Das war meine Rettung "Ich betrachte die Niederlage als meinen Freund"

Willy Bogner war Skisportler, bevor er Unternehmer wurde. Seine Niederlagen haben ihm mehr genutzt als seine Siege. Von

ZEITmagazin Nr. 33/2014

ZEITmagazin: Herr Bogner, wie gehen Sie als erfolgreicher Geschäftsmann und ehemaliger Sportler mit Siegen und Niederlagen um?

Willy Bogner: Ich betrachte die Niederlage als meinen Freund. Die Niederlage kommt viel zu schlecht weg, obwohl sie uns stärker voranbringt als der Sieg. Ich habe bei den Olympischen Spielen 1960 im Slalom eine brutale Niederlage erlitten. Ich hätte fast gewonnen, aber dann hat es mich richtig blöd hingehauen, und damit war der Olympiasieg weg. Der Sieg wird zwar wesentlich höher geschätzt, aber manchmal hat der, der verliert, mehr davon. Wenn mich Leute auf meine Skikarriere ansprechen, reden viele immer noch über dieses Drama.

ZEITmagazin: Ihr Vater war wie Sie Spitzensportler und Unternehmer. War es für Sie klar, dass Sie eines Tages das Unternehmen führen würden?

Bogner: Das war kein Automatismus. Ich war mir nicht sicher, ob ich mir diese Aufgabe zutraute und ob ich überhaupt dafür geeignet war. Ein Lifestyle-Unternehmen, das Mode als Kerngeschäft hat, erfordert spezielle Talente, und eigentlich haben mich damals mehr das Fotografieren, das Filmen und der Sport begeistert. Erst nachdem ich meine Frau Sônia kennengelernt hatte, die sich als Model in der Modewelt auskannte, gab mir das mehr Sicherheit. Sie hat mich in stilistischen Fragen sehr unterstützt und das Defizit, das ich mit mir rumgeschleppt habe, mehr als ausgeglichen.

ZEITmagazin: Sie waren sich Ihres Defizits bewusst?

Bogner: Ja, natürlich. Ich hatte Betriebswirtschaft studiert und dachte anfangs, ich kümmere mich mehr um die Zahlen. Aber das hat mir irgendwann nicht gereicht. Ich war immer schon kreativ, und ich habe dann eine Ausbildung zum Bekleidungstechniker gemacht, um die Herstellung besser kennenzulernen. Damals war in der Firma noch meine Mutter für das Design zuständig, und ich fragte sie: Warum machen wir nicht mal was für junge Kunden? Sie sagte einfach nur: Mach’s halt. So habe ich 1970 für die jungen, sportlichen Skifahrer eine eigene Kollektion entwickelt, die wir "Formel W" nannten.

ZEITmagazin: Was war das Besondere daran?

Bogner: Die Anzüge waren aus einem elastischen Nylonmaterial, sie konnten daher eng geschnitten werden und waren trotzdem warm. Bei der Arbeit an dieser Kollektion habe ich gemerkt: Design interessiert mich doch, wenn es mit Sport zu tun hat, mit Funktion, mit eher rationalen Dingen. Um die Kollektion bekannt zu machen, habe ich Filme gedreht und für das Team die besten Freestyler engagiert. "Formel W" wurde ein Erfolg, auch weil die Anzüge und Jacken einen hohen Wiedererkennungswert hatten, mit drei Streifen in Violett, Gelb und Rot. Bei diesen Farben hatte ich mich von tibetischen Thangkas inspirieren lassen, das sind buddhistische Stoffbilder, von denen ich einige in meiner Wohnung hatte. Ich habe mich immer schon für Tibet und östliche Philosophie interessiert.

Willy Bogner

72, ist in München geboren. Als Skisportler nahm er zweimal an den Olympischen Spielen teil, er drehte spektakuläre Skifilme. 1970 stieg er in die Sportmode-Firma seines Vaters Willy Bogner sen. ein und machte daraus einen internationalen Konzern. Bogner lebt mit seiner Frau Sônia in München

ZEITmagazin: Hat der Erfolg Ihrer Kollektion Sie bestärkt?

Bogner: Ja. Ich hatte mich vorher gefragt, ob ich der Aufgabe überhaupt gewachsen bin. Das war die Krisensituation, in der ich mich befand. Ich wollte gern, aber traute es mir eigentlich nicht zu. Der erste Erfolg hat mir dann recht gegeben: einfach versuchen, reinspringen und ausprobieren. Es hat hingehauen, aber es hätte auch schiefgehen können.

ZEITmagazin: Steckte Ihr Unternehmen jemals in einer Krise?

Bogner: Ja, im Jahre 2000, als die deutsche Bekleidungsindustrie von den Lohnkosten her weltweit nicht mehr konkurrenzfähig war. Die Konkurrenz hatte Kampfpreise, die wir nicht mehr nachvollziehen konnten. Für uns bedeutete das, entweder die eigene Produktion aufzugeben oder den Laden dichtzumachen. Neunzig Prozent der deutschen Bekleidungsindustrie von damals gibt es heute nicht mehr. Es war eine existenzielle Krise. Wir haben dann konsequent alle unsere eigenen Produktionsstandorte geschlossen, in Deutschland, in Malta und auch in den USA. In einer Krisensituation muss man schnell entscheiden. Wir haben wirklich radikal unser ganzes System verändert.

ZEITmagazin: Wie produzieren Sie heute?

Bogner: In über 30 Ländern, je nachdem, wer unseren Qualitätsstandard zu einem angemessenen Preis liefern kann.

ZEITmagazin: Woher haben Sie die Energie genommen, die man für einen solchen Umbau braucht?

Bogner: Da kommt wieder der Sport ins Spiel. Im Sport verliert man häufiger, als man gewinnt. Man muss seine Fehler erkennen können, sich nicht von Niederlagen entmutigen lassen und wieder an den Start gehen. Man hat mir damals auch gesagt: Mein Lieber, ihr seid nicht mehr in der Lage, selbst zu produzieren, verkauft das Unternehmen oder zieht euch zurück. Nein, haben wir gesagt, es ist schwierig, aber wir schaffen das.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und Ijoma Manold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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