Gesellschaftskritik Über Prominente als Winzer

ZEITmagazin Nr. 39/2014

Seit etwa 100 Jahren gibt es jetzt eine Bevölkerungsschicht namens Prominente. Prominente waren ursprünglich Menschen, die besonders schön waren, gut singen, tanzen oder schauspielen konnten und dank moderner Massenmedien einer großen Zahl anderer Menschen bekannt wurden. Mit deren Bewunderung verdienten sie Geld, wohnten in großen Häusern, hatten einen nahezu unbegrenzten Zugang zu halbseidenen Beratern, kritiklosen Verehrern, geschmacklosen Innenarchitekten, Sexualpartnern, Spirituosen, schnellen Sportwagen. Was also zunächst aussah wie das Paradies, artete bald in Exzesse aus. Berühmtheiten wie Marilyn Monroe, Elvis Presley, James Dean gingen an der Maßlosigkeit ihres Lebens zugrunde. Erst in den achtziger Jahren schaffte es der Homo celebratus, sich besser an seine extremen Lebensbedingungen anzupassen. Manche Vertreter suchten ihr Heil in Suchtkliniken oder Charity, andere in Bildung (Jodie Foster), Spiritualität (Madonna), bei einer großen Kinderschar (Mia Farrow). Oder sie begannen ein neues Leben in einer der schönen Gegenden Europas (Depp, Clooney, Paltrow). Der berühmte Mensch hatte Strategien entwickelt, mit der unerträglichen Leichtigkeit seines Daseins umzugehen.

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Jetzt tritt er in eine neue Phase: zurück zum einfachen Leben der Bauern. Und weil Kartoffelanbau natürlich wenig Spaß macht, hat der Prominente die Winzerei für sich entdeckt. Francis Ford Coppola bildete die Vorhut, er kaufte sich 1979 in Napa Valley ein und ist heute ein anerkannter Winzer. Dann passierte jahrelang gar nichts, doch nun gibt es eine neue Welle. Es begann mit Günther Jauch, der vor einigen Jahren das Weingut eines Großonkels übernahm.

Jetzt scheint der Trend größere Kreise zu ziehen. Von Angelina Jolie und Brad Pitt wurde anlässlich ihrer Hochzeit bekannt, dass sie auf ihrem Landgut in Südfrankreich einen hervorragenden Wein keltern (lassen). Auch Til Schweiger verkündete gerade, dass er mit einem mallorquinischen Winzer nun seinen eigenen Wein gemacht habe. Und sogar Günther Klum hat sich einen Weinberg zugelegt. "Er heißt Günterslay, da habe ich gedacht: ›Why not?‹, und zugeschlagen." Genau! Warum eigentlich nicht? Wir freuen uns auf noch viele gute Jahrgänge geerdeter Prominenter, ohne Steuer-, Drogen- oder Prostituierten-Skandale. Überschaubare Ziele, Gartenarbeit, Blick ins Grüne sind wichtige Faktoren für die Lebenszufriedenheit. Und das Geld ist auch solide investiert. A votre santé!

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Neid kann ja so blenden. Es ist furchtbar eklig, sich selbst dabei zu erwischen. Wir streben doch alle nach Glück und Einfachheit. Körperliche Arbeit ist nicht umsonst "ehrlich". Auch dem "unehrlichen" Prominenten sei dieser Balsam für die Seele gegönnt. Der Kartoffelmarkt ist doch auch wirklich eine Spur zu langweilig oder...? Prominenz ist und bleibt eine Sucht! Sie können nicht anders.