© Sarah Brück

Mary Bauermeister Er hat gesagt: "Ich liebe euch beide"

Die Künstlerin Mary Bauermeister führte eine Ehe zu dritt – mit dem Komponisten Karlheinz Stockhausen und dessen Frau. Jetzt zieht sie die Bilanz ihrer Liebe. Von
ZEITmagazin Nr. 36/2014

Wenn man die Künstlerin Mary Bauermeister trifft, ist man sofort in ihren Bann gezogen – von der Klarheit ihrer Gedanken, ihrer Energie, ihrer Art, das Leben zu entdecken. Am 7. September wird sie 80 Jahre alt. Eigensinnig und furchtlos, selbstbestimmt und doch mit Zweifeln hat sie ihr Leben gelebt, ein außergewöhnliches Leben. Anfang der sechziger Jahre traf sich in ihrem Atelier in Köln die Avantgarde der Kunst: Nam June Paik, John Cage, Karlheinz Stockhausen, Joseph Beuys, die Performances dort gelten als Anfang der Fluxus-Bewegung. In dieser Zeit begann ihre Beziehung mit Karlheinz Stockhausen, einem der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er war verheiratet, sie erst seine Geliebte, später dann seine Ehefrau. Eine tiefe und schwierige Liebe, die sie beendete, "um meine eigene Biografie zu leben", wie sie in ihrem Buch über ihn schreibt. Deshalb wollen wir über Liebe reden, eine alte Frau und eine junge, am Holztisch in ihrer gemütlichen Küche. Ihr Haus liegt in Rösrath im Bergischen Land, es ist ein Gesamtkunstwerk: An den Wänden ihre Steinbilder, vor den Fenstern Objekte aus geschliffenen Glaslinsen, die den Blick in den Garten brechen und das Sonnenlicht in irisierende Farben verwandeln. Ein magischer Ort, der ganz angefüllt ist von ihr und den sie gerade deshalb vor Kurzem verlassen hat.

Mary Bauermeister

79, arbeitete als Künstlerin zunächst in Köln, in den sechziger Jahren zog sie für zehn Jahre nach New York. Ihre Werke gehören zu den Sammlungen des MoMA, des Guggenheim und des Museums Ludwig. Die Berliner Galerie 401 Contemporary wird Bauermeister zu ihrem 80. Geburtstag im September mit der Ausstellung Visionärin ehren. Ihr autobiografisches Buch Ich hänge im Triolengitter erschien bei C. Bertelsmann

ZEITmagazin: Frau Bauermeister, Sie wohnen gar nicht mehr hier in Ihrem Haus?

Mary Bauermeister: Ich bin gerade umgezogen, in ein altes Gestüt, das ich ausbaue. Dort will ich Objekte von Bildhauern zeigen, die gestorben sind, oder von Künstlern, die nicht wissen, wohin mit ihren Werken. Ich habe mein eigenes Problem zum Thema gemacht. Das mache ich oft, und dann löst sich das.

ZEITmagazin: Was denn für ein Problem?

Bauermeister: Was tut man mit seinen ganzen Sachen, wenn man alt ist? Mit all den Dingen, die man geschaffen hat? Bei meinem Haus hoffe ich, dass es jemand übernimmt und der Öffentlichkeit zugänglich macht.

ZEITmagazin: Ich möchte mit Ihnen über Liebe sprechen, über Ihre große Liebe zu dem Komponisten Karlheinz Stockhausen. Wie war Ihre erste Begegnung mit ihm?

Bauermeister: Wie soll man es beschreiben, wenn der Blitz einschlägt? Ich war in Köln auf dem Weg zum WDR, wo der Dirigent Sergiu Celibidache probte, ich wollte ihm eins meiner Bilder schenken, weil ich ihn so grandios fand. Ich ging also mit meiner Mappe über die Hohe Straße, als mir ein Mann entgegenkam und mir das Herz stehen blieb. Ich war völlig verunsichert, so etwas hatte ich nie zuvor erlebt: als würde man eine Seele wiedererkennen, die man seit Jahrtausenden kennt. Ich habe mich richtig weggerissen von diesem Blick, musste mich aber noch mal umgucken, und er hat sich auch umgeguckt. Da ist das noch mal geschehen: dieses Anschauen, so als würde man durch die Augen des anderen ins Unendliche gehen.

Steine, zu Skulpturen geklebt © Sarah Brück

ZEITmagazin: Das war 1957, Sie waren 23. Wie würden Sie die junge Frau von damals beschreiben?

