Lebensstil Die Besserbürger

Zahnpasta "Couto": In Handarbeit hergestellte Zahnpasta aus Portugal. In den Drogeriemarkt zu gehen wäre ja auch zu einfach. Was dem Besserbürger gefällt: Nicht das Protzige, sondern das Abgelegene, das Seltene, das, was niemand hat © Haw-lin Services

Das beste Fahrrad, die schönsten Stühle, eine supercoole Zahnpasta: Warum müssen wir jetzt selbst bei Alltagsdingen total guten Geschmack beweisen? Von

ZEITmagazin Nr. 39/2014

Ich kenne die Handynummer eines Transportunternehmers, der eigentlich nur Kunst transportiert, aber, wenn man ihn bittet, auch mal eine im Internet gefundene Vitrine durch Deutschland fährt, im Lastauto mit Gurten fest verzurrt. Ich kenne mich auch ganz gut mit Fahrradrahmen aus, ich weiß, welche Restaurants in Berlin zuletzt einen Bib Gourmand im Michelin bekamen, und habe meine Eltern schon mal 150 Kilometer weit nach Lothringen geschickt, weil ich glaubte, dass es dort Gartenstühle gebe, die so schön sind wie keine anderen. Die Stühle erwiesen sich leider als durchgerostet, es schmerzt mich bis heute (beides: der Rost und die in Auftrag gegebene Elternarbeit). Als ich vor einiger Zeit in London war, kaufte ich in einem Geschäft des Designers Jasper Morrison gleich fünf Nussknacker für Freunde und Familie. Die Nussknacker, glaubte ich, gefielen mir, weil sie so einfach und so schwarz waren. Vielleicht gefielen sie mir aber auch, weil der Laden so versteckt lag. Man musste klingeln, kein Werbeschriftzug wies auf Jasper Morrisons Haushaltsutensilien hin. Als ich später im Internet nach dem Nussknacker suchte, warum eigentlich?, stellte ich sehr zu meiner Freude fest, dass sie nirgendwo zu finden waren.

Nussknacker von Jasper Morrison Der Nussknacker ist nicht teuer, acht Pfund kostete er in Morrissons Laden im Londoner Stadtteil Shoreditch. Der Laden liegt sehr versteckt. Man muss klingeln. Im Internet kann man den Nussknacker nicht kaufen – ebendas macht ihn so begehrt.

Eine Freundin lässt sich Teppiche aus Tunesien kommen, nicht ohne vorher Entwürfe mit dem Weber hin und her zu mailen. Und der Freund einer Kollegin hatte vor ein paar Wochen ein Paar Schuhe entdeckt, in einem kleinen Laden. Er fand die Schuhe schön, sie passten, fast hätte er sie schon gekauft. Aber vorher wollte er doch noch mal nach Hause, um in Ruhe zu recherchieren, ob die Schuhe seinen Ansprüchen genügen. Es ging ihm nicht darum, herauszufinden, ob die Schuhe ohne Kinderarbeit oder giftige Kunststoffe hergestellt wurden, also nicht darum, ein verantwortungsvoller Konsument zu sein. Es ging ihm darum, ob die Leute, die diese Schuhe öffentlich tragen, und die Blogger, die sie empfehlen, seinen Vorstellungen von gutem Geschmack, von Coolness entsprachen.

Das Milieu, in dem ich lebe, kauft nicht mehr nur ein, es wählt aus. Man kuratiert seinen Besitzstand.

