Stefan Kleins Wissenschaftsgespräche "Traumdeutung ist der Königsweg zur Seele"

Klein: Nach Ihrem Tod verging mehr als ein halbes Jahrhundert, bis Ihre Schüler den Widerstand gegen eine wissenschaftliche Bewertung der Psychoanalyse aufgaben. Dabei war er unbegründet: Statistisch gesehen wirken moderne Formen der Analyse ungefähr so gut wie andere Psychotherapien, sind nur viel aufwendiger. In erster Linie hilft offenbar die menschliche Zuwendung.

Freud: Wenn man sich für einen Skeptiker hält, tut man gut daran, gelegentlich auch an der Skepsis zu zweifeln.

Klein: Das finde ich auch. Aber ich verstehe Ihren Satz anders, als Sie ihn wahrscheinlich meinten. Kennen Sie den Witz? Treffen sich zwei Psychoanalytiker auf der Straße und wünschen sich Guten Tag. Beide gehen weiter, jeder überlegt: "Wie hat er das bloß gemeint?" Ich ärgere mich oft darüber, wenn Bekannte bei anderen aufs Geratewohl verdrängte Motive, narzisstische Kränkungen und Vaterkomplexe vermuten. Seit Sie uns all das aufgeladen haben, stehen wir und das, was wir tun, unter Generalverdacht.

Freud: Es ist nicht unsere Absicht, die edlen Strebungen der menschlichen Natur abzuleugnen. Im Gegenteil: Ich zeige Ihnen nicht nur die zensurierten bösen Traumwünsche, sondern auch die Zensur, welche sie unterdrückt und unkenntlich macht. Selbst wenn sich die Psychoanalyse bei Erkrankungen als erfolglos erweisen würde, bliebe sie als Mittel der wissenschaftlichen Forschung gerechtfertigt.

Klein: Was aber wäre, wenn es weder zensurierte böse Traumwünsche noch eine Zensur gibt?

Freud: Wie meinen Sie das?

Klein: Träume sind nicht zufällig, sie haben eine Bedeutung. Darin stimme ich mit Ihnen überein. Aber das Unbewusste spielt nicht mit uns Verstecken. Träume vermitteln weder verschlüsselte Botschaften, noch bedienen sie sich einer Symbolsprache. Was Träume uns mitzuteilen haben, sagen sie offen.

Freud: Tun sie das? Dann müssen Sie mir erklären, was den Traum so fremdartig und unverständlich erscheinen lässt. Ich sage: Die Traumentstellung ist eine Folge der Zensur, welche vom Ich gegen irgendwie anstößige Wunschregungen ausgeübt wird. Wir brauchen die Ergebnisse unserer Arbeit an der Traumdeutung nicht aufzugeben, auch wenn wir sie befremdend finden müssen. Überall, wo Lücken im manifesten Traum sind, hat die Traumzensur sie verschuldet. Auslassung, Modifikation, Umgruppierung des Materials sind die Mittel der Traumentstellung. Sie gibt dem Traum seine Fremdartigkeit.

Klein: Wie hätten Sie sich die surrealen Szenen auch anders erklären sollen? Die Vorgänge im Gehirn, die dafür verantwortlich sind, wurden lange nach Ihrem Tod entdeckt. Neuerdings können Forscher dem Gehirn bei der Arbeit zusehen. Sie machen das mit Maschinen, die wir Scanner nennen. Daher wissen wir: Im Schlaf funktioniert das Gehirn anders. Es wäre ein Wunder, würden wir im Traum dieselben Erfahrungen machen wie tagsüber. Mit Zensur hat das nichts zu tun. Weshalb sollten wir auch unsere Wünsche verdrängen?

Freud: Weil unsere Kultur ganz allgemein auf der Unterdrückung von Trieben aufgebaut ist.

Klein: Das 19. Jahrhundert, in dem Sie groß wurden, war prüde. Unsere Zeit ist es nicht mehr. Das verdanken wir nicht zuletzt Ihnen. Schon George Orwell, ein Schriftsteller in der Mitte des 20. Jahrhunderts, wunderte sich darüber, warum er im Traum sexuelle Impulse vor sich selbst verbergen sollte, "über die ich im Wachzustand ohne jede Scheu sprechen würde".

Freud: Wie erklären Sie sich dann Ihren Prüfungstraum?

