Tübingen Morgens halb zehn in Deutschland

© Moritz von Uslar
ZEITmagazin Nr. 40/2014

Es ist noch früh. Die Insekten tanzen auf dem Fluss. Da zieht ein einsamer Ruderer mit schwarz-rot-goldenen Ruderblättern über das Wasser. Eine einzelne Ente gibt mit lautem Quaken an und wird gehört. Der Tübingen-Schock: Es ist ja alles so schön bunt und heil hier. Von der Neckarbrücke fällt der Blick auf Fachwerkhäuser, Hölderlin-Turm und Stiftskirche. Am Österberg liegen die Villen der Studentenverbindungen. Studentische Scherzkekse haben von den "Fahrräder abstellen verboten"-Schildern das "abstellen verboten" abgesägt, sodass da nur noch "Fahrräder" steht. Ein üppiges Blumendekor verkleidet die Geländer und Laternen auf der Neckarbrücke. Es regt sich im Reporter die Spießerfrage: Was mag das gekostet haben?

Tübingen, die schöne Studentenstadt am schönen Neckar. In einem interessanten Gegensatz zur weltberühmten Geistesgeschichte der Stadt – Hegel, Kepler, Hölderlin; die Professoren Georg Ratzinger und Hans Küng lieferten sich hier in den sechziger Jahren Kämpfe um den katholischen Glauben – steht die Enge und bunte Kleinkariertheit der Altstadt. Ach, und richtig: Tübingen ist, spätestens seitdem der Grüne Boris Palmer die Oberbürgermeisterwahl vor acht Jahren mit 50,4 Prozent gewonnen hat, eine grüne Kleinstadt, mehr noch, die grünste Stadt Deutschlands, eine Modellstadt für den modernen, ökologisch bewusst lebenden Deutschen. Bürgermeister Palmer hat aus seiner ersten Amtszeit spektakuläre Erfolge vorzuweisen (mehr Einwohner, weniger Arbeitslosigkeit, schuldenfreier Haushalt, höchste Betreuungsquote für Kleinkinder in Baden-Württemberg, weniger CO₂-Ausstoß, geringster Autoverkehr-Anteil überhaupt), am 19. Oktober möchte er wiedergewählt werden. Das grüne, so erfolgreiche Modell hat ein neues Biedermeier hervorgebracht, den Tübinger Öko-Spießer (der Reporter Markus Feldenkirchen hat das neue Spießbürgertum, das in Tübingen zu Hause ist, in seinem grandios bösartigen Spiegel- Text Die grüne Hölle beschrieben).

Guten Morgen, Herr Bürgermeister. Er trägt ein grünes Hemd, ein Pullover liegt ihm locker um die Schultern. Eineinhalb Stunden lang möchte uns der Bürgermeister seine Stadt zeigen, nicht nur die gut aussehenden Ecken (Palmer, 42, ist Medienprofi und weiß, dass zu viel glänzender Erfolg auch nervt). Der Bürstenhaarschnitt, die Fünfziger-Jahre-Retrobrille. Nicht blöd gemeint, aber so sieht ein Kleinstadtbürgermeister aus. Es ist ganz sinnlos, ihn unsympathisch finden zu wollen, denn Boris Palmer ist sympathisch. Es ist viel schwäbisches Sch in seiner Aussprache ("Leischtung"). Was gibt es so an einem Sonntagmorgen in Tübingen? "Ruhe. Entweder Kirche oder Schlafen." Und, Entschuldigung, was kostet den Grünen-Haushalt das wunderbare Blumenmeer auf der Neckarbrücke? Rund 60.000 Euro jährlich. Einige alte Tübinger beschwerten sich, bei den Touristen sei der Blumendekor aber der Hit.

