Ich habe einen Traum Sinéad O’Connor

"Wow, das war jetzt ein anständiger Rock-’n’-Roll-Tod!"
ZEITmagazin Nr. 36/2014

In einem Traum, an den ich mich noch sehr gut erinnern kann, werde ich auf der Bühne erschossen. Ich gebe da ein Konzert vor sehr vielen Menschen. Das Licht auf dem Bühnenboden ist blutrot, und plötzlich trifft mich eine Kugel. Woher sie kommt, weiß ich nicht. Aus dem Publikum? Von einem der Musiker um mich herum? Fest steht nur, dass ich tot bin. Das klingt vielleicht wie ein Albtraum, aber mich hat mein Tod damals nicht erschreckt. Im Gegenteil, als ich aufwachte, dachte ich nur: Wow, das war jetzt ein anständiger Rock-’n’-Roll-Tod! Ich war damals ein Teenager, vielleicht ist man in diesem Alter einfach noch furchtlos. Immerhin hat mich dieser Traum dann doch so beeindruckt, dass ich jetzt, mehr als dreißig Jahre später, einen Song namens Eight Good Reasons daraus gemacht habe.

Vom Singen leben zu können war für mich der Traum meines Lebens. Das ist wohl in meiner DNA begründet, denn schon in der Familie meines Vaters wurde immer viel gesungen. Als Kind hatte ich Poster von Bob Dylan, Siouxsie and the Banshees, Elvis Presley, David Bowie und den Bay City Rollers über dem Bett hängen. Das waren alles Charaktere, die eine aufregende Alternative zum tristen Alltag meiner Kindheit in Irland zu bieten schienen. Die Erlösung kam, als ich vierzehn war und mich die Band In Tua Nua bat, ein Lied für sie zu schreiben und es gemeinsam zu singen. Das eröffnete mir eine neue Welt. Damals war ich zum ersten Mal in einem Studio, sang in ein Mikrofon und war tief beeindruckt. Woher ich die Kraft dafür nahm, ist mir heute ein Rätsel. Ich wollte mit dieser Band in alle Welt reisen, aber die Mitglieder lehnten ab, weil ihnen die Verantwortung für eine Vierzehnjährige zu groß war. Es brach mir das Herz. Ich war natürlich tatsächlich zu jung, und das wusste ich auch. Aber das machte es nicht besser.

Seit jener Zeit begleitet mich ein Pferd durch meine Träume. Als ich ihm das erste Mal im Traum begegnete, war es so unterernährt, dass es entkräftet aus dem Garten meiner Mutter getragen werden musste. Bei späteren Begegnungen war es mal bis auf die Knochen abgemagert, mal war es fett und wohlgenährt, mal war sein Fell grau, ein anderes Mal schwarz. Ich glaube, dass das Pferd meinen jeweiligen Seelenzustand widerspiegelt. In den unterschiedlichsten Situationen meines Lebens tauchte es immer wieder auf. Wenn es gut aussah, ging es mir ebenfalls gut. Wenn es schlecht aussah, dann passte das eben auch. Zuletzt ging es mir gut, und das Pferd war entsprechend gut genährt und schön.

Bei unserer letzten Begegnung galoppierte ich auf ihm durch einen dunklen Wald. Es wollte mich irgendwo hinbringen. Ich weiß nicht, wohin. Ich wollte absteigen und sagte dem Pferd, dass wir anhalten müssen. Das Pferd wollte nicht und wurde böse. Ich sprang trotzdem ab – und wachte auf. Das Pferd ritt dann offenbar davon, denn seitdem sind wir uns nicht mehr begegnet. Ich vermute, es ist beleidigt. Aber wir werden uns wiedersehen, und das Pferd wird mir dann auch wieder zeigen, ob es mir gut geht oder nicht.

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