Klein: Was wir heute wissen, ist: Träume erschließen sich weniger über Bilder als über Gefühle. Auch das erklärt sich aus der Organisation unseres Gehirns. Den Abiturtraum erlebe ich auffallend oft, wenn die Veröffentlichung eines Buches oder eines wichtigen Aufsatzes naht. Da scheint die Angst, ich könnte mich mit meinen Ideen allzu sehr exponieren, eine Rolle zu spielen. Haben Sie diese Erfahrung nie gemacht?

Freud: Oh doch. Im Gymnasialprüfungstraum werde ich regelmäßig in Geschichte geprüft. Er tritt auf, wenn man vom nächsten Tage eine verantwortliche Leistung und die Möglichkeit einer Blamage erwartet.

Klein: Träume wiederholen sich, weil im Schlaf die aktuellen Ereignisse in unser Gedächtnis eingewebt werden. Dabei fallen uns immer wieder Situationen ein, die emotional dem ähneln, was uns gerade beschäftigt. Sehr oft sehen wir dann Erlebnisse unserer späten Kindheit oder der frühen Erwachsenenjahre, in denen wir mit dem entsprechenden Gefühl zum ersten Mal bewusst umgehen mussten. Aber da gibt es keine Verdrängung, keine Zensur. Die neue Erfahrung wird gleichsam in das Raster ihrer vorhandenen Erinnerungen eingeordnet. So kann Ihnen der Traum Ihre Gefühle bewusst machen, die Sie tagsüber vielleicht stärker beachten sollten.

Freud: Im Grundsatz sind wir uns jedenfalls einig: Der Traum stammt aus der Vergangenheit.

Klein: Ja, aber nicht nur! Träume sind weit mehr als die ständige Wiederkehr unbewältigter Erfahrungen. Wir bereiten uns nämlich auch auf die Zukunft vor, während wir träumen. Indem Sie beispielsweise emotional belastende Ereignisse im Schlaf in veränderter Form wiedererleben, verarbeiten Sie sie.

Freud: Was Sie sagen, kommt mir bekannt vor. Nach demselben Prinzip bewältigt auch ein Patient in einer ordentlichen Psychoanalyse seine Vergangenheit.

Klein: Träume sind tatsächlich eine natürliche Psychotherapie. Studien zeigten, dass Frauen besser über den Schmerz einer Scheidung hinwegkommen, wenn sie davon träumen. Wir lernen aber auch neue Fähigkeiten im Schlaf, eben weil Informationen des Tages weiterverarbeitet werden. Träume sind eine virtuelle Realität, in der wir für die Zukunft trainieren. All dies konnten Sie noch nicht ahnen, Professor Freud. Erst im 21. Jahrhundert beginnen wir zu verstehen, was während des Schlafs in unseren Gehirnen geschieht.

Freud: Ich habe nie gesagt, dass mit meiner Lehre das letzte Wort über die innersten Antriebe des Menschen gesprochen sein soll. Im Gegenteil sah ich Entdeckungen von der Art, wie Sie sie beschreiben, sogar kommen. (Er zieht eine Ausgabe seiner "Traumdeutung" hervor) Hören Sie einmal, was ich im Jahr 1899 schrieb: "Selbst wo das Psychische sich bei der Erforschung als der primäre Anlass eines Phänomens erkennen lässt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen einmal zu finden wissen."

Gesprächspartner Freud

Freuds Gesprächsbeiträge sind wörtlich seinen Schriften entnommen. Der Satzbau wurde stellenweise leicht modernisiert.

Klein: Sie meinen: Eines Tages werden die Menschen verstehen, dass Körper und Seele sich zueinander verhalten wie die zwei Seiten einer Medaille. Und damit werden sich auch unsere Träume auf neue Weise erschließen?

Freud: Ganz genau.

Klein: Heute erkennen wir Träume als Schlüssel, um das Rätsel unseres Bewusstseins zu lösen. Und Sie haben uns mit Ihrer Pionierarbeit den Weg gebahnt. Dafür haben wir allen Grund, Ihnen dankbar zu sein.

Freud: Gegen Angriffe kann man sich wehren. Gegen Lob ist man machtlos. Leben Sie wohl.

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Die von Freud theoretisch vor über einhundert Jahren gewonnene Erkenntnis, dass jegliches Fehlverhalten Dritter keine unmittelbaren Folgen für den Einzelnen zeitigt, kann empirisch nicht widerlegt werden. Insofern kommt es bereits aus den Gründen praktischer Vernunft politisch darauf an, schleunigst in dem besagten Unfug innezuhalten anstatt ihn dadurch ohne jede Aussicht auf Erfolg unablässig zu perpetuieren.