Das wohlhabende Bürgertum, die "bessren Leut", hat sich schon immer im Geschmack von den nicht ganz so Wohlhabenden zu unterscheiden versucht. Es schätzte jenen Maler, diesen Komponisten, diesen Schriftsteller. Kennerschaft im Konsum war vor ein paar Jahrzehnten vor allem beim Wein oder bei Zigarren gefragt. Um die meisten Statussymbole zu kaufen, um etwa bei Porsche, Rolex oder Lacoste Kunde zu werden, musste man sich noch vor zwanzig Jahren nicht groß auskennen, jeder wusste, wo die zu finden waren. In den vorigen zehn Jahren hat sich die Kennerschaft auf Käse, Olivenöl, Espressobohnen und fast alles Essbare ausgeweitet. Inzwischen gilt es, auch in Zahnpasta- und Waschmittelfragen Kennerschaft zu beweisen und noch viel mehr bei allem, was dauerhaft in der Wohnung gebraucht wird. Es hat sich eine neue Klasse gebildet: die der Besserbürger. Es genügt keinesfalls mehr, in ein Kaufhaus zu gehen (lebe wohl, liebes Karstadt!), um eine Auflaufform zu kaufen, weil man eine Auflaufform braucht. Stattdessen werden Blogs gelesen, Magazine durchblättert, und am Ende wird irgendwo in Japan oder einer Emaille-Fabrik im Allgäu bestellt (bloß nicht bei Manufactum, das ist ja nur der neue Quelle-Katalog). Bis in die unterste Schublade der Alltagsutensilien wird alles der Frage unterworfen: Ist das, was ich kaufe, formvollendet? Beweise ich damit auch guten Geschmack? Gefällt das auch meinen Bekannten? Kann ich das, was ich da kaufe, vielleicht sogar posten? Und wenn ich es nicht poste: Wäre es wenigstens würdig, gepostet zu werden?

Fahrrad von Koga Miyata Diese Fahrräder sind wunderschön. Aber nicht die neuen. Es müssen die alten sein, siebziger und achtziger Jahre. Man findet sie in Kleinanzeigen und muss sie dann selbst restaurieren. Bereits instand gesetzt gibt es sie in Läden dem Velo Saloon in Berlin.

Vor knapp zehn Jahren war häufig von einer Schicht junger Großstädter die Rede, Lohas wurden sie genannt, was für Lifestyle of Health and Sustainability steht. Sie taten sich dadurch hervor, möglichst alle Produkte nur noch in Bioqualität zu kaufen. Sie retten ein wenig die Welt und fühlen sich besser als die, die sich Bio nicht leisten können. Die Lohas sind inzwischen um die 40, und die Jüngeren kaufen immer noch Bio, aber es ist nicht mehr das wichtigste Kriterium, auf keinen Fall das einzige. Immer nur Bio kaufen, bei der Stiftung Warentest nach den Noten für die Corporate Social Responsibility schielen, das fänden die Besserbürger zu einfach und zu uncool. Es geht nicht um die Suche nach dem Richtigen, sondern nach dem Besonderen.

Das zu mögen, was massenweise zu haben ist, gilt als schlechter Geschmack. Der Begriff Massenware hat nahezu die gleiche Bedeutung wie Schund. Auch deshalb verlor das Auto inzwischen seinen Rang als wichtigstes Statusobjekt, den es ziemlich genau drei Generationen lang innehatte (willkommen ist es jedoch noch, wenn es ein Carsharing-Auto ist, etwa von DriveNow). Statt Massenware lobt man sich Dinge aus "unabhängigen Läden" oder aus "Manufakturen", die, so die Vorstellung, alles in ganz kleiner Stückzahl produzieren und mit ganz viel Liebe. In der Londoner U-Bahn waren kürzlich Plakate eines Internetkaufhauses namens notonthehighstreet.com aufgehängt, das sich also nach dem Glauben benennt, alles, was es isn der Haupteinkaufsstraße zu kaufen gibt, sei langweilig und schlecht. Zur gleichen Zeit, ebenfalls in England, schaltete American Express ganzseitige Anzeigen: "Shop small!" Die Initiative Small Business Saturday, deren Idee American Express damit förderte, kommt aus den USA, und es geht um die Rettung des kleinen, lokalen Einzelhandels. Diese beiden Attribute sind sehr wichtig, beide Wörter fallen garantiert, wenn sich Kenner unterhalten: Alles muss möglichst klein und lokal sein. American Express, die nicht so kleine, nicht so lokale Kreditkartenfirma, würde sich an dieser Rettung sicher nicht beteiligen, hoffte sie nicht, sich damit bei ihrer Klientel beliebt zu machen.

