Lebensstil Die Besserbürger

Zahnpasta "Couto": In Handarbeit hergestellte Zahnpasta aus Portugal. In den Drogeriemarkt zu gehen wäre ja auch zu einfach. Was dem Besserbürger gefällt: Nicht das Protzige, sondern das Abgelegene, das Seltene, das, was niemand hat © Haw-lin Services

Das beste Fahrrad, die schönsten Stühle, eine supercoole Zahnpasta: Warum müssen wir jetzt selbst bei Alltagsdingen total guten Geschmack beweisen? Von

ZEITmagazin Nr. 39/2014

Ich kenne die Handynummer eines Transportunternehmers, der eigentlich nur Kunst transportiert, aber, wenn man ihn bittet, auch mal eine im Internet gefundene Vitrine durch Deutschland fährt, im Lastauto mit Gurten fest verzurrt. Ich kenne mich auch ganz gut mit Fahrradrahmen aus, ich weiß, welche Restaurants in Berlin zuletzt einen Bib Gourmand im Michelin bekamen, und habe meine Eltern schon mal 150 Kilometer weit nach Lothringen geschickt, weil ich glaubte, dass es dort Gartenstühle gebe, die so schön sind wie keine anderen. Die Stühle erwiesen sich leider als durchgerostet, es schmerzt mich bis heute (beides: der Rost und die in Auftrag gegebene Elternarbeit). Als ich vor einiger Zeit in London war, kaufte ich in einem Geschäft des Designers Jasper Morrison gleich fünf Nussknacker für Freunde und Familie. Die Nussknacker, glaubte ich, gefielen mir, weil sie so einfach und so schwarz waren. Vielleicht gefielen sie mir aber auch, weil der Laden so versteckt lag. Man musste klingeln, kein Werbeschriftzug wies auf Jasper Morrisons Haushaltsutensilien hin. Als ich später im Internet nach dem Nussknacker suchte, warum eigentlich?, stellte ich sehr zu meiner Freude fest, dass sie nirgendwo zu finden waren.

Nussknacker von Jasper Morrison Der Nussknacker ist nicht teuer, acht Pfund kostete er in Morrissons Laden im Londoner Stadtteil Shoreditch. Der Laden liegt sehr versteckt. Man muss klingeln. Im Internet kann man den Nussknacker nicht kaufen – ebendas macht ihn so begehrt. © Haw-lin Services

Eine Freundin lässt sich Teppiche aus Tunesien kommen, nicht ohne vorher Entwürfe mit dem Weber hin und her zu mailen. Und der Freund einer Kollegin hatte vor ein paar Wochen ein Paar Schuhe entdeckt, in einem kleinen Laden. Er fand die Schuhe schön, sie passten, fast hätte er sie schon gekauft. Aber vorher wollte er doch noch mal nach Hause, um in Ruhe zu recherchieren, ob die Schuhe seinen Ansprüchen genügen. Es ging ihm nicht darum, herauszufinden, ob die Schuhe ohne Kinderarbeit oder giftige Kunststoffe hergestellt wurden, also nicht darum, ein verantwortungsvoller Konsument zu sein. Es ging ihm darum, ob die Leute, die diese Schuhe öffentlich tragen, und die Blogger, die sie empfehlen, seinen Vorstellungen von gutem Geschmack, von Coolness entsprachen.

Das Milieu, in dem ich lebe, kauft nicht mehr nur ein, es wählt aus. Man kuratiert seinen Besitzstand.

Das wohlhabende Bürgertum, die "bessren Leut", hat sich schon immer im Geschmack von den nicht ganz so Wohlhabenden zu unterscheiden versucht. Es schätzte jenen Maler, diesen Komponisten, diesen Schriftsteller. Kennerschaft im Konsum war vor ein paar Jahrzehnten vor allem beim Wein oder bei Zigarren gefragt. Um die meisten Statussymbole zu kaufen, um etwa bei Porsche, Rolex oder Lacoste Kunde zu werden, musste man sich noch vor zwanzig Jahren nicht groß auskennen, jeder wusste, wo die zu finden waren. In den vorigen zehn Jahren hat sich die Kennerschaft auf Käse, Olivenöl, Espressobohnen und fast alles Essbare ausgeweitet. Inzwischen gilt es, auch in Zahnpasta- und Waschmittelfragen Kennerschaft zu beweisen und noch viel mehr bei allem, was dauerhaft in der Wohnung gebraucht wird. Es hat sich eine neue Klasse gebildet: die der Besserbürger. Es genügt keinesfalls mehr, in ein Kaufhaus zu gehen (lebe wohl, liebes Karstadt!), um eine Auflaufform zu kaufen, weil man eine Auflaufform braucht. Stattdessen werden Blogs gelesen, Magazine durchblättert, und am Ende wird irgendwo in Japan oder einer Emaille-Fabrik im Allgäu bestellt (bloß nicht bei Manufactum, das ist ja nur der neue Quelle-Katalog). Bis in die unterste Schublade der Alltagsutensilien wird alles der Frage unterworfen: Ist das, was ich kaufe, formvollendet? Beweise ich damit auch guten Geschmack? Gefällt das auch meinen Bekannten? Kann ich das, was ich da kaufe, vielleicht sogar posten? Und wenn ich es nicht poste: Wäre es wenigstens würdig, gepostet zu werden?

Fahrrad von Koga Miyata Diese Fahrräder sind wunderschön. Aber nicht die neuen. Es müssen die alten sein, siebziger und achtziger Jahre. Man findet sie in Kleinanzeigen und muss sie dann selbst restaurieren. Bereits instand gesetzt gibt es sie in Läden dem Velo Saloon in Berlin. © Haw-lin Services

Vor knapp zehn Jahren war häufig von einer Schicht junger Großstädter die Rede, Lohas wurden sie genannt, was für Lifestyle of Health and Sustainability steht. Sie taten sich dadurch hervor, möglichst alle Produkte nur noch in Bioqualität zu kaufen. Sie retten ein wenig die Welt und fühlen sich besser als die, die sich Bio nicht leisten können. Die Lohas sind inzwischen um die 40, und die Jüngeren kaufen immer noch Bio, aber es ist nicht mehr das wichtigste Kriterium, auf keinen Fall das einzige. Immer nur Bio kaufen, bei der Stiftung Warentest nach den Noten für die Corporate Social Responsibility schielen, das fänden die Besserbürger zu einfach und zu uncool. Es geht nicht um die Suche nach dem Richtigen, sondern nach dem Besonderen.

