustet. Die Körpertemperatur beträgt 33 Grad, die Raumtemperatur 22 Grad. Nach einer Stunde ist die Körpertemperatur der Leiche um ein Grad gesunken."

Ich hatte an dem Morgen noch mit ihr telefoniert. Da hatte sie gesagt, sie wolle sich kurz schlafen legen. Assija Schamsutdinowa

Es ist fast drei Jahre her, und trotzdem ist es Assija Schamsutdinowa an manchen Tagen so, als sei ihre Mutter erst gestern umgebracht worden. Sie sitzt mit ihrem Mann am Küchentisch, ihre Hündin Dinja wedelt um die Beine des Ehepaares. Mit ihren 65 und 66 Jahren sind die beiden ebenfalls schon im Rentenalter. Als ihre Mutter Nassima Ischmuratowa damals den ganzen Tag das Telefon nicht abnahm, erzählt Assija, sei sie zu ihrer Wohnung gefahren, mit dem Bus quer durch die Stadt Kasan. Den Schlüssel dazu hat sie ja immer gehabt. So habe sie die Mutter, die bald 91 geworden wäre, entdeckt. Sie sah dieses Grauen, das die Ermittler in ihrem Bericht später ausführlich festhielten. "Ich hatte an dem Morgen noch mit ihr telefoniert. Da hatte sie gesagt, sie wolle sich kurz schlafen legen." Assija holt das Foto der Mutter, legt es auf die Tischdecke, der Hund weicht ihr nicht von der Seite. Ihre Mutter mit Anfang 30: von einer strengen Schönheit. Assija hört sie fast jede Nacht. Ihre Mutter spricht zu ihr, flüstert, und nicht alles, was sie sagt, ist angenehm.

Die Frauen dieser Generation sind in Russland gehasst und geachtet. Die Männer sterben rasch, an Wodka und harter Arbeit, die Frauen überleben sie um Jahrzehnte. Sie schlagen sich durch, oft mit einer winzigen Rente, haben als Kind den Krieg erlebt, die Hungerjahre danach, aber auch den Stolz der Sowjetunion, der neuen glänzenden Supermacht, die die Jungen jetzt zugrunde gerichtet haben. Viele dieser Frauen sind rauer als ihre Altersgenossinnen im Westen, sie sind unerbittlicher, sie haben ein reiches Repertoire an Schimpfwörtern und können erschütternd herzlich sein. "Meine Mutter", sagt Assija, "war kein einfacher Mensch. Aber wenn sie lachte, war alles vergessen." Selten hatte ihre Mutter sie als Kind umarmt, nie hat sie Kosenamen für sie gehabt. Nur am Tag ihres Todes sagte sie am Telefon "mein Töchterchen". Als habe sie es geahnt.

13 Kommentare

"er sieht sich als reich

"er sieht sich als reich begabte Persönlichkeit und wiegt sich in der Illusion, dass er erfolgreich sei. Alles, was im Widerspruch zu dieser Illusion steht, sperrt er aus seinem Bewusstsein aus. Diese Illusion stört die ältere Frau. Aber er kann sie nicht aus seinem Leben stoßen. Er ist auf ihre Rente angewiesen oder auf die Wohnung."
"Er ist auf ihre Rente angewiesen oder auf die Wohnung."Das heisst.die haben in Russland keine Sozialhilfe oder Hartz4. und es zeigt uns wie wichtig unser Sozialstaat hier n o c h ist.

So jetzt red ich hier mal Tacheles.
Zuerst: Hervorragender Artikel. Ist dem Autor sehr gut gelungen. Es ist eine schwere Aufgabe über Russland zu schreiben,wenn man die russische Denkweise nicht versteht.
Zweitens:
Erklärt mir mal irgendeiner was in diesem Land so gigantisch schief läuft?! Ich meine in Deutschland!
So viele Menschen lassen sich von den Medien blenden, das ist schon traurig. Ich denke die richtigen fühlen sich angesprochen , wenn ich sage "Ihr schluckt die Medizin der Medien, die euch betäubt und stumm macht. Blind für die Wahrheit!". Falls es noch nicht allen klar ist : Merkel hat uns an die USA verkauft , schon lange. Tut mir einen Gefallen , wenn euch was an eurem Land liegt ,dann informiert euch! Bei glaubwürdigen Quellen. Hört auf euch mit Propaganda vollzustopfen und auszukotzen was euch vorgekaut wird !

Sehr guter Artikel.

Sehr guter Artikel.
Serinmörder zu finden ist extrem schwer, weil es scheinbar keine Motivation gibt. Über einen so großen Raum verteilt wird es beinahe zum Glücksspiel. Die Nähe zum Wasser könnte eine Spur sein, ebenso muss die Frage sein, ob das erste erkannte Opfer wirklich das Erste war, wie ja auch User COLD WAR UPDATE schon bemerkte. Aus der Distanz sind solche Berichte wie ein spannender Krimi, aber dahinter stecken leider echte Schicksale und echte Menschen. Hoffentlich sind die Ermittler irgendwann erfolgreich und können den Maiak stoppen....

@Stoppt Russland: Für Kritik an einem Land ist hier der falsche Platz, erst recht, wenn sie so undifferenziert vorgetragen wird.

Der Ermittler sieht ja aus!

Der Ermittler sieht ja aus!
Ich, als Russe, frag mich immer, welchen Eindruck Berichte über Russland bei den Deutschen hinterlassen.
Meiner Meinung nach ist Russland sehr schwer zu verstehen für einen Deutschen, wobei der Russe aber Deutschland schnell verstehen kann und sich auch hier schnell zurecht finden kann. Wahrscheinlich bleibt bei dem Deutschen wegen dieser Schwierigkeit eine gewisse Angst vor dem Russen.
Ich lebe hier schon sehr lange und hab zwischendurch mal ein Jahr in Russland verbracht. In diesem Jahr habe ich soviel erlebt, so viele verschiedene heldenhafte und schlechte Menschen gesehen, dass mich das mehr alles hier erlebte geprägt hat.
Die Amplitude der Lebenskurve ist in Russland um einiges größer.

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