Harald Martenstein Über die erstaunlichen Tischsitten der Schwaben

Was die Südseekulturen für die Ethnologin Margaret Mead waren, sind die Tischsitten der Schwaben für unseren Autor. Von

ZEITmagazin Nr. 40/2014

Weil das ZEITmagazin ein Sonderheft über Baden-Württemberg vorlegt, wurde ich gebeten, mich zu dieser Kultur zu äußern. Die Bräuche der friedlichen, fleißigen Völker Baden-Württembergs besitzen für mich eine ähnliche Faszinationskraft wie die Südseekulturen für die Ethnologin Margaret Mead. Wie Mead in Samoa und Neuguinea, so habe ich zahlreiche Jahre in Schwaben verbracht. Der Stamm gewährte mir Gastfreundschaft und intime Einblicke in seine Lebensweise. Wie Mead bei den Arapesh, so habe auch ich versucht, die Sprache zu erlernen. Das Schwäbische erinnert Europäer wegen seiner vielen Sch-Laute ein wenig an das Portugiesische. Den Fortgeschrittenen erkennen die Eingeborenen daran, dass er den Zungenbrecher "I han mei Schbätzlesbschdeck z’schbäd bschdelld" auszusprechen vermag. Das kann ich.

Erstaunlich sind die Tischsitten der Schwaben. Die Benutzung von Servietten ist für die meisten Schwaben ein Tabu. Trotzdem werden die Mahlzeiten in großer Reinlichkeit eingenommen. Man wird so gut wie nie Krümel oder Soßenreste an den Mündern schwäbischer Esser bemerken, auch keine Flecke auf den Kleidungsstücken. Die Schwaben haben da ein Geschick entwickelt, wie es in keiner anderen Kultur zu finden ist. Die erste Mahlzeit des schwäbischen Kleinkindes besteht in der Regel aus Spätzle mit brauner Soße. Erst wenn das Kind Spätzle mit brauner Soße ohne Gebrauch einer Serviette und ohne den geringsten Soßenrest im Gesicht zu verspeisen gelernt hat, überschreitet es die Schwelle vom kleinen zum mittelgroßen Schwaben. Auf den Tischen der Restaurants und in den Haushalten werden trotzdem Servietten ausgelegt, aber nur, um nach der Mahlzeit unbenutzt weggeworfen zu werden. Vielleicht handelt es sich um ein Opfer an die Götter.

Ein zweites, noch strenger gehütetes Tabu betrifft den Salat. Schwaben, die ihrer angestammten Kultur treu sind, verwenden niemals Salatschüsseln. Der von Soße tropfende Salat wird auf den Teller zu den übrigen Speisen gelegt, zu den Nudeln, dem Gemüse, den Kutteln oder dem Schnitzel, wo sich die Salatsoße mit der Nudel- und der Fleischsoße zu einem bittersüßen Amalgam verbindet.

Mir scheint das erste mit dem zweiten Tabu zusammenzuhängen. Das auf den Tellern herrschende Kuddelmuddel aus Soßen und Speisen aller Art erschwert das Essen ohne Serviette zusätzlich. Der kulturelle Sinn des Tabus scheint darin zu bestehen, Fremde schnell identifizieren zu können. Diese geben sich durch den Gebrauch von Salatschüsseln auch ohne Worte sofort zu erkennen. Zweifelsfälle lassen sich klären, indem man den Gast bittet, mit vollem Mund und ohne Serviette den Satz zu sagen: "I han mei Schbätzlesbschdeck z’schbäd bschdelld." Der andere Sinn besteht darin, in einer ursprünglich ländlich geprägten Gesellschaft die leistungsfähigen von den nicht mehr leistungsfähigen Stammesmitgliedern zu unterscheiden. Wenn der schwäbische Vater beginnt, bei Tisch zu schmutzen, und Kutteln an seiner Backe kleben, dann wird es Zeit für das Altenteil.

