Ulrich Tukur Auf der Suche nach dem Krach

Der Schauspieler Ulrich Tukur hat alle Preise gewonnen, die er gewinnen konnte. Aber er dreht auf wie nie zuvor. Ruhe erträgt er nicht mehr. Von

ZEITmagazin Nr. 39/2014

Das Brummen in seinem Kopf beginnt an einem trostlosen Abend in der Normandie, und zunächst denkt Ulrich Tukur an nichts Böses. Ein gewöhnlicher Tag im April 2013 geht zu Ende, es hat wieder geregnet, und Tukur ist mit seinem Hund, dem Eurasier Toto, an der malerischen Felsküste von Étretat entlanggelaufen. An den französischen Film Week-ends, in dem er damals mitspielte, erinnert er sich heute nicht mehr gern, er war unglücklich, das weiß er noch. Die französischen Schauspieler beachten ihn nicht. Tukur hat die Rolle des kleinkarierten Ulrich übernommen, eines an Langeweile erstickenden Mannes. Tukur ärgert sich darüber, dass eine seiner Schauspielerkolleginnen trinkt. Eine andere legt vor ihren Auftritten stumpfsinnig Patiencekarten auf ihrem Smartphone.

Ulrich Tukur ist 57 Jahre alt. Er war schon Reichsfeldmarschall Erwin Rommel, er war Anton Grubitz von der Stasi in dem Film Das Leben der Anderen, der mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Er war Herbert Wehner, der Terrorist Andreas Baader, der Verschwörer Henning von Tresckow, er war Helmut Schmidt. Er hat in Deutschland alle Preise gewonnen, die er gewinnen konnte. Tukur hat gekämpft und gelitten, um auf der Theaterbühne das zu werden, was man einen Charakter nennt, aber plötzlich steht er im französischen Irgendwo und muss sich in einen Spießer namens Ulrich einfühlen. Oft ruft er seine Frau an, die Fotografin Katharina John, und selten hat sie ihn so sehr über Dreharbeiten schimpfen hören. "Ich will nach Hause", sagt er zu ihr, "ich halte es hier nicht mehr aus." Er steigert sich in etwas hinein.

Als Tukur in das Haus zurückkehrt, das die Filmfirma für ihn gemietet hat, hört er ein dumpfes Geräusch, ein Brummen. Irgendwo muss eine Maschine angesprungen sein. Er sucht danach, überall im Haus, findet nichts. Am nächsten Tag, als er das Haus verlässt, geht das Brummen weiter. Das kann keine Maschine mehr sein, das Brummen entsteht in seinem Kopf.

Wochen später, als sich Tukur untersuchen lässt, bekommt das Brummen einen Namen. Tinnitus. Tukur hört Geräusche, die andere nicht hören. Die Ärzte erklären ihm, sein Tinnitus sei nicht heilbar. "Sie sollten sich psychologische Hilfe suchen", habe einer der Mediziner geraten. Tukur sagt: "Das Brummen ist Energie am falschen Ort. Mein Problem muss woanders sein."

Wer Ulrich Tukur beobachtet, erlebt einen Mann, der gegen sich selbst antritt, gegen eine Qual im Ohr, die von ihm verlangt, über sich hinauszuwachsen. Er dreht mehrere Filme im Jahr, die nächste Tournee mit seiner Band steht Ende September bevor, sein nächster Auftritt als Tatort-Kommissar wird im Oktober gesendet, er war auf Lesereisen mit seiner Novelle Die Spieluhr. Er dreht sich selber auf wie eine Spieluhr. Er wird immer anspruchsvoller, vielseitiger, obsessiver. Tukur sagt über sich, dass er unruhig schlafe. "Ich renne nur noch. Ich weiß es ja selbst, dass ich renne."