Er führt einem jetzt ein Stück neue, nach grünen Kriterien gestaltete Verkehrsführung vor, und wir versuchen, uns dafür zu interessieren: Der Bürgersteig der Mühlstraße wurde auf 5,50 Meter verbreitert, die Straße verschmälert, in der steilen Böschung hoch zur Altstadt sind grüne Flächen, Terrassen und eine Treppe angelegt worden. "Das war eine dunkle Schlucht. Jetzt sind hier Licht, Luft, Blicke." Schön. Und jetzt kommen auch die Geschäfte. "Vorher war hier Downtrading, jetzt ist hier Uptrading." Wir steigen hoch in die Altstadt. Das Ensemble aus Fachwerk, Kopfsteinpflaster, Fensterläden und O₂-Läden – hier sieht Deutschland ganz so aus, wie Touristen aus Japan sich Deutschland vorstellen. Palmer zitiert die angeblich alte schwäbische Volksweisheit, dass man den Leuten aufs Maul schauen, ihnen aber nicht nach dem Maul reden darf. Natürlich ist so ein Bürgermeister immer in der Gefahr, ein wenig technokratische und leblose Sätze aufzusagen, in etwa: "Meine Analyse ist: Mit dem Internet kann eine Altstadt nur über das Erlebnis konkurrieren." Oder: "Wir machen jetzt hochwertige Pflastersteine, die gut begehbar sind, weil Leute sich oft beklagen, dass man auf Stöckelschuhen oder mit dem Rollator nicht durchkann." Auf den Stufen vor der Stiftskirche hat sich das Volk in der Morgensonne versammelt. Man kann hier sehr genau studieren, wie die Deutschen im Jahr 2014 aussehen: Es sind okay aussehende Leute, die preisgünstige Sonnenbrillen, Dreiviertelhosen und Sandalen mit gesundem Fußbett tragen und einen Coffee to go in der Hand halten. Vor dem Restaurant Mauganeschtle steht eine Bank mit dem Schild: "Dohoggeddiadiammerdohogged" ("Da sitzen die, die da immer sitzen"). So ein 500 Jahre altes Rathaus kann auch noch grüner werden, die Fenster werden ausgewechselt, die Haustechnik wird erneuert, der CO₂-Ausstoß um 60 Prozent reduziert.

Ausflug in den Vorort Lustnau, wo Wohnungen und Büros für 700 Leute entstehen, dann weiter in das grüne Quartier Französisches Viertel. Der grüne Bürgermeister nimmt ein Carsharing-Auto ("Ich habe kein Problem, Auto zu fahren, wenn es nötig ist. Ich habe ein Problem, wenn die Leute unnötig Auto fahren"). Die gespenstische Baugruppen-Friedlichkeit zwischen den ökologisch effizient gestalteten Neubauten. Das Deutschland der bunten Balkone und Blumentöpfe. Hier tragen schon die Dreiradfahrer Fahrradhelm. Das Tübinger Geschäftsmodell "Biobrot vom Vortag zum halben Preis". Selbst die Parkplätze sehen gut aus. Frage: Warum liegen vor den Hauseingängen der neuen Bürgerlichkeit eigentlich immer Kürbisse? Der Bürgermeister erklärt, warum die Grünen in den Städten so erfolgreich sind: Sie stünden ganz pragmatisch für das, was der Deutsche im Alltag brauche (Kinderbetreuung, Fahrradwege, Bioläden). Defätistische Fragen an den Bürgermeister: Ist Tübingen reich, aber unsexy? Wie verteidigt er den grünen Spießer? "Wenn Spießer heißt, dass ich nicht gut finde, wenn Bierflaschen kaputtgehen und man auf dem Spielplatz über Drogenspritzen stolpert, dann bin ich gerne Spießer." Der Klartext redende Bürgermeister: "Wenn ich drei Tage in Berlin war, habe ich genug vom Sex-Appeal der Großstadt und will wieder mein kuscheliges, von mir aus langweiliges Tübingen."

Der Reporter stand dann noch eine volle Stunde auf der Neckarbrücke und sah dem Fluss zu. Ja, es war wirklich alles, alles schön.

Kommentare

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Ich weiß, es gibt viele die Palmer nicht mögen, auch gerade aus dem grünen Milieu. Aber wer mal seine Analysen anlässlich der "Schlichtung" zu S21 mitverfolgt hat, wird zugestehen müssen, dass hier wirklich ein Politiker am Werk ist, der schlicht und einfach weiß was er sagt. Er hat Ahnung von der Materie, und er ist auch in der Lage sich auch in komplexe Zusammenhänge reinzuversetzen. Er ist da einfach gut, und vielleicht ist dies ja ein größtes Problem, dass er dies auch weiß, und es ihm mamchmal nicht gelingt, dies zu verbergen.