Nach dem Ende der Mahlzeit räumen Schwaben ihr Geschirr sofort weg und lassen in alle Töpfe sofort Wasser einlaufen. Das erleichtert den Abwasch und ist auch andernorts üblich, wird aber in Schwaben mit weltweit beispiellosem Tempo umgesetzt. Sobald der Teller leer ist, springen die Gastgeber auf und lassen überall Wasser einlaufen. Es ist im Leben wichtig, nicht zu lange zu warten – diese Botschaft lernt jedes schwäbische Kind, wenn es zum ersten Mal die Geschichte von dem Mann hört, der sein Spätzlebesteck zu spät bestellt hatte.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Liebe ZEIT,

Liebe ZEIT,

nur ein kurzer grammatikalischer Hinweis: Der Akkusativ Singular für "Autor" heißt gleichfalls "Autor". Ich schlage daher vor, dass Sie "... die Tischsitten der Schwaben für unseren Autoren" durch"... die Tischsitten der Schwaben für unseren Autor" ersetzen. Vermutlich würde sich auch dieser darüber freuen.

P. S.: Dass ein solcher Hinweis mittlerweile selbst bei der ZEIT vonnöten ist, finde ich erschreckend.

Meine Vorfahren väterlicherseits wanderten vor bald 600 Jahren aus der Gegend um Freudenstadt aus, um vor rund 60 Jahren in der Nähe von Ulm/Do. wieder einzuwandern. Als meine Großeltern damals ankamen, beherrschten sie außer dem Hochdeutschen mehrere osteuropäische Sprachen wie Russisch, Rumänisch oder auch ein wenig Polnisch. Sie sprachen aber kein Schwäbisch mehr. Auch ihre Küche hatte sich verändert insbesondere zugunsten von Kartoffeln als Beilage anstatt Spätzle. Insofern trägt es viel aus, zunächst solche so genannten "Auslandsschwaben" in den Blick zu nehmen, bevor der Rest einer Kritik unterzogen wird.

Wolfgang Thierse mag diese Polemik vielleicht mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen, ich finde sie geschmacklos und journalistisch äußerst schwach. Wäre ich Schwabe, käme ich wahrscheinlich noch auf ganz andere Ideen bezüglich des Autors. Der stellt mit seiner Aneinanderreihung stammtischtauglicher Plattitüden indirekt unter Beweis, dass er ein bestenfalls mittelmäßiger Apologet der bestehenden Verhältnisse ist. Da die Fähigkeit zur Kritik fehlt, bleibt dem Opportunisten als Ventil eben nur die vorurteilsbeladene und vor allem entpolitisierte Herabwürdigung gesellschaftlicher Gruppen. Der Verweis auf einen früheren Aufenthalt vor Ort ändert daran nicht das Geringste, wird auf der Peinlichkeitsskala aber noch übertroffen durch die angeberische Erwähnung eines Titels der wissenschaftlichen Literatur. Wow, der weiß um das Südseevolk der Arapesh! Muss der schlau sein. Worum es Margaret Mead bei ihrer Forschung garantiert zuletzt ging, war die Ausrüstung pseudointellektueller Kolumnenschreiber mit billigen Zitiervorlagen. Intellektualität und das mediale Schüren von Ressentiments schließen sich aus.

Uups, seufzten die kleinen Pointen - und waren auf der Stelle tot, allesamt. Die eine oder andere sollten wir aber wiedererwecken. Die geradezu triefende Selbstironie des Schwabenkenners HM ist Ihnen, werter Mitforist, entgangen: Margaret Mead ist die Prototypin (gendermäßig korrekt?!) einer schwärmerischen, absolut selbstreferentiellen und methodisch verblendeten Anthropologen-Spezies. Sie kommt von außen und projiziert, projiziert, projiziert ... was der Autor natürlich weiß (er hat in Freiburg studiert und kennt also das Gelbfüßlertum von beiden Seiten!).
Der wahre Schwabendurchblicker war aber bekanntlich Tacitus (Germania, c.39): Wer in den Hain der Semnonen (Hauptstamm der Sweben), also zwischen Heiligensee und Müritz, kurz: Berlin-Mitte, eintrat, war gefesselt, als Mindermaus (minor) und der Erhabenheit dieser göttlichen Stätte (potestatem numinis) bewußt. Fiel er aber hin im Ur-Berliner Schlamm, durfte er sich nur herauswälzen, ohne fremde Hilfe. Was wollte der Fremd-Ethnologe Tacitus uns damit sagen?! Alle weiteren Verhaltensweisen schwäbischer Nachkommen und Remigranten (Prenzlberg o.ä.) auch und gerade bei Elementarsitten sind durch das urschwäbische Urschlamm-Erlebnis vorgeprägt.