An einem Nachmittag im April dieses Jahres steht Ulrich Tukur in einem grauen Anzug vor einem Einfamilienhaus in einem ländlichen Berliner Vorort und spielt Professor Bernhard Grzimek, den früheren Direktor des Frankfurter Zoos, der versuchte, die Tiere der Serengeti zu retten. Als ihm Grzimek angeboten wurde, zögerte Tukur. Er liebt Rollen, in denen "Menschen in geschichtlicher Verantwortung stehen, sich verhalten müssen und scheitern". Aber Grzimek, der verknöcherte Mann, der Besuchern belustigt Furzkissen unter den Hintern schob und mit Äffchen auf dem Arm im Fernsehen auftrat? Er starb als Zuschauer bei einer Vorführung in einem Zirkus, vor der Manege mit den Tieren. Lag darin eine Tragik?

Unschlüssig sagte Tukur zu, sich in Grzimek zu verwandeln, fremdelt aber mit der Rolle. Am Getränkewagen des Filmsets lässt er sich einen Kaffee einschenken und blättert in seinem altmodischen Notizbuch, in das er seine Gedanken schreibt. Manche Sätze hat er in Sütterlin notiert, sodass kein anderer sie lesen kann.

Ulrich Tukur mag Dinge, die ihm dabei helfen, "der Realität zu trotzen". Er liest kaum Zeitungen, weil sie ihm suggerieren, sie wüssten Bescheid. Das nimmt er ihnen nicht ab. Manchmal vertieft er sich in die Reportagen der Zeitschrift Lettre International. Er mag diesen langsamen Journalismus, der ihn zu einem mitfühlenden Zeugen macht, ohne ihn belehren zu wollen. Er lässt mit seiner Band, den Rhythmus Boys, Chansons der zwanziger und dreißiger Jahre aufblühen, und er war Trauzeuge bei der Hochzeit eines Freundes, der sich mit der Ehefrau noch heute aus tiefer Überzeugung siezt. Tukur sagt: "Ich will versuchen, Dinge zu erhalten, die vom Vergessen bedroht sind." Vor Kurzem spielte er noch den bigotten Reformpädagogen, der die inzwischen berüchtigte Odenwaldschule leitete. Jetzt ist Tukur, für wenige Monate, ein Mann mit einer verknoteten Lebensgeschichte. Grzimek.

Bernhard Grzimek trieb seine Frau in die Verzweiflung, anfangs wegen seiner Affären, aus denen zwei Kinder entstanden waren. Später bat ihn die Ehefrau: "Bring mir den Jungen zurück." Das war der Moment, als Grzimek mit dem gemeinsamen Sohn Michael in die Serengeti aufbrach, wo dann ein Geier in einen Propeller des Flugzeugs geriet, in dem Michael saß, die Maschine abstürzte und der Sohn starb. Die Witwe, Erika, wurde danach die Geliebte von Bernhard Grzimek. Seine Ehefrau begann zu trinken. Grzimek ließ sich von seiner Frau scheiden, heiratete Erika und wurde Adoptivvater der Kinder, deren Großvater er bis dahin gewesen war. Einen anderen Adoptivsohn, den dunkelhäutigen Thomas, brachte Grzimek mit in die neue Beziehung. Von Grzimek fühlte sich Thomas nicht respektiert. Der Adoptivsohn wurde drogenabhängig und brachte sich schließlich um.

Mit dem jungen Schauspieler, der Thomas spielt, sitzt Ulrich Tukur während der Dreharbeiten in einem Berliner Wohnzimmer. Merian-Hefte in Eichenregalen, Heizungsgitter aus Eiche, ein rot verklinkerter Kamin. "Komm, nimm mal was Vernünftiges", sagt Tukur in der Rolle des Grzimek zu dem Jungen und bietet ihm eine Zigarette an. Aus kalten Augen schaut er den Jungen an, herablassend und mitleidlos.

Als die Szene beendet ist, läuft Tukur auf die Terrasse und zündet sich eine Zigarette an. Manchmal raucht er drei Wochen lang nicht, plötzlich vier Zigaretten hintereinander, drückt aber jede davon nach wenigen Zügen aus. Herr Tukur, eine Frage: War Grzimek ein Arschloch?

"Ja, er war auch ein Arschloch", erwidert Tukur, und er sagt es lauter als gewöhnlich, nicht mehr in seinem sanften Ton. Und er fügt hinzu: "Trotzdem, ich bin für ihn." Er sagt es mehrmals. "Ich bin für ihn."