Es fällt mir auf Anhieb kein Gegenstand ein, den sich die junge, halbwegs erfolgreiche Mittelschicht noch ohne Kennerschaft kaufen könnte, außer vielleicht der Waschmaschine. Da gibt es einfach zu wenige Hersteller. Würde man die Auskenner auf ihr Gehabe aufmerksam machen wollen, müsste man ein Waschmaschinen-Blog schreiben: "Oh, huh, die neue Miele. Schon ein Schätzchen, aber leider nicht für unter 900 Euro zu haben. Deshalb zwei Nächte sehr schlecht geschlafen. Am Ende entschieden, dass die Bloomberg, kombiniert mit einem Trockner von Electrolux, ja auch nicht schlecht aussieht. Seht selbst ..."

Ähnlich wie in der Liebe, wo der mögliche Partner dank des Internets in unendlicher Anzahl verfügbar wurde, ist es auch in der Welt der Dinge: Die perfekte Seifenschale muss es doch geben, irgendwo da draußen. Die Helden sind dabei die Blogger, weil sie sich auszukennen scheinen in diesem unendlichen Kaufhaus oder wenigstens in einer Etage davon.

Pop-up-Stores heißen die Läden (man muss das wirklich nur für Menschen über 60 erklären), die kurz irgendwo möglichst versteckt aufpoppen wie Mohnblumen, um wenig später wieder zu verschwinden. Diese Läden sollen die unendliche Verfügbarkeit wieder ein bisschen eingrenzen, zeitlich, örtlich, auch informell: Es soll erst gar nicht jeder davon erfahren, und wer es doch tut, soll sich geehrt fühlen.

Leuchte "Kaiser idell" Vor 80 Jahren entwarf der Silberschmied Chistian Dell diese Leuchte für die Lampenfabrik Gebr. Kaiser & Co. Heute gilt die "Kaiser idell" als Designklassiker – das Wort ist Musik in den Ohren des Besserbürgers.

Louisa Kastner hat über diese Läden ihre Abschlussarbeit geschrieben an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Sie sagt: "Es gibt tausend Möglichkeiten, wie man kaufen kann. Man weiß ja gar nicht mehr, was ist wirklich toll." Der erste Pop-up-Store, so steht es in ihrer Arbeit, wurde 2004 in Berlin eröffnet, vom japanischen Modelabel Comme des Garçons. Es folgten sehr viele Pop-ups, bis irgendwann auch Ikea und Opel einen Pop-up-Store wollten, um sich für die Kenner ein bisschen interessant zu machen. Die haben die Sache natürlich durchschaut und fanden, so ist es in einem Blog zu lesen, den Opel-Pop-up nicht so toll. Längst wird zwischen coolen und uncoolen Pop-ups unterschieden, sagt Louisa Kastner. Comme des Garçons betreibt keine mehr. Rei Kawakubo, die Designerin des Labels, sagte kürzlich in einem Interview: "Wir haben damit aufgehört, weil es jetzt jeder macht."

Verheißungsvoller als Pop-ups sind inzwischen Kooperationen zwischen Laden, Bloggern und Marke. Im Berliner Voo Store (Laden) wurde vor ein paar Monaten an einem Samstag von Jessica Weiß (Bloggerin) Mode der japanischen Firma Uniqlo (Marke) vorgestellt, eines Kleiderherstellers, der eine Zeit lang recht begehrt war, weil man seine Kleidung in Deutschland nicht bekam. "Wer an diesem Samstag dort war, weiß, jetzt kann ich sicher sein: Ja, das ist wirklich cool", sagt Louisa Kastner. Auch wirklich cool, sagt sie, seien Kooperationen zwischen Künstlern und den großen Luxusmarken.

