Harald Martenstein Über das zwiespältige Image der Deutschen

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ZEITmagazin Nr. 42/2014

Im Sommer 2013 wurde eine europaweite Umfrage zum Image der europäischen Völker veröffentlicht. In jedem größeren Land wurden die Leute gefragt, was sie von anderen Ländern halten. Deutschland hat schlecht abgeschnitten. In der Welt stand: "Europas Bürger bewerten Deutschland als arrogant, unsensibel, egoistisch. Wir müssen es aushalten, nicht gemocht zu werden."

Am allerschlechtesten sind wir angeblich, was Sensibilität betrifft. Egal, wen man fragt, Franzosen, Spanier, Briten, alle sagen mehrheitlich das Gleiche: "Die Deutschen sind am wenigsten mitfühlend." Interessanterweise sagen aber auch alle den Satz: "Die Deutschen sind am vertrauenswürdigsten." Wohin man schaut, wir sind Nummer eins in der Hitparade der Vertrauenswürdigkeit.

Also, wir geben ungern etwas ab, andererseits kann man uns jederzeit die Vereinskasse anvertrauen. Von einem Deutschen kannst du einen Gebrauchtwagen kaufen. Er wird nicht versuchen, dich zu betrügen. Wenn dann aber der Gebrauchtwagen trotz der Vertrauenswürdigkeit des Deutschen an der nächsten Ecke auseinanderfällt, dann wird der arrogante, unsensible und egoistische Deutsche nicht etwa Mitleid mit dir haben, nein, er wird lachen und sagen: "Pech gehabt. Mir wäre das nicht passiert, weißt du, ich habe nämlich Ahnung von Autos. Von dem Geld, das du mir für das kaputte Auto gegeben hast, fliege ich jetzt nach Mallorca. Tschüss!" So ist unser Image.

In diesem Sommer hat der britische Sender BBC eine weitere Umfrage zum Image der Völker veröffentlicht. Die BBC tut dies regelmäßig, sie forscht nicht nur in Europa, sondern weltweit. 26.000 Personen in 25 Ländern sollten sagen, wie sie den Einfluss anderer Länder auf das Weltgeschehen beurteilen. Hat das Land einen eher positiven oder einen eher negativen Einfluss? Zum positivsten Land der Erde wurde Deutschland gewählt, und zwar bereits zum fünften Mal hintereinander. 60 Prozent der Leute kreuzten bei Deutschland "positiver Einfluss" an. Auf Platz zwei liegt Kanada. Ziemlich wenige Fans scheinen die Länder Iran, Pakistan und Nordkorea zu besitzen.

Ich habe mich gefragt, wie ich diese beiden Umfragen im Kopf zusammenkriege. Die gleichen Menschen, die uns mehrheitlich für arrogant, unsensibel und egoistisch halten, äußern wenige Monate später und ebenfalls mit großer Mehrheit die Ansicht: "Die arroganten und egoistischen Deutschen haben einen positiven Einfluss auf das Weltgeschehen. Bitte mehr davon!" Am Beispiel von Karl Lagerfeld sieht man immerhin, wie positiv ein arroganter Deutscher sich auf das Weltgeschehen der Modebranche auswirken kann.

Dann habe ich mir das Selbstbild der Deutschen angeschaut, auch dazu gibt es Umfragen. Wenn man die Deutschen nach typisch deutschen Eigenschaften fragt, kommt "humorlos", "unhöflich", "kinderfeindlich", oder es kommen die positiven Klischees, Fleiß, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit. Gleichzeitig wird die Frage, ob man selber "typisch deutsch" sei, von einer satten Zweidrittelmehrheit verneint.

Ein typischer Deutscher hält Deutsche zwar für unangenehme, zwanghafte Arbeitsbienen, die es aber nur als abstrakte Idee gibt. Im konkreten Fall, nämlich bei einem selber, liegen die Dinge völlig anders. Dies deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen. In Wirklichkeit gibt es uns gar nicht. Wir Deutschen sind ein Mythos, eine Idee. Wir sind etwas Ähnliches wie Elfen, Vampire oder auch die sieben Zwerge.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Diese Kolumne erschien weltweit, in englischer Übersetzung, im "ZEITmagazin – The Berlin State of Mind", unserer dritten internationalen Ausgabe. Sie ist an ausgewählten Verkaufsstellen auch in Deutschland erhältlich (260 S., 8,90 €). Und sie kann per E-Mail bestellt werden: international@zeit.de

Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Notwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen
http://gutenberg.spiegel....
Die Deutschen?
Man sollte aber bspw. keinen Kölner mit einem Düsseldorfer in einen Topf werfen.und keinen Rheinländer mit einem Westfalen.Keinen Nordhessen mit einem Rheinhessen.Bayern sind sowieso eher mongolischen Ursprungs
und schwer integrierbar usw.usf. aber insgesamt kann ich Hölderlin nur zustimmen

Nein, natürlich ist Hölderlin nicht zuzustimmen - ein verrückter Nerd im Dichterturm! (oder würden Sie heute etwa Peter Handke zustimmen?!? Eben). "Wir Deutsche" ist ein Mythos - sogar verfassungsmäßig verbrieft; s. Präambel der Weimarer Demokratie: "Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen". Auf diesen Hoax fallen offenbar alle Europäer heute noch herein. Was die deutschen (Un-)Tugenden angeht, achte man aber mal darauf, wer sie am ehesten verkörpert. Richtig, die Politikerin, die mit der Attitüde "Schwäbische Hausfrau" Wahlen gewonnen hat. Einem bettelnden griechischen Waisenkind vor der Tür zu sagen "Mer gäbbe nix", wie mitfühlend - das bleibt in Europa wieder mal für Generationen haften".

Habe mal anläßlich einer Schnellrecherche im Internet über das Phänomen der sogenannten "Antideutschen" (eine Fraktion der deutschen Linken) ein wenig an der Oberfläche linken Denkens gekratzt.

Anscheinend verwendet man in linksextremen Kreisen den Begriff "deutsch" gerne synonym zur Beschreibung bestimmter problematischer gesellschaftlicher Zustände im Verhältnis von Individuum zu Gesellschaft, von der Gesellschaft zum Staat usw., wie sie demnach zuerst im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts auftauchten (ohne dort durchgängig manifest zu sein), aber latent auch noch heute vorhanden sein können. ("deutsche Zustände")

So gesehen können natürlich auch Russen unter Putin, Türken unter Erdogan, französische FN-, niederländische Wilders- oder britische UKIP-Wähler, Ungarn unter Orban oder islamistische Hamas-Anhänger unter den Palästinensern "deutsch" sein.

Und ich unbedarfter Naivling hatte halt immer gedacht, mit "den Deutschen" seien, naja, eben "die Deutschen" gemeint, wie sie so leiben und leben, in all ihrer alltäglichen bunten Vielfalt.

"Am allerschlechtesten sind

"Am allerschlechtesten sind wir angeblich, was Sensibilität betrifft. Egal, wen man fragt, Franzosen, Spanier, Briten, alle sagen mehrheitlich das Gleiche: "Die Deutschen sind am wenigsten mitfühlend."

Das liegt einfach daran, dass die Deutschen im Öffentlichen eher problemorientiert sind, als gefühlsorientiert. Gefühle bewahren wir für das Private auf. Wenn das Nachbarskind erzählt, seine Katze sei überfahren worden, nehmen wir es in den Arm. Wenn am anderen Ende der Republik ein Schüler ein Dutzend Mitschüler erschießt, besprechen wir das zugrundeliegende Problem (Verfügbarkeit von Waffen) in breiter Diskussion, nicht die Gefühle uns unbekannter Betroffener. Das ist in Großbritannien und den USA anders, dort erwartet man gesellschaftlich, dass auch im Öffentlichen zunächst die Gefühle der beteiligten Menschen besprochen werden (Aussprechen von Mitgefühl, Beileid, Hilfsangeboten).

Ich glaube nicht, dass wir deshalb schlechter sind. Wir sind nur anders als die. Oder die sind anders als wir.

Na ja, das Gemeinsame von "unsensibel, egoistisch" und "vertrauenswürdig" ist Ehrlichkeit. Und fragen Sie mal herum in Ihrem deutschen Bekanntenkreis: Bei aller Heterogenität werden die meisten Ehrlichkeit höher bewerten als Höflichkeit. Im Gegensatz zum Rest der Welt - weitgehend.

Wobei natürlich nicht jeder Deutsche unsensibel und egoistisch ist. Die Egoisten fallen nur besonders auf, weil sie gemäß der Ehrlichkeitsregel ihren Egoismus nicht höflich verbergen.