Das zu mögen, was massenweise zu haben ist, gilt als schlechter Geschmack. Der Begriff Massenware hat nahezu die gleiche Bedeutung wie Schund. Auch deshalb verlor das Auto inzwischen seinen Rang als wichtigstes Statusobjekt, den es ziemlich genau drei Generationen lang innehatte (willkommen ist es jedoch noch, wenn es ein Carsharing-Auto ist, etwa von DriveNow). Statt Massenware lobt man sich Dinge aus "unabhängigen Läden" oder aus "Manufakturen", die, so die Vorstellung, alles in ganz kleiner Stückzahl produzieren und mit ganz viel Liebe. In der Londoner U-Bahn waren kürzlich Plakate eines Internetkaufhauses namens notonthehighstreet.com aufgehängt, das sich also nach dem Glauben benennt, alles, was es isn der Haupteinkaufsstraße zu kaufen gibt, sei langweilig und schlecht. Zur gleichen Zeit, ebenfalls in England, schaltete American Express ganzseitige Anzeigen: "Shop small!" Die Initiative Small Business Saturday, deren Idee American Express damit förderte, kommt aus den USA, und es geht um die Rettung des kleinen, lokalen Einzelhandels. Diese beiden Attribute sind sehr wichtig, beide Wörter fallen garantiert, wenn sich Kenner unterhalten: Alles muss möglichst klein und lokal sein. American Express, die nicht so kleine, nicht so lokale Kreditkartenfirma, würde sich an dieser Rettung sicher nicht beteiligen, hoffte sie nicht, sich damit bei ihrer Klientel beliebt zu machen.

Es fällt mir auf Anhieb kein Gegenstand ein, den sich die junge, halbwegs erfolgreiche Mittelschicht noch ohne Kennerschaft kaufen könnte, außer vielleicht der Waschmaschine. Da gibt es einfach zu wenige Hersteller. Würde man die Auskenner auf ihr Gehabe aufmerksam machen wollen, müsste man ein Waschmaschinen-Blog schreiben: "Oh, huh, die neue Miele. Schon ein Schätzchen, aber leider nicht für unter 900 Euro zu haben. Deshalb zwei Nächte sehr schlecht geschlafen. Am Ende entschieden, dass die Bloomberg, kombiniert mit einem Trockner von Electrolux, ja auch nicht schlecht aussieht. Seht selbst ..."

Ähnlich wie in der Liebe, wo der mögliche Partner dank des Internets in unendlicher Anzahl verfügbar wurde, ist es auch in der Welt der Dinge: Die perfekte Seifenschale muss es doch geben, irgendwo da draußen. Die Helden sind dabei die Blogger, weil sie sich auszukennen scheinen in diesem unendlichen Kaufhaus oder wenigstens in einer Etage davon.

Pop-up-Stores heißen die Läden (man muss das wirklich nur für Menschen über 60 erklären), die kurz irgendwo möglichst versteckt aufpoppen wie Mohnblumen, um wenig später wieder zu verschwinden. Diese Läden sollen die unendliche Verfügbarkeit wieder ein bisschen eingrenzen, zeitlich, örtlich, auch informell: Es soll erst gar nicht jeder davon erfahren, und wer es doch tut, soll sich geehrt fühlen.

Leuchte "Kaiser idell" Vor 80 Jahren entwarf der Silberschmied Chistian Dell diese Leuchte für die Lampenfabrik Gebr. Kaiser & Co. Heute gilt die "Kaiser idell" als Designklassiker – das Wort ist Musik in den Ohren des Besserbürgers. © Haw-lin Services

Louisa Kastner hat über diese Läden ihre Abschlussarbeit geschrieben an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Sie sagt: "Es gibt tausend Möglichkeiten, wie man kaufen kann. Man weiß ja gar nicht mehr, was ist wirklich toll." Der erste Pop-up-Store, so steht es in ihrer Arbeit, wurde 2004 in Berlin eröffnet, vom japanischen Modelabel Comme des Garçons. Es folgten sehr viele Pop-ups, bis irgendwann auch Ikea und Opel einen Pop-up-Store wollten, um sich für die Kenner ein bisschen interessant zu machen. Die haben die Sache natürlich durchschaut und fanden, so ist es in einem Blog zu lesen, den Opel-Pop-up nicht so toll. Längst wird zwischen coolen und uncoolen Pop-ups unterschieden, sagt Louisa Kastner. Comme des Garçons betreibt keine mehr. Rei Kawakubo, die Designerin des Labels, sagte kürzlich in einem Interview: "Wir haben damit aufgehört, weil es jetzt jeder macht."

Verheißungsvoller als Pop-ups sind inzwischen Kooperationen zwischen Laden, Bloggern und Marke. Im Berliner Voo Store (Laden) wurde vor ein paar Monaten an einem Samstag von Jessica Weiß (Bloggerin) Mode der japanischen Firma Uniqlo (Marke) vorgestellt, eines Kleiderherstellers, der eine Zeit lang recht begehrt war, weil man seine Kleidung in Deutschland nicht bekam. "Wer an diesem Samstag dort war, weiß, jetzt kann ich sicher sein: Ja, das ist wirklich cool", sagt Louisa Kastner. Auch wirklich cool, sagt sie, seien Kooperationen zwischen Künstlern und den großen Luxusmarken.

Und selbst Nichtluxusläden werden nicht mehr nur einfach dekoriert, sie werden kuratiert. Kuratieren ist zur Lieblingsfloskel geworden. Das Wort fand sich in den vorigen zwölf Monaten viermal so oft in der Pressedatenbank wie noch vor zehn Jahren.

Weil die alten Markennamen zu leicht zu entdecken sind, geben sich die bekannten Marken neue Namen, die noch nicht jeder kennt. Fruit of the Loom zum Beispiel stellte in diesem Sommer in der Berliner Torstraße sein Label Seek no further vor. Wer diesen Namen erfand, scheint das Wesen der Auskenner, die ewige Suche, gut verstanden zu haben.