Dann erzählt Tukur eine seiner Lieblingsgeschichten, die von dem Singvogel, der wegen seiner Stimme bewundert wird. Man könne auch dem Vogel die Kehle aufschneiden, seine Stimmbänder freilegen und dadurch die unansehnliche Seite seines schönsten Geheimnisses lüften. Tukur sagt: "Ich bin gegen die Zerstörung des Singvogels. Ich bin gegen die Dekonstruktion. Das Schreckliche an unserer Zeit ist, dass alles entlarvt werden muss. Ich möchte aber, dass der Mensch bleibt. Man kann auch zu einem Menschen in den Keller steigen und seine Leichen hochholen, ja, das kann man tun. Aber man muss ihn zunächst gelten lassen. Lasst ihn gelten."

Bernhard Grzimek konnte gegenüber Menschen brutal sein. Er war geschäftstüchtiger, wehleidiger, ungeduldiger als der verständnisvoll wirkende Fernsehonkel, er war scharf auf junge Frauen. Aber er setzte sich mit ganzer Leidenschaft für sein Thema, den Schutz der Tiere, ein. Er ließ sich nicht korrumpieren. Noch als alter Mann befreite er Hühner aus Legebatterien. Es ist das Kämpferische in Grzimek, was Tukur imponiert, die aufrichtige Empörung. "Was habe ich über ihn zu richten? Ich will ihn nicht beschädigen."

Im Juni fliegt Ulrich Tukur nach Südafrika, wo er in der Nähe von Durban dreht. Tukur zieht mit seiner Frau in ein Hotelzimmer in der Stadt Pietermaritzburg, das seinem Kopf gut bekommt, weil man nachts die viel befahrene Straße hört, sobald man das Fenster öffnet. Die Autos draußen sind lauter als das Brummen. \Vor ein paar Monaten rief er nach einer Lesung im baden-württembergischen Schloss Bönnigheim seine Frau an. Er klang niedergeschlagen. Zum ersten Mal, sagte er zu ihr, habe das Brummen seine eigene Stimme übertönt. Das war ein Schock.

In Venedig, wo das Paar wohnt, machten sich Katharina John und Ulrich Tukur auf die Suche nach Ventilatoren. Ein surrender Ventilator ist im Kampf gegen das Brummen ideal, Katharina John hat sich auf diesem Gebiet zu einer Expertin entwickelt. Sie hätte am liebsten einen dieser mexikanischen Krachmacher-Ventilatoren gekauft, aber so etwas ist in Venedig nicht zu finden. Sie betrat mit ihrem Mann einen Elektroladen und erklärte der Verkäuferin auf Italienisch, dass sie einen Ventilator benötigten, dessen Flügel den Metallrahmen streifen, damit das Surren sich steigert. Die Verkäuferin sah sie ungläubig an. Sie meinte zunächst, die Ausländerin habe Schwierigkeiten, sich auszudrücken. Am Ende gingen sie mit dem gewünschten Gerät heim, aber dann brach der Winter herein. Der Ventilator drückte die Temperaturen im Schlafzimmer, und Katharina John fragte ihren Mann: "Was machst du, wenn du unterwegs bist? Du kannst doch nicht ständig einen Ventilator mitschleppen."

Im Hotel von Pietermaritzburg ist der Filmproduzent Nico Hofmann aufgetaucht, ein Haufen Journalisten ist angereist, Interviews werden vereinbart. Alle wollen Tukur. So war es auch schon bei einer Pressekonferenz im Frankfurter Zoo. Die anderen Schauspieler standen am Ende etwas verloren herum, rund um Tukur hatte sich eine Traube aus Menschen mit Notizblocks und Mikrofonen gebildet. Tukur kann sehr unterhaltsam sein. Es fällt ihm leicht, einen Menschen für sich einzunehmen. Er ist höflich, geistreich und zugewandt. Verspätet er sich, bittet er um Entschuldigung. Er ist ein Spezialist für dahingeworfene, leicht ironische Witze. Tukur ist ein Pointen-Mensch, und wie die meisten Pointen-Menschen versteckt er sich hinter dem Funkenflug.

