Harald Martenstein Über zornige alte Männer und den Umgang mit Kritik

Vor ein paar Wochen erschien in der ZEIT ein Essay über die Wut abgehängter Männer. Unser Autor fühlt sich angesprochen. Von

ZEITmagazin Nr. 41/2014

Liebe Anna-Katharina Meßmer, liebe Christina Schildmann, in der ZEIT haben Sie ein Essay über den Zorn abgehängter Männer veröffentlicht. Sie schimpfen über "alte weiße Männer", die sich feminismuskritisch äußern. Diese schlössen sich "wütend" in "Horden" zusammen, was mich ein wenig an Affen erinnert, und schürten Ressentiments. Erlauben Sie dem alten weißen Mann eine Frage, Anna und Christina. Welche Hautfarbe haben eigentlich Sie? Offenbar sind Sie beide jung und schwarz. Was meinen Sie, ab welchem Alter darf man Sie als wütende Affenhorde bezeichnen?

Schauen Sie, der Feminismus ist heute eine gesellschaftliche Macht, Frauen wie Sie sitzen an vielen wichtigen Schaltstellen, ihre Meinung dominiert in den Medien, auch in der ZEIT. Dagegen habe ich nichts. Ich würde mich niemals als Antifeministen bezeichnen. Aber je mächtiger Sie werden, desto mehr müssen Sie sich damit abfinden, auch kritisiert zu werden, oder verspottet. Alle Mächtigen machen diese Erfahrung. Journalisten müssen sich, glaube ich, mit dem Establishment kritisch auseinandersetzen, und Ihre Ansichten gehören halt zum Establishment von heute. Sie sollten dann nicht gleich die Fassung verlieren. Sie sind keine schutzbedürftigen Rehkitze. Ich musste schmunzeln, als Sie über die ruppigen Angriffe klagten, denen Sie als Feministinnen im Internet ausgesetzt sind. Was meinen Sie, wie es mir im Internet geht? Da müssen wir alle durch, Anna und Christina.

Ich bin nicht wütend. Ich amüsiere mich. Die Frauenministerin Schwesig hat gefordert, dass die Bahn 960 zusätzliche Gleichstellungsbeauftragte einstellt. Dann könnte, wie ich ausgerechnet habe, in jedem ICE eine Gleichstellungsbeauftragte mitfahren. Die Bundeswehr soll 200 Gleichstellungsbeauftragte einstellen, eine ganze Kompanie. Die Bundeswehr hätte dann mehr Gleichstellungsbeauftragte als Kampfschwimmer, und im Konfliktfall könnten wir unsere Gleichstellungskompanie ins Gefecht schicken. Ich finde das lustig. Kommen Sie, lachen Sie doch auch mal.

Sie tun so, als sprächen Sie für alle Frauen und auf der anderen Seite stünden böse, weiße, alte Männer. Aber so einfach ist der Frontverlauf nicht, und ich glaube, das wissen Sie auch. Ihre brachiale Spielart des Feminismus wird von immer mehr Frauen, vor allem jungen, abgelehnt. Sie schreiben Bücher und haben in den USA die Bewegung "Women Against Feminism" gegründet. Im New York Observer schrieb daraufhin eine Radikalfeministin, Nina Burleigh, fast alle feminismuskritischen Frauen sähen aus wie "schmutzige Männerfantasien". Das ist auch lustig, oder? Die klassische frauenfeindliche Idee, die Frau als Heilige oder als Hure, in feministischer Neuauflage. Heilige sind alle, die denken wie wir. Und Huren sind alle, die im Mann nicht den Feind sehen.

Zurück zu den Tieren, mit denen Sie mich ja vergleichen. Ich lehne den Veggie-Day ab, eine Idee der Grünen. Bin ich deshalb für die Abschaffung des Tierschutzes? Weil die Grünen auch eine Tierschutzpartei sind? Bin ich, wenn ich die Linkspartei kritisiere, automatisch ein Gegner aller Errungenschaften der Arbeiterbewegung? Natürlich nicht. Aber das ist genau die Art, in der Sie argumentieren. Jedem, der einen Exzess Ihrer Denkart ablehnt, unterstellen Sie, er wolle die Frauen zurück an den Herd schicken. Wenn Frauen sich treffen, ist das bei Ihnen ein "Netzwerk". Wenn Männer sich treffen, ist es eine "Horde". Und Sie beschweren sich über die Ressentiments der anderen? Ernsthaft? Mein Tipp: Behandeln Sie Ihre Kritiker einfach so fair, wie Sie selbst behandelt werden möchten.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