Louisa Kastner wohnt in Stuttgart. Dort fiel ihr die Liststraße auf, nahe dem Marienplatz. Diese Straße war bis vor einigen Monaten eine Wohnstraße, nun sind gleich mehrere "süße kleine Läden" eingezogen, nicht so cool wie der Voo Store in Berlin, aber darauf bedacht, etwas Kuratiertes anzubieten. Das Prinzip, in die Wohnstraßen zu ziehen, ist bislang eher von jenen Restaurants bekannt, die ihre Stammkundschaft vor touristischer Laufkundschaft bewahren wollen. Sie wollen nur die, die bewusst zu ihnen kommen. Sie wollen nur die Kenner.

Eine Bekannte erzählt, es gehe in ihrem Freundeskreis der Mitte-bis-Ende-zwanzig-Jährigen vor allem darum, sich "wohlhabend" anzuziehen, auch dann, wenn man nicht wohlhabend sei. Sie findet, dass in der Berliner Kommunikationsagentur, in der sie arbeitet, kaum ein Unterschied im Kleiderstil zu erkennen sei zwischen den Praktikanten und den etwas Älteren, die schon ganz gut verdienen. Moritz Ege, 35, Ethnologe an der Uni München, der vor Kurzem seine Dissertation über den Kleidungsstil der männlichen Berliner Unterschicht veröffentlicht hat, beobachtet bei den jungen Angehörigen der Mittelschicht einen "Drang zu einer Gediegenheit". Klamotten sollten von guter Qualität zeugen, lange halten, ruhig etwas teurer sein, dafür kauft man dann weniger. Gerne Kaschmir in Dunkelblau. Das unterscheidet die Jüngeren von den nicht mehr ganz so Jungen. Die, die heute so zwischen Anfang 40 und Anfang 50 sind, gaben sich, als sie zwischen 20 und 35 waren, eher weniger wohlhabend, als sie waren. Der Kanadier David Brooks nannte sie vor 14 Jahren Bobos, weil sie bohémien im Auftreten waren, aber bourgeois , was ihr Einkommen und ihren Job betraf. Heute sieht man wieder eher nach Bourgeoisie aus, auch wenn man materiell eher zur Boheme zählt (zumindest, wenn es die Eltern nicht gäbe).

Früher bedeutete Akademiker zu sein, finanziell sorglos zu leben. Heute leben Akademiker und Unterschicht in denselben Mietshäusern (und stöhnen genauso, wenn die Mieten steigen). Wenn schon nicht wie früher der monatliche Geldeingang und die Wohnadresse über unten und oben entscheiden, erscheint es umso wichtiger, die feinen Unterschiede im Geschmack aufzuzeigen. Die Wohlanständigkeit, die moralische Überlegenheit, die Dienstautos, die gefüllten Bücherregale, alles hat das Bürgertum schon verloren aus den unterschiedlichsten Gründen; das, was ihm bleibt, ist der gute Geschmack. Wenn man sich die Stadtvilla nicht leisten kann, investiert man in teure Cremes und Zahnpasten, die im besten Fall beim nächsten Abendessen von den Besuchern registriert werden.

Schnelle Autos, auffälliger Schmuck, Klamotten mit aufgedruckten Markennamen seien inzwischen etwas für die Unterprivilegierten, sagt Moritz Ege, der Ethnologe aus München. Das scheint bis zur Fußgängerzonen-Modekette Abercrombie & Fitch durchgesickert zu sein. Sie gab Ende August bekannt, in den USA auf die fett gedruckten Logos verzichten zu wollen, für die sie bislang berühmt war.

Die Auskenner üben sich in Subtilität und in Verzicht. Und selbst wenn es gar kein Verzicht ist (weil man sich das eigene Auto zum Beispiel wirklich nicht leisten kann), soll es wenigstens wie Verzicht wirken. Solange Fleisch teuer war, hat die gut verdienende Schicht gerne viel davon gegessen. Als es immer billiger wurde und es sich auch die Unterschicht leisten konnte, wurde es immer uninteressanter für sie. Für mich ja auch. Esse ich "wenig Fleisch und dann nur bio", weil es gut für mein Ego ist oder gut für die Welt? Man wird mir, sollte es Egoismus sein, das schwer nachweisen können. Hat es etwas mit Moral zu tun oder mit Statusdenken, dass ich lieber Fahrrad fahre als Auto? Ähnelt meine Mitgliedschaft bei drei verschiedenen Carsharing-Firmen jenen Mitgliedschaften, die unserer Elterngeneration Zutritt zu Golfplätzen und Tennisplätzen verschafften?

Fernseher sind auch ein schönes Beispiel. Am besten, man hat gar keinen, oder wenn, dann eine alte Kiste. Eine Bekannte erzählte mir kürzlich von einem Freund, einem Bastler, der sich Geld damit verdient, alte Fernsehkästen aufzukaufen, zu reparieren und im Bekanntenkreis weiterzuverkaufen. Sie hat jetzt auch so einen. Sie sagt, weder Bild noch Ton seien so richtig gut.

Beim iPhone sind wir noch nicht so weit. Noch hat es nicht den Touch des Flachbildfernsehers. Das iPhone ist ein Statussymbol, dessen Kurs gerade fällt. Aber es wird von der großen Mehrheit der Auskenner noch gemocht, obwohl es inzwischen auch die Unterschicht gern kauft, durchaus in der Hoffnung, ein bisschen oben dazuzugehören. Das klappt nur leider nicht, weil das iPhone alleine nichts bringt, wenn der Rest des Ichs nicht kuratiert ist. Apple ist das, was man inzwischen möglichst selbstverständlich besitzt, nichts mehr, was einen aus dem Häuschen geraten lässt. Dass die 600 Euro für das iPhone demnächst statusmäßig fehlinvestiert sind, werden zuerst die Auskenner merken. Sie kaufen sich schon jetzt eher ein gebrauchtes iPhone 4s statt des neuen iPhone 6, für ein Drittel des Geldes (so hab ich es jedenfalls neulich gemacht).

