Stadtkultur Berlin Calling

Hier kann man so einiges erleben, ohne auch nur ein Wort Deutsch zu sprechen. Wie konnte es dazu kommen? Von

ZEITmagazin Nr. 43/2014

Vor einiger Zeit wollte ich an einem Sonntagnachmittag in Berlin einen kleinen deutschen Film ansehen. Love Steaks, die Abschlussarbeit eines Studenten, die auf dem Münchner Filmfest gefeiert worden war, erzählt die Liebesgeschichte eines jungen Paares, das in einem Hotel an der Ostseeküste arbeitet. Ich sah im Netz nach, der Film lief im Kino Hackesche Höfe in Mitte, das passte. Dann entdeckte ich hinter dem Filmtitel ein Kürzel, das ich nicht kannte: OVmeU. Überall in Deutschland zeigen Kinos seit Jahren internationale Produktionen in der nicht synchronisierten Originalversion (OV) oder in der Originalversion mit deutschen Untertiteln (OmU) – aber OVmeU?

Das Kürzel steht für "Originalversion mit englischen Untertiteln". Und tatsächlich wurde Love Steaks auch so gezeigt. Der Grund: Es leben mittlerweile in Berlin genug Menschen, die sich für die Kultur und den Lebensstil der Stadt interessieren, aber kein Deutsch sprechen. Wer sind diese Leute? Wie bewegen sie sich durch die Stadt? Steht diese kleine Beobachtung in den Hackeschen Höfen für eine größere Veränderung? Und hatte die junge Kellnerin in dem neuen asiatischen Restaurant in Neukölln sich nicht vor Kurzem etwas verlegen entschuldigt, dass sie heute Abend die Menükarte nur auf Englisch hätten? "Das deutsche Menü wurde offenbar vergessen auszudrucken", hatte sie gesagt.

Diese Momente kann man seit einiger Zeit erleben, ob in Neukölln, in Kreuzberg oder in Mitte. In manchen Cafés, Bars, Restaurants und Geschäften wird mehr Englisch als Deutsch gesprochen. Oder, um etwas genauer zu sein, eine internationale Version des Englischen, gespickt mit Zitaten und Formulierungen aus der Popkultur, mit denen die jungen Südamerikaner, Skandinavier, Asiaten, die man dort beobachten kann, aufgewachsen sind. Man kann in Katie’s Blue Cat oder im Californian Breakfast Slam in Neukölln frühstücken, im Voo Store in Kreuzberg einkaufen, mittags ein Pastrami-Sandwich im Deli Mogg & Melzer in Mitte essen und seine Abende im White Trash oder in der Luzia Bar verbringen, ohne ein Wort Deutsch gehört zu haben. Man hat dann einen Tag und eine Nacht im neuen, internationalen Berlin verbracht. Welcome to New Berlin.

Wenn es so etwas wie den inoffiziellen Gründungsvater dieses New Berlin gibt, dann ist es wohl Walter Potts, der sich nur Wally nennt. Wally will sein Alter nicht verraten, "das spielt doch keine Rolle", aber man bekommt eine Ahnung davon, wenn man weiß, wann und wie Wally nach Berlin kam: vor einem Vierteljahrhundert. Wally ist Kalifornier, er will nach der Highschool in Europa Kunst studieren. "London oder Paris, das war die Frage", sagt er heute, "niemand wollte nach Berlin." Er bekommt ein Stipendium, entscheidet sich für einen Austausch mit einem Pariser Studenten. Doch als der kurzfristig absagt, steht Wally mit leeren Händen da. "Okay, dachte ich, gib diesem Berlin eine Chance." Dann fällt die Mauer.

Wally stürzt sich ins Nachtleben, das Studium ist bald vergessen, das Stipendium abgelaufen, also schlägt er sich mit irgendwelchen Jobs durch, meistens als Bauarbeiter. Nach einer Weile merkt er, dass es in Mitte kaum gutes, internationales Essen gibt, dann fängt er an zu kochen, kalifornisch-mexikanisch, die Küche seiner Kindheit, in besetzten Häusern. Das läuft ganz gut. Später wird er gefragt, ob er nicht das Catering bei Filmproduktionen machen könne. Der erste Film heißt Planet Alex, die Einstürzenden Neubauten sind dabei, Ben Becker spielt die Hauptrolle. Mittlerweile hat Wally seinen eigenen Laden in der Rosenthaler Straße, das Soup Kitchen, "aber die Leute haben den Titel nicht verstanden, die dachten immer, es gibt nur Suppen". Dabei sind soup kitchens in Amerika Volksküchen, in denen man ordentlich Essen für wenig Geld bekommt.