Und selbst Nichtluxusläden werden nicht mehr nur einfach dekoriert, sie werden kuratiert. Kuratieren ist zur Lieblingsfloskel geworden. Das Wort fand sich in den vorigen zwölf Monaten viermal so oft in der Pressedatenbank wie noch vor zehn Jahren.

Weil die alten Markennamen zu leicht zu entdecken sind, geben sich die bekannten Marken neue Namen, die noch nicht jeder kennt. Fruit of the Loom zum Beispiel stellte in diesem Sommer in der Berliner Torstraße sein Label Seek no further vor. Wer diesen Namen erfand, scheint das Wesen der Auskenner, die ewige Suche, gut verstanden zu haben.

Louisa Kastner wohnt in Stuttgart. Dort fiel ihr die Liststraße auf, nahe dem Marienplatz. Diese Straße war bis vor einigen Monaten eine Wohnstraße, nun sind gleich mehrere "süße kleine Läden" eingezogen, nicht so cool wie der Voo Store in Berlin, aber darauf bedacht, etwas Kuratiertes anzubieten. Das Prinzip, in die Wohnstraßen zu ziehen, ist bislang eher von jenen Restaurants bekannt, die ihre Stammkundschaft vor touristischer Laufkundschaft bewahren wollen. Sie wollen nur die, die bewusst zu ihnen kommen. Sie wollen nur die Kenner.

Eine Bekannte erzählt, es gehe in ihrem Freundeskreis der Mitte-bis-Ende-zwanzig-Jährigen vor allem darum, sich "wohlhabend" anzuziehen, auch dann, wenn man nicht wohlhabend sei. Sie findet, dass in der Berliner Kommunikationsagentur, in der sie arbeitet, kaum ein Unterschied im Kleiderstil zu erkennen sei zwischen den Praktikanten und den etwas Älteren, die schon ganz gut verdienen. Moritz Ege, 35, Ethnologe an der Uni München, der vor Kurzem seine Dissertation über den Kleidungsstil der männlichen Berliner Unterschicht veröffentlicht hat, beobachtet bei den jungen Angehörigen der Mittelschicht einen "Drang zu einer Gediegenheit". Klamotten sollten von guter Qualität zeugen, lange halten, ruhig etwas teurer sein, dafür kauft man dann weniger. Gerne Kaschmir in Dunkelblau. Das unterscheidet die Jüngeren von den nicht mehr ganz so Jungen. Die, die heute so zwischen Anfang 40 und Anfang 50 sind, gaben sich, als sie zwischen 20 und 35 waren, eher weniger wohlhabend, als sie waren. Der Kanadier David Brooks nannte sie vor 14 Jahren Bobos, weil sie bohémien im Auftreten waren, aber bourgeois , was ihr Einkommen und ihren Job betraf. Heute sieht man wieder eher nach Bourgeoisie aus, auch wenn man materiell eher zur Boheme zählt (zumindest, wenn es die Eltern nicht gäbe).

Früher bedeutete Akademiker zu sein, finanziell sorglos zu leben. Heute leben Akademiker und Unterschicht in denselben Mietshäusern (und stöhnen genauso, wenn die Mieten steigen). Wenn schon nicht wie früher der monatliche Geldeingang und die Wohnadresse über unten und oben entscheiden, erscheint es umso wichtiger, die feinen Unterschiede im Geschmack aufzuzeigen. Die Wohlanständigkeit, die moralische Überlegenheit, die Dienstautos, die gefüllten Bücherregale, alles hat das Bürgertum schon verloren aus den unterschiedlichsten Gründen; das, was ihm bleibt, ist der gute Geschmack. Wenn man sich die Stadtvilla nicht leisten kann, investiert man in teure Cremes und Zahnpasten, die im besten Fall beim nächsten Abendessen von den Besuchern registriert werden.

Schnelle Autos, auffälliger Schmuck, Klamotten mit aufgedruckten Markennamen seien inzwischen etwas für die Unterprivilegierten, sagt Moritz Ege, der Ethnologe aus München. Das scheint bis zur Fußgängerzonen-Modekette Abercrombie & Fitch durchgesickert zu sein. Sie gab Ende August bekannt, in den USA auf die fett gedruckten Logos verzichten zu wollen, für die sie bislang berühmt war.

Die Auskenner üben sich in Subtilität und in Verzicht. Und selbst wenn es gar kein Verzicht ist (weil man sich das eigene Auto zum Beispiel wirklich nicht leisten kann), soll es wenigstens wie Verzicht wirken. Solange Fleisch teuer war, hat die gut verdienende Schicht gerne viel davon gegessen. Als es immer billiger wurde und es sich auch die Unterschicht leisten konnte, wurde es immer uninteressanter für sie. Für mich ja auch. Esse ich "wenig Fleisch und dann nur bio", weil es gut für mein Ego ist oder gut für die Welt? Man wird mir, sollte es Egoismus sein, das schwer nachweisen können. Hat es etwas mit Moral zu tun oder mit Statusdenken, dass ich lieber Fahrrad fahre als Auto? Ähnelt meine Mitgliedschaft bei drei verschiedenen Carsharing-Firmen jenen Mitgliedschaften, die unserer Elterngeneration Zutritt zu Golfplätzen und Tennisplätzen verschafften?

Fernseher sind auch ein schönes Beispiel. Am besten, man hat gar keinen, oder wenn, dann eine alte Kiste. Eine Bekannte erzählte mir kürzlich von einem Freund, einem Bastler, der sich Geld damit verdient, alte Fernsehkästen aufzukaufen, zu reparieren und im Bekanntenkreis weiterzuverkaufen. Sie hat jetzt auch so einen. Sie sagt, weder Bild noch Ton seien so richtig gut.

Beim iPhone sind wir noch nicht so weit. Noch hat es nicht den Touch des Flachbildfernsehers. Das iPhone ist ein Statussymbol, dessen Kurs gerade fällt. Aber es wird von der großen Mehrheit der Auskenner noch gemocht, obwohl es inzwischen auch die Unterschicht gern kauft, durchaus in der Hoffnung, ein bisschen oben dazuzugehören. Das klappt nur leider nicht, weil das iPhone alleine nichts bringt, wenn der Rest des Ichs nicht kuratiert ist. Apple ist das, was man inzwischen möglichst selbstverständlich besitzt, nichts mehr, was einen aus dem Häuschen geraten lässt. Dass die 600 Euro für das iPhone demnächst statusmäßig fehlinvestiert sind, werden zuerst die Auskenner merken. Sie kaufen sich schon jetzt eher ein gebrauchtes iPhone 4s statt des neuen iPhone 6, für ein Drittel des Geldes (so hab ich es jedenfalls neulich gemacht).

Das Bürgertum war Besitzbürgertum oder Bildungsbürgertum, manchmal auch beides. Bildung und Besitz, darauf hat es sich berufen. Heute ist ein hohes Einkommen der Töchter und Söhne nicht mehr garantiert (der Besitz ist es schon eher), und mit Bildung lässt sich wesentlich schlechter angeben als vor ein oder zwei Generationen. So wird der Geschmack zum Mittel, um anders zu sein als die da unten. Wir leben in der Zeit der Geschmacksbürger.

Ein Begriff übrigens, den vor sieben Jahren Ulf Poschardt, damals Chefredakteur der deutschen Vanity Fair, benutzt hat, um den in Stilkunde geschulten Bürger herbeizuwünschen. In der Zeitschrift Merkur beschrieb er, was seinem geschulten Auge alles wehtut: Jeansanzüge, Wackeldackel, Rucksäcke, billige Reihenhäuser, der Opel Vectra, der Golf III, Trainingshosen, Schuhe aus den Siebzigern, lilafarbene Kleinwagen (schon wieder das falsche Auto). Der Artikel ist eine lange Schmähliste. Inzwischen tauchen einige dieser Utensilien längst nicht mehr nur in der Unterschicht auf, sondern auch hier und da, wo sich Geschmack und Kennerschaft zum Getränk versammeln: Rucksäcke verkauft auch der Voo Store, und die Firma Levi’s bot im Sommer einen Jeans-Smoking an, den "legendären Bing Crosby Tuxedo" für 1.500 Euro, in einer begrenzten Auflage von 200 Stück. Aber darauf, dass "guter Geschmack" eine ziemlich willkürliche Sache ist, kommt kaum ein Geschmacksbürger.

Anders als beim Wein oder Gin (der gerade sehr beliebt ist) ist ein Blindtest für den optischen Geschmack kaum möglich. Wein- oder Gin-Kenner werden ab und an irritiert, weil sie, ohne das Flaschenetikett zu sehen, häufig den billigen Alkohol für den guten halten und den teuren, den sie sonst rühmen, für den schlechten. Aber niemand kann dem Liebhaber des Eames Lounge Chair nachweisen, dass das, was er für Geschmackssicherheit hält, womöglich Dünkel ist.

Jede Schicht, die weiter oben ist, hat sich schon immer gegen die darunter abgegrenzt, und es gibt keinen Beleg dafür, dass diese Grenze schwerer zu überwinden wäre als früher. Das Neue ist nur, dass die Privilegierten von heute sich selbst einreden, dass sie die Nichtprivilegierten gar nicht ausgrenzen. Früher lief das Ausgrenzen eher unsubtil ab: mein Auto, mein Haus, meine Doktorarbeit. Heute hingegen sehen sich die Privilegierten selbst als open-minded. Sie würden sich ja wünschen, sagen sie, dass auch die Chancenlosen eine Chance bekommen. Aber tatsächlich gelangt in Deutschland kaum jemand aus der Unterschicht an die tollen Jobs, seltener als in allen anderen europäischen Ländern, und das hat sehr viel damit zu tun, wie sich jeder einzelne Privilegierte verhält, wenn ein Nichtprivilegierter reinzukommen versucht in die lockeren besseren Kreise. Es geht darum, wie open der mind in Wahrheit ist.

Sofatisch von Paolo Piva Eine Eigenschaft, über die ein Besserbürger unbedingt verfügen sollte: Geduld. Die wird dafür aufgewendet, abgelegene Onlineshops nach Sofatischchen wie diesen zu durchsuchen, der nach einem Entwurf von Paolo Piva aus dem Jahr 1981 entstand.

Machen Sie bitte den folgenden Test. Setzen Sie sich in eine U-Bahn oder einen Bus, und überlegen Sie bei jedem, der zusteigt, ganz spontan, ob Sie gerne einen Kaffee mit ihm trinken würden, nur mal so. Warten Sie, bis der Zugestiegene sein Telefon zückt, und notieren Sie, wie viele der von Ihnen sozial Akzeptierten ein iPhone benutzen und wie viele irgendein Konkurrenzgerät, etwa von Samsung oder LG. Noch ist das iPhone nämlich ein ziemlich verlässlicher Indikator für: akademisch ausgebildet, wohlhabendes Elternhaus. Wenn Ihre iPhone-Quote die 70-Prozent-Grenze nicht übersteigt, sind Sie schon gut. Meine Quote war sogar noch etwas höher. Auf Posertum zu stehen, attestiere auch ich lieber den anderen, bei mir selbst komme ich meistens nicht drauf.

Wenn ich Freunde zum Geburtstagsgetränk einlade, trinken da fast ausschließlich Leute mit Studium und meist auch mit einem Job, der ein wenig zum Angeben taugt. Die Unterschicht trinkt nicht mit, genauso wenig, wie ich mit der Oberschicht verkehre (und wenn, dann fühle ich mich meistens unwohl).

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani, 35 Jahre alt, Professor in Bochum, hat für seine Dissertation Professoren interviewt, die aus der Unterschicht stammen, die also die ganz große Ausnahme bilden in Deutschland. Viele der Interviewten berichteten ihm von einem Moment der Irritation: Als sie ein bisschen nach oben gekommen waren auf der akademischen Karriereleiter, erstes gutes Geld verdient hatten und sich von dem Geld teure Kleidung oder ein neues Auto kauften, stellten sie fest, dass dieser Materialismus überhaupt nicht erwünscht war von denen, die wohlhabend aufgewachsen waren. Die fanden den eher peinlich. Uninteressiert zu sein am Materiellen, das ist der Code der erfolgreichen Gebildeten: Es genügt nicht, Geld zu haben, man muss auch wissen, wofür man es nicht ausgibt.

Kann man den Code knacken? Kann ich mich geschmacklich locker machen? Sollte ich mir ein paar Dinge kaufen, die ich hässlich finde? Sollte ich nachsehen, was bei eBay-Kleinanzeigen verschenkt wird, also derzeit auf der Negativliste des guten Geschmacks steht (gerade sind Kieferkommoden erhältlich)? Sollte ich Gartenstühle bei Obi kaufen, und zwar die aus lilafarbenem Plastik, und sie posten mit der Bemerkung, sie seien so wunderschön wie ein Strauß frischer Flieder?

© ZEITmagazin

Aus Amerika kam in diesem Jahr ein kleiner Trend namens Normcore, der das so ähnlich versucht: sich durchaus nachlässig zu kleiden, auch mal mit etwas zu weiten, gerade geschnittenen Jeans, die Amerikaner dad jeans nennen, weil sie der Mode leicht hinterherhinkende Väter tragen (wie zum Beispiel auch Barack Obama ab und zu). Klingt nach einer nicht so doofen Idee, vielleicht ist es ja das Ende der ständigen Verfeinerung. Könnte aber auch sein, dass der Modeverzicht nur so eine Art Autoverzicht der besonders fortgeschrittenen Art ist.

Mitarbeit: Friederike Milbradt

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.

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Was ist denn das für ein Konglomerat an Vorurteilen? "Noch ist das iPhone nämlich ein ziemlich verlässlicher Indikator für: akademisch ausgebildet, wohlhabendes Elternhaus." Schon vor Jahren konnte jeder, der es wollte, nachts im Düsseldorfer U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee DIE Eifoon-Zielgrupe lautstark und live erleben: Halbstarke Jungs türkischer oder russischer Zunge, denen man am besten aus dem Weg geht. Und besser geworden ist es seither nicht ...
Manchmal fragt man sich schon, in welcher Wolkenwelt ZEIT-Autoren leben, welche die "Handynummer eines Transportunternehmers, der eigentlich nur Kunst transportiert" kennen ...

Zitat: "Machen Sie bitte den

Zitat: "Machen Sie bitte den folgenden Test. Setzen Sie sich in eine U-Bahn oder einen Bus [...]wie viele der von Ihnen sozial Akzeptierten ein iPhone benutzen und wie viele irgendein Konkurrenzgerät, etwa von Samsung oder LG."

Hmm, ich kann die Geräte nicht voneinander unterscheiden. Das liegt daran, dass ich keines dieser Geräte besitze und sie mich auch überhaupt nicht interessieren. Bisher ist mir noch kein Grund eingefallen, warum ich sowas brauche.
Ist schon ne komische Sache mit dem "guten Geschmack" und den "Alltagsgegenständen", wenn Bedürfnisse von den Herstellern, bzw deren Werbestrategen und nicht von den Kunden erzeugt werden.