Das Bürgertum war Besitzbürgertum oder Bildungsbürgertum, manchmal auch beides. Bildung und Besitz, darauf hat es sich berufen. Heute ist ein hohes Einkommen der Töchter und Söhne nicht mehr garantiert (der Besitz ist es schon eher), und mit Bildung lässt sich wesentlich schlechter angeben als vor ein oder zwei Generationen. So wird der Geschmack zum Mittel, um anders zu sein als die da unten. Wir leben in der Zeit der Geschmacksbürger.

Ein Begriff übrigens, den vor sieben Jahren Ulf Poschardt, damals Chefredakteur der deutschen Vanity Fair, benutzt hat, um den in Stilkunde geschulten Bürger herbeizuwünschen. In der Zeitschrift Merkur beschrieb er, was seinem geschulten Auge alles wehtut: Jeansanzüge, Wackeldackel, Rucksäcke, billige Reihenhäuser, der Opel Vectra, der Golf III, Trainingshosen, Schuhe aus den Siebzigern, lilafarbene Kleinwagen (schon wieder das falsche Auto). Der Artikel ist eine lange Schmähliste. Inzwischen tauchen einige dieser Utensilien längst nicht mehr nur in der Unterschicht auf, sondern auch hier und da, wo sich Geschmack und Kennerschaft zum Getränk versammeln: Rucksäcke verkauft auch der Voo Store, und die Firma Levi’s bot im Sommer einen Jeans-Smoking an, den "legendären Bing Crosby Tuxedo" für 1.500 Euro, in einer begrenzten Auflage von 200 Stück. Aber darauf, dass "guter Geschmack" eine ziemlich willkürliche Sache ist, kommt kaum ein Geschmacksbürger.

Anders als beim Wein oder Gin (der gerade sehr beliebt ist) ist ein Blindtest für den optischen Geschmack kaum möglich. Wein- oder Gin-Kenner werden ab und an irritiert, weil sie, ohne das Flaschenetikett zu sehen, häufig den billigen Alkohol für den guten halten und den teuren, den sie sonst rühmen, für den schlechten. Aber niemand kann dem Liebhaber des Eames Lounge Chair nachweisen, dass das, was er für Geschmackssicherheit hält, womöglich Dünkel ist.

Jede Schicht, die weiter oben ist, hat sich schon immer gegen die darunter abgegrenzt, und es gibt keinen Beleg dafür, dass diese Grenze schwerer zu überwinden wäre als früher. Das Neue ist nur, dass die Privilegierten von heute sich selbst einreden, dass sie die Nichtprivilegierten gar nicht ausgrenzen. Früher lief das Ausgrenzen eher unsubtil ab: mein Auto, mein Haus, meine Doktorarbeit. Heute hingegen sehen sich die Privilegierten selbst als open-minded. Sie würden sich ja wünschen, sagen sie, dass auch die Chancenlosen eine Chance bekommen. Aber tatsächlich gelangt in Deutschland kaum jemand aus der Unterschicht an die tollen Jobs, seltener als in allen anderen europäischen Ländern, und das hat sehr viel damit zu tun, wie sich jeder einzelne Privilegierte verhält, wenn ein Nichtprivilegierter reinzukommen versucht in die lockeren besseren Kreise. Es geht darum, wie open der mind in Wahrheit ist.

Sofatisch von Paolo Piva Eine Eigenschaft, über die ein Besserbürger unbedingt verfügen sollte: Geduld. Die wird dafür aufgewendet, abgelegene Onlineshops nach Sofatischchen wie diesen zu durchsuchen, der nach einem Entwurf von Paolo Piva aus dem Jahr 1981 entstand. © Haw-lin Services

Machen Sie bitte den folgenden Test. Setzen Sie sich in eine U-Bahn oder einen Bus, und überlegen Sie bei jedem, der zusteigt, ganz spontan, ob Sie gerne einen Kaffee mit ihm trinken würden, nur mal so. Warten Sie, bis der Zugestiegene sein Telefon zückt, und notieren Sie, wie viele der von Ihnen sozial Akzeptierten ein iPhone benutzen und wie viele irgendein Konkurrenzgerät, etwa von Samsung oder LG. Noch ist das iPhone nämlich ein ziemlich verlässlicher Indikator für: akademisch ausgebildet, wohlhabendes Elternhaus. Wenn Ihre iPhone-Quote die 70-Prozent-Grenze nicht übersteigt, sind Sie schon gut. Meine Quote war sogar noch etwas höher. Auf Posertum zu stehen, attestiere auch ich lieber den anderen, bei mir selbst komme ich meistens nicht drauf.

Wenn ich Freunde zum Geburtstagsgetränk einlade, trinken da fast ausschließlich Leute mit Studium und meist auch mit einem Job, der ein wenig zum Angeben taugt. Die Unterschicht trinkt nicht mit, genauso wenig, wie ich mit der Oberschicht verkehre (und wenn, dann fühle ich mich meistens unwohl).

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani, 35 Jahre alt, Professor in Bochum, hat für seine Dissertation Professoren interviewt, die aus der Unterschicht stammen, die also die ganz große Ausnahme bilden in Deutschland. Viele der Interviewten berichteten ihm von einem Moment der Irritation: Als sie ein bisschen nach oben gekommen waren auf der akademischen Karriereleiter, erstes gutes Geld verdient hatten und sich von dem Geld teure Kleidung oder ein neues Auto kauften, stellten sie fest, dass dieser Materialismus überhaupt nicht erwünscht war von denen, die wohlhabend aufgewachsen waren. Die fanden den eher peinlich. Uninteressiert zu sein am Materiellen, das ist der Code der erfolgreichen Gebildeten: Es genügt nicht, Geld zu haben, man muss auch wissen, wofür man es nicht ausgibt.

Kann man den Code knacken? Kann ich mich geschmacklich locker machen? Sollte ich mir ein paar Dinge kaufen, die ich hässlich finde? Sollte ich nachsehen, was bei eBay-Kleinanzeigen verschenkt wird, also derzeit auf der Negativliste des guten Geschmacks steht (gerade sind Kieferkommoden erhältlich)? Sollte ich Gartenstühle bei Obi kaufen, und zwar die aus lilafarbenem Plastik, und sie posten mit der Bemerkung, sie seien so wunderschön wie ein Strauß frischer Flieder?