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Vielen Dank, dass Sie die derzeit in Staat, Parteien und Medien hegemoniale Ideologie und den Umgang mit Kritik an dieser so deutlich kritisieren. Es zeichnet Feministinnen aus, dass sie auf Kritik an ihrer Ideologie in der Regel nicht inhaltlich eingehen, so auch im Beitrag von Meßmer und Schildmann. Man kann diesen Ideologinnen wirklich am wirkungsvollsten mit Humor begegnen. Den haben sie - wie alle Ideologinnen und Ideologen - nämlich nicht.

Hier möchte ich teilweise widersprechen: Es zeichnet nicht speziell Feministinnen, sondern allgemein Vertreter Emotions-getriebener Ideologien aus, dass sie persönlich beleidigend werden, wenn Inhalte fehlen und die Argumente ausgehen. Bei Kritik am Markt reagieren beispielsweise Neoliberale vergleichbar.

Humor hilft in beiden Fällen leider nicht. Er verhilft Extremisten, die Welt zu verändern und, statt einen klugen Kompromiss zu finden, das Pendel so weit ins Extreme zu treiben, dass es später wieder zerstörerisch zurück schlägt. So wird nie etwas sinnvolles erreicht.

Meiner Erfahrung nach ist der radikle Feminismus heutzutage weit weniger häufig anzutreffen als ein moderater, der eben nicht mehr ein "Kampf" gegen Männer ist. Dass darin ein Gutteil der Anfänge der Bewegung liegen, ist meiner Meinung nach verständlich (die wenigsten Revolutionen können am runden Tisch eingeleitet werden), doch prägt dies heute scheinbar immer noch das Bild des Feminismus in weiten Kreisen. Der Kommentar Herr Martensteins - den ich sonst sehr schätze - zeigt leider in die selbe Richtung, denn er verbreitete die übliche "jetzt-ist's-aber-mal-wieder-gut"-Haltung, die durchaus herablassend ist. Es ist eben nach wie vor nicht alles in Ordnung in Sachen Gleichberechtigung, und die Unterstellung von Humorlosigkeit als Argument zeigt das leider sehr deutlich.

Billiger geht immer

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"Zurück zu den Tieren, mit denen Sie mich ja vergleichen". Den Tiervergleich stellt Martenstein selber an. Weiter oben in seinem eigenen Text ("mich ein wenig an Affen erinnert"). So etwas ist mindestens unredlich. Honi soit qui mal y pense, man ist so schlecht, wie man selber denkt.

Martensteins "Kritik" ist simple Projektion. Was er anderen anlastet, findet sich in Wirklichkeit bei ihm selbst, wird dort aber nicht eingestanden. Dann kommen ein paar flache Witzeleien über Frauen, die Bedienung gratismutiger Feindbilder (Veggie-Day, Linke) und am Ende seiner Climax steht der triviale Topos "was ich nicht will, dass man mir tut..."

Das versteht jeder Wilmersdorfer Witwer und alle Ihresgleichen. Der gesunde Menschenverstand muss erst mit ein paar altgedienten Hassparolen befeuert werden, bevor er dann als, gleichwohl gefährliche Plattitüde ans Ziel kommt: Dem Ressentiment gegen einzelne gesellschaftliche Gruppen. Aber auch das verortet Martenstein ausschließlich bei anderen. Er selber? Wie das denn? Als Leser fragt man sich: Hat die ZEIT so etwas nötig?

Was Sie da ans Ende der Klimax verächtlich als "Trivialtopos" stellen, ist nichts weniger als die "Goldene Regel" (bei Wikipedia nachschlagen!), die in nahezu allen religiösen wie philosophischen Ethiken begegnet, u.a. auch in der Bergpredigt. Wollen Sie sich aus allen diesen mitmenschlichen Umgangsformen herausbegeben?! Dergleichen mit "altgedienten Haßparolen" zu konnotieren, ist schon ein besonders bösartiges Elaborat. Übrigens - wenn HM die verbale Entgleisung der angesprochenen Autorinnen ("wütende Horde") aggressiven Gruppen aus dem Tierreich zuschreibt, hätten Sie denn lieber den etymologisch richtigeren Vergleich "Urda" für "mongolische Schwarmkämpfer" gehabt?! Ha, auch FeministInnen können RassistInnen sein.