Wally ist mit vielen Musikern befreundet, die immer auf der Suche nach einem Proberaum sind. Er lässt sie tagsüber, wenn sein Restaurant geschlossen ist, umsonst proben – unter einer Bedingung: "Abends tretet ihr dafür bei mir auf." Damit hat er sein Konzept, jetzt braucht er nur noch einen neuen Namen, den alle verstehen. "Ich habe mich gefragt: Was könnte der allerschlimmste Name für ein Restaurant in Kalifornien sein?" Seine Antwort: "White Trash Fast Food."

"Alle unsere Mitarbeiter sprechen Englisch. Aber ich sage ihnen auch immer: Lernt wenigstens ein bisschen Deutsch"

Er übernimmt ein leer stehendes chinesisches Restaurant in der Torstraße, und es beginnen noch wildere Jahre, es gibt Burger und Countrymusik, die Kellnerinnen und Kellner sprechen Englisch mit ihren Gästen, auch die Menükarten sind auf Englisch. Das White Trash wird zur Anlaufstelle internationaler Künstler, Leslie Feist aus Kanada und Erlend Øye aus Norwegen treten gemeinsam auf, und Wally erzählt, er werde nie vergessen, wie bei der Feier zu seinem 40. Geburtstag plötzlich die Hardrocker von Motörhead auftauchten und der Gitarrist mit einer Kellnerin "Kleidertauschen" spielte, "wirklich, so war es, er trug ihre Strumpfhosen, sie seine Jeans".

Das White Trash ist seitdem mehrfach umgezogen, vor einigen Monaten nach Kreuzberg. Die englische Sprache im Alltag des Ladens ist geblieben, nur ist das mittlerweile keine Ausnahme mehr, sondern eher die Regel. "Wenn ich mit meinen jungen Kellnern heute rede, sagen sie mir, dass sie bei Einstellungsgesprächen in anderen Cafés oder Bars immer gefragt werden, welche Sprache sie sprechen. Und es geht nicht um Deutsch, Englisch ist mittlerweile entscheidend."

Herbert Hofmann, 30, ist vor sechs Jahren zum Studium aus Tirol nach Berlin gezogen. Wenn Wally Potts zur ersten Generation von New Berlin zählt, gehört Hofmann zur zweiten. Als er hierherkam, hatte Berlin schon seinen Ruf als aufregendste Stadt in Europa. Und er weiß, wovon Wally Potts redet. Hofmann, schlank, groß gewachsen, dunkle kurze Haare, arbeitet als Creative Director für den Voo Store in der Kreuzberger Oranienstraße, ein Geschäft für Mode, Designprodukte und Zeitschriften, das international mittlerweile so bekannt ist, dass die amerikanische Vogue es kürzlich neben dem Club Berghain und dem Plattenladen Hardwax als dritten Grund nannte, warum Kreuzberg eine der "weltweit 15 coolsten Gegenden" sei.

"Alle unsere Mitarbeiter sprechen Englisch", sagt er, "aber ich sage ihnen auch immer: Lernt wenigstens ein bisschen Deutsch. ›Welche Größe hast du?‹ solltet ihr schon auf Deutsch fragen können." Er lächelt, wenn er davon erzählt. Er weiß, dass die Motivation, diese komplizierte Sprache zu lernen, für viele seiner Mitarbeiter nicht allzu hoch ist. "Ich schätze, dass mehr als 80 Prozent unserer Kunden fließend Englisch sprechen, ob sie Touristen sind oder hier leben." Und er hat beobachtet, dass auch viele deutsche Kunden es ganz schick finden, sich mit Verkäufern auf Englisch zu unterhalten, "sie fühlen sich hier für ein paar Minuten wie in Brooklyn". Und natürlich hat der Voo Store auch ein eigenes Café, in dem man die paar Minuten beliebig verlängern kann.