© ZEITmagazin

Aus Amerika kam in diesem Jahr ein kleiner Trend namens Normcore, der das so ähnlich versucht: sich durchaus nachlässig zu kleiden, auch mal mit etwas zu weiten, gerade geschnittenen Jeans, die Amerikaner dad jeans nennen, weil sie der Mode leicht hinterherhinkende Väter tragen (wie zum Beispiel auch Barack Obama ab und zu). Klingt nach einer nicht so doofen Idee, vielleicht ist es ja das Ende der ständigen Verfeinerung. Könnte aber auch sein, dass der Modeverzicht nur so eine Art Autoverzicht der besonders fortgeschrittenen Art ist.

Mitarbeit: Friederike Milbradt

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.

56 Kommentare

"In den vorigen zehn Jahren

"In den vorigen zehn Jahren hat sich die Kennerschaft auf Käse, Olivenöl, Espressobohnen und fast alles Essbare ausgeweitet. Inzwischen gilt es, auch in Zahnpasta- und Waschmittelfragen Kennerschaft zu beweisen und noch viel mehr bei allem, was dauerhaft in der Wohnung gebraucht wird."

Ja, wo sich der soziale Unterschied nicht mehr durch Manieren, Geld oder Bildung ausdrückt, da wird es suspekt. Man kann den Artikel getrost als saumäßig spießig bezeichnen. Er hat allerdings einen harten, ernsten Kern: Das Kleinbürgertum grenzt sich heute durch Olivenöl und Fahrradmarken von der Unterschicht ab. Es hat Angst vor dem Abstieg. Olivenöl und Fahrrad sind nämlich nicht Ausdruck seines Reichtums, sie sind sein Reichtum. Und, nein, es geht hier nicht um "Bessere Kreise" ...

… Auch würde ich mich von den Beeinflussungen völlig namenloser Blogger loslösen. Wer weiß, wie es bei denen zu Hause aussieht.
Es gilt der alte Spruch: Kleider machen Leute. Für nur ein wenig mehr an Geld, was man z.B. heute an „modernem“ Schuhwerk ausgibt, bekommen Sie schon ein Paar handgearbeiteter Herrenschuhe aus Italien. Gehen Sie zu einem Schneider, lassen sich bei der Auswahl der Tücher und deren Farben beraten und lassen sich einen Anzug nähen. Dann müssen/brauchen Sie sich auch nicht in der U-Bahn wie ein Fragezeichen zusammengekrümmt in den Wohlstandslumpen auf die Bank kauern und mit verstohlenem Blick - wie all die anderen uniformen Hipster - ständig nach der Tür zu schielen, mit der Frage, ob der nächste Fahrgast nun zum gleichen Stamm gehört oder nicht. Dann stehen Sie in der Mitte des Waggons und alle schauen auf Sie, ob Ihrer geraden Haltung und Ihres Outfits.
Ich habe vor ein paar Jahren die Reportage „Stoff für große Träume – Nino Cerruti“ gesehen. Besser geht' nicht. Und schauen Sie einmal, was der für ein Auto fährt: Golf II GTD. Und der Golf sieht nicht schlecht mit Herrn Cerruti am Volant aus.

Sehr geehrter Herr Stolz,

Sehr geehrter Herr Stolz,

dass Sie mit den 5 Nussknackern 4 Fehler gemacht haben, ist Ihnen klar, oder? Wenn Sie Design als persönliche, stilprägende Note in Ihren Lifestyle einbinden wollen, dann können Sie doch nicht 5 Nussknacker wie ein Sonderangebot einheimsen und vier von denen an Ihre Freunde verteilen! Jetzt hat jeder so'n Ding in Ihrem Bekanntenkreis. Das war nicht gut.
Das Besondere besteht doch im Individuellen. Wenn heute alle immer dem Trend hinterher rennen, dann hat man nichts Individuelles - nichts, was einem den eigenen Stil kenntlich macht.
Und mit Verlaub, die meisten Moden verdienen den Namen nicht. Schaut man sich bspw. die Kapuzenpullover von A$F an, so erkenne ich bestenfalls Oberteile von Trainingsanzügen darin. Und was viele, gerade junge Menschen an ihren Füßen tragen, ist abscheulich. Essengeldturnschuhe nannten wir früher die Dinger, die heute als völlig überteuerte sogenannte Sneaker an den Füßen dahingammeln.
...

Das liest sich wie der Markenwahn aus American Psycho. Glücklicherweise muss man ihn nicht mitmachen. Man kann einfach leben. Dinge kaufen, die man braucht, wenn man sie braucht und dabei auf Qualität und Langlebigkeit, nicht aber auf aktuelle gesellschaftliche Wertesysteme. Und irgendwann kauft man dann die Miele, wenn die Electrolux nach drei Jahren mit explodierter Elektronik als Totalschaden im Bad raucht. Weil sie hält.

Nun hat sich also die Authorin mit ihrem Wissen um die feinen Dinge bewiesen, kommt wahrscheinlich auch aus diesem Umfeld, nur um sich dann mit vorgeschobener Kritik gegenüber den Besserbürgern zu profilieren.

Und an Schubladen wird auch nicht gespart. Sie ist natürlich schlauer als diese Schubladenmenschen.

Vielleicht sollte Sie sich auch einfach aus Ihrer verkopften Kontextwüste retten, und einige marktwirtschaftliche Grundsätze heranziehen:

Es gibt einfach Produkte, die sind hochwertig, haltbar, zeitlos und fair produziert. Das kostet nun mal. Aber da ja das Maß aller Dinge „umsonst“ ist, was Menschen und deren Umwelt auf anderen Kontinenten ausbaden müssen, wird alles was kostet zum Luxus erklärt.

Wie lange wurde noch vor 50 Jahren für ein Radio, Fernseher oder Fahrrad gespart? Wie lange für Möbel? Und wie lange hielten diese Produkte?

Heute reicht dann das Fahrrad aus dem Baumarkt, das Möbel von Ikea oder das Hemd von H&M, alles andere ist Luxus, gelle? Und man wechselt dann alles im Saisonrythmus.

Geiz ist geil. Die Kritik führt zu nichts.

