Stilkolumne Höchste Zeit

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 38/2014

Das Zifferblatt, wie wir es heute kennen, stammt aus dem 13. Jahrhundert. Damals wurden die ersten Uhren mit Räder-Uhrwerken entworfen. Das waren freilich keine Armband- oder Taschenuhren, sondern Turmuhren. Neu war die sichtbare Zeitanzeige, vorher hatten die Uhren nur Schlagwerke. Erste Turmuhren besaßen nur einen Zeiger, der pro Tag zweimal das Blatt umrundete. Aber das Prinzip war klar: Der Zeiger wandert wie die Sonne, zu Mittag steht er am höchsten.

Heute gibt es unzählige Arten der Zeitanzeige. Die digitale natürlich, aber auch retrograde Anzeigen, bei denen der Zeiger eine lineare Skala entlangwandert und zurückschnappt, wenn er deren Ende erreicht hat. Trotzdem ist das klassische Zifferblatt noch immer die beliebteste Darstellungsform der Zeit. Es gibt nur wenige Formen im Design, die sich über sieben Jahrhunderte nicht verändert haben. Natürlich wurden die Zifferblätter unendlich variiert: mit einfachen Indizes, römischen Zahlen, Leuchtziffern und allen erdenklichen Verzierungen. Emaille-Maler, Graveure, Steinsetzer – viele Berufszweige beschäftigen sich hauptsächlich damit, Uhren zu verzieren. Das ist ein sicherer Hinweis darauf, wie viele Emotionen den Menschen mit seinem Zeitmesser am Arm oder in der Tasche verbinden. In gewisser Weise kristallisiert sich alles Wohl und Wehe der menschlichen Existenz in der Uhr: Zum einen macht sie den Menschen selbstständig. Er ist nicht mehr von der Sonne abhängig, um sich zu orientieren. Er hat seine Zeit selbst in der Hand. Das erklärt, warum transportable Uhren schon immer als Statussymbol galten. Sie waren Hightech für wichtige Menschen. Zum anderen mahnt uns die Uhr auch, dass unsere Zeit nicht unendlich ist: Sie läuft uns davon. Nur weil der Mensch sich dessen bewusst ist, kann er verantwortungsvoll handeln.

Eine Weile lang waren bei den Zifferblättern moderner Uhren vor allem klassische Designs gefragt. Nun aber gibt es neuen Formenreichtum. Louis Vuitton etwa hat eine Weltzeituhr mit so vielen grafischen Symbolen entworfen, dass es beinahe aussieht, als trage man ein Flaggenalphabet auf dem Arm. Bei Hublot hat man ein Zifferblatt aus dem seltensten Metall der Welt gemacht – aus silbrigem Osmium. Und Rolex hat bei der neuen Oyster Perpetual Milgauss den Sekundenzeiger durch einen Blitz ersetzt. Besser kann man nicht darstellen, dass die Zeit ganz schön schnell vergeht.

Foto: Rolex Oyster Perpetual Milgauss, 6.600 Euro

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