Das war meine Rettung "Ich war keine gute Schülerin"

Weil sie heimlich einen Film gedreht hatte, flog Senta Berger als junges Mädchen von der Schauspielschule.
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 37/2014

ZEITmagazin: Frau Berger, Sie haben im Leben viel erreicht. Wenn Sie zurückblicken – gibt es etwas, das Sie bereuen?

Senta Berger: Ich bereue nur, dass ich nicht gut Französisch gelernt habe. Alle anderen Dinge, mit denen man im Nachhinein hadert, entstehen ja oft aus Situationen heraus, aus denen es verständlich war, so zu handeln und nicht anders.

ZEITmagazin: Als junge Frau haben Sie einige Jahre in den USA gelebt. Bereuen Sie nicht, von dort weggegangen zu sein?

Berger: Nein. Ich habe schnell begriffen, dass ich niemals Amerikanerin sein würde und auch nicht auf Englisch spielen konnte, egal, wie professionell mein "Hey honey!" klang. Ich habe in Hollywood ein paar gute Filme gemacht und ein paar klischeehafte. Hätte ich faszinierende Regisseure getroffen und wirklich interessante Filme gemacht, wäre meine Entscheidung vielleicht eine andere gewesen. Aber dann habe ich mit meinem Mann, der ja zeitweilig als Arzt in Los Angeles gearbeitet hat, entschieden, zurück nach Europa zu gehen. Es war gut, dass wir dort zu zweit waren, dass ich mit ihm über meine Entscheidung sprechen konnte. Sein Rat war mir immer wichtig.

ZEITmagazin: War er Ihr Rettungsanker?

Berger: Nein, obwohl er mich zu vielen Dingen, die in meinem Leben wichtig sind, hingeführt hat. Aber ich bin in meinem Leben schon oft gerettet worden. Eine Katze hat sieben Leben, und so viele habe ich auch.

ZEITmagazin: Erzählen Sie ...

Berger: Mit fünf Jahren durfte ich auf dem zugefrorenen Teich im Wiener Stadtpark herumschlittern. Viele Kinder rodelten von einem Hügel aus auf die Eisfläche, und plötzlich schrie jemand hinter mir: "Aus der Bahn!" Ich wollte zur Seite ausweichen, aber dort war für die Fische ein Loch ins Eis gehackt. Ich fiel hinein und bin sofort versunken. Niemand sah es, auch meine Mutter nicht, die am Ufer stand – nur die Frau, die "Aus der Bahn!" gerufen hatte. Sie hat mich an meinen Zöpfen aus dem Loch rausgezogen, das war so ein Schmerz, ich dachte, ich werde skalpiert. Mit meiner Mutter lief ich dann zu meinen Großeltern. Es hatte 17 Grad minus, und das Wasser in meiner Kleidung, den Schuhen, Haaren und Wimpern begann, zu Eis zu werden. Das sah sehr schön aus, wie ein Kostüm, aber ich konnte kaum noch gehen. Bei meinen Großeltern mussten sie mir die gefrorene Kleidung vom Leib schneiden. Ich wurde in die Wanne gesteckt, meine Mutter bekam einen Cognac. Als der Arzt kam, war ich gesund, aber meine Mutter hatte 40 Grad Fieber.

ZEITmagazin: Sie erinnern sich noch sehr genau.

Berger: Ja. Es war alles ganz schwarz. Und dann der Schmerz. Das war eine wirkliche Rettung, ich wurde zurück ins Leben geholt. Eine andere war mein Rauswurf aus dem Max-Reinhardt-Seminar.

ZEITmagazin: Wie kam es dazu?

Berger: Ich war 16 Jahre alt, die Jüngste im Jahrgang. Ich wollte unbedingt Schauspiel studieren, aber nun, da ich es hätte tun können, war ich mit anderen Dingen des Lebens beschäftigt: mit der Liebe und ihren Verwirrungen. Ich war also keine gute Schülerin. Durch einen Zufall bekam ich eine kleine Rolle in einem amerikanischen Film mit Yul Brynner, der in Wien gedreht wurde, angeboten. Ich brauchte dafür die Erlaubnis des Direktors, aber er gab sie mir nicht. Ich sollte besser studieren, fleißiger sein. Aber meine Mitschüler sagten alle: Senta, das musst du machen, wir lügen für dich, wenn du mal beim Unterricht fehlst. Und dann habe ich die kleine Rolle eben heimlich gespielt. Dummerweise erschien dann ein Foto von mir und Yul Brynner in der Zeitung. Als meine Mutter den Brief über meinen Hinauswurf aus der Schule bekam, hat sie geweint. Meine Mutter war sehr enttäuscht. Aus dem Gymnasium war ich ja auch schon geflogen, weil ich lieber ins Kino gegangen bin als zur Schule.

ZEITmagazin: Warum sehen Sie heute diesen Rauswurf als Rettung?

Berger: Weil ich so gelernt habe, dass ich für mich selbst verantwortlich bin und nicht alles entschuldigen und wieder hinbiegen kann. Nach meinem Rauswurf wurde ich am Theater in der Josefstadt engagiert. Alle sechs Wochen war Premiere, ich hatte jeden Tag Probe und habe viel gelernt, auch, pünktlich zu sein. Ich war kein Kind mehr, dem alles einfach so zufällt. Das war gut.

ZEITmagazin: Haben Sie den Direktor der Schauspielschule jemals wieder getroffen?

Berger: Ja, ein paar Jahre später gab es ein Klassentreffen, zu dem ich eingeladen war. Ich ging hin, nicht mit einem triumphalen Gefühl, aber mit der Haltung: Na, aus mir ist doch was geworden! Der Direktor war unendlich höflich zu mir und küsste mir die Hand. Das hat mich so gerührt, dass dieser Mensch, den ich damals so gehasst habe, sich über meine Hand beugt und sie küsst. Ich habe kein Wort gesagt. Wir haben uns nur angesehen.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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