Berlin ist für junge Programmierer und Entwickler eine reizvolle Stadt, und es ist klar, welche Sprache in ihren Büros gesprochen wird

Der Voo Store in Kreuzberg gehört den türkischen Brüdern Kaan und Yasin Müjdeci, die auch die Luzia Bar führen. Sie zählen ebenfalls zur zweiten Generation der New Berliner, sie sind keineswegs in Kreuzberg aufgewachsen, sondern in Ankara. "Wir wollten raus, im Ausland studieren", erzählt Yasin Müjdeci, 30. Er hat gerade viel zu tun, am Wochenende feiert Fantastic Man, das englischsprachige Modemagazin aus Amsterdam, seine 20. Ausgabe mit einer Party in seinem Laden, die letzten Vorbereitungen laufen. Und sein Bruder Kaan hat in diesem Jahr zum ersten Mal Regie geführt bei einem Film, produziert hat Yasin. Sivas wurde nicht nur als einziges Spielfilmdebüt im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig gezeigt – der Film gewann sogar einen Goldenen Löwen, den Spezialpreis der Jury. Fatih Akin ging leer aus. "Das ist alles ziemlich verrückt", sagt Yasin Müjdeci, "wir haben ja noch nicht einmal einen Verleih, der den Film in die Kinos bringt." Sie steigen durch Learning by Doing ins Filmgeschäft ein.

"Zum Studieren wollte ich eigentlich nach Paris", sagt Yasin. Aber Kaan, der drei Jahre Ältere, "ging nach Berlin, weil das Studieren hier so viel billiger war". Der jüngere Bruder folgte ihm. Familie und Freunde waren skeptisch, was wollt ihr denn in Deutschland, wurden die Müjdecis gefragt, "die dachten alle, dass wir am Ende am Fließband bei Mercedes oder BMW landen". Es sollte anders kommen, die beiden stiegen erst in die Gastronomie ein, dann eröffneten sie den Voo Store, jetzt drehen sie Filme. Müjdeci sagt, wie schwer es ihm gefallen sei, Deutsch zu lernen, "das waren mühsame Jahre". Auch sein Englisch war nicht besonders gut, bevor er nach Berlin gezogen ist, "das ist aber immer besser geworden, ich habe von meinen Mitarbeitern gelernt". Vierzig Angestellte haben die Brüder mittlerweile, "aus zwanzig verschiedenen Ländern, wir haben das vor Kurzem mal durchgezählt". Und das beobachtet er nicht nur in seiner eigenen Firma. "Es hat sich etwas verändert in letzter Zeit", sagt er, "viele, die jetzt aus dem Ausland hierherziehen, kommen, um Geschäfte aufzumachen. Dadurch entsteht viel Neues. Allein, wie viele Bars in Kreuzberg und Neukölln von Leuten gemacht werden, die sich nur mit Englisch durchschlagen!"

Kaan, sein Bruder, ist genauso begeistert von dieser Entwicklung, und er kann nicht verstehen, warum manche Kreuzberger auf die internationalen Gäste schimpfen. "Die Deutschen reisen doch selbst viel", hat er der Berliner Zeitung gesagt, und manche Türken in Kreuzberg seien nicht besser. "Die beschweren sich immer über Faschisten. Aber jetzt schimpfen sie selber, wenn Leute aus Paris oder Madrid nach Kreuzberg kommen."

Herbert Hofmann vom Voo Store hat noch eine weitere Erklärung, warum sich Englisch als Alltagssprache in seiner Welt durchgesetzt hat: Das Internet hat sprachliche Grenzen weiter eingerissen. "Ich sehe das bei meinem kleinen Bruder, der ist 20 und benutzt auf Facebook genauso selbstverständlich Hashtags auf Englisch wie auf Tirolerisch." Auf Tirolerisch? Hofmann lacht. "Ja, unsere Muttersprache. Hochdeutsch ist für uns eine zweite Fremdsprache."

Es ist also eine bunte Mischung, aus der sich New Berlin zusammensetzt. Da sind die internationalen Studenten, die eine Zeit lang bleiben, um dann wieder nach Hause zurückzuziehen. Da sind die Easy-Jetsetter, die billig hierherfliegen und ihre Wochenenden durchfeiern. Da ist die Szene der Künstler, die das immer noch unfertige Berlin (und die immer noch bezahlbaren Ateliers) genießen. Und es ist die wachsende Start-up-Szene, die mit mehreren Zehntausend Arbeitsplätzen für Umsätze sorgt. Berlin ist für junge, internationale Programmierer und Entwickler eine reizvolle Stadt, und es ist klar, welche Sprache in ihren Büros gesprochen wird. Denn viele Start-ups sind von Anfang an auf einen globalen Markt ausgerichtet – und der spricht Englisch.

Die Medienlandschaft von Berlin spiegelt das längst wider. Viele Zeitschriften und Websites, die innerhalb des vergangenen Jahrzehnts gegründet wurden, erscheinen auf Englisch. Das Stadtmagazin Exberliner mit dem Untertitel Berlin in English since 2002 wurde mitgegründet von seiner Chefredakteurin Nadja Vancauwenberghe, einer Pariserin, die eigentlich nie nach Berlin wollte. Aber 2001, sie lebte damals seit fünf Jahren in Moskau und arbeitete als Korrespondentin für AFP, hatte sie undercover aus Tschetschenien berichtet und war auf einer schwarzen Liste der Regierung gelandet. "Mein Visum wurde ungültig, ich hatte keinen Job und kein Zuhause mehr", sagt sie. Aber sie hatte einen Mann aus Berlin kennengelernt, also riskierte sie es und zog zu ihm. Gründete ein Jahr später ihre Zeitschrift. Und blieb. Ihr Exberliner, eine Anspielung auf das Expatriate-Lebensgefühl vieler internationaler Berliner, druckt monatlich 20.000 Hefte. Ihre Leserschaft ist zwischen 20 und 45, erzählt sie, zwei Drittel sind im Ausland geboren, ein Drittel sind Deutsche.

Die Liste englischsprachiger Medien aus Berlin wächst und wächst. Da sind Liebhabermagazine wie der Flaneur oder Winter, die weltweit einflussreiche Website für elektronische Musik Resident Advisor, Kunst- und Modezeitschriften wie 032c oder Stil in Berlin, das führende Blog für Mode- und Designgeschäfte und vor allem für Essen und Trinken in Berlin.

Mary Scherpe hat Stil in Berlin 2006 gegründet, ursprünglich als Blog für Streetstyle. Sie fotografierte junge Berliner, deren Stil sie mochte. Auf Stil in Berlin waren die Texte von Anfang an englisch, "aber das war auch nicht schwer", sagt Mary Scherpe, "anfangs stand unter den Fotos ja nicht viel mehr als Shirt oder Pants".

Mary Scherpe betreibt das Blog "Stil in Berlin" – von Anfang an auf Englisch © Jonas Holthaus

Ihren englischen Vornamen verdankt sie einem passenden Zufall: Sie wurde nach dem Rufnamen ihrer Großmutter benannt. Scherpe wurde 1982 im sächsischen Lampertswalde geboren, nach dem Abitur ging sie zum Kunstgeschichtsstudium erst nach Karlsruhe und 2003 dann nach Berlin. Nach ein paar Jahren wurde ihr langweilig mit ihrer Seite, "jede zweite Anzeige sah mittlerweile aus wie ein Streetstyle-Blog". Eigentlich wollte sie ganz damit aufhören, fing aber an zu experimentieren, mit längeren Texten, Interviews, Wohnungsbesuchen, alles auf Englisch. Dann bemerkte sie, wie in Berlin eine junge Gastronomieszene entstand, "vorher hatte ich den Eindruck, dass es in Berlin zwischen einem Zwei-Euro-Döner und dem Sternekoch Tim Raue kaum etwas gab".

Ihr Lieblingsrestaurant Little Otik wurde von einem Paar aus Brooklyn geführt, sie berichtete von der neu gegründeten französisch-brasilianischen Konditorei Salon Sucré – und bekam auf diese Themen enorme Resonanz. Seitdem ist Food ein Schwerpunkt auf Stil in Berlin. Bei Englisch ist sie geblieben. Der Großteil ihrer Leser lebe in Berlin oder in anderen Teilen Deutschlands, sagt sie, "und die sprechen alle gut genug Englisch". Die Seite hat aber auch viele Leser aus den USA, England und anderen Ländern, die sich vor einem Berlin-Trip informieren. Im Monat hat Stil in Berlin 100.000 Besucher.

Eine Website für Kunst, Mode und Architektur, das war die Idee, die Jörg Koch im Jahr 2000 hatte. Koch, heute 39, in Wuppertal aufgewachsen, hatte in den USA studiert und war 1995 nach Berlin gekommen für ein Praktikum bei der digitalen Agentur Pixelpark, "die produzierten CD-ROMs für Unternehmen, das war damals der heiße Scheiß". Kochs Idee mit der Website kommt zu früh: Das World Wide Web ist noch jung, es gibt keine Sozialen Medien, niemand findet sein 032c, das er nach einem Rot-Ton der Pantone-Farbskala benannt hat. Also druckt er ein Heftchen mit demselben Namen, um die Website bekannter zu machen, und verteilt es überall in der Stadt. Heute lacht er darüber, "viral war damals analog". Bald merkt er, wie gut das Heftchen ankommt, und entwickelt daraus ein zweimal jährlich erscheinendes, preisgekröntes Magazin mit vielen Anzeigen, Druckauflage 60.000. "Wir wollten von Anfang an nach New York, nach Paris, nach Tokio, also war Englisch gesetzt." Und tatsächlich, erinnert er sich, sei es anfangs leichter gewesen, einen Hype in Tokio zu entfachen als in Berlin selbst. Mittlerweile veranstaltet 032c regelmäßig Abende in seinen Büroräumen in der Brunnenstraße zu Ehren von Künstlern, mit denen die Redaktion zusammenarbeitet. Die USA und Deutschland sind die wichtigsten Märkte für das Magazin. Was glaubt er, warum hat sich Englisch in manchen Gegenden von Berlin durchgesetzt? "Das hat natürlich auch mit dem fehlenden Bürgertum zu tun", sagt Koch, "es gibt immer noch kein Establishment. In anderen deutschen Großstädten musst du sofort Deutsch lernen, wenn du am kulturellen Leben teilnehmen willst. In Berlin brauchst du das nicht." Wird dieses Gefühl, dass Berlin nie fertig wird, bleiben? "Als wir vor 14 Jahren 032c gestartet haben, waren wir uns nicht sicher, ob der damalige Berlin-Hype anhalten würde", sagt er. "Wir hatten ja keine Ahnung!" Und fügt hinzu: "Berlin wird kurzfristig über- und langfristig unterschätzt." Er spürt das auch als Arbeitgeber. In seinem kleinen Team arbeiten Studenten amerikanischer Eliteuniversitäten "zu Berliner Gehältern, weil sie in Berlin leben wollen. In den USA könnte ich die nie bezahlen."

Wie wird sich New Berlin weiterentwickeln?

Jörg Koch baut gerade seine Website aus, weil er damit in den USA nicht nur die Ost- und Westküste erreichen kann wie mit seinem gedruckten Magazin, "sondern auch Idaho und Texas".

Die Bloggerin Mary Scherpe wird manchmal gefragt, ob sie nicht auch ein Stil in Barcelona oder ein Stil in Stockholm machen könnte, aber sie will sich lieber auf Berlin konzentrieren.

Wally Potts kümmert sich um sein White Trash wie am ersten Tag, mittlerweile mit eigenem Tattoo-Studio und "Beergarden". Er sagt: "Früher sind die Leute nach Amerika gegangen, um ihren Traum zu verwirklichen. Und ich bin nach Berlin gezogen."

Yasin Müjdeci hofft, dass er mit den Sprachen nicht mehr so oft durcheinanderkommt: "Vor Kurzem habe ich auf Herbert eingeredet und gar nicht gemerkt, dass ich gerade Türkisch mit ihm spreche."

Und Nadja Vancauwenberghe hat die Zukunft des New Berlin jeden Tag vor Augen. Ihre Tochter ist jetzt elf Jahre alt. "She is a born Berliner", sagt die stolze Mutter. Die Tochter wächst dreisprachig auf, besucht das französische Gymnasium in Tiergarten. Was ihre Muttersprache ist? "Eindeutig Berlinerisch."

Berlin, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer. Die Lücken werden immer neu gefüllt, erst kamen die jungen Deutschen aus Ost und West und verwandelten die ehemalige "Ostzone" in eine Partyzone. Davon angezogen, kamen die Jungen aus aller Welt, haben erst mitgefeiert und dann angefangen, dem Stadtbild hinzuzufügen, was sie von zu Hause vermisst haben.

Ach ja, und Love Steaks ist wirklich ein wunderbarer Liebesfilm geworden – ob mit englischen Untertiteln oder ohne.

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