Das war meine Rettung "Ich lege einen Schalter um und werde zur Kampfmaschine"

Tina Schüßler ist Profiboxerin. Wie es ihr gelang, sich nach einem Schlaganfall wieder nach oben zu kämpfen. Von
ZEITmagazin Nr. 34/2014

ZEITmagazin: Frau Schüßler, Sie sind amtierende Weltmeisterin im Profiboxen und haben zwei strahlend blaue Augen. Wie haben Sie nach dem Titelkampf gegen Deniz Batinli ausgesehen?

Tina Schüßler: Ich war natürlich lädiert, weil ich alles gegeben hatte. Meine Gegnerin war sehr stark. Zum Glück konnte ich den Kampf lenken und für mich entscheiden. Ich hatte einen Bluterguss unterm Auge, und oberhalb der Augenbraue war eine Ader unter der Haut geplatzt, weil wir mit den Köpfen zusammengestoßen sind. Ich habe ausgeschaut, Wahnsinn, ganz böse! Erst später stellte sich heraus, dass ich mir auch den Ellenbogen gebrochen hatte.

ZEITmagazin: Sie haben erst mit 18 Jahren das Boxen angefangen, weil Ihre Eltern dagegen waren.

Schüßler: Sie haben gesagt, du bist eh so eine kleine Wilde, da musst du nicht noch Kampfsport machen. Als Kind war ich nie zu bremsen und hatte nur Blödsinn im Kopf. Ich habe sogar meine Schule angezündet, in der vierten Klasse. Während die anderen wie jeden Donnerstag in die Kirche gingen, haben wir, ein paar konfessionslose Mädels, ein Feuerchen auf der Toilette gemacht. Wir haben dann noch Papiertücher nachgelegt und alles, was wir gefunden haben. Das Feuerchen ist dann doch größer geworden, und als meine Mitschüler aus der Kirche kamen, hat die Feuerwehr schon gelöscht, den vorderen Teil der Schule hat’s ganz schön erwischt.

ZEITmagazin: Mit Ihren Gegnerinnen haben Sie auch nicht lange gefackelt. Hatten Sie nie Angst?

Schüßler: Nein, aber ich habe vor jeder Gegnerin Respekt. In meinem ersten Wettkampf habe ich richtig was auf die Mütze bekommen und bin deprimiert nach Hause gefahren. Aber ich habe mir gesagt: gescheit oder gar nicht. Ich habe härter trainiert, und dann ging es ganz schnell: 1996 Deutsche Meisterin, 1998 Weltmeisterin, 2003 Europameisterin. Mir war wichtig, dass es nach oben geht.

ZEITmagazin: Aber das Leben hat Ihnen 2009 eine Serie von Tiefschlägen verpasst.

Schüßler: Ich hatte bei Liegestützen auf einmal so ein Stechen im Bauch und bin zum Frauenarzt gegangen. Der hat mich gleich zum Chirurgen geschickt, weil ich einen Bauchwandriss unterm Sixpack hatte, da kam der Darm schon durch. Nach der Operation bin ich drei Tage nicht aus der Narkose aufgewacht, und danach ging’s weiter bergab. Ich kriegte keine Luft, hatte ständig das Gefühl, als säße ein 100-Kilo-Mann auf mir herum, Diagnose Lungenembolie. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus habe ich zu Hause mit meinem Sohn Kevin telefoniert, und dabei ist mir plötzlich die Hand weggesackt, die ganze linke Seite war gelähmt, und ich konnte nicht mehr richtig sprechen. Mein Vater hat sofort mitgekriegt, dass irgendwas mit mir nicht stimmte, der wusste, dass ich einen Schlaganfall hatte, und ich bin rasch ins Klinikum gekommen. Als mir der Arzt dann noch eröffnete, dass ich ein großes Loch in der Herzwand habe und keinen Sport mehr machen kann, bin ich fast zusammengebrochen. Nach der Untersuchung haben sie mich auf den Gang geschoben, und da lag ich dann allein mit meiner Diagnose, in Tränen aufgelöst. Das war der schlimmste Moment meines Lebens. Auf dem Rückweg ins Zimmer hat mir der Bettenschieber Mut gemacht: Mei, komm, du bist eine Kämpferin, denk an deinen Sohn, du musst das schaffen! Und das habe ich dann auch.

ZEITmagazin: Wie haben Sie sich denn wieder berappelt?

Schüßler: In der Reha waren die absolut von den Socken, weil ich gleich acht Stunden Übungen täglich gefordert habe: Die linke Hand muss wieder Klavier spielen können, ich will wieder sprechen lernen, wieder die Alte werden und Sport machen. Das habe ich durchgezogen, sechs Wochen lang. Mit Biss und Willen geht das.

ZEITmagazin: Und dann kam Ihr Comeback-Kampf 2013. Worauf gründet diese Zähigkeit?

Schüßler: Die steckt in mir drin, schon meinen großen Bruder musste ich immer übertrumpfen. Wenn der einen großen Stein gelupft hat, dann musste ich zwei auflupfen. In der Schule habe ich mich mit den Jungs gemessen, die Mädchen waren mir zu langweilig. Ich bin einfach nicht so die typische Frau, aber ich bin auch kein typischer Mann, also ich bin irgendwie irgendwas, keine Ahnung. Ich selber finde mich aber ganz normal so. Ich bin, wie ich bin.

ZEITmagazin: Was passiert im Ring mit Ihnen?

Schüßler: Wenn ich vor dem Kampf in die Kabine gehe, merke ich, wie das Adrenalin einschießt und die Ameisen in meinen Bauch krabbeln. Boxen ist kein schöner Sport. Das kann nicht schön sein, wenn ich den anderen verdreschen will, aber es ist der Sport, für den mein Herz schlägt. Mich privat auf 180 zu bringen, keine Chance, aber im Ring macht es klick bei der Tina, ich lege einen Schalter um und werde zur Kampfmaschine.

Das Gespräch führte die Fotografin Herlinde Koelbl. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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