Absolut großartiger Artikel über die Dynamiken der Konsumgesellschaft, Status, Geschmack als Klassenmerkmal, die Sorgen des Konsumenten, der keiner sein will, aber einer sein muss. Den zwingendsten Fragen des Konsumparadigmas--Wer will ich sein? Was brauche ich dafür?--kann niemand die Antwort schuldig bleiben. Selbst Verweigerung ist nur ein weiterer Lifestyle, wie alle anderen. In Zeiten anscheinend fluider Identität erschafft der Konsument sich ständig wieder, in einer unaufhörlichen Anstrengung. Er darf dabei nie sicheren Boden erreichen, sondern muss immer das Gefühl haben, er verpasse was oder müsse sich weiter verfeinern und stilisieren, immer in Bewegung bleiben, zwischen Konsum und Selbstausbeutung.

Ist ein weites Thema, aber der Autor hat es gut getroffen, finde ich.

Volle Zustimmung - ein wunderbarer Artikel!
Und selbstkritisch, selbstironisch und vor allem auch verzeihend genug um dieses sozialpsychologische Phänomen des Sich-Profilierens nicht abwertend zu betrachten.
Wenn ich bestimmte coole Leute auf ihren 600EUR CustomFixies sehe, muss ich innerlich lächeln, auch über mich. Denn ich ertappte mich selbst öfter dabei, wie ich wegen meines 10kg-XT-Mountainbikes diesen "Auskenner-Konsumenten-Stolz" empfand...

>Das wohlhabende Bürgertum, die "bessren Leut",
>hat sich schon immer im Geschmack von den nicht
>ganz so Wohlhabenden zu unterscheiden versucht. [...]
>In den vorigen zehn Jahren hat sich die Kennerschaft
>auf Käse, Olivenöl, Espressobohnen und fast alles
>Essbare ausgeweitet.

Das lässt sich auch hier im Kommentarbereich immer wieder schön beobachten. Z.B. wenn die "Besserbürger" sich extrem negativ über Nespresso auslassen; gleichzeitig aber ihre völlige Unkenntnis über Kaffee durchscheint, z.B. wenn sie Dinge schreiben wie "Der beste Espresso kommt immer noch aus der Bialetti" oder ähnlichen, sachlich falschen Nonsens.

Ja, für manche Menschen ist die soziale Distinktion, die ein Produkt ermöglicht, wichtiger als das Produkt an sich.

Ah ja, so funktionieren also diese technophoben fortschrittsfeindlichen, bieder verklemmten und hypersensiblen Tierchen also!
Sensibel in dem Sinne, dass sich eine enorme Aufmerksamkeits-/ Gefallsucht diagnostizieren lässt, die in ständigem Aufeinanderhocken vulgo Geselligkeit austobt wird. Repräsentativ, versteht sich. Und wehe man nimmt diesen Geschmack nicht wahr!

Mir wurde irgendwann dann doch klar: Ich verstehe diese... Wesen nicht, es ist mir im Grunde auch scheißegal und es wird langsam Zeit sich aus dem urbanen Zentrum zurückzuziehen. Die machen mich einfach nur irre. Ein Zeichen von Alter. Es war schon sehr quälend langweilig das überhaupt zu lesen. Aus meiner Perspektive ist dass alles nur ein staubiger Aufguss der 60/70er. Aber die von der non-progressiven Seite. Also der Falschen.

Ehrlich gesagt nervt mich schon die Überschrift. Man muss überhaupt nichts, schon gar nicht guten Geschmack beweisen.
Wer sagt denn das? Und vor allem, wen interessiert's? Und noch mehr: wer definiert guten Geschmack? Hält man seinen eigenen Geschmack nicht immer für gut? Spielt doch keine Rolle, ob's den anderen gefällt. Wer auch immer, warum auch immer, das Gefühl hat, er müsse guten Geschmack beweisen, mich nervt's, dass es hier in dem Artikel wie ein gesellschaftliches Problem dargestellt wird, statt das was es ist: ein persönliches Gefühl/Problem von irgendwem. Wobei ich nicht abstreite, dass auch andere diesem Gefühl erliegen. Das liegt an mangelndem Selbstbewusstsein bzw. Rückgrat oder an einer unbewussten Identifikation mit demjenigen, der vermeintlich über den eigenen Geschmack urteilt. Nur auf keinen Fall trifft zu, dass man das wirklich müsste. Wer hat's denn nötig anderen irgendwas zu beweisen und sich hervorzutun, um einer imaginären oder selbst definierten Gruppe zuzugehören? Tut es nicht viel besser, so geschätzt zu werden wie man ist? Zum Teufel mit den Leuten, denen man sich auf diese Weise angeblich anbiedern muss.

Trendphase 1: Sich durch Individualität in jedem Detail von der Masse abheben wollen.
Trendphase 2: Sich dem widersetzen und ganz bewusst ein Nichtinteressiertsein an Mode inszenieren.
Trendphase 3: Sich über Menschen in Trendphase 1 und 2 aufregen (Hipster! Designfreaks! Haben die keine echten Probleme?!)
Trendphase 4: Sich bei ZEIT online über Menschen in Trendphase 3 zu echauffieren ;-)
Trendphase 5: Beginne wieder bei Trendphase 1.

Schöner Artikel.

Schöner Artikel.
ich kenne zwar solche Typen nicht, die scheinen wohl alle aus dem Biotop "irgendwas mit Medien, keine Ahnung , zu kommen". Es geht hier bei doch nicht ums kuratieren oder einen guten Geschmack habe, es geht ums gefallen, um Codizes, die die erkennen, denen man gefallen will. Das Internet ist voll mit angeblich individuellen Wohnungen. in denen immer der eine Eames Chair steht, plus Fixie und Analogknipse. Das verstehen alle, hat jedoch mit Individualität und guten Geschmack gar nichts zu tun. Ältere Männer auf schneeweißen Designrädern ohne Bremse, haben inzwischen etwas lächerliches. Man will sich krampfhaft abheben von der Masse der KiK und Ikeakunden und merkt dabei gar nicht, wie blöd das ist, weil es dann eben alle Coolen so machen. Für mich sind das alles Anzeigen, dass man seinen eigenen Stil noch nicht gefunden hat oder zu feige ist, ihn auszuleben.

