Das war meine Rettung "Der Burn-out war ein Totalcrash"

Nach ihrem Burn-out musste Miriam Meckel lernen, ruhiger zu leben. Dabei half ihr das Klavierspielen. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 39/2014

ZEITmagazin: Frau Meckel, Sie haben einmal gesagt, Sie würden am liebsten mit einem Gärtner in einem Steingarten in Kyoto tauschen. Warum gerade mit ihm?

Miriam Meckel: Ich fand so einen Steingarten, als ich mal dort war, so wahnsinnig schön. Ich habe mich hingesetzt und geschaut und hatte ein Gefühl, als ob ich eine Beruhigungspille bekommen oder Drogen genommen hätte. Und da war der Gärtner, der mit einem kleinen Rechen Muster gezogen hat, perfekt und in absoluter Langsamkeit. Der Gärtner macht das jeden Tag, es gibt eine unglaubliche Regelmäßigkeit und Ritualisierung in seinem Leben. Das war ein wunderbarer Moment für mich, ich habe gedacht: Das ist der Gegensatz zu meinem Leben. Ich habe eine Sehnsucht nach so etwas, aber ich kann mir nicht vorstellen, dreißig Jahre lang dasselbe zu tun. Ich habe knapp vierzig Jahre meines Lebens geglaubt, die Zeit wie ein Gummiseil behandeln zu können, und gedacht: Wenn man fest genug zieht, wird sie irgendwie länger. Das ist aber nicht so, man wird nur immer müder. Jetzt ist es anders, das hat mit meiner Burn-out-Erfahrung zu tun. Ich entscheide mich bewusst, anders mit Zeit umzugehen.

Miriam Meckel

46, ist in Hilden geboren. Sie war Fernsehjournalistin und Universitätsprofessorin. Von 2005 an leitete sie das Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement in St. Gallen. Im Oktober wird sie Chefredakteurin der Wirtschaftswoche. 2010 erschien ihr Buch Brief an mein Leben – Erfahrungen mit einem Burnout

ZEITmagazin: Sie meinten einmal: Lieber bereuen, etwas getan zu haben, als etwas nicht getan zu haben. Was bereuen Sie, nicht getan zu haben?

Meckel: Ich habe es verpasst, mit meiner Mutter in ein wirkliches Gespräch zu kommen. Zwischen uns hätte vielleicht vor ihrem Tod 2006 eine andere Auseinandersetzung stattfinden können, das bereue ich schon. Ich habe meine Mutter wenig gefragt und vor allen Dingen auch wenig von mir selbst mitgeteilt. Ich habe mich intensiv mit der Frage beschäftigt, ob ihre Erfahrungen des Kriegs sich genetisch eingebrannt haben könnten und ob sie das an mich weitergegeben hat. Denn ich habe entdeckt, dass ich genau wie meine Mutter diszipliniert und hart gegen mich selbst war, also ihre Rolle auf moderne Weise selbst gelebt habe. Und das ist auf Dauer nicht gut. Mein totaler Abgrenzungsversuch hat auch viel mit Revolution gegen diese Muster zu tun. Es gab richtig heftige Auseinandersetzungen zwischen uns, auch darüber, dass ich eine Lebensgefährtin hatte. "Das kannst du mir nicht antun" – den Satz hat es häufiger gegeben. Es gab wirklich komplizierte Jahre mit einer Verstummung zwischen uns, was auch viel mit mir zu tun hatte. Ich kann sehr kommunikativ sein, aber wenn es um Sachen geht, die mich wirklich beschäftigen, bin ich eher eine Auster und habe diese Dinge oft lieber mit mir selbst ausgemacht.

ZEITmagazin: Wann haben Sie erkannt, dass Sie etwas verändern sollten?

Meckel: Nach dem Burn-out, das war 2008, als ich in der Klinik war und es danach noch gut eineinhalb Jahre dauerte, bis ich wieder einigermaßen stabil war. Ich konnte für mich Mechanismen finden und Leitplanken einziehen, die es mir erlaubt haben, damit umzugehen. Nur: Die in jahrelanger Sozialisation eingerichteten Verhaltensschemata kriegt man nicht so leicht raus. Es gibt natürlich auch Ausnahmesituationen. Als ich während der letzten US-Präsidentschaftswahl in einem Fernsehkommentatoren-Team war, habe ich die ganze Nacht im Studio gesessen. Und morgens bin ich mit dem Auto zurück nach Hause gefahren und ohne eine einzige Überlegung in einen Klavierladen rein und habe mir ein richtig schönes Klavier gekauft. Das war die beste Entscheidung der letzten Jahre, weil dieses Klavier für mich wirklich wie eine Rettung aus den festen Strukturen war, ein Raum, der alles andere wegfliegen oder zurücktreten lässt. Wenn ich mich ans Klavier setze, entsteht eine schöne Ordnung in meinem Kopf, die sich einfach auf die Musik richtet, darauf, sich mit den Noten auseinanderzusetzen. Mich beruhigt das unheimlich, es entsteht auch so was wie eine Reinigung. Als ob die Musik mich emotional durchlüften würde.

ZEITmagazin: Bis zu Ihrem Burn-out waren Sie immer die Jüngste und die Erfolgreichste. Sie stießen zum ersten Mal an Ihre Grenzen.

Meckel: Der Burn-out war ein Totalcrash, bei dem meine Welt zusammengebrochen ist. So wie ich mein Leben geführt habe, musste aber irgendwann etwas passieren. Ich war perfektionistisch, und wenn Dinge nicht richtig funktioniert haben, war ich auch unfreundlich. Jetzt laufe ich manchmal durch die Welt und merke, dass Menschen mich einfach anlächeln. Dann habe ich das Gefühl, dass ich eine entspannte Ausstrahlung habe, und so fühle ich mich auch. Ich glaube, ich wirke jetzt weniger streng, weil ich auch mit mir selbst weniger streng bin. In meiner Neuzusammensetzung bin ich vielleicht ein bisschen angreifbarer geworden, aber ich mag mich dadurch selbst ein bisschen lieber als vorher.

Das Gespräch führte die Fotografin Herlinde Koelbl. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

24 Kommentare

Ach Frau Meckel,

Ach Frau Meckel,
hätten Sie besser über Ihre Insignien des snobismus geschwiegen. In der Krankheit previligiert, das ganze noch in klingende Münze vermarktet. So lässt sich der teure private Kuraufenthalt zahlen. Und warum das bei Frau Meckel unbedingt ein BurnOut ist; ist eine simple, vererbte Depression nicht gesellschafts- und geschäftsfähig, nicht hip genug?

Eine der Hauptursachen psychischer Erkrankungen liegt oft in der Kindheit. Sie ist ja schon auf dem richtigen Weg:

"Ich habe mich intensiv mit der Frage beschäftigt, ob ihre Erfahrungen des Kriegs sich genetisch eingebrannt haben könnten und ob sie das an mich weitergegeben hat."
Nicht genetisch, genetisch ist die Prädisposition. Die Erfahrungen, diese seelischen Wunden werden durch das soziale Umfeld von den Eltern aufs Kind übertragen, meistens unbewusst. Es muss nicht immer Haue sein, irgendein Stressfaktor fürs kindliche Hirn führt im Erwachsenenalter dann zu Depressionen (hört doch bitte auf mit diesem "burn-out"-Gelaber). Oder wie bei ihr zumindest zu einem krankhaften Perfektionismus und Arbeitswut, was zur Überlastung führt.
Man sollte viel mehr den Fokus auf Fehlentwicklungen in der Kindheit legen und die Eltern auch nur als Menschen sehen, die Fehler machen und Mist bauen.

Ich freu mich immer, wenn erfolgreiche Menschen von ihrer Verletztlichkeit und Schwächen berichten. Allerdings klingt hier das der Erfahrungsbericht doch nach Jammern auf hohem Niveau.
Mir gings genauso mit dem Klavier, das will gut überlegt wein, wenn es noch andere Verpflichtungen gibt und Nachbarn etc.

Ist doch schön, wenn man auch den Burn-Out noch schön vermarkten kann, mit Buch, Interviews etc.
Burn-Out ist ja auch ein Trendthema, und wie schön er sich mit Bildern wie dem Zen-Garten und der klavierspielenden Frau verbinden lässt..
Wie wäre es damit, bei Burn-Out einfach einmal kürzer zu treten und sich weniger ins Rampenlicht zu stellen?

So geht es vielen Menschen, die zu den zwanghaften Selbstoptimierern gehören. Diese Attitüde wird von unserem Wirtschafts-und Gesellschaftssystem intensiv gefördert. Wer nicht dazugehört, riskiert sogar die Ausgrenzung.
Für mich wichtig ist die Kunst. Sie zeigt mir, dass es andere Dimensionen gibt als das, was uns das "System" vorschreiben will. Ich lehne es ab, im Sinne anderer zu funktionieren. Ausserdem: zum blossen Funktionieren ist das Leben zu kurz, zu wertvoll.

Es gibt so viele Möglichkeiten, sich wiederzufinden, sich neu zu erfinden, wenn der Sinn des Lebens einmal abhanden gekommen sein sollte.

Eine spannende Weltreise, schon früh morgens lange Spaziergänge, mittags sich "mit Freunden" treffen in einem wirklich guten Restaurant, Rilke lesen beim Tee, wenn die ersten Blätter der Teerosen fallen, nachts in der Roof Top Bar mit Blick über die Bucht ein Single Malt Scotch Whisky...
Sich wieder einmal "neu verlieben"...

Oder auch Marianne Faithfull's "Ballad of Lucy Jordan"...

Mein obiger Kommentar hatte den Zweck, die Ausführungen von Frau Meckel noch drastischer zu verdeutlichen. Man hätte auch schlicht den Ratschlag erteilen können: "Führt auch ihr einfach so ein Luxusleben wie ich. Es hilft und zugleich zeigt ihr, dass ihr euch zur 'Elite' zählen dürft.

Oder, die andere Lösung, Marianne Faithfull's "Ballad of Lucy Jordan". Darin stürzt sich am Ende die Protagonistin vom Dach...

Ist es richtig, dass sich dieser Burn-Out im Jahre 2008 ereignet hat? Dann müsste man jetzt fast Marketing unterstellen. Und irgendwie ist das ganze auch mit den typischen Versatzstücken geschmückt, Zen-Garten inklusive. Und nochmal wie üblich, ist es voll am 'gewöhnlichen' Arbeitnehmer vorbeigeschossen, der kaum mal 'ohne Überlegung' ein Klavier kauft und es nur sehr schwer zugestanden bekommt, anderthalb Jahre zu regenerieren.

Die Frau schildert doch ihre Sicht und ihr Erleben. Es geht nicht um das Klavier, sondern um eine Herzentscheidung. Etwas das einem wirklich gut tut und nur für einen selbst ist. Das kann auch schon ein Zettel oder Stift sein.

Wer in so einer Situation ist, wird vermutlich auch nicht alles gegenrechnen. Fernseher und Handys werden auch zu Hauf auf Pump gekauft und sind oft teurer als ein gebrauchtes Klavier oder e-Piano.

Ob jemand soviel Zeit zum Regenerieren hat, ist auch vom Therapeuten abhängig. Bei einem gute wird es so sein.

Klavier kaufen, das ist die Lösung.

Offensichtlich ist und war das Leben von Miriam Merkel so öde, trost- und sinnlos, dass seit dem großen "Burn Out" eben nun dieser das zentrale, grandiose, sinn-stiftende Thema dieses Lebens ist. Noch ein Buch, noch ein Fernsehauftritt, noch ein Zeit-Magazin - die Überzeugung, das müsse alle Mitmenschen wahnsinnig interessieren ist also auch noch da.

Ich persönlich würde ja saufen, so ist das doch in jeder Richtung unerträglich. Vielleicht auch Unicef-Botschafterin? Oder was beim Fernsehen?

Nur langsam würde ich mit der Burn-Out-Story mal aufhören.

Sehr gut geschrieben. Immer auf der Überholspur, fünfzig Meter vor der Ampel noch mal richtig Gas geben, immer mehr, grösser, schneller? Irgendwann läuft der Motor heiß und fängt an zu stottern. Für das Gespräch mit der Mutter oder lieben Freunden kann es plötzlich zu spät sein, das "hätte ich doch" kann nicht immer korrigiert werden. Statt dessen doch auch mal Fünfe grad sein lassen und sich in der Provence oder einem anderen schönen Ort die Sonne ins Gesicht scheinen lassen. Das ist unbezahlbar.

Frau Meckel macht es einem nicht leicht, Sympathie oder gar Mitgefühl für sie zu empfinden. Nicht dass ihre Leidensgeschichte aufgesetzt wirkt, aber dieses klischeehafte und das mehr oder minder hantieren mit den Insignien der Aufsteigerin, lässt einen denkbar kalt: Kyoto, Zen-Garten, Klavierspielen, Epigenetik und USA-Aufenthalt ... das klingt alles pseudointellektuell, wichtigtuerisch, parvenühaft. Es riecht nach Hobbybuddhist und Reformladen, nach Hamburg Elbchausee und Pilates, aber kaum nach einer Frau, die nach einem Burnout die Quintessenz des Lebens gefunden hat:
Erfolg ist nicht alles und krankhafter Ehrgeiz und Karriere kein Ersatz für die Familie und die einfachen Dinge des Lebens.

Schön und gut, jedem sein Burn-out Erlebnis. Sich dazu entscheiden mit der Zeit anders umzugehen. Danach ein schönes Klavier kaufen um wieder bewusster zu leben. Zeit für sich selber finden. Alles OK. Aber schon mal davon gehört, das es Leute gibt, die trotz Burn-out weiterarbeiten müssen um nicht alles zu verlieren, die keine 1 1/2 Jahre Selbstfindung finanzieren können und danach entspannt shoppen gehen können. Recherchieren Sie mal, wie es solchen Leuten geht und schreiben Sie über die, deren gesamte Existenz auf einmal weg ist, die sich aber trotzdem durchkämpfen.
P.S. Nein, das ist kein Sozialneid, mir geht es finanziell gut.

Das habe ich mir auch gedacht. Ich kann Miriam Meckel zwar in gewisser Weise verstehen, ich habe selbst auch mehrmals einschneinedende Umbrüche mit Depressionen bzw. Burn-Out machen müssen. Aber mehr als 3 Wochen Krankschreibung und anschließend berufsbegleitende Therapie und medikamentöse Begleitung waren bei mir nicht drin. Gerade weil dem Arbeitgeber mein kurzfristiges Funktionieren wichtiger war und wenn man knapp bei Kasse ist oder Verpflichtungen anderen gegenüber hat, dann kann man nicht so einfach mal 18 Monate Pause machen. Ich hätte gerne mal länger eine Auszeit gemacht ohne ständig Druck und Verpflichtungen ausgesetzt zu sein. Nicht jeder hat dieses Privileg.

@gephard

@gephard

Der Arbeitgeber hat schon signalisiert, dass die Anschlussbefristung hinfällig wird, wenn die Krankschreibung zu lange dauert. Wenn man auf den guten Willen des anderen angewiesen ist, verschafft einem die Krankschreibung auch nur kurzfristig Luft. Zum anderen meinte mein Hausarzt, dass er bei der Diagnose nicht die Verantwortung für lange Krankschreibungen übernehmen mag und ich mich an Fachärzte wenden soll, die jedoch Wartezeiten von teilweise über einem Jahr haben.

Krankheit als Geschäftsmodell: Noch nie wurde ein Burn-out derart systematisch vermarktet wie jenes von Frau Meckel! Es liegt nun schon sechs Jahre zurück und wurde seither von Büchern, unzähligen Interviews, Talkshow-Auftritten etc. medial begleitet – ich wette, auch im Jahre 2044 werden wir hier in der Zeit noch vom Meckel`schen burn out aus dem anno 2008 lesen, im 465. Interview zum nun 38. Buch der Autorin ….

Warum tut ihr euch solche Artikel denn an, wenn ihr schon wisst, darin nichts Neues zu erfahren. So ein Kommentar kann man ähnlich zerfleischen, wie sie es hier tun. Wenn ihnen lieb ist, weniger davon bei der Zeit zu lesen, lassen Sie die Interaktion. Je weniger Kommentare desto eher sehen die Resakteure: das interessiert kein Schwein

Neuere Kommentare anzeigenNeuere
Ältere Kommentare anzeigenÄltere