Das war meine Rettung "Inka, vertragödie dich doch nicht so"

Inka Friedrich verlor ihre Anstellung am Theater – ein Schock für sie. Dann fand ein Kollege die richtigen Worte.
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 40/2014

ZEITmagazin: Frau Friedrich, was verbindet Sie noch mit Freiburg im Breisgau?

Inka Friedrich: Sinnliche Erinnerungen an Licht, Farben und Düfte, viel Sonne und Wärme in der Natur, aber auch im Elternhaus. Ich erinnere mich oft daran, wie ich als Kind bei gekipptem Fenster eingeschlafen bin, mit dem Duft von frisch gemähtem Gras. Ich finde es herrlich, wenn man mit dem Zug von Norden herfährt und sich neben einem der Schwarzwald hochzieht. Es ist dieses Altbekannte, das man wiedersieht, das Zuhause.

ZEITmagazin: Sie haben sehr früh, schon in der vierten Klasse, mit dem Theaterspielen begonnen.

Friedrich: Meine Eltern haben mich die vierte Grundschulklasse wiederholen lassen, weil ich eine Zeit lang kränklich war. Ich war auch nicht so eine tolle Schülerin. Eine sehr engagierte und leidenschaftliche Lehrerin, Frau Humpert, hat mich ermuntert und ermutigt, Theater zu spielen. In dem Stück ging es um ein Mädchen, das immer heimlich Tauben füttert. Ich sollte die Mutter sein. Ich hatte Lust, so eine richtige Schreckschraube zu spielen, und konnte mein ganzes Temperament reinlegen. Als ich dann zum Abschluss der vierten Klasse auftrat, gingen bei mir sämtliche Knöpfe auf, es hat so einen Spaß gemacht.

ZEITmagazin: Wie waren Sie sonst als Schülerin?

Friedrich: Alles, was ich bis dahin mit der Schule verband, war große Schüchternheit: Ich kann das nicht, ich bin zu doof, ich komme nicht mit. Diese Lehrerin hat mich gefördert und gesagt, mach nur, das machst du ganz toll. Das gab mir Selbstvertrauen und hat richtig Kreativität freigesetzt. Von da an wusste ich, ich möchte Schauspielerin werden. Ich habe mich nur nicht getraut, das zu sagen, weil ich damals dachte, da wird man nicht ernst genommen.

ZEITmagazin: Sie haben dann die elfte Klasse abgebrochen. Warum?

Friedrich: Ich hatte die zehnte Klasse bereits wiederholen müssen. In den Pfingstferien haben wir Faust gespielt, mit einem Mädchen aus einer anderen Klasse, Amrei. Sie war die Tochter des Schauspielers Eberhard Feik. Ihre Mutter kam immer zu den Abschlussproben, und wir haben uns ein bisschen angefreundet. Sie hat mich und auch meine Eltern ein bisschen in Richtung Schauspielschule geschubst. Sie hat gesagt, versuch es doch jetzt mal, das ist was für dich. Ich dachte mir, warum nicht? In Physik, Chemie und Mathe war ich schon wieder bei einer Fünf. Dann ging alles ganz schnell. Ich habe mich in Essen, München und Berlin beworben. Und in Berlin wurde ich genommen, als eine von ungefähr tausend.

ZEITmagazin: Der Intendant Frank Baumbauer holte Sie später an große Bühnen, erst in Basel, dann in Hamburg. Sie schienen wie fürs Theater geboren zu sein. Aber es gab einen Bruch.

Friedrich: Ja, der trat ein, als Frank Baumbauer meinen Vertrag in Hamburg nicht verlängert hat. Ich war fünf Jahre lang fest im Ensemble gewesen. Als er sagte, dass im Moment ein Festvertrag mit mir nicht mehr sinnvoll sei, rutschte mir alles weg. Es war, als sagte mein Vater mir das jetzt einfach so – ohne Mitgefühl und Wärme. Ich war in einer Schockstarre. Ich hatte Baumbauer in Basel das Du angeboten, aus lauter Freude, weil ich mich damals so glücklich fühlte. Ich fragte ihn in Hamburg: Findest du, ich bin schlechter geworden? Er meinte: Nein, Inka, es ist nur einfach so, es ergeben sich andere Konstellationen.

ZEITmagazin: Wie ging es Ihnen danach?

Friedrich: Ich fiel erst mal ins Bodenlose. Das kratzte ziemlich am Selbstwert. Es kam in der Zeit vieles zusammen. Meine Ehe ging auseinander, weil ich mich insgeheim neu verliebt hatte. Auf Dauer hält das Gewissen das nicht aus. Es flog alles auf, und der Liebhaber wollte eigentlich gar nicht wirklich. Ich glaube, wenn es im Leben mal rutscht, dann alles auf einmal. Es fühlte sich an, wie wenn man so einfach wegrieselt: Ich werde weniger, und irgendwann sind alle Sandkörnchen weg.

ZEITmagazin: Wie fanden Sie aus dem Tief heraus?

Friedrich: Nicht von alleine. Es gab ein Angebot, für die Berliner Schaubühne in Onkel Wanja zu spielen. Das lief über Stephan Müller, einen Regisseur aus Basel, der hatte wohl alles mitgekriegt. So kam ich nach Berlin. Als es mir so richtig schlecht ging, sagte Werner Düggelin, ein anderer Basler Regisseur, mit dem ich zusammengearbeitet hatte: Inka, vertragödie dich doch nicht so. Daraufhin musste ich herzhaft lachen, denn Düggelin hatte total recht. Das war ein rettender Satz. Ich litt nicht Hunger, ich hatte keinen Krebs. Okay, es war trotzdem eine Menge gerade, aber ich war gesund, und so was passiert nun mal. Und eines Tages stehe ich in Berlin in einer Schlange für Theaterkarten an und werde von Uli Waller von den Hamburger Kammerspielen angesprochen. Er hat mich gleich in der Warteschlange engagiert. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Irgendwie ging es also doch weiter.

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