Bauermeister: Ich war jung, schön und unternehmungslustig. Meine Eltern hatten sich scheiden lassen, ich blieb beim Vater im Rheinland, weil ich schon auf dem Gymnasium war, meine Mutter zog mit meinen Geschwistern nach München. Ich sollte Mathematik studieren, aber ich wollte Kunst machen. Also lief ich kurz vor dem Abitur einfach davon. Ich liebte Mathematik und war auch sehr gut darin, aber mich beglückte es am meisten, wenn ich nach der Schule den Malkasten oder die Stifte nahm und malte. Ich hatte mir schon als Kind alles visuell erklärt.

ZEITmagazin: Was denn zum Beispiel?

Bauermeister: Als ich verstehen wollte, was der Begriff Unendlichkeit bedeutet, sagte mein Vater: Unendlich ist so viel, dass man es nicht zählen kann. Ich malte also viele, nah beieinanderliegende Punkte aufs Papier. Aber er konnte sie noch zählen. Dann habe ich noch mehr Pünktchen draufgemacht, aber er sagte: Wenn ich neben dir gesessen hätte, hätte ich sie mitzählen können. Schließlich bin ich mit einem weißen Blatt gekommen. Da sagte er: Das ist am ehesten unendlich. Als Kind kann man unglaublich weit denken. Ich wollte mal eine Farbe in den Kopf kriegen, die es nicht gibt. Ich habe den Kopf geschüttelt und gegen die Wand gestoßen, aber ich kriegte sie nicht rein. Bis ich dachte: Ich kann die Farbe nicht sehen, aber ich kann mir vorstellen, dass es so eine Farbe gibt. Das hat mich wieder einen Schritt weitergebracht. Weil ich merkte, dass ich ganz utopisch denken kann, dass das Denken nicht immer unbedingt an die Realität gebunden sein muss.

ZEITmagazin: Als Sie von zu Hause wegliefen, wohin gingen Sie da?

Bauermeister: Zunächst in ein Bunkerhotel in Köln-Deutz, wo man für 50 Pfennig auf Pritschen übernachten konnte. Ich habe in einer Fabrik Ventilkeile sortiert, ich war ja "sozialistisch", wollte mit den Arbeitern leben, meiner akademisch orientierten Familie entfliehen. Aber das war sehr stumpfsinnig. Über München, wo meine Mutter lebte, bin ich dann nach Ulm gekommen, an die Hochschule für Gestaltung.

ZEITmagazin: Konnten Sie denn dort ohne Abitur studieren?

Bauermeister: Eigentlich nicht. Ich habe mich einfach in das Vorzimmer des Direktors gesetzt. Nach drei Tagen sagte er zu mir: "Kleines großes Fräulein" – ich war ja über ein Meter achtzig! –, "wollen Sie so lange hier sitzen, bis ich nachgebe?" Ich sagte: "Nein, nur so lange, bis Sie meine Mappe anschauen!" Er schaute sie sich an, und ich durfte bleiben.

Getrocknete Farbmasse © Sarah Brück

ZEITmagazin: Woher kam Ihre Sturheit, Ihr starker Wille?

Bauermeister: Ich war schon immer so. 1945 zum Beispiel war ich in Kufstein in der Kinderlandverschickung. Die Amerikaner standen bei Rosenheim, viele Geschäfte gaben alles umsonst her, es hieß: Der Feind wird eh alles wegnehmen. An einem Tag stürmten wir ein Lager, in einer Ecke lag ein Paket mit Rucksäcken, die gute Tauschware waren damals. Es war wahnsinnig schwer, ich zerrte es raus, als ein Mann mit Nagelschuhen mir auf die Finger trat. Er wollte mir das Paket wegnehmen, aber ich ließ nicht los. Meine Hände waren schon blutig, als er "Verdammtes Gör!" sagte und aufgab. Ich weiß nicht, woher ich das hab.

ZEITmagazin: Stand Ihnen dieser Wille manchmal im Weg?

Bauermeister: Ich kann schon nachgeben, wenn ich merke, dass ich gegen eine Wand renne. Ich habe auch immer moralisch hinterfragt, ob ich mit meinen Taten irgendjemandem wehtu. Aber wenn das keinen anderen betraf, dann bin ich so durch! Und das mache ich auch heute noch.

ZEITmagazin: Schon als Kind beschlossen Sie, dass Sie ganz anders leben wollten als die Menschen um Sie herum.

Bauermeister: Mir kam diese Diskrepanz zwischen der Vorstellung, wie man zu leben hat, und dem, wie die meisten wirklich lebten, heuchlerisch vor. Ich sah Ehen auseinanderbrechen. Die Nachkriegszeit, als die Frauen mit den amerikanischen Soldaten ausgingen, weil sie ein paar Zigaretten kriegten, während der Mann noch in Gefangenschaft war. Als ich sah, wie der angebliche Feind, gegen den wir Krieg geführt hatten, mit Bonbons warf, kippte meine ganze Vorstellungswelt um. Danach habe ich keinem Erwachsenen mehr geglaubt. Ich wollte alles selber rausfinden und misstraute allem Überlieferten. Mein Vater war Anthropologe, er hat mir viel von anderen Völkern erzählt, und ich dachte: Wieso ist alles hier so eng? Und dann bin ich aus allem ausgebrochen, grundsätzlich. Mir brauchte bloß jemand zu sagen: Das macht man soundso, da habe ich es schon bezweifelt. Ich habe auch Fehler gemacht dadurch, bin auf die Nase gefallen. Aber dann wusste ich es.

Girlanden aus Grapefruitschalen © Sarah Brück

ZEITmagazin: Sie haben dann auch ganz anders gelebt, was vor allem mit Karlheinz Stockhausen zu tun hatte, dem Mann, dem Sie auf der Straße begegnet waren. Wo sahen Sie ihn wieder?

Bauermeister: In Köln gab es ein paar Wochen später eine Uraufführung von Stockhausen. Ich hatte schon zur Schulzeit moderne Musik im Radio gehört, diese fremdartigen Töne hatten mich begeistert. Endlich konnte ich live ein Stockhausen-Konzert hören. Und da springt nun dieser junge Mann, dem ich auf der Straße begegnet war, auf die Bühne und ist der Komponist, dessen Musik ich so liebe! Ich war wie entflammt. Erotisch, aber auch spirituell. Die ganze Skala, was ein anderer Mensch in einem auslösen kann. Das war ein Allgefühl.

ZEITmagazin: Wie lernten Sie sich kennen?

Bauermeister: Einer seiner Mitarbeiter stellte uns einander nach dem Konzert vor. Er erkannte mich sofort wieder. Aber ich wurde auch seiner Frau vorgestellt. Da war er für mich tabu.

ZEITmagazin: Was wussten Sie damals über die Liebe?

Bauermeister: Nicht viel. Für euch ist das nicht mehr nachvollziehbar, aber wir sind nicht aufgeklärt worden. Die ganze Sexualität war ein großes Geheimnis, man erfuhr nur durch düstere Propaganda davon. Mit 14 hat mich zu Karneval in München ein Mann geküsst, da war ich verzweifelt, weil ich glaubte, ich sei schwanger! Ich habe mich im Schrank an der Kleiderstange aufgehängt, und dann ist die ganze Stange runtergerissen ... völlig blöd. Aber ich wusste nicht, wie das vor sich geht. Als ich Stockhausen kennenlernte, war ich mit meinem ersten Freund zusammen. Eine unglückliche Verbindung.

ZEITmagazin: Sie sind Stockhausen dann häufiger begegnet.

Bauermeister: Ich war interessiert an Musik und lud Musiker in mein Atelier ein, John Cage zum Beispiel, dessen Klavierkonzert 1958 im WDR ausgebuht und nicht mal zu Ende gespielt wurde. Zu mir kamen nur Leute, die sich wirklich für diese Musik interessierten. Künstler, die bis dahin abgelehnt wurden, weil sie zu sehr Avantgarde waren, zeigten ihre Werke und Performances, wie Nam June Paik. All diese Menschen tauschten sich in meinem Atelier aus.

ZEITmagazin: Heute gelten diese Treffen als Ursprung der Fluxus-Bewegung. Was verband all diese Künstler? Dass sie Grenzüberschreiter waren, wie Sie?

Bauermeister: Ja. Wir wollten eine neue Gesellschaft aufbauen, nicht die alte reproduzieren. Auch Stockhausen gehörte dazu. Und als ich nach zwei Jahren erfuhr, dass er seiner Frau nicht treu ist und verschiedene Geliebte hatte, war mein Widerstand dahin.

Kommentare

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Mary Bauermeister ist eine Ausnahmeerscheinung. Ein Gespräch ganz ohne Plattitüden. Mit grosser Wahrhaftigkeit. Das muss man erstmal zustande bringen, in einem Interview die Essenz dessen, was man zu sagen hat, zu formulieren. Sie hat auch keine Angst, Grosses auszusprechen, und wie kriegt sie es bloss hin, dass es selbst in der notwendigen Reduzierung eines Zeit-Interviews nicht pathetisch, sondern wahr klingt? Ich bin sehr berührt. Grosse Hochachtung vor dieser Frau und Dank für die guten Fragen.