In Südafrika läuft er abends oft in einem Ringelshirt und mit einem Strohhut aufgekratzt durch die Bar im Hotel, bestellt eine Flasche Rotwein, mischt sich in die Runde des Filmteams. Er lacht laut auf, stochert auf den Tellern der anderen herum, wirft tropfende Essensstücke in seinen Mund, juchzt, schlägt sich auf die Schenkel, verliebt sich in die Magie des Augenblicks, erkundigt sich wie ein Kind nach Dessert, verwirft die Idee, doziert über Rotkohl, ereifert sich über das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit seinem absurden Quotendruck, verflucht das frühe Aufstehen, die endlosen Drehtage, will nichts mehr trinken, bestellt ein Bier, ist bei seinem Steuerberater in Verona angekommen, der explosiven Wucht seines neuen Tatorts, der Überschreitung von Grenzen, seinen Grenzen. Er jongliert mit Zitronen, zitiert Shakespeare-Verse auf Englisch, blickt in sein Sütterlin-Büchlein, durchschreitet so lange die Mitte des Raumes, bis er selbst die Mitte ist. Nur die Stille setzt ihm zu.

Noch nachts um zwei bringt er der Barfrau im Hotel bei, wie man einen Gin Tukur mischt, mit weißem Portwein, Gin und Tonic Water. Er setzt sich mit Nico Hofmann an den Swimmingpool, und in Gedanken landen sie bei Uli Hoeneß in der Gefängniszelle. Hofmann schwebt eine Komödie über Hoeneß vor, ein Film allein über dessen Tage im Knast. Vielleicht würde Hoeneß dort zum Anlageberater der anderen Insassen, und die Anstalt würde zur Aktienbörse. Und wer wäre für diese Rolle besser geeignet als Tukur? Endlich dürfte er einmal zunehmen. Das schwäbische Bayerisch des dicken Hoeneß liegt Tukur ohnehin viel mehr als das schnarrende Schlesierdeutsch des hageren Grzimek.

Über Hoeneß hat Tukur lange nachgedacht, und er spricht erstaunlich verständnisvoll über ihn. Er wolle nicht die italienische Korruption schönreden, aber es gebe da etwas, das in Deutschland selten geworden sei: die Bereitschaft, zu verzeihen. Italien sei eine Gesellschaft der Entschuldigungen, in Deutschland werde Schuld verteilt.

Es ist nicht leicht, sich mit Ulrich Tukur in ein Gespräch zu vertiefen, weil ihn immer etwas davon abhält. Vier Tage lang wartet man in Südafrika vergeblich darauf, dass er sich ein wenig Zeit nimmt, und jedes Mal hat er gute Gründe, warum es ihm morgen noch viel besser passen würde als heute. Er hat sich sein Leben so eingerichtet, dass ihm keine langen Pausen drohen.

Als vor zwei Jahren die Schauspielerin Susanne Lothar starb, mit der Tukur oft gemeinsam aufgetreten war, sagte er über sie in einem Radiointerview: "Das eigentlich Wichtige ist, mit dem Leben zurande zu kommen." Fragt man ihn heute nach Susanne Lothar, die er so gut kannte wie keine andere Schauspielerin, dann antwortet er: "Sie hat das Spiel mit der Wirklichkeit verwechselt. Ihre Genialität auf der Bühne rührte am Ende aus Verzweiflung über das Leben." Ihm selbst, sagt Tukur, sei immer bewusst, dass das Spiel nur ein Spiel sei. Er verwechsele nichts.

Tukurs Novelle Die Spieluhr ist ein verschachteltes Kunstwerk, in dem mehrere Erzählebenen ineinander verschmelzen, verteilt über drei Jahrhunderte. Traum und Realität sind kaum noch zu trennen. Man spürt, wenn man es liest, die Sehnsucht danach, das Erlebte und das Erlebenswerte miteinander zu verbinden.

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