Meine Güte. Wenn einem bei jedem Restaurantbesuch, Kleidungsstück, Klobürste usw. die Frage durch den Kopf geht, ob man damit als stylish rüberkommt, ist einiges im Argen. Wenn diese Frage dann nicht kühl kalkulierend ("wie kann ich mich am besten darstellen") gestellt wird, sondern sich automatisch stellt, weil man es gar nicht anders kennt, macht es das Ganze nur noch schlimmer.

Wozu soll ich Dinge kaufen (posten, leihen, twittern, unternehmen), die ich nicht brauche, um Leute zu beeindrucken, die ich nicht mag?

Diejenigen, die sich mittels "Lifestyle" für citoyen halten, sind ziemlich bourgeois. Ihr Dilemma ist, dass sie es nicht merken.

greetz, BG

Eigentlich ein ganz hübscher Artikel, aber eine Sache regt mich auf: Wieder einmal (Das passiert im Moment gefühlt in jeden zweiten Artikel, in dem es um Lifestyle geht.) wird einem hier der Begriff "normcore" um die Ohren gehauen. Wieder einmal habe ich das dumme Gefühl, dass sich der Autor, wie auch die meisten seiner Kollegen, nicht die Mühe gemacht hat, das entsprechende Konzept im Original zu lesen. Man kann davon halten, was man will, ich finde es in der Analyse auch nur halb überzeugend, aber man kann es wirklich nicht auf den "Fashion-Aspekt" reduzieren. Bei normcore geht es bei Weitem nicht nur darum, sich unauffällig zu kleiden und so dem Individualitätsterror eine Absage zu erteilen, dahinter steht noch viel mehr.
Doch ich gebe zu, das würde sich nicht so schön in diesen launigen Artikel einpassen.

Lieber Herr Stolz und Frau Milbradt,

ein sehr interessanter Meinungsartikel. Und irgendwie kann man Ihnen schon Recht geben und irgendwie auch wieder nicht. Was mich aber in erster Linie stört, ist die Bezeichnung von Besserbürger. So etwas hatten wir bereits bei den Veganern, die als bessere Menschen bezeichnet wurden. Diese Bewertung dahinter sollte nun wirklich nicht an Konsum-Verhalten festgemacht werden.
Ich bin selber sehr designaffin und mag mich damit auseinander zusetzen. Als ich noch bei den Designers'Open in Leipzig tätig war, hatte ich die Chance genutzt mal mit den Ausstellern zu sprechen. Dabei war spannend zu erfahren, dass gerade die "Unpriviligierten" sich sehr dafür interessierten, wie die Produkte gemacht werden, was der designerische Clou dahinter ist. Die Besucher begeisterten sich mehr für den Einfallsreichtum und mit dem Kauf des Produktes konnten sie ein Stück dieser Geschichte sein.
Warum ich darauf komme?
Wenn man dann mit den Besuchern sprach, die etwas kauften, und fragte, was Ihnen an dem Produkt gefällt, dann sprangen sie schnell von einer oberflächlichen Beschreibung des Produktes zu der Geschichte, wie die Idee entstand und wie ein Problem gelöst wurde.

Vielleicht dies mal eine Inspiration, die "Geschmacksbürger" auszudifferenzieren! Vielleicht kann man auch von einem "ich-will-verstehen-Bürger" sprechen?

Die Auskenner: eine Polemik

Die Auskenner: eine Polemik

Ihr seid die Auskenner.

Ihr kennt die Bedürfnisse der Anderen besser als eure eigenen. Darum forscht ihr nach, lest nach, schaut in die Blogs.

Ihr wisst nicht, was ihr wollt, aber ihr wollt wissen, was ihr wollen sollt.

Ihr sucht nach einer Hand, die euch leitet. Eine Hand, die sich "noch" besser auskennt, denn ihr seid zwar Auskenner, nicht perfekt - soviel Demut muss sein. Aber wer perfekte Auskenner kennt, muss sich nur danach richten, was diese sagen, dann kann man ein wenig an ihrer Perfektion teilhaben.

Wer sich ein nicht besonders cooles Produkt kauft, weil er glaubt, seine eigenen Bedürfnisse unterscheiden sich von den Bedürfnissen der wahren Auskenner, der kennt sich einfach nicht aus.

Wahre Auskenner haben die richtigen Bedürfnisse. Andere Bedürfnisse sind ein Zeichen mangelender Information. Oder noch besser: mangelnder Kommunikation mit den Auskennern.

Ihr wisst, dass ALLE Produkte eines gewissen Herstellers, oder einer Marke, entweder gut oder schlecht sind. Es reicht, die guten Hersteller zu kennen, und zu wissen, wenn ein Produkt vom falschen Hersteller kommt. Schubladen vereinfachen das Auskennen zum Glück ungemein.

Ihr wisst es besser, ihr kennt euch aus. Zum Glück lasst ihr auch oft alle, die sich nicht so gut auskennen, daran teilhaben - wenn nicht gleich verbal (das ist für uns Nicht-Auskenner ja zum Glück direkt hilfreich), dann durch Blicke, Gesten.

Wir sind froh, dass ihr euch auskennt.

Wahrscheinlich bin ich schon mumifiziert … oder ich trage Scheuklappen, aber diese neue Kultur der Statussymbole, falls sie nicht eine Erfindung ist, ist irgendwie an mir vorbeigegangen. Wahrscheinlich hat jede Generation ein selbstreferentielles Verhalten, das von den anderen einfach ignoriert wird. Was die Ästhetik betrifft: die steht in keiner direkten Korrelation zu den Kosten eines Gegenstandes.

Der Artikel stellt Vieles genau richtig dar. Auch, dass heute (in Zeiten, in denen die jungen Leute das Wohlstandsniveau ihrer Eltern nie mehr erreichen können), der "gute Geschmack" immer wichtiger wird. Ob man sich ihn leisten kann oder nicht.
Das Thema der Geschmacksdistinktion des Bürgertums: "Die feinen Unterschiede" von Bourdieu lässt grüßen.

Schade, dass dieser Artikel nicht in der Rubrik ‚Gesellschaftskritik‘ erschien. Ich habe auch nur drei Absätze geschafft. Danach war es nicht mehr zu ertragen, wie sich der Autor hier als eine sehr unsichere Persönlichkeit beschreibt. Denn diese Jagd nach den beschriebenen Produkten, das verzweifelte Bemühen unique zu sein ist, die Abhängigkeit von der Wertung anderer (coolerer)… Herr Stolz schreibt als wäre er ein Teenager aus dem Elfenbeinturm.

Wenn ich sowas lese

„Heute leben Akademiker und Unterschicht in denselben Mietshäusern“

könnte ich kotzen. Bitte, Herr Stolz, fahren Sie doch einmal in Gegenden, in denen die ‚Unterschicht‘ wohnt. Da werden Sie wenig Akademiker finden, denn Akademiker haben ihre eigenen Viertel, oft in Innenstadtnähe mit schönen Altbauten. Aber wieso sollte man sich als dekadenter, durchsaturierter Senior-Hipster in ein Unterschichtenviertel verirren? Das passt nicht zu dem beschriebenen Lebensstil. Die Realität passt nicht zu diesem Lebensstil.

Falls dieser Artikel lustig sein sollte, er ist es nicht. Er ist elitär und diskriminierend.

@Zensiere mich

@Zensiere mich

Von der Präkarisierung nichtakademischer Arbeitnehmer haben Sie wohl nichts mitbekommen? Und seit wann sind alle Akademiker Wissenschaftler? Ist Herr Stolz Wissenschaftler? Die Typen, die morgens mit Arbeitshosen und Sicherheitsschuhen in die Gewerbegebiete am Stadtrand fahren leben jedenfalls nicht in Nordend, Sülz oder Schwabing.

Herrlicher Artikel! Nur leider scheinen ihn die meisten noch nicht richtig verstehen zu können (...oder zu wollen)

Es ist sicher nicht notwendig hier jetzt zu prahlen, dass man das, was die "jungen Hippen" jetzt machen, schon immer so macht...

@kleinhorst: ja, womöglich sind sie ein wenig zu alt, da dieser Artikel den Lifestyle und Spirit unserer Generation mehr als trifft(und ja, leider...)

@ troemmer: es lohnt sich manchmal, mehr als die Einleitung zu lesen, da kommt noch mehr als die verschriftlichte Dekadenz

@ Brave Benbow: Vielleicht besitzen die Imigranten kein "Eifoon" sondern eines der anderen, billigeren, genauso lärmenden Geräten?! -dadurch könnte eine im Artikel angesprochene Statistik wohl doch an Wahrheit gewinnen?
Der Autor beschreibt sehr genau einen Teil der jungen Generation, aber diese scheinen sie noch nicht zu kennen...

Vielleicht versteh' ich's ja

Vielleicht versteh' ich's ja nur nicht, weil ich schon zu alt bin. Aber mir scheint das eine sehr verkrampfte, ängstliche, wenig souveräne Haltung zu sein, die hier beschrieben wird. Einen Nussknacker (ist das nicht, ähem, ein wenig spießig?) zu kaufen und erleichtert festzustellen, dass er im Internet nicht zu haben ist? Irgendetwas erst kaufen, wenn man festgestellt hat, dass die richtigen Leute es besitzen? Das scheint mir ziemlich ärmlich.

Aber ich wohn ja auch in einem Reihenhaus Baujahr '69, besitze jede Menge kurzärmliger Hemden und interessiere mich, obwohl ich jeden Monat Hunderte von Kilometern radle, einen Pups für hippe Fahrradmoden.

Antwort auf die Headline: Weil es dafür einen "Markt" gibt, bzw. dafür ein "Markt" geschaffen wurde.

Ich brauche das nicht, habe aber bei manchen Alltagsgegenständen den Mehrwert von hochwertigen Geräten erfahren (Dosenöffner für 40 €, der die Dosen im Gegensatz zum Billig-Vorgänger auch richtig öffnet, Kochtöpfe aus Gusseisen, nachdem der ALDI-Dreierpack sich auflöste).

Sind aber keine "Trendprodukte", ich kam eher durch die ältere Verwandtschaft auf die oben genannten Utensilien.

"Das beste Fahrrad, die

"Das beste Fahrrad, die schönsten Stühle, eine supercoole Zahnpasta: Warum müssen wir jetzt selbst bei Alltagsdingen total guten Geschmack beweisen?"

Was für eine Frage !!: weil wir alle so WAHNSINIG trendy sind und überhaupt so WICHTIG und (ERFOLG)REICH sind und wenn nicht, so haben wir doch wenigsten einen erlesenen Geschmack, den wir uns leisten können.

Zitat: "Machen Sie bitte den

Zitat: "Machen Sie bitte den folgenden Test. Setzen Sie sich in eine U-Bahn oder einen Bus [...]wie viele der von Ihnen sozial Akzeptierten ein iPhone benutzen und wie viele irgendein Konkurrenzgerät, etwa von Samsung oder LG."

Hmm, ich kann die Geräte nicht voneinander unterscheiden. Das liegt daran, dass ich keines dieser Geräte besitze und sie mich auch überhaupt nicht interessieren. Bisher ist mir noch kein Grund eingefallen, warum ich sowas brauche.
Ist schon ne komische Sache mit dem "guten Geschmack" und den "Alltagsgegenständen", wenn Bedürfnisse von den Herstellern, bzw deren Werbestrategen und nicht von den Kunden erzeugt werden.

Was ist denn das für ein Konglomerat an Vorurteilen? "Noch ist das iPhone nämlich ein ziemlich verlässlicher Indikator für: akademisch ausgebildet, wohlhabendes Elternhaus." Schon vor Jahren konnte jeder, der es wollte, nachts im Düsseldorfer U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee DIE Eifoon-Zielgrupe lautstark und live erleben: Halbstarke Jungs türkischer oder russischer Zunge, denen man am besten aus dem Weg geht. Und besser geworden ist es seither nicht ...
Manchmal fragt man sich schon, in welcher Wolkenwelt ZEIT-Autoren leben, welche die "Handynummer eines Transportunternehmers, der eigentlich nur Kunst